Ausgabe 
23.8.1909
 
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derung der standesgemäßen Heirat wird immer häufiger außer acht gelassen; dem verarmten Geschlecht soll vor allem durch die Verbindung mit einer recht reichen Familie ausge- holsen werden, selbst wenn dieselbe bürgerlich und durchs aus nicht ebenbürtig ist. Der freimütige Ausspruch der Mme. de Grignan, die ihre Schwiegertochter, das Kind eines reich gewordenen Generalpächters, mit der Entschuldigung vorstellte:Man muß eben von Zeit zu Zeit seinen Boden düngen," wird zum Losungswort der Epoche. Unter der Regierung Ludwigs XV. sind Mesalliancen in der hohen Aristokratie an der Tagesordnung. Zum erstenmal dringt die Finanzwelt in die höchsten Kreise ein, und die Bankiers schaffen sich durch ihre Töchter eine Verwandtschaft mit Herzögen und Fürsten. Die Töchter jenes Gilles Ruellan, der als einfacher Fuhrmann seine Laufbahn begonnen und durch glückliche Spekulation schwer reich geworden war, wird durch eine Mitgift von 500 000 Livres die Gemahlin des Herrn de Cosss-Brissac, und ihre Enkelin gehört schon als die Frau des Marschalls von Meilleraye zu einem der ersten Geschlechter Frankreichs und fühlt sich bereits so völlig heimisch in den Traditionen ihrer hohen Abstammung, daß sie beim Tode des Prinzen von Savoyen den bekannten Ausspruch tun konnte:Ich bin überzeugt, daß Gott sich zweimal besinnen wird, bevor er einen so hochgeborenen Mann verdammt." Als der Bankier Gellant starb, bewarben sich um die Hand seiner Witwe Männer mit den erlauchtesten Namen, ein Noailles, ein Schömberg, ein Brissac u. a. Der Marschall von Lorges, der mir 12 000 Livres Rente besitzt, fühlt sich überglücklich, als er die Hand der Tochter des Finanziers Frsmont erhält, der aus den niedersten Köeisen sich zumreichsten Mann Frankreichs" emporgearbeitet hatte. Fräulein Frsmont wurde so die Mutter der Herzoginnen von Saint-Simon und von Luhnes. So werden die Töchter kleiner Bürger zu hohen Aristokratinnen: die Bschameil wird zur Gräfin von Brissac, die Legras zur Gräfin von Saint- Hörem, Frau de Launah zur Marquise von Piennes. Eine Ausnahmestellung nimmt der durch die anrüchigsten Speku­lationen ungeheuer reich gewordene Samuel Bernard ein, in dessen Vorzimmer die vornehmsten Hofleute anticham­brieren und der Millionen über Millionen für seinen Luxus verschwendet. Ein einziges Diner kostet ihm 150 000 Livres. Seine Töchter wird mit 9i/2 Jahren an einen Mols verhei­ratet; seine Enkelinnen führen die stolzen Namen Lamoig- non, Sagonne, Mirepoix. Er selbst heiratet noch als Mann von 80 Jahren eine Saint-Chanrant und wird so ganz heimisch in den Kreisen, die dem Königsthron am nächsten stehen.Wie wahnsinnig stürzte sich das edle Frankreichs in die Familie oder vielmehr in den Geldbeutel des Herrn Bernard," so schrieb Mathieu Marais 1733, voll Trauer über solche Zustände sein Haupt verhüllend.

Vermischtes.

* Die Freuden des Tabaks. Wer sich bei uns an seiner jetzt reichlich verteuerten und versteuerten Zigarre Zigarette oder Pfeife erfreut, hat kaum eine Vorstellung davon, in wieviel zahllosen anderen Variationen der Tabak­genuß über die Erde, insbesondere bei den primitiven Völkerschaften verbreitet ist. So halten beispielsweise die Negritos auf Luzon, einer der Philippinen, beim Rauchen das brennende Ende der Zigarre in den Mund und schlucken ab und zu den Rauch ein. In den Schneefeldern des Hima­laya wohnt ein Stamm, bei dem die Raucher eine Art Kanal öder Tünnel in den gefrorenen Schnee machen und dann an dessen eines Ende Tabak und ein Stück brennende Holz­kohle legen, um am anderen Ende auf dem Boden liegend den Rauch eiuzuatmen. Die Bewohner der Kay-Jork-Halb- insel in Australien fangen den Rauch brennenden Tabaks in einem hohlen Bambusstock von etwa 4 Fuß Länge auf und geben dann diese Pfeife in der Gesellschaft heruni. In Paraguay kauen die Frauen Tabak und nehmen vor der landesüblichen Begrüßung mit einem Küß, das Priemchen aus dem Munde. In Virginien, Georgien und Alabama -lutscht man an einem Stock, den man vorher befeuchtet und in Tabak gewälzt hat. ,Am widerlichsten ist die Ge­wohnheit der Eskimos, die den Tabakssaft, der sich im Abguß der Pfeife sammelt, schlürfen. Sie rauchen nur, Um

dieses fragwürdige Naß gewinnen. Der Stamm der Moschans, ein entnervtes Völkchen in Südafrika, hat ganz entstellte Nasen von dem übermäßigen Genuß von Schnupf­tabak. Sie stopfen ihr Riechorgan so voll, daß die Masse nachher wit mit elfenbeinernen oder eisernen Löffeln wieder ausgebüddelt" werden muß. Darum trägt jeder ein solches Instrument gleich ini Kopfhaar bei sich. Die Bewohner aus Dschesireh (zwischen Euphrat und Tigris) mischen ihren Tabak mit Wasser und Natron zu einem Brei, den sie Bucka nennen. Sie nehmen davon einen Mund voll und bleiben so int Genüsse liegen. Solche Buckagesellschaften werden stets an den höchsten Fasttagen gegeben. In Transvaal und den angrenzenden Ländern raucht der Kaffer aus hohlen Antilopenhörnern, in deren Mitte eine hölzerne Röhre an­gebracht ist; das äußere Ende der Röhre ist so dick, daß es als Pfeifenkopf dienen kann. Das Horn wird mit Wasser gefüllt; in das weite nach oben offene Ende steckt man den Mund und zieht den Atem an. Der Rauch aus dem hölzernen Kopf nimmt seinen Weg durch die hölzernen Röhren und durch das mit Wasser gefüllte Horn in den Mund. Diese Pfeifen fassen bis zu einem ganzen Pfund Tabak und gehen von Mund zu Mund. Oft wird indischer Hanf (Dogga) daraus geraucht, der eine ähnliche Wirkung hat, wie Opium. Die Neger am Aequator rauchen aus Löchern in der Erde, und dies war u. a. die Gewohnheit des Zuluhäuptlings Eheste, der mit Stolz erklärte:Die ganze Erde ist meine Pfeife." Auch hier wird der Tabals- saft mit großer Gier geschlürft. Man sieht, auch hiev gilt das Wort: variatio delectat!

* Alexander Winterberger.Gestern nahm Winterberger, der nach Rom geht, Abschied von mir, wobei er heftig weinte und schluchzte," schreibt Richard Wagner am 10. März 1859 an Mathilde Wesendonck. Das war vor nunmehr fünfzig Jahren. In diesen Tagen, am 14. August, ward Alexander Winterberger, der seit vielen Jahren zurück­gezogen in Leipzig lebt, fünfundsiebenzig. Der einst ge­feierte Pianist und Organist ist ein Weimarer Kind und trat in seiner Vaterstadt früh in Beziehungen zu Franz Liszt, dessen ältester heute noch lebender Schüler er nächst dem fast achtzigjährigen Klindworth ist Durch Liszt kam er auch mit Magner in Verbindung, zu dessen treuesten Jüngern in schwerer Zeit er gehörte. 1861 nahm er seinen Wohnsitz in Wien, wurde 1869 an das Petersburger Konservatorium berufen und kehrte einige Jahre später nach Leipzig zurück. Außer durch seine pianistische und pädagogische Tätigkeit hat sich Winterberger durch eine Reihe feinsinniger und liebenswürdiger Kompositionen für Klavier und Gesang be­kannt und beliebt gemacht.

* Bravo, Fritzch en! Lehrer:Ta ist das Skelett von einem Säugetier, und zwar, Fritz, von was für einem?."' Fritz:Von einem krepierten!"

Gitter-Rätsel.

In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a aaa a a, b b, e c, d d d d d d, e e e e, hhhhhh, 11, n n n n, p p, r r, s s s s, t t, u n derart einzutragen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben:

1. Ein Kleidungsstück.

2. Handelsstadt in Persien.

3. Organe des menschlichen Körpers.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer:

Die Wahrheit zu nennen, ist Spiel;

Die Wahrheit erkennen, ist viel;

Die Wahrheit zu sagen, ist schwer;

Die Wahrheit ertragen, ist mehrt

Redaktion: I. V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.