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ihnen heut die Nachivelt darbringt. Sie alle, die in der stillen Landschaft von Fontainebleau an der Schaffung einer neuen Kunst arbeiteten, wurden von den Zeitgenossen mißachtet oder verhöhnt; nur wenigen war es vergönnt, in ihren letzten Lebensjahren die so spät heraufdämmernde Anerkennung zu erleben, viele von ihnen starben dahin, ohne Anzeichen einer späteren Gerechtigkeit noch erfahren zu dürfen. Rousseau mußte es erleben, als er nach langen Kämpfen und Entbehrungen endlich seine Stellung befestigt glaubte, sich von geschickten Mittelmäßigkeiten verdrängt zu sehen; die fröhliche Unbekümmertheit der Jugend war inzwischen dahin und die Bitterkeit nagte an seinem Herzen. Für Troyon fant der Ruhm zu spät, durch die Entbehrungen der Jugend war sein Körper geschwächt, er war kränklich, mißgelaunt und verbittert und nur mit einer Art spöttischen Aergers nahm er die Ehrungen hin, die ihm so spät widerfuhren. „Man stirbt im vollen Glücke än dem vergangenen Unglück." Die materielle Not war dabei nicht die schlimmste der Bitternisse. „Wir hatten nie einen Sou," erzählt Diaz, „aber wir sprachen niemals Von Geld, denn Geld war nicht unser Ehrgeiz." Wer die Sorgen nagten doch an der Schaffensfröhlichkeit und wuchsen bisweilen buchstäblich bis zum Nahrungsmangel heran. Bor allem Millet mit seinen Kindern hat die Not kennen gelernt und mehr als einmal mußte er mit seiner Familie hungernd schlafen gehen, wenn der Bäcker oder der Krämer müde waren, Kredit zu geben. Da war es ein Freudentag, als mit der Abenddämmerung Diaz, der Unternehmungslustigste dieser Kameraden der Armut, triumphierend und glücklich bei Millet anklopfte und mit großer Geberde elf Fünffrancsstücke ans den Tisch legte: das war der Erlös für drei Studien von Millet, deren Verkauf Diaz übernommen hatte: GO Francs, von denen er fünf sofort zum Ankauf von Nahrungsmitteln angelegt hatte. Als Millet dem Freund dankte, entschlüpfte es ihm unwill- kürlich: „Ach, käme doch eine solche Abenddämmerung nur zweimal im Monat! . . ." Und lachend antwortete Diaz: „Sieh an, Du hast die Seele eines Geldmannes." Millet hätte diese „Abenddämmerung" oft erleben können, wenn er dem stets verschmähten Rat gefolgt wäre, „weniger Häßliches zu machen," aber selbst der Hunger verführte ihn nie zu einem Verrat der eigenen Ueberzeugung. Ein festes Band enger Freundschaft umschloß die Gruppe der damals noch unbekannten Künstler, und diese gegenseitige Liebe, ^Treue und Anerkennung waren jahrelang" ihr einziger Trost. Gegenseitig suchte man sich heimlich zu ermutigen und sann darauf, dem Freund eine Freude zu bereiten: als Rousseau seinen „Rauhfrost" an den Sänger Baroilhet für 500 Frs., damals in Barbizon ein ganz unerhörter Preis, verkauft hatte, verwandte er die Hälfte der Summe dazu, um unter einem angenommenen Namen Zeichnungen von Millet anzukäufen, um bei dem Freund den Glauben zu erwecken, daß endlich ein Kunstliebhaber ihn anerkenne. Denn das war die härteste Probe für alle: daß sie arbeiteten, kämpften, rangen und ihr Bestes gaben und kein anderes Echo sanden als Spott, Hohn oder gelassene Nichtbeachtung. Ein Bierteljahrhundert währte diese Einsamkeit, Troyon erzählte mit einem ein wenig bitteren Lachen das Urteil, das der Prinz-Präsident vor seinen Bildern im Salon von 1849 gefällt hatte: „Aber das ist ja Tapisserie", sagte Louis Napoleon. Er war Staatsmann und brauchte schließlich nicht Kunstkenner zu sein; bitterer für bie. Künstler war die Gleichgültigkeit und die Feindseligkeit der Kollegen. Nicht weniger kühl war die Haltung der Kritik. Ehampfleury, der so viele Talente als erster erkannte, nannte die Begabung Rvusseaus „konfus" und zog gegen Thore zu Felde, gegen den einzigen, der damals Rousseau verteidigte. Die Goncourts scherzten und versicherten, daß Rousseau die Landschaft so sehr achte, daß er einen gebrochenen Baumast mit fernem Taschentuch verbände. Baudelaire, der sonst so leidenschaftlich für die modernen Maler eintrat, nannte Rvusseaus Werke „kompliziert, voller Listen und Abän-k derungen". Auch Troyon stand er nicht freundlicher gegenüber und nannte ihn „eine Begabung zweiter Ordnung, die mit vollkommener Gefühlslosigkeit ein niederes Genre Pflege", und für Millet gar sand er die Worte „lächerlich," und „einförmige Häßlichkeit". Und das waren die fortgeschrittensten Kritiker. Die Erbitterung Baudelaires gegen Millet war unerschütterlich. „Der Stil bringt ihm Unglück", schrieb er ein anderes Mal, „seine Bauern sind Pe- dauten, sie tragen eine Art finsterer und peinlicher Roheit
zur Schau, die mich dazu treibt, sie zu hassen. Anstatt einfach die Natürliche Poesie seines Sujets zu geben, will Monsieur Millet um jeden Preis etwas dazu tun und zerstört dadurch seine Vorzüge." Bon der Höhe seines Ruhmes herab emp!- fand Delacroix gegen Millet. „Er gehört zu jener Rotte bärtiger Künstler", meinte er verächtlich, „die der Revolution von 1848 Beifall klatschten, weil sie anscheinend glaubten, daß mit der Gleichheit des Besitzes auch die Gleichheit der Begabung fänie .... In feinen wenig verschiedenartigen Werken findet man ein anmaßendes Gefühl, das zwischen einer trockenen oder konfusen Ausführung zappelt . . ." Und über die Malweise der Neuerer überhaupt fällte er das seltsame Urteil, ihre Malerei sei „kühl" und „kalt". Heute ist es der Ehrgeiz und das Glück jedes Kunstkenners, eine Probe dieser „kühlen" Malerei als. einen kostbaren Besitz sein eigen zu nennen.
Das südlichste Volk der Erde.
Auf einer kleinen chilenischen Jacht, von nur vier Gefährten begleitet, hat der englische Geograph Charles Wellington Furlong eine Expedition nach Feuerland unternommen. Auf den kleinen Inseln an der Südseite von Tierra del Fuego hak er wochenlang unter den Jag haus, dem südlichsten Volk der Erde, gelebt und dabei außer-, ordentlich interessante Beobachtungen über diesen, einem schnellen Untergang geweihten Volksstamm gesammelt, die er jetzt in Harpers Magazine mitteilt. Noch vor 28 Jahren . trieben gegen 3000 Jaghans ihre Kanoes durch die Wasserwege zwischen den Inseln; heute ist dieser seltsame Feuer-- länderstamm auf kaum 175 Köpfe zusammengeschmolzen und auch dieser kleine Rest reibt sich in unaufhörlichem Kampfe um das Dasein und um den Besitz der wenigen Frauen in blutigen Fehden auf. Das harte, kalte Klima, die Dürftigkeit der antarktischen Flora verzehren die Lebenskraft des weltabgeschiedenen Völkchens, das vor kurzem noch keine andere Kleidung kannte, als ein Seehnnd- oder einige Otternfelle, die tose über den Körper gehängt und- in der Richtung des kalten Windes gedreht wurden. Mit ihren hohen Backenknochen, den dunkelfarbigen schräg- gestellten Augen, dem bartlosen bräunlichen Gesicht und in der Kleinheit der Gestalt erinnern sie im ersten Augenblick an Japaner. Zahlreiche Messungen haben eine Durch- schnittsgröße von etwa 1,55 Meter ergeben, die Frauen sind noch kleiner. In primitiven, aus Laub und Baumstämmen gefügten Hütten Hausen diese kleinen Menschen; schon von weitem klingt dem Fremden das Bellen und Heulen der Hunde entgegen, der einzigen Haustiere der Jsaghans, die die Armut und die Einsamkeit mit ihnen teilen. Es ist ein unruhiges, wanderlustiges Völkchen, das sich hier durch die Jagd auf Seehunde! und durch den Fischfang kümmerlich ernährt, llcberall trifft man die Spuren verlassener Ansiedlungen, denn oft treibt die Abenteuerlust die Jaghans von einer Stätte zur anderen und rasch sind am neuen Orte die primitiven Hütten aufgebaut. Wahrend die Männer auf die Jagd ziehen, beschäftigen sich die Frauen, die ausgezeichnete Schwimmerinnen sind, mit Fischen, mit dem suchen nach Muscheln; sie flechten Körbe, gerben das Leder, auf Reisen fuhren sie die Ruder und daheim wachen sie über Kind und „Haus". Die Jaghans leben in Polygamie; die älteren Männer nehmen gewöhnlich die jungen Mädchen und überlassen die älteren Frauen den jungen Männern, die ihrer Ansicht nach noch nicht wissen, wie mau eine Frau behandelt, und zudem ihre geringen Erfahrungen an den reicheren der älteren Frauen vermehren können. Es ist der Mangel an Frauen, auf den diese eigenartigen Anschauungen sich aufbanen; die jungen Männer müssen oft zufrieden sein, wenn sie nur überhaupt eine Lebensgenossin finden, und viele Jaghans bescheiden sich damit, Junggesellen zu bleiben. Außerordentlich interessant sind die Studien, die Furlong über die Sprache dieses eigenartigen Stammes angestellt hat. Die Jaghan-Sprache kennt keine geschriebenen Buchstaben oder Zeichen, aber trotzdem muß ihr Reichtum: überraschen. Denn sie verfügt über einen Wortschatz von mindestens 4 000 0 Worten. Dabei ist die Sprache sehr klangvoll, verfügt über viele Vokale. Seltsam bleibt es, daß bei dem großen Reichtum an Ausdrücken zusammenfassende Gattungsbegriffe fast- gar nicht Vorkommen. So verfügt die Sprache über keinen Ausspruch für den Sammelausdruck „Laub", dagegen aber über zahlreiche Worte für jede einzelne Laubsorte. Auch der


