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„Ja, wem« sie sehr viel Geld Hatte!" meinte der Jüngere halb für sich- . ... „ , „ .
Es klang wie ein schwermütiger Seufzer, feine Heute Pause entstand.
An free Lauswand drüben war der Sonnen,chetir erloschen, im Zimmer webte, durch den Tabaksqualm verstärkt, schon eine leichte Dämmerung.
Das ist die Stunde des Tages, da die grauen Gespenster des Lebens die grösste Macht haben über ein Mcnschenherz. Wesenlos schleichen sie heran, aber ihre Sprache ist laut und ihr Blick durchbohrend.
„Wie gut Sie es doch haben, Espach!" begann Hassingeu, den Kops in die Hand stützend und während des Sprechens kleine Züge ans seinem Zigarrenrest rauchend. „Sie brauchen nicht stets auf der Hut zu sein mit Ihren Gefühlen, Sie können so ganz frei wählen — gefällt Ihnen mal ein Mädchen wirklich so gut, dass Sic meinen, es sei für Ihr Glück nötig, dann brauchen Sie nicht die grässtiche Frage zu tun: Hat sie Geld? Hat sie sebr viel Geld? Denn für mich must sie, sehr viel haben — meine ganze Familie klammert sich ja an diese Hoffnung — glauben Sie, das hängt mir manchmal wie ein Bleigewicht an den Füßen — eine ordentliche Angst ist dann in mir: Wirst du denn auch so ein Mädchen finden? Denn ohne Liebe? Nein. Nicht ans Sentimentalität, ich bin wirklich kolossal kühl in diesem Punkte, sondern ans Ehrgefühl. Ich möchte meiner einstigen Frau nicht gegenüber stehen mit dem Bewußtjen, sie nur des Geldes wegen geheiratet zu haben — nm ihret- und nm meinetwillen nicht. Können Sie das verstehen, Espach?"
Ter Aeltere warf den glimmenden Rest seiner vierten Zigarette Mit einer nachlässigen Bewegung auf die bronzene Aschenschale vor sich. 1
„So ganz und gar nicht, lieber Hassingeu. Was wollen Sie? Sv eilt reiches Mädel, das sich partout einen hübschen, flotten Offizier einbildet, sich dazu noch sterblich in ihn verliebt, warum !vollen Sie so 'n Mädel nicht glücklich machen? Im übrigen ist Liebe sehr oft Einbildung, und wenn man nicht gerade auf ein Scheusal hereinfüllt, nimmt man mit ein bißchen gutem Willen die ungeliebte Finn schließlich ganz gern in die Arme. Na, Und gehts gar nicht — dann gibts genug andere, die es, ich Möchte sagen, leider, viel besser verstehen, uns zu beglücken, als unsere sogannten anständigen Frauen."
Die Dämmerung verschleierte den weichen, fast sehnsüchtigen Zug um Hassingens volle Lippen. Aber seine Stimme klang bewegt, als er leise sagte:
„Möglich dast Sie recht haben, Espach. Sie wissen ja um znein Verhältnis zu dem Heinen Bürgermädchen in G. — Es war geradezu eine ideale Zeit dieses Jahr — war ein Jammer, daß ich dort fort mußte — cs ging mir wahrhaftig damals höllisch an die Nieren — und noch jetzt manchmal —"
Er vollendete nicht, sondern versank in nachdenkliches Schweigen.
Espach klopfte ihm nachdrücklich auf die Schulter.
„Und der Mensch will behaupten, daß er kein Gemüt hatl"
„Nur anfallweise, Espach — beim Atisentandergehen war ich kolossal vernünftig damals — sie tröstete sich wie alle Frauen damit, daß sie mich noch behalten würde, indem B. ja nicht aus der Welt läge — aber schließlich war fies, die mir eines Tages den ßlbschiedsbrief schrieb — es ist mir trotzdem eine sehr liebe Erinnerung — ich möchte wohl wissen, lvas aus ihr geworden —“
„Ach was!" meinte der Aeltere a'us seiner Sofaecke heraus, ^lassen Sie die Toten ruhen, die Lebenden haben das Recht. Ich finde, wir sind von Ihrem heiteren, kleinen Abenteuer in ein verflucht ernsthaftes Gespräch hineingeraten. Bin sonst mehr fürs Fidele, die Sorgen kommen ungerufen, und Sie, lieber Hafsingen, sollten wirklich wieder anfangen, Ihr Leben zu genießen, sind ja jetzt glücklich über den Berg. In spätestens 14 Tagen können Sie wieder Dienst tun, Habs selbst gehört, wie der Oberstabsarzt es dem Major sagte — die kleine Schwäche wird bei tägliche« ,Gehübungen rasch beseitigt fein, sagte er."
Der Andere fuhr wie elektrisiert empor.
„Espach, Mensch! Und das sagen Sie mir jetzt erst? Das freut mich ja kolossal. Gott, nur wieder gesund sein und die Uniform anziehen dürfen — selbst auf die dämlichen Rekrnteu- gesichter sren sich mich."
„Warum nicht noch gleich auf Ihren Hauptmann?"
„Na, der wird froh sein, mich wieder zu haben, und sonst — ich hab ein hartes Fell und bin unter Umständen schwerhörig — sein Hitzkopf bin ich auch nicht — über kleine Balgereien geht es zwischen uns nicht hinaus."
Der junge Offizier Ivar ganz aitfgeregt vor Freude. Er liebte MuM Beruf, er fühlte sich glücklich und befriedigt darin trotz aller
pekuniären Kämpfe, er war wie ein Gefangener, dem man Md Freiheit verkündet.
Ms der ältere Kamerad bald darauf ging, um im Kasinv eilte Maibowle zu trinken, ließ er den Patienten in neu erwachtem! Lebensmut zurück.
Selbst die Tatsache, daß Stadthagen mit ganz unglücklichem! Gesicht die Lampe brachte und zugleich an der Hand eines leere« Portemonnaies und einer mit seltsamen Hieroglyphen bedeckte« Schiefertafel bewies, daß sämtliche Gelder wieder einmal verausgabt seien und zum Abendbrot außer Brot und Butter nichts Eßbares vorhanden wäre, vermochte seine gute Laune nicht z« trüben.
„Brot und Butter tut's auch, Stadthagen'; Sie können mir nur noch eine Tasse Tee dazu brauen — ich bin ja wieder gesund," sagte er, das ganze, sympathische Gesicht wie durchleuchtet von innerer Befriedigung, die Arme dehnend, als müsse er seine Kräfte neu erproben.
Bella nahm das als eine Aufforderung, sich auch ihrerseits zu äußern, und umsprang bellend bald ihren Herrn, bald den jetzt vergnügt grinsenden Burschen, bis Hassingeu ihr lachend Ruhe gebot.
(Fortsetzung folgt.)
Wie ich Las erstemal über den Tauern kam.
Humoreske aus dem obersteirischen Volksleben.
Von Josef Steiner-Wischenbart.
Neber den Tauern fahren, heißt im Pülstaler Volke so viel, als den heiligen Ulrich anrufen. Nachdem auch dieser Ausdruck nicht überall landläufig ist, so muß ich schon heraus mit der Geschichte, löie ich das erstemal über den Tauern fuhr und dennoch den heiligen Ulrich nicht anrief, weil — er wo anders zu tun hatte.
Zur Zeit, als ich noch ein ganz kleiner Knirps wav und hoch droben auf dem Habringberge in lederner Hoss die Baumwipfel besuchte, uni die Geiernester ausznnehmen, und von dort ans einen großartigen Ueberblick über das Mnrtal von Scheifliug bis Knittelfeld und über das ganze Pölstal und auf den romantischen Rottenmanner Tauern! hatte, saß ich manchmal ruhig und dennoch gespannt aus dem Fußschemel meiner Taute, der „Moiz", iueitit sie das eckige „Kiudergedicht" mir und meiner Ziehschwester, der viel braveren „Ortsbanern-Luisl", vordeilamierte:
„Bauer, du, steh' früh auf!
Treib' ma Ochs'n und Küha aus, Treib' ma's übern Tauern, Kemm' man za an Bauern.
Dem Bauern geb' man a Ml ha,
D' Kuba gibt uns Milch,
D' Milch gibt uns Nahm,
D' Rahm gibt uns Butter, D' Butter gib ich 'n Kaisa, Der Kaisa gibt uns Roß und Kog'lwog'n, Daß ma olli kinnan in d'n Himm'l fvh(r)n."
„Bua, das wär' lustig! Zuerst über den Tauern und! dann in den Himmel." Und die Augen der Kinder leuchteten.
Hatten schon die majestätischen Berge in mir oft diö Sehnsucht wachgerufen, einmal diese Alpen zu besuchen, so kann man sich meine unbegrenzte Freude denken, als ich — neun Jahre alt — vom Großvater die Erlaubnis erhielt, über den Tauern zu gehen. Diese Erlaubnis kam ganz unerwartet.
Mein Großvater, ein vermögender Bauer im Zugtal, weitum bekannt als der „Freitagvater", hatte immer schöne Ochsen und diese waren sein Stolz, seine Freude, sein Leben, sein Vermögen. Nicht ungern kamen die „Oesterreicher^ (Viehhändler) zu ihm. , , _
Aber der Handel ging meist langsam, denn mein Großvater ließ nicht gern einen Gulden nach und die Viehhändler waren trocken wie das fuchsrote Leder ihrer bauchigen Brieftasche. Aber dann, — wenn der Handel abgeschlossen war und lautes Patschen und Klatschen verriet, daß soeben etwas rechtskräftig geworden war, dann — begann mein Herz im Leibe zu hüpfen, denn ich durfte regelmäßig bemr „Ochsenstellen" nach Möderbruck den Großvater begleiten. Es war nämlich Sitte, daß jeder Bauer selbst das gekaufte Vieh zu einem bestimmten Gasthaus, meist in Möderbruck (an der Taueimstraße), in einigen Tagen zu „stellen" hatte, wo es der Händler übernahm nnd den Rest des Mus Schillings auszahlte. Auf ein paar Liter Wein und dem obligaten „Bratl" durfte es dem Viehhändler dort nicht tW kommen.


