Montag den ßebruar
PhoioRr- auf ?;.,h.noii.'.Gug,jss"en
MKWM
Auf Liebespfaden.
Roman von £>. E h rhard t,
» 'Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Der Änkömmlüng, eine mUtelgwße, kräftige Gestakt mit einem t'iiitbcit, sehr farblosen Gesicht und pechschwarzem Haupt- und Barthaar, schnallte bereits, beit’ Uebervock öffnend, den Säbel ab, hängte ihn an die Garderobenhaken neben der Tür und legte Mühe und Handschuhe auf den grossen Diplomatenschreibtisch, der den Pfeiler zwischen den beiden Fenstern einnahm.
Er Ivar noch nicht lange beim Regiment, hatte sich aber in Hasfingens Krankentagen so kameradschaftlich teilnehmend bewiesen, daß dieser vertrauter mit ihm geworden war, als es vielleicht in gesunden Tageil geschehen wäre.
„Nun bin ich aber neugierig, Kamerad, wieso ich der Ehre Ihres häufigen Gedenkens teilhaftig wurde," sagte er, seinen «gewohnten Platz in der Ecke de» altmodischen, aber bequemen, roten Ripssofas einnehmend, „schießen Sie los!"
Hassingen gab seinem Liegestuhl einen kleinen Ruck, mit dem Kameraden besser ins Gesicht -sehen zu können.
Es war ihm ganz lieb, daß er dadurch den Fenstern nut ihrem grellen Licht den Rücken znkehrte, denn er hatte das Pech, Lei der geringsten Kleitiigkeit, die ihm Anlaß zu einer leichten Verlegenheit gab, zu erröten, und da? gab oft mehr, als ihm lieb war Veranlassung zu Neckereien.
„Mögen Sie eine Zigarre, Espach? Dann langen Sie sich Von dem Tischchen neben Ihnen die Kiste rüber."
Der. Gefragte wehrte ab.
„Nee! Zünde mir mit Ihrer Erlaubnis lieber eine Zigarette an."
Er holte eilt silbernes Etui aus dem Ueberrock, und bald kräuselten sich die bläulichen Rauchwolkchen duftend gegen die schon stark gebräunte. Zinmterdccke.
Auch .Hassingen hatte aus einer einfachen Juchteutasche eine Zigarre genommen, die letzte, die von der uwrgendlichen Füllung Noch geblieben.
Er war ein starker Rancher, aber Zigaretten hatte er sich Vicht erst angewöhut. Die kamen ihm zu teuer.
Er lehnte sich, die brennende Zigarre in der Rechten, tvieder bequem zurück und erzählte mit der heiteren Miene, die er seit Espachs Eintritt zur Schau trug, sein kleines Abenteuer vom Nachmittag.
~. Während er sprach, überrieselte ihn tvieder der prickelnde Schauer, der angenehme Nervenreiz, wie in der Nähe des verliebten kleinen Mädchens. !
. „Das Drolligste bei der Sache ist, daß ich weder von der einen noch «von der anderen mehr als den Vornamen weiß!" schloß er seinen Bericht, „das fällt mir eigentlich erst jetzt ein." Walter Espachs dunkle Augen blitzten unternehmend.
„Ist ja total Wurscht, wie die süßen Dinger heißen, Haupt- sMe, sie bringest, ein bißchen Leben in die Bude; das heißt,
einen kleinen Spaß für zwei schneidige Leutnants von Seimw Majestät Infanterie-Regiment 1085, die verurteilt sind, in einer spießigen, klatschsüchtigen Stadt zu vegetieren."
„Ja, Kamerad, das ist aber gerade der heikle Punkt bei dem „kleinen Spaß"." Hassingen richtete sich lebhaft empor und stützte den Arm auf die Sofaecke neben seinem Stuhl. „Die lieben Spießer werden wohl bald Lunte riechen, wenn wir Beiden da anbändeln sollten — dann gehts den kleinen Mädchen an den! Kragen — so sehr es niich lockt, eben jetzt war ich ganz Feuer und Flamme für so ein Techtelmechtel mit der süßen Helene —• aber plötzlich ist da eine Stimme, die mich warnt — das Mädel täte mir leid,"
Ec war rot geworben, und die Falte auf seiner Stirn vertiefte sich.
Ter Andere schlug die Beine übereinander, tat einen nach- denklichen Zug aus seiner Zigarette und bemerkte dann, den Ringeln aus seinem Munde nachsehend:
„Ich glaube. Sie haben zu viel Gemüt, Hassingen."
Ter blickte einen Moment starr auf das in rotem Kreuzstich ausgeführte Greifenmuster der Tischdecke.
„Zu viel Gemüt?" wiederholte er. „Ich denke nicht, daß ich das habe. Wenn ja, dann will ichs jedenfalls nicht wahr haben,, dann unterdrück ichs mit Gewalt. Ich kränke oft Menschen, die mir nahe stehen, mit einer gewissen Gefühlsrohheit. Es liegt liegt vielleicht nicht in meinem Charakter, aber ganz bestimmt an der Erziehung int Korps. Sie stahlt fürs Leben, sie weckt das Selbstbewußtsein und erzieht zur Selbständigkeit, aber die Gefühlsseite des Taseins wird nicht, weiter entwickelt. Nie vergeß ich das Hohugelächter der älteren Kameraden, als ich in den ersten Tagen, vom H.imweh überwä tigt, die Tränen nicht mehr jurückhaiten konnte. Ich haoe nie mehr geweint, auch dann nicht, wenn ich nach den Ferien von Hause abreiste und niemand von den Kameraden meine Tränen gesehen hätte. Mir sind seitdem auch Tränen bei anderen Menschen furchtbar peinlich, um nicht zu sagen unangenehm. Ich hab immer das Gefühl, ich kamt da nicht, mit, und das macht mich nur noch kälter."
„Na, Rührszenen sind gerade auch nicht mein Schwarm, aber direkt peinlich —? kommt darauf an. Wenn so einem kleinen Mädel die Tränen über die rosigen Wangen kollern, dann küsse, ich sie ganz gern weg und bin auch pflichtschuldig gerührt, Wenns etwa Abschicdsträneu sind. Trotzdem möchte ich behaupten, daß Ihnen innerlich solch eine Sache näher geht wie mir. Und toenn Sie etwa fürchten, Hassingen, daß Sie mal bei so einer Liebesgeschichte nach irgend einer Richtung hin scheitern könnten, dann lieber Hand weg, dann versuch ich morgen allein mein Heil."
Ter Nachsatz nahm den ernst gesprochenen Worten seine Wirkung.
Hassingen lachte amüsiert.
„Tas könnte Ihnen so passen, alter Freund. Nee, daö gibts einfach nicht."
„Na, also! Wozu die Skrupel? Wir brauchen die Sache ja nicht zu forcieren — schließlich können wir die Mädels ja iik allen Ehren zum Traualtar führen, ist doch gar nicht aus> geschlossen."


