Ausgabe 
23.6.1909
 
Einzelbild herunterladen

882

was ihr habt! Es liegt noch viel vor euch. Tut die Häirde auf und rafft zusammen von all dem Hohen und Schönen, das ausgestreut liegt."

Er stützte sich noch einmal auf und sagte mit unendlich traurigem Blick zu uns:Es liegt viel ausgestreut, und die Welt ist weit. Mancher macht' viel haben und viel geben, aber das Leben sperrt ihn ein."

Ein paar Tage darauf wurde der Alte begraben. Ein freireligiöser Pfarrer ans der Pfalz kam und begrub unfern Lehrer? Er war früher auch fein Schüler gewesen. Ich vergeß' nicht, wie der gesprochen hat von ihm. Es ist mir noch grab wie heut'. Es war alles so lebendig, so ganz im Sinne von dem Alten, der da nnten ruhte. Ter hält' gelächelt dazu, hätt' er's hören können. Wenn ich heut' drüber denke, und an den jungen Prediger aus der Pfalz denke, ist's mir, als sei da schon aus der Wurzel vom alten ein junger Baum gewachsen gewesen, und dieser junge Baum habe schön am Platze des alten gestanden eine Hoffnung der Zukunft. Herrgott! Ja, junger Freund, wir unterschätzen oft ein Wirken und seine Früchte sehen wir nicht, und doch haben wir schon unfern Anteil an ihnen.

Aber um etwas ans den Abschiedsworten zu sagen, da war eines schön und wichtig, was der Schüler von seinem Lehrer gesagt hat:Ich habe von dem Gottesglauben, der sich nur äußerlich offenbart, nichts von ihm gehört, als ich sein Schüler war. Aber die Liebe hat er mich gelehrt und die Güte zu allen Menschen nitb ihrem Verfehlen. Vielleicht war er einmal ausersehen gewesen, ans Höhen zu gehen und vor vielen herzuschreiten; aber das Schicksal hat ihn fallen lassen und hat ihn eingeengt, und sein Leben und Wirken war in Zwang und Haft."

Ich habe das nie vergessen können. Es war ja auch das­selbe, was der Alte uns auf dem Sterbebette gesagt hatte. Aber ich hab' damals noch nicht begriffen, was ein ver­fehltes Leben heißt, und ich hab' nicht gewußt, daß das Leben manchen nur schmückt und auszeichnet, um ihn damit wie mit einer Last zu beladen und daran verschmachten zu lassen. Oder auch um ihn zu prüfen.

6. Kapitel.

Ich kam jetzt nach Mainz in die Schule. Zu Hanse wurde viel beraten. Ob ich jeden Tag nach Mainz gehen sollt' es war ein Weg von zwei guten Stunden ob ich ganz in der Stadt wohnen sollte. Der Vater wollte, daß uh gehe. Die Mutter war dagegen. Es wäre mir zu viel zugemutet. Bei Regen und Wind, in der Sommerhitze und in der Winterkälte, das könne ich nicht aushalten. Der Vater meinte, ich sei ja gesund, und ich liege ja so auch den ganzen Tag im Freien herum. In Mainz wohnen und essen, das käme zu teuer, sie sollte nur mal rechnen.

Aber die Mutter wußte einen Rat. Sie hatte Ver­wandte in Mainz, an die dachte sie. Sie und der Vater gingen mit mir dahin, und ich wurde bei ihnen unterge- vracht. Es waren gute Leute, und sie haben mir viel Gutes getan. Sie haben nie groß Aufhebens davon gemacht. Ich bin ihnen still stets dankbar geblieben, wenn's auch den An­schein hatte, ich hätte sie vergessen.

In der Schule ging mir's gut. Nur daß ich mein Dorf nicht vergessen konnte. Ich mußte immer heim denken, an die freie Natur, unser Häuschen an der Höhe, unfern Garten, die Dörfer auf den Bergen rings. An die Wiesen draußen und den geschlängelten Bach, die Weiden und die Pappeln und an die alte Muhle, versteckt dahinter. Alles fiel mir ein, was da stand und wuchs, und vieles, das ich früher gar nicht beachtet hatte. Alles war mir lieber, viel lieber noch als früher. Und ich träumte mich jeden Tag heim, ganze Stunden lang.

Tann freilich, wenn so das Träumen über mich ge­kommen war, ging mir's übel in der Schule.

Ich dachte auch an das Lutschen. Es war ein schwerer Abschied von ihr geioesen. Als es gegen Abend ging inib schon im Dorf die Gassen dunkel waren, stand ich an ihrem Hause und wartete. Sie kam, und wir gingen zusammen hinaus ins Feld. Wir wußten gar nichts zu sagen zu einander, so voll war uns das Herz.

Um uns war die Dunkelheit, über uns hingen die Sterne. Wir schritten Hand in Hand, schweigend in das Schweigen hinaus.

Ich sagte:Morgen geh' ich nach Mainz, Luischen!" Sie blieb still.

Tut dir's leid, Luischen?"

Sie drückte meine Hand'.

Da sehen wir uns nicht mehr tags, und nicht am Abend."

Da vergißt du mich, Lukas!"

Nein, Luischen, nein! Nie!"

Und in Mainz ist's auch viel schöner."

Darauf wnßt ich nichts zu sagen.

Ich denk' immer an dich, Lukas. Wenn die Sterne aufgehen, denk' ich an dich. Immer wenn's Abend wird. Weißt du, wie in der Geschichte, die in deinem Geschichten^ buch steht? Weil auch uns die Sterne das einzige sind, was wir zusammen sehen können, auch wenn wir weit von­einander sind. Grad !vie dort."

Ich denk' schon an dich."

Aber, Lukas, wenn du mal nicht an mich denkst, einmal nicht, seh' ich's gleich den Sternen an und merk's auch am Abend. Glanb's nur, Lukas. Du wirst's dann auch gleich merken, wie ich meine und dir Vorwürfe mache."

Ich crschrack. Das Luischen mar sehr heftig gewor­den. Es trat etwas schwer vor mich hin, es hing etwas, über mir, das mir Schreck und Besorgnis eiujagte. Dann faßte ich mich.

Tas ist ja Unsinn, Luischen. Die Sterne sind so him- mellveit, und der Abend ist dunkel und sagt nichts."

Red dir nichts ein, Lukas," stampfte sie aus.Ich sag dir, ich versteh's schon."

Ein Wind fuhr auf und fuhr durch die Bäume, lieber mir rauschte es tief und unheimlich.

Wir waren an der Pappel am Wehr. Rings war schwarze Nacht, alles still. Dann und wann ein verlorener Laut. Dann und wann das gewaltige Rauschen der Pappel und ein Flüstern im Gras, wenn der Wind darüber hinlief.

Und wir zwei junge Menschenkinder, die noch nichts vom Leben wußten und nicht recht verstanden, was in unseren Herzen lebendig geworden war, wir standen stumm und hielten uns an den Händen. _

Es war wie eine heilige Stunde. Die Schauer liefen mir den Rücken lang. Ich fürchtete mich nicht, ich fühlte nur alles so stark und mächtig um mich und über mir, und es zwang mich, daß ich mich neigte und dem Luischen ins Ohr flüsterte, ganz schwer und feierlich, und als sei ich eines Anderen, Höheren Mund:Wenn die Sterne kommen und wenn's Nacht wird, denken wir immer aneinander und sagen uns Botschaft."

Sie hob den Kopf und umschlang mich.

Ich hab dich so Heb so lieb, Lukas!"

Sie küßte mich, und ich sie.

Und ich will gar nicht weinen um dich und gar nicht traurig sein. Ich hab' ja den Abend mcd die Sterne, und ich weiß, daß bn mit ihnen mein bist."

Dann gingen wir nach Hause. Und ehe wir von«! einander schieden, küßte sie mich auf die Stirn.;Der Küß soll brennen wie Flämmen, bis ich dich wieder küsse, Lukas. - Fort war sie.

Aber jeden Abend packte cs mich seltsam. Ich luar für alles rings um mich tot. Ich konnte nichts tun und denken. Nur das eine: ich war bei dem Luischen. Ich stand am Fenster und sah, wie's dunkelte. Ich sah empor zu den wenigen Sternen, die zwischen den hohen Häusern hindurch- blickten. Wie eine Andacht war es in mir. Und der letzte Abend stand vor mir. Ihr Kuß aber brannte auf meiner Stirn, als ob's eine Flamme wäre. Einige Augenblicke dann war's vorbei.

(Fortsetzung folgt.)

Künstlers Lrdmwallen.

Mit gewaltigen Opfern und oft zu fabelhaften Preisen hat der verstorbene Ehauchard die kostbare Gemäldesammi lnng zusammengebracht, die jetzt an das Louvre-Museum übergeht; der Louvre märe schwerlich imstande gewesen, mit seinen Geldmitteln den riesigen Preissteigerungen der letzten Jahre zu folgen. Insbesondere die Meister von Barbizon werden heute mit Preisen bezahlt, die aw eine ehrliche Abbitte der Nachwelt gegen die von ihren Zeitgenossen verkannten ringenden Künstler gelten können. Unwillkürlich schweift die Erinnerung zurück zu dem Leben der Meister, um deren Werke jetzt mit Millionen gekamps wird; Paul Ginisty erzählt im Journal des Debats einig interessante Einzelheiten bon der Not und den bittet e Erfahrungen der verblichenen Kämpfer, die einen Ijetoei Kontrast bilden zu dem Ruhm und der Bewunderung, o