Ausgabe 
1.2.1909
 
Einzelbild herunterladen

71

Diesmal war es der Händler Heißmann aus der Gegend vonKirdorfs" (Kirchdorf), der meinem Großvater ein Paar schöne Murbodener abkaufte, die am nächsten Mon­tag bis zum GasthofeLackwirt" in Möderbruck zu stellen waren. Es war im Herbst und der Hafer war schon im Stadel. Das ist die beste Zeit zumOchsenstellen". Bald waren wir, der Großvater und ich, mit den Ochsenbei der Straße", denn wißt, des Großvaters Haus stand auf einem bewaldeten Berge 1400 Meter ich er dem Meere und 500 Meter über der Straße des Tales. Die Oechslein waren nur lose mit einemPrügel-Joche" aneinander gebunden und benahmen sich bei der Abreise sehr würdig und an­ständig. Ich hatte das wichtige Amt eines Antreibers und immer wieder schrie ich:Hüa! Hüa, Homel! Hüa, Bam- Liaz!*) Hüa, Bam!" Mit der Peitsche durste man nicht antreiben, denn die Ochsen mußten ohneStriche" sein, Ivie ein Ei sauber, voll, nicht schwitzig.

Als wir zum Lackwirt kamen, waren schon Bauern und Ochsen genug da. Man braucht nicht überall der erste zu sein. Würdig durchschritt der Biehhändler, ein kleines, lustiges Männchen, die Reihen, musterte mit Kenner­blick die gekauften Ochsen, schnitt wohl hier und da mit der kleinen Schere seinH" auf dem Rücken der Rinder in die Haare ein, bekritelte dort und da die langen Klauen, weil das Vieh nicht leicht gehen könne und auch die langen Cchweifbüscheln, ivelche gewöhnlich die Vichtreiber (meist blutarme Strolche) sogleich qbschnitten und verkauften. Auch Materialisten!

Aber auch die Bauern unter sich waren in lebhaftem Verkehr. Es galt ja, wieder jüngere Ochsen anzukausen, um sie für denOesterreicher" heranzuzückten. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man alles Getier im ganzen Bezirk, wie es aussah und tote teuer der Bauer damit war.

Also gab es auch diesmal beim Lackwirt viel Gespräch um die Ochsen. Der Viehhändler zahlte protzig aus: die Bauern steckten nachdenkend die volle Brieftasche ein: der Wirt eilte geschäftig mit der Literflasche hin und her: in der Küche prasselte dasBratl". Nicht selten ging da Mancher später heim und zählte an den großen Westeu- knvpfen:Bin i's?"Bin i's uet?" - Bin i's?" (drinnen tm Straßengraben).

Der Steiner tut Zeiringgräben sang wohl auch manchmal:

Gams und die Reh, Holadie,

Kernen schöa he zum Stoaner in Grob'n, v Und a schea's Weib lusti valeib

Und scheane Ochs'n düs muaß ma yab'n."

1 (Jodler.)

Der Händler trieb seine 3040 Ochsen noch am selben Abend vont Lackwirt weiter. Heute hatte er noch Honen­tauern als Reiseziel. Aber cs fehlten ihnt Treiber und jo. chU'w er:Wer gibt seinen Buam mit bis am Tauern? Otn Gmden! Uud's Jaus'n! Und's übernachten! ,i! Die Peitsch'« selber mitbringa!" Ich schaute den Großvater leicht an: Tas wäre die schönste Gelegen- hett, einmal aus den Tauern zu kommen und dabei einen Gulden zu verdteneik.Aber du bist noch z' schwach." Hoheu- ?ouern ist fünf stunden von Möderbruck entfernt.Du blst «och a kloaner Knäufl (Knirps) und kannst nix dcr- «Äi*' ^( caundl'n heißt das unbeholfene Gehen der Kinder.)seind dir halt d' Maß immer z' kurz." So

ntrlc t($ 6Iiätc rotbeschämt zu meinen kurzen men hinab, Ich war, tote gesagt, neun Jahre alt. Ich ttseV ^ut und in der nächsten Viertelstunde ging ich schock Ochsen einher und schwang gar den larchenen Peitschenstecken. Es ging famos, die etn übermütiges Oechslein hinaus tu

me Jaoutßcfu, die noch tut späteren Herbstepps" für KwEv oufzuweisen haben. T^er Staub legte sich an die hrr ^nbr^ ^!ne >Each buchstäblich und zeitweilig brachte hintZ be /n^' E ^6'" bald vor der Karawane, bald yiutc-L ihr fuhr, ans den au der Straste stebendeu

Gasthäusern perlenden Wein.Trink, Sepper?' ^aße b nan , ^gestärkt ging es die Iauern-

praße hinan. Das Vieh wurde milder, aber auch der Sepperl.

?^Aie eines Ochsenpaares, r,B. der rechte ZL..b,es Bau," her linfe Lia^/AehnliF auch ämU ,Stivn-Heiß". Die Ochsen hören arif diese

BennKurz in Vordertauern" stand eine imposante Ka- pelle. Dort war auch das Altar! schön. Ich sprang hinein um auch ein toenig zu sitzen und auszuruhen. Ich wein nicht, tote viele Minuten ich da drinnen saß. Ich bin nach lautem Herumschreien des Händlers in der Kapelle erwacht, war aber nicht mehr fähig, den Ochsentreiber zu spielen. Die jungen Btuskeln waren nach diesem zwei­stündigen Marsche zu viel ermüdet; der Wein hatte das kleine Hirn gelähnit.

Der Ochsenhändler dingte gleich beim Bauern eineu Knecht als Treiber und nahm mich in seinem Wagerl nach St. Johann mit, wo ich beimSeppwirt" mich erholen könnte. Er war mit meinem Großvater gut Freund und die Mühe, die er mit mir hatte, machte ihm nur Spaß. Dabei hatte er selbst schon einen respektablen Kirchtagrausch. Bald waren wir in St. Johann niid die Pforte desSepp- wtrtes" öffnete sich gastsreuudlich. Meine Augen wurden hier bald wieder Heller und die Füße bekamen wieder Kraft. DerSeppwirt" brachte einen saftigen Rostbraten, der mit zwei Semmeln tu meinen Magen verschwand und in einem unbewachten Augenblick verschwand ich nun im Dorfe mit einem neuen, jungen Freunde auf einem Zwetschkenbaum.

Der Abeud nahte und das Vieh sollte noch nach Hohen- tauern. Der Viehhändler bestellte für mich in St. Johann Nachthiabi" (Nachtherberge), aber ich blieb nicht und hielt wieder als Treiber bis Hohentauern tapfer mit, wo wir spät nachts eintrafen und die Ochsen in einer umzäunten Wiese übernachten ließen. Ich hatte meinen Gulden ehrlich verdient und schrecklich müde legte ich mich beim Tauernwirt, wo die hohen Fichten aus dem Dache der Hausschmieds jedermanns Bewimderung erregen, zu Bette. Der Bieh­händler war noch nicht da, beim er hatte in St. Johann nochGeschäftliches" abzuwickeln.

O, du heiliger süßer Schlaf eines neunjährigen Knaben! Es muß nm Mitternacht gewesen sein. Ich öffnete die Augen und sah o Schrecken mich in den Armen der zuckersüßen Kellnerin im hellbeleuchteten Gast- zimmer vor einer großen Gesellschaft lachender Männer. Wie um den Hals der Mutter, hatte ich im Schlafe dis .Haud nm den Hals der .Kellnerin gelegt und sie hatte sorg­sam eilt Leintuch um mich gehüllt. Und das kam so: Als der stets lustige Viehhändler Heißmauii von St. Johann nach Hohentauern kam und dort seinen Wagen verabschiedete, fiel ihm ein, daß ich damit nach Hause zurückfahren könnte und der gute Fuhrmann war gerne bereit, mich mitzu- nehmen.Schlafen kann der Bua ja während der Fahrt."

Der Biehhändler beauftragte die Kellnerin, mich zu wecken, diese kehrte aber mit der Erklärung zurück:I kann den Buam nit derweck'n. Er hat ein' Schlaf tote a. Huus."Tragt's ihn owa!" befahl der Heißmami uud die Kellnerin ging auf den Scherz ein. Ich war wie aus Butterteig, noch immer schlaftrunkett und so trug sie mich Zum allgemeinen Gaudium, in Leinen gehüllt, hinab in die große Gaststube, wo ich endlich erwachte.

Die erschreckliche Lage, in der ich mich befand, machte mtch rasch munter. Bald stak ich in Jacke, Hose und Brust­fleck und nun ging's zurück in stockfinsterer Nacht aus der Tauerustraße, nachdem ich früher dem Heißmann die Hand aekußt hatte. Auf die Kellnerin, die Lisi, habe ich beim Wschiednehmen vergessen.

r . Es ändert sich alles auf der Welt und so geschah es bet oer Rückfahrt, daß ich frisch und munter war,"die Alpen Jl!.. stLrvenbcsäeter Nacht beguckte und breitspurig auf dem Wägelchen über den Tauern fuhr, daß aber mein Kutscher, betäubt vom früher allzu viel genofieuen Alkohol, auf dem Bocke etnschlies. Ich übersah es wirklich, wie es kam. Aus einmal hob sich das Wägelchen rechts gewaltig hoch, ich hatte noch Zeit, links abzuspringen, das müde Pferd blieb geduldig stehen, mein Kutscher lag jedoch neben dem Schot- terhaufen, aus den er im Schlafe gefahren war. Jetzt wußte ich den Herrn spielen. Ich schrie gewaltig um Hilfe uud hielt krampfhaft an dem Leitriemen, dantit das Pferd Ml stände. Der , Kutscher rief den heiligen Ulrich an. Verd . . . t, schrie er, endlich aufspringend,jetzt bin ich nochmal über den Tauern gefahren", warf das Wägelchen wieder empor, wie es normal gebaut war, Bräunl!"- und fort ging es ins Pölstal heraus. Als es dämmerte, kam ich heim und erzählte lebhaft, wie ich das erstemal über den Tauern kam.