Trost. Den must mer schließliche haben in seine alte Tag. Mer da ist auch noch 's Geschäft. Ich bin mürb und gebrechlich. Da haben wir die ganze Zeit an dich gedacht. Gönne täten wir dir's. Brav warst du immer, und sch denk, du hast mir Ehre gemacht und warst seither brav und ordentlich. Ich hab wenigstens nur Gutes gehört von dir. Da wär also mein Geschäft in gute Händ. Das ist auch eine Beruhigung. Denn sein ganz Leben lang hing man daran, und sein ganz. Leben lang hat man drum geschafft und gesorgt. Es wird ein'm nit so leicht, davon ze geh, mer gibt e Stick Lewe damit her, glaab mersch nor."
Der Michel Sieben war gerührt und war dabei in seinen Dialekt geraten. Er merkte es aber gleich und nahm sich zusammen.
„Nun, wie denkst du drüber, Peter?" fragte er.
Als die Meisterin aus der Kirche kam, sagte ihr der Michel Sieben: „Also 's ist ausgemacht, der Peter nimmt's Geschäft. Das Bezahlen pressiert nit, das find sich. In vier, fünf Wochen zieht er ein."
Sie feierten einen fröhlichen Tag. Der alte Meister und der neue gingen nach dem Nachmittagskaffee aus, besuchten ein paar Wirtshäuser, der Michel Sieben brachte den Peter Nockler als seinen Nachfolger überall in „empfehlende Erinnerung", hielt ihm da laut und dort heimlich eilte warme Lobrede, und am Abend hatte jeder, der alte Meister wie der junge, einen kleinen „Spitz". Um so munterer waren sie. Und dem Peter war ordentlich warm ums Herz. Als ob er einen Vater und eine Mutter hätte, denen er alles sagen konnte, die ihm alles könnten tragen helfen, alles verstehen könnten, was ihm heimlich in der Seele brannte. Und nach dem Nachtessen erzählte er ihnen die Geschichte seines Liebens und Leidens.
Die Alten hörten still zu. Mal ein Ach! und O! der Meisterin. Und zuletzt sagte der Meister:
„Peter, 's is so in de Welt! 's kimmt jedem sein Portiönche. Do kann mer nix mache. Des KUöchelche, wo mer nage soll, des trägt ein'm kein Hund ftort. Also nur ruhig — Kopp owwe! 's hott noch kein Schneider so axig danewe geschnitte, daß er's net hätt Widder flicke kenne."
Und eine Weile schwieg er.
„Es sein halt Weibsleit," sagte er dann. „Prost!" r- *
Wieder eine Woche weiter. Das ging eben, ehe man sich umsah. Denn jede Stunde war ausgefüllt. Der Peter wußte sich kaum zu helfen vor Arbeit. Nun war's schon lvieder spät am Abend-. Er saß noch in seiner Stube und besserte einen Rock für einen Privatkunden aus.
Er war müde und abgespannt. Noch drei Wochen — und er wäre Meister. Dann hörte doch diese Plage auf. Es wurde zu viel mit der Zeit.
Er dachte sich aus, wie's werden Würde daheim. Der Michel Sieben hatte noch einen Lehrbuben, den wollte er beibehalten. Er war schon über die ersten Anfänge hinaus und also immerhin schon einige Hilfe. Wenn ihm also die Kundschaft draußen bliebe und die in der Stadt auch, würde -er sich aber doch noch einen Giesellen nehmen müssen. Denn um die Kundschaft in der Stadt war's ihm sehr zu tun. Einmal waren's doch immerbessere Arbeiten. Dann auch bessere Bezahlung. Und alles prompt. Das war die Hauptsache. Die Bauern brauchten zu lange Kredit. Bei denen ging alles auf Martini.
Wenn er mal Meister wäre, gäbe schon eines das andere, tote seither auch: er würde seine Stadtkunden extra um Weiterempfehlung bitten.
Er hatte guten Mut. Es würde schon werden. Freilich — so ganz glatt, wie man sich's vordenke, würd's ja wohl auch nicht werden. Aber wenn er nur gesund! bliebe! Dann wollt er schon alles durchsetzen.
Nein, er fürchtete sich nicht. Er hatte etwas gelernt, er konnte die Konkurrenz aushalten. Und er konnte schaffen ।— und er wollte schaffen. Es sollte ihm! nichts zu viel sein. Besonders jetzt, da er noch jung war. Da kam's auf ein paar halbe Nächte in der Woche,sticht an. Dann würd's schon gehen — wenn ihm halt kein ander Unglück einen Strich durch die Rechnung! machte.
Aber das dachte er doch nicht. Er hatte doch! nun auch mal genug mit dem, was er mit der Elise erlebt hatte. Er dürfte für dieses Leid- dann auch eine Freude haben. Ein bißchen Glück. Etwas hat ja jeder. Der eine so, der andre so. Wer konnte wissen, was gut war, und wie's unser Herrgott mit ihm gemeint harte.
Er ließ die Hände ruhen. Und- die Gedankensüdeu spannen sich immer weiter. Das ging hin und- her.
Er träumte —
Dann auf einmal war's wieder da — die Elise! Goth das war doch bitter! Sie hätte das doch nicht tun dürfen. Mer schließlich — er hätte auch nicht gleich! so davonreunen sollen. Er könnt sich am Ende auch versehen haben.
Und war's denn wirklich ihre Stimme gewesen? Es schien ihm jetzt fast, als wär's ihre Stimme doch nicht so ganz gewesen. Und weil sie auch gar nichts von sich hören ließ. Sich gar nicht kümmerte!
Er war sehr unsicher.
Freilich, sie wollt ihn ja nicht mehr. Mer sie hätt's ihm dann doch sagen müssen. Oder schon sagen können! Und sie konnte ja auch gar nicht wissen, daß, er sie gesehenhatte. Und sein Fortlaufen in der Nacht konnte ihr doch auch nicht alles erklärt haben.
So liefen die Gedanken nach allen Richtungen. So hatte er schon hundertmal alle Möglichkeiten erwogen und bis ins kleinste durchgedacht. Immer kam er auf dies Thema, wie sein Sinnen auch angefangen hatte. Es hing an allem, was in sein Leben trat. Es hing! atn Mten, das vergangen war, und es hing ebenso stark schon am Nenen, das noch werden sollte. Es war überall.
Er konnte es nicht los werden. Es lag fest in ihm, ganz tief und umso fester dadurch. Es war allmählich ohne Haß und Bitterkeit geworden, es war Weh, traurig — und unfriedlich war's.
Er sah ganz klar: er würde das immer mit! sich tragen, sein ganzes Leben lang. „Es ist nichts dagegen zu machen," sagte er sich. Was einer tragen muß, muß er. eben tragen. Das sei nun mal so, sagte er sich?
(Fortsetzung folgt.)
Denkmalpflege, Heimat- und Naturschutz.
Bon Dr. phil. Johannes Richter.*)
Mit dem guten Willen zur Erhaltung alter künstlerischer Bauwerke ist noch nicht alles getan: das hat die Entwicklung unserer modernen Denkmalpflege überzeugend dargetan. Erst nach Ablauf des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts haben die Regierungen und Behörden allmählich begonnen, der mutwilligen Vernichtung der alten Baudenkmäler und der beweglichen Kunstwerke Einhalt zu gebieten. Hätten sie die richtige Bahn beschritten, es stünde heute gut um die Zeugen -der Vergangenheit. Man ließ ihnen Schutz angedeihen, griff aber meist mit ungeschickter Hand in den! Kern ihres Lebens ein und vernichtete den alten Organismus durch plumpe Ergänzungen, Ausbaue und Wiederherstellungen. Eine wahre Restaurierwut ergriff unsere Architekten und Bauhandwerker, und man war blind genug, solche Denkmalspflege für eine verdienstliche Kulturtat zu halten. In Deutschland ganz besonders hat die Baurestauration fürchterlich gehaust und wundervolle Werke der Vergangenheit für immer geschändet. Den ersten flammenden Protest gegen dieses pietätlose Treiben erhob John Ruskin. Er erklärte die Baukunst der Vergangenheit als die kostbarste aller Erbschaften, als das Vermächtnis des' Herzblutes und der Seelenqual unserer Vorfahren, dessen Wert für uns in dem Gefühl der Beredsamkeit, der strengen Wachsamkeit und des ahnungsvollen Miterlebens verklungener Zeiten ruht. Ehrfurcht und kindliche Pietät fordert er ihnen gegenüber: „Wir haben gar kein Recht, sie anzurühren." Sie gehören ja zum Teil denen, die sie bauten, und denen, die sie nach uns zu besitzen ein Recht haben. Darum ist alle Restaurierung die schlimmste Art der Zerstörung, eine Lüge von Anfang bis zu Ende, eine Unmöglichkeit wie die Erweckung der Toten. Der flammende Protest Ruskins ist der Anstoß zu einer neuen Denkmalspflege geworden: im Jahre 1877 hat Morris eine Gesellschaft zum Schutze alter Bauten gegründet, von der aus die neuen Ideen breiteren Boden gewonnen haben. Ju
*) Aus dessen soeben erschienenen Buche: „Die Entwicklung des kunsterzieherischen Gedankens". Von Dr. phil. Johannes Richter. In Originalleinenhand 4.60 Mk. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig.


