Donnerstag den 25. September
1909
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(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Vie big.
er gesagt — er kommt so jetzt wieder. Wir sollen so lang Acht geben. Hü, hott! Lotto, Vicky, wollt ihr wohl?" ,
Mit Donnergepolter stürzte ein Stuhl um, wie dte Wilden jagten sich die drei um den Tisch. Plötzlich ecustim- miges Freudengeschrei: „Mama, Mama, kuck eural, der Karl! Der Karl ißt Schuhbendel — hau, Schuhbendel!"
Die mit dem Jüngsten beschäftigte Mutter drehte srch erschrocken um. Auf dem Stühlchen saß Karl, der Phlegmatiker, im ganzen Gesicht wunderlich beschmiert; die eine dicke Patsche hielt den Schuh, die andere stopfte eben das letzte Ende des abgenagten Schuhbendels ins Mäulchen.
„Es schmeckt ihm," jubelten die Geschwister, während die Mutter angstvoll auf ihn losstnrzte.
Jetzt ging draußen die Tür; Settchen kam mit Kamillentee gerannt, auch Buschmann, breitmäulig grinsend, polterte herein. Frau Hauptmann vergaß das Schelten, sie ivar froh, daß Hilfe erschien. Den Schweiß von der «trrn wischend, legte sie endlich Kapuze und Mantel av; ihr rundliches Gesicht mit den Grübchen in Wangen und Kinn war hochrot.
„Hat mein Mann gesagt, wann er liach Hause kommt? fragte sie das Mädchen.
„Der Herr Hauptmann is ja ze Haus, antwortete Settchen ganz beleidigt. „Osses, wo wär ich dann toeg- gegangen, wann der Herr Hauptmann nit zu Hans that sein
'„Zn Hause?!" Die junge Frau war wie erstarrt. „Hut) den Lärm nicht gehört?!"
Sie eilte durch die beiden dunklen Nebenzimmer, aus der Türritze des dritten schimmerte Licht; leise öffnete sie.
*
Auf dem Schreibtisch brannte die grüne Studierlampe, Bücher und Hefte lagen aufgeschlagen, Pläne und Karten. Der Hauptmann der Artillerie, Paul Xylander, saß davor, aber °er schrieb nicht; er stützte den Kopf in die .Hand mrd blickte starr, mit weit offenen Augen vor sich hm. Die Hand, die den Kopf stützte, war schlank und blau geadert, das schwarze Haar an den Schläfen von leicht grauen Faden durchzogen. Seine Haltung hatte etwas Lässiges, sie war nicht die eines schneidigen Soldaten, eher die eines Gelehrten, der viel über Büchern sitzt. Er war ja auch der Denker unter den Kameraden, „ein feiner Kopf", wie die Vorgesetzten sagten; der Generalstäbler in spe. Woran dachte er? Ein verträumter Glanz war in den Augen, em weicher Zug Um seinen Mund.
„Paul!" sagte die junge Frau. Er horte nicht.
Paul!" wiederholte sie lauter. Ihre helle Summe hallte ordentlich erschreckend durch das stille, halbverdunkelte Zimmer, der glasklare Ton fuhr aufstöbernd üt alle Winkel.
Paul!"
Er zuckte zusammen, einen Augenblick sah er fteivte geistesabwesend an, dann lächelte er und streckte die Arme nach ihr aus. „Du bist's — ah!"
Auch Dallmers wohnten auf der Chaussee; jetzt eben kam die Frau Hauptmann an dem kleinen einstöckigen Haus vorüber. Sie könnte nicht umhin, sie blieb stehen und sah zu dem matt erleuchteteii Fenster tut oberen Stockwerk auf — da hatte der Regierungsrat sein Arbeitszimmer! Schrecklich, daß der arme Mann so hustete! Das Winterwetter und die zugige Brücke waren Gift für ihn.
Pb Nelda zu Hause war? Die junge Frau betrat das Vorgärtchen und spähte ins niedrige Parterrezimmer; ein voller vibrierender Ton drang eben durch die Scheiben, an ihr Ohr. „Ah, sie singt," sagte die Lauscherin und ließ die schon zum Klopfen erhobene Hand sinken, „ich will sie nicht stören." Und dann stahl sich Frau Hauptmann Xylander zum Gärtchen hinaus und erreichte im Laufschritt die Villa, in der sie den zweiten Stock inne hatten; die Sehnsucht nach den Kindern ward immer stärker.
Kaum klingelte sie, da stürmte es auch schon die Treppe IjetuTitcr.
„Das ist die Mama! Mama — Mama!" Ein blondköpfiger strammer Junge stürzte ihr entgegen, hinterdrein zwei ebenso blonde Mädchen.
„Mama, Lollo und Vicky sind so eklig! Sie spielen immer mit ihrem dreckigen Kochgeschirr und der kaputten Anna, sie wollen nie meine Pferde sein. Mama, du mußt sie IlUUCH fz/
„Huh huh, der Wilhelm," heulten Lollo und Vicky, „er hat unserer Anna ein Bein ausgerissen! Mama, kuck emal!"
Mit wahrem Jammergeheul hielten sie der Mutter die Puppe entgegen und klammerten sich dann schutzsuchend an die Falten des mütterlichen Kleides.
„Mama, Mama, er haut uns!"
„Pst, pst, Kinder!" „
Frau Hauptmann Xylander hielt sich lachend dte Ohren zu; im Gefolge ihrer kleinen Horde trat sie in's Kinder- zimnter. Eine nicht gerade balsamische Luft schlug ihr entgegen. Auf der Stuhllehne vor dem eisernen Ofen hingen mehrere Windeln zum Trocknen; in dem kleinsten Bettchen in der Reihe der übrigen, lag Friedrich, der jüngste Spröß- ling des Hauses, und kreischte in den höchsten Tönen. Karl, der zweitjüngste, faß zufrieden in seinem Stühlchen daneben; er hatte einen Schuh ausgezogen und benagte diesen eifrig.
„Mein Gott!" Die Mutter eilte auf die Wiege zu. „Wo ist denn Settchen und wo Bttschmann? Ich hatte doch befohlen, keiner sollte Weggehen!" ~
,L>ch die!" sagte Wilhelm altklug. „Settchen tst nach der Apotheke gerannt, sie holt Kamillentee; Fritz hätt' Bauch- Sstnerzen, sagt sie. Und wie das Settchen weg war. tst der ufchmann zu seinem Schatz gegangen — „nur mal eben"


