25. August
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Peter Nockler.
ß)ie Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holzarner.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Da -ging er wieder weiter. Auf einmal to'ar ihm klar geworden, was heimlich beim Anblick der beglänzten Stadt uns seiner Seele gelegen hatte. Auf einmal war's ihm eingefallen — die Elise! Ja, an die Elise hatte er gedacht, ohne es zu wissen. Mötzlich hatte es sich vorgedrängt in chm. Und nun riß die Erinnerung nicht mehr ab: der Weg nach ihrem Dorf, die grüne Wiese, der glucksende Bach. Und — das Lied! Er wollte sich zwingen, gast nicht an das Lied zu denken. Aber es ging nicht.
Dem wollte er ein Ende machen, laut und kräftig wollte dr's jetzt singen, das könnte ihn befreien davon. Er wollte dem Liede trotzen. Und et sang's, daß es weithin schallte..
Er war auf die Marienborner Höhe gekommen und rannte, toeit in die Pfalz hineinsehen. Und erchcch ein Dorf, dort tief drin in dem Wiesental, rings von Rebenhügeln umgeben; in der Morgensonne lag's jetzt auch, und die weißen Morgennebel zogen das Selztal hin. Und er blieb stehen. Einen Augenblick, und fast wären ihm die Tränen aus den Augen gefahren. Aber er faßte sich. Er nahm seinen Hut, schwang ihn und sang:
„Freut euch des Lebens, Weil noch das Lämpchen glüht, Pflücket die Rose, Eh sie verblüht.
Man schafft so gern Sich Sorg und Müh, Sucht Dornen auf Und findet sie Unb läßt das Veilchen unbemerkt, Das still am Wege blüht."
Und hell und laut schloß er:
„Freut euch des Lebens,
Weil noch- das Lämpchen glüht. Pflücket die Rose, Eh sie verblüht."
, Er mußte an seinen Lehrer, den Andreas Krafft, denken, wre er dies Lied dirigiert hatte, an jenem Abend, beim Fackelschein, als der Gesangverein dem Veitjakob ein Ständchen gebracht hatte. Aber jetzt eben hatte er's erst ver- stjauden, was der Krafft damals mit dem Lied gemeint hatte, daß er's dem Veitjakob zum Geburtstag sang. Denn da hatte der Krafft erst die harten Jahre hinter sich, da er um seine Existenz gekämpft hatte mit der hohen Geistlichkeit, die ihm sein Brot hatte nehmen wollen. Es war ja richtig in dem Jahr gewesen, da er pensioniert worden war. Da hatte er aufgepocht, mit seinem Freund, dem Veitjakob: „Freut euch des Lebens!" Vor versammeltem Dorf —
Rur noch rascher schritt jetzt der Peter aus.
Nach kaum dreiviertel Stunden war er vor dem Hause seines Meisters. Er sprang die Treppe hinauf, und fast hätt er's Anklopfen vergessen an der Stübentür. Und beinahe hält er dann die Meisterin angerannt, Hie gerade aus der Tür treten wollte, das schwarze Gesangbuch und das weiße Taschentuch in der Hand, im „Kirchenstaats
„Jesses, de Peter!" schrie sie. „Ei g'morje, Peter! E seltene Besuch!"
„De Peter?" rief eine andre Stimme, und hinten aus-der Stube kam der Michel Sieben.
Ganz unfeierlich und unvornehm war er.
„G'morje Peter! Recht, daß de emol kumrne bist! Ich hun schun arig lang uf dich gewart!"
Der Peter schlug in die dargereichte Hand ein.
„Un jetz bleibste bei uns, hau?"
Der Peter verneinte.
„Fort willste Widder?"
„Ja, ich muß doch!" sagte der Peter.
„Guck do emol aiter an!" sagte der Michel Sieben. „Mein Großer, werd Parre, die Groß hot den Hannadam geheirat, un kans hun ich, der des Geschäft nemme dhet. Do wollt ich der'sch gewwe. Un du Willi net emol! Scheuer! Bedankmich! E feiner Patron, unser Peter. Awwer gut sieht er aus, net? gut! Jetz awwer emol gesetzt." !
Die Meisterin war in die Kirche gegangen. Dem Peter hatte sie noch „e Schälche Kaffee" aufgetragen, und der Michel Sieben zog seine Sonntagskleider an.
Dann kam er wieder heraus in die Stube, holte einen Krug - Wein herauf, nahm das Schoppenglas aus dem Wandschränkchen, trug noch einen runden Laib Brot auf und schnitt den „Schwartemagen" frisch an, schob dann dem Peter Teller und Messer und Gabel hin, nahm dann auch das gleiche für sich und setzte sich dann zu dem Peter auf die Bank, bei einem kräftigen Frühstück und ein paar Schoppen den Sonntagmorgen und des Peters Heimkunft angemessen zu feiern. Da er sich den ersten Wurstriemen geschält hatte, bemerkte er erst, daß er das Senfkännchen vergessen hatte. Er ging in die Küche und holte es und schob's galant dem Peter hin. Denn jetzt war er wieder der feierliche, feine Schneidermeister Michel Sieben. Jetzt benahm er sich sorgfältig und mit Würde und sprach auch keinen Dialekt mehr.
Aber die beiden plauderten doch recht gemütlich miteinander, und allmählich kain Ordnung in "die Fülle, die sie sich zu sagen hatten. Und bald verstanden sie auch einander ganz. Denn das lange Fernsein voneinander hatte doch etwas Fremdes zwischen sie geschoben. Doch das war bald überwunden.
„Siehst du, Peter, ich war schon so weit'in den Vierzig, wie ich meine Frau geheirat hab, das heißt, meine zweite Frau, und viele haben rnir's übel genomme. Wer ich hab rnei'm Kopf gefolgt. Und hab's auch uit bereut. Unser zwei Kinder sind so weit versorgt, und das wär ja ein


