— 523 —
Frankreich werden die Fragen für und wider die Restau- ration seit den Tagen Victor Hugss und Montaleniberts rn breitester Oeffentlichkeit verhandelt. Nur in Deutschland blieb lange Zeit alles still, und wo sich das Neue zu regen suchte, sanden sich tausend Hände, es zu ersticken Die „Fertigstellung" des Kölner Domes, die Restauration der Marienburg, die Heidelberger Schloßdebatten und die bevorstehende Vollendung des Meißner Domes werden nicht ans die Ruhmesblätter unserer neuesten Geschickte geschrieben werden und bezeugen, daß wir Deutschen noch heute nicht dre echte Denkmalspflege begriffen haben.. Cornelius Gur- litt mußte noch auf dem Dresdener Tage für Denkmalspflege im Jahre 1900 die neuen Ideen gegen den Widerspsruch der Majorität vertreten. Erst seit diesem Zeitpunkte bürgert stch auf deutschem Boden das Neue ein. Endlich reift die Erkenntnis, daß es nicht möglich ist, im Geiste einer andern ^,eit zu schaffen, ganz einfach aus dem Grunde, weil wir diesen^ Zeitgeist nicht zurückzaubern können. Alle Herstellung ini Geiste der Zeit kann nur in der versuchten Nachahmung von Aeußerlichkeiten und also in einem Täuschungs-, versuch bestehen. „In Wahrheit ist lediglich der Standpunkt des Fälschers erreicht." Nur Instandhaltung kann das Ziel echter Denkmalpflege sein, jede Vervollständigung und Vollendung ist ein Unding. Werden .Hilfskonstruktionen nötig, um den gänzlichen Verfall eines Bauwerkes zu verhüten, so sind sie ohne Umschweife als Stützen zu kennzeichnen, auf keinen Fall dürfen sie künstlerische Form vorgeben. „Wir haben einfach kein Recht, ein überkommenes Denkmal anzurühren; denn es hat nicht nur für uns, sondern siir alle kommenden Geschlechter den Charakter eines kunstgeschichtlichen Dokuments." Aus diesem geschichtlichen Standpunkt der pflichtgemäßen Rettung eines alten Originalwerkes muß auch reicher Segen für die gegenwärtige, Baukilnst erblühen. Denn dann werden wir nicht mehr ober- slächlich und flüchtig für unser Geschlecht nur bauen, sondern werden mit heiliger Scheu bedenken, daß kommende Generationen uns nach dem Geiste richten werden, den wir Ur Stein und Eisen gebannt haben. Der Gedanke an die Zukunft wird uns bescheiden und heilig machen, und unsere Kirchen, Theater, Paläste und Wohnhäuser werden wieder der Ausdruck unserer Sehnsucht, unserer Freude und unserer Trauer sein.
Die Zerstörung Helgolands durch UatmgewalLen.
In den Monaten März, April und Mai dieses Jahres stürzten bekanntlich an der Westseite Helgolands, dem sogenannten Baakhorn, einem bei der Signalstation vorspringenden Felsen, große Felsenmassen ab. Diese Vorgänge gaben nun einer Anzahl Zeitungen Veranlassung, in kleineren oder größeren Artikeln die Behauptung aufzustcllen, daß Hel- tzoland durch die zerstörenden Naturgewalten allmählich so verkleinert werden wird, daß Deutschland die Insel in kürzerer oder längerer Frist aufgeben müsse. Diese Behauptung ist falsch. Es entspricht allerdings den Tatsachen, daß in den genannten Monaten an der Westseite des Felsens große Felsenmassen hinabstürzten, so daß sich am Fuße des Baakhorns ein gewaltiger Trümmerhaufen auf- tirrmte. Auch kann es nicht bestritten werden, daß große, besonders vom Meere aus sichtbare, Längs- und Querrisse im Felsen weitere Abstürze befürchten lassen, so daß der gefährdete Teil des Oberlandes abgesperrt und vor dem Betreten der Klippe und der Annäherung wasferwärts an das Baarhorn wegen der damit verbundenen Lebensgefahr gewarnt worden ist. Nach menschlichem Ermessen aber ist es ganz ausgeschlossen, daß Helgoland einst nicht mehr fern wird.
3 Mensch kann Großes vollbringen — er kann auch Naturge walten bezwingen. — Während die zerstörenden Gewalten den Felsen allmählich verkleinern, ringt er durch fleißige, wohlüberlegte Arbeit dem Meere neuen Boden ab. Die im Mai vorigen Jahres an der Südspitze Helgolands von der Reichsinarine-Verwaltung begonnenen Erd- gewinuungsarbeiten schreiten rüstig vorwärts. Schon dehnt
sich dort eine weite Sandfläche aus, die von der Flut nicht mehr überspült und gegen den Nordwestwind durch einen hohen, weit in die See führenden Damm von Granitguadertt geschützt wird. Bald wird die dem Meere abgewonnene. Flache die Größe des ganzen Helgoländer Unterlandes er- rercht haben; schon ist man dabei, neben den provisorischen! Arberter-Baraken und Wellblechhäusern massive Gebäude auf diesem von Menschenhänden förmlich hervorgezauberten Neuland zu errichten. Tag und Nacht löschen kleine Fahrzeuge an der Mole Quadersteine, Zement, Kies und Bausand. Große Saugbagger sind tätig, die bei Ebbe von den Lorelev- banken hinter der Düne oder dem Vogelsand vor der Elb- mündung Sand holen und ihn hier auspumpen. Es entsteht also neues Land und! die Gefahr für Deutschland, Helgoland über kurz oder lang infolge Zerstörung durch die Naturgewalten zu verlieren, besteht rrur in der Phantasie der betreffenden Artikelschreiber.
Nun ist auf Helgoland auch die Verstärkung der Festungswerke (Vermehrung der Panzertürme und Aufstellung größerer Geschütze) bald vollendet und die Märine- verwaltnng geht daran, auf dem Oberlande neue Gebäude/ dre als Magazine für die Artillerie, Wohnhäuser für die Offiziere und Kasernen für die Besatzung dienen sollen, zu errichten.
Ueberatl auf Helgoland rühren sich fleißige Hände und staunend beobachtet man, wenn man sich von dem reizenden! Bilde des Unterlandes, der Düne und der belebten Wasserfläche abwendet, den Fortgang der Arbeiten zur Vergrößerung und Befestigung Helgolands. F. Gebhardt,
Dom französischen Heirattmarkt im f8. Jahrhundert.
Das französische Rokoko wird so gern als das Zeitalter gefeiert, da in, Kunst, Kultur und Gesellschaft die Liebe triumphierte, Sie Galanterie mit ihren zarten Fäden alle Herzen umstrickte und ganz Paris sich in jene Insel der Chthere zu verwandeln schien, nach der auf Watteaus und Bouchers Bildern die von Amoretten beflügelten Segel der Venusbarken die vornehmen Herren und Damen entführen. Doch diese graziösen und schwärmerischen Bilder der Liebe hatten ihr höchst materielles Gegenbild in den Szenen der Heirat, die in dem gleichen Zeitalter immer häufiger wurden. Nirgends wohl haben Liebe und Ehe so wenig miteinander gemeiii gehabt, als in deni galanten Jahrhundert Frankreichs. Dafür geben die Mitteilungen einen neuen Beweis, die H. de Gallier in einem inhaltreichen Artikel der Revue auf Grund zeitgenössischer Memoiren und ungedruckter! Familienpapiere darbietet. „Die Liebe bei der Heirat ist ganz und gar aus der Mode und würde für lächerlich! gelten," schreibt die Frau des Dauphin im Jahre 1697, und im 18. Jahrhundert ist dann die Neigungsheirat etwas fast ganz Unbekanntes; man heiratet nach den Worten der Baronin von Oberkirch „mit einer dicken Müde um die Augen und um das Herz, man kemit sich nicht und findet juh dann nach der Heirat ganz anders als vorher, man tritt srch kühl gegenüber, streitet sich, verabscheut sich und trennt M -So findet man denn in dieser Zeit die wunderlichsten Altersunterschiede unter den Eheleuten; ganz junge Mädchen werden an ganz alte Herren verheiratet; das geht sogar so weit, daß sich vornehme Leute gute Partien schon rm zartesten Kindesalter sichern. Der Marquis von Oyse, aus dem uralten Adelsgeschlecht der Biancas, wird mit 33 Jahren der Bräutigam einer Tochter des Börsenwuchcrers Andrö, eines Kindes von 2 Jahre,i, und zwar unter folgenden Bedingungen: „Andrö gibt Herrn von Oyse auf der Stelle 100 000 Taler und dann jährlich bis zur' Feier der Hochzeit 20 000 Livres; am Tage der Vermählung fällt ihm eine gewaltige Mitgift von mehreren Millionen anheim." Mcht selten werden Mädchen von 3 oder 5 Jahren! mit Knaben von 7 bis 10 Jahren verheiratet, die dann bis zu dem gesetzlichen Alter, das für Knaben mit 14 und für Mädchen mit 12 Jahren begann, getrennt gehalten werden. Uebrigens wird doch dies gesetzmäßige Alter meist reichlich eingehakten; eine Tochter Landaus wird mit l^Vs Jahren an den Marquis von llssö wirklich verheiratet, ihr Gatte Ivar damals 27 Jahre. Mine, de Matignon heiratet mit 14 Jahren und ist mit 15 Jahren schon Mutter. Dre so lange vom französischen Adel streng befolgte For-


