Mittwoch den 23. Juni
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Der arme Lukas.
Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holzctmer.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
5. Kapitel.
«Ich muß Ihnen doch auch etwas von meinem alten Lehrer sagen, bei bent ich, in die Schule ging," begann der arme Lukas, als ich am folgenden Tage wieder in der Dämmerung bei ihm saß.
Meine Ihr war noch nicht fertig. Die Rädchen lagen zum Teil blitzblank unter dem einen Glase, die anderen waren noch nicht nachgesehen, gebürstet und aufpoliert.
„Es gehen noch ein paar Tage drauf," sagte der arme Lukas. „Wissen Sie, die Augen! Es will nicht mehr recht. Es wrrd ihnen allmählich zu viel. So all die Jahre, und was man all in der Welt gesehen, was den armen Augen weh tun mußte! O du lieber Gott! Da haben sie recht, daß sre einmal aufhvren wollen. Wollen Ruh' haben, sich verschließen! Ist auch 's allerbest. Wenn man jung ist meint man, die Welt fei auf zwei Augen gestellt; wenn man alt wird, sieht man, daß es viele sind, auf denen sie steht, und daß es viel bessere, jüngere, kräftigere sind als die eigenen. Da macht man sie von selbst zu."
Es gab eine kleine Pause. Ich wollte nichts sagen, um den Alten nicht zu stören. Er war ganz versunken und wiegte ein paarmal den grauen Kopf und trommelte mit den Fingern aitf seinem Werktisch.
Nach einer Weile begann er ganz von selbst wieder. ,. «dch wollt ,-ihnen aber von meinem alten Lehrer er» zahlen. Er war ein sonderbarer Mann. Als er noch jung gewesen, war er wohl ein Feuerkopf gewesen, der die Welt -herumwenden wollte. Aber das hat sich mit der Zeit gegeben. Seine vier Wände waren ihm die Welt geworden, als sie rhn aus dem Amte gejagt und ihm nach! viel Scherereien und Kämpfen die.Gnadenpension gegeben hatten. Es war so eine Zeit damals, als er noch jünger war. Da war mancher unten, der gegen oben schlirg, und dabei zog er natürlich den kürzeren.
, Wir lernten viel bei ihni. Ich hab' es so nirgends wieder getroffen. Es war nicht das, was in den Büchern L ■. <r^> 1U?V wach das von ihm ausging. Es wurde. ^' Ä^s gleich und so recht lebendig durch ihn. Aus ihm heraus. Freilich war er ungleichmäßig. Heut' hart und streng, morgen welch und gütig. Ja, die vier engen Wände, w.ner hinaus will. Wenn er aus ihnen hinausgewachsen ist! Er lief manchmal minutenlang auf und ab, ohne uns zu beachten Mit großen Schritten von Wand zu Wand. Und manchmal stand er am Fenster und sah hinaus. Immer ins Wette. Aber es half nichts. Das war ihm all verschlossen. Festgehalten wär er. Dann kam's wie ern Erwachen auf einmal. Dann seufzte er ganz schwer Mttb wund. Ich hör's noch, ganz schwer und wund.
Er war ein wunder Mann.
Eines Tages mußten wir leise dilrch beit Hof gehen, so wie ich zu Hause gehen mußte, wenn bie Mutter freut? war.. Boller Erwarten saßen wir in bett Bänken. Die Frau unseres Lehrers kain mit rotgeweintem Gesicht herein unb sagte uns, baß ihr Mann schwer krank liege. Er habe bie Nacht einen Schlaganfall gehabt. Wir sollten still nach Hause gehen. Wenn er sich wieder erhole und ein paar Stunden halten könne, wollte sie uns rufen lassen. Aber wir sollten keinen Lärm macken. Schwer krank sei unser Lehrer.
Ein paar liefen eiligst heim und waren froh, Ferien zu haben. Mir lag's schwer aut dem Herzen. Ich dachte! gleich! ans Sterben. Ich wollte aber meinen Lehrer nicht verlieren.
Vierzehn Tage hatten wir frei. Der Vater schickte mich jeden Tag fragen, wie's ginge. Schlecht, hieß es anfangs. Nach ein paar Tagen ward die Auskunft besser. Und eines Tages wurden wir bestellt. Wir waren, nun aber nur noch vier, fünf Schüler. Unser Lehrer lag im Bett. Von da aus hielt er uns Stunde. Wir saßen um den großen, runden Tisch, der in die Krankenstube gestellt wär.
Es war ergreifend. Ich denk' ewig daran. Es wär, als wollte uns der Alte sein letztes Bestes geben. Es war, als nahm' er uns an der Hand und führe uns hinaus. Und alles Licht sei heller draußen und alle Schönheit schöner. Es war so ein -Glanz auf allem, wie man's an Feiertagen fühlt, ivenn alles schweigt draußen und man allein hingeht in bie Stille, bie ruhende Natur.
Es war lauter Leben. Ich sah bie Wiesen um mich-, und das Wehr sah ich, bie hohe Pappel dabei und den geschlängelten Bach. Die Büsche am User sah ich und die alten Weibenstümpfe. Die Hügel rings unb bie Weinberge, unb die Dörfer oben, bie in unser Tal lugten von ihren Höhen herab. Der tobkranke Mann, der uns das Leben zeigte! Es , waren Schauer, die ich empfand.
Und wie das all geschah! Es war ein halbes Lallen. Seine Sprache hatte ein wenig gelitten, und wenn er etwas nicht gleich so ausdrücken konnte, wie er wollte, liefen ihm die Tränen unter der Brille herab.
Manchmal weinten wir mit ihm.
Wir saßen dann aber wie die Mäuschen, wir vier, fünfe. Wir waren ja seine besten Schüler gewesen. Nun lag was Eigentümliches von ihm in uns. Nun lag etwas über uns, das uns andächtig machte.
Dann verbot's der Arzt. Der Kranke werde zu sehr geschwächt durch die Stunden.
Er drückte jedem von uns die Hand. Und während er sich in die Kissen zurttcklehnte, sagte er: „Ich muß also doch beschließen. Es war nur wenig, das ich hatte. Und es war so kurz. Ich hatte einmal volle Hände, — ich glaubt's wenigstens. Jetzt sind sie leer. Aber ich hab' nur wenig davon verteilt, mehr, viel mehr hab' ich davon verloren. Verzetteln müssen! — Aber geht jetzt, Kinder! Haltet seK


