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über fein Gesicht, aber dann lächelte er; Relda kannte dieses Lächeln, es hatte was von der Sonne an sich,
„Sie Ivar sehr einfach,- ihr Vater war nichts weiter als ein größerer Bauer: aber was sie über ihren Stand hob, das war die Herzensbildung. Sie haben sich alle gewundert, als ich sie heiratete; Lorcheu war wir lange bös darum, sie sagte, ich wär' nun ganz verbauert. Sie kannte sie ja nicht. Ich habe sie nur zehn Jahre gehabt! Ich war nicht verzweifelt, als sie „fortging" — er schüttelte den Kops und sah fast heitern Gesichts ins Weite — „ich sage nie „starb". Was man einmal geliebt hat, stirbt nicht. Und daun die Erinnerungen! Die zehn Jahre waren eine großes, voll ausgenossenes Glück. Da verzweifelt man nachher nicht!"
„Aber wenn man kein Glück ausgenossen hat, was dann?" Sie fragte mit kurzem Atem, die Stimme klang heiser.
„Ja, dann ist's schlimmer und —"
„Dann verzweifelt mau doch, sprich's nur aus!"
„Nein, man braucht nicht zu verzweifeln, man sucht sich ein anderes Glück."
„Mau sucht sich ein anderes Glück," wiederholte sie mit seltsamem Tonfall, trat ans Fenster und starrte auf die einsame Gasse, die Arme über der Brust gel'reuzt; um ihre Mundwinkel lag ein eigentümlicher Zug.
„Ein anderes Glück, aber mißversteh' mich nicht, Kind."
„Da kommt Heinrich Hommes," unterbrach sie rauh, „er kommt zu uns!" Sie schritt zur Tür und ging dem jungen Manu entgegen. *
Frühlingsanfang! Der Schnee auf den Höhen taute; nur oben auf dem steilsten Gipfel des Moseukovfs klebte er noch an den Lavabrocken, aber schmutzig und halb zerronnen. Gewaltige Regenmassen kamen nieder; alle Tage der Himmel wie ein Sack, alle Tage der gleiche plätschernde Morgengruß, dasselbe Trommeln nachts an den Fensterscheiben.
Manderscheid steckte wie in Wolkenfetzen. Und Meerfeld lag ganz im Dunst verkrochen. Das Maar schwoll und schwoll. Als wolle es sich rächen für die Einschränkung, kam es über die Ufer gelaufen, der gange Talkessel glich einer unbeweglich trüben Lache; die Felder verschwanden. Es war Zeit zur Bestellung — wie sollte mau? Wasser, Regen — Regen, Wasser;!
Alle Tage hockten ein paar von den Meerfeldern oben in Manderscheid herum — dünnbeinige Gestalten, hohläugige Gesichter -- sie saßen im Wirtshaus, soffen und lietzen's ankreiden. Das war ein Lamentieren und Fäusteschlagen! Den ganzen Tag ging die Türklingel an der Bürgermeisterei; lauter Bettler, Weiber und Kinder aus Meerfeld, aber sie baten nicht bescheiden, sie forderten chr gutes Recht. Die Manderscheider guckten zu; sie gingen jetzt fleißig zur Kirche in der österlichen Zeit, beichteten und tomnru liierten. Am Palmsonntag war große Prügelei in den verschiedenen Wirtsstuben, Heinrich Hommes hatte aus seinem Gasthaus die Schreier herausgeworfen; die übrigen Tage der Woche war's still, aber ungemütlich. Die Leute guckten nach dem Himmel mit scheelen Blicken, mit noch scheeleren nach der Bürgermeisterei.
Keine Spur von Frische in der Luft; immer gleich lau, mit einer verfrühten Schwüle wehte der Westwind. Die Nässe verdichtete sich in wunderlichen Dünsten, sie krochen durch die Dorfgafse, die Wände entlang, und quetschten sich durch jede Ritze und Luke in die Hütten. Den Mander- scheidern tat's nicht viel, die wohnten freier und waren nicht so arm, aber unten im engen Talkessel, die Meerfelder, die saßen drin wie in einem Brodem. Schlechtgenäqr-, schlechtgekleidet! Sie gossen ihre Cichorienbrühe herunter schlechtgekleidet! Sie gossen ihre Zichorienbrühe herunter und stopften die Kartoffeln samt den Schalen; glücklich
Am ersten Osterfeierlag wurde der erste Typhussall in der Bürgermeisterei gemeldet. Dallmer saß gerade an seinem Schreibtisch und las die Zeitung, er zuckte zusammen und fuhr vom Stuhl auf, als der Gendarm die Meldung brachte.
Draußen läuteten festlich die Glocken der Kirche, in das Läuten hinein klang die erregte Stimme des Bürgermeisters : ,,Typhus?! Wo — wer ist krank?"
„No, zo Meerfeld, Hähr Borgemaster, däu Leisager'sch Hanni! Han wohnt nächst beim Maar. Se saon, hän war
schuns dod, als dän Hahr Dokter kommen es. On anuere sein auch als krank gäwen!"
„Wer Pflegt sie?"
Der Gendarm zuckte die Achseln. „Ech waaß net, Hähr Borgemaster! Wän soll et öezaohlen?!"
Eine Stunde später schritt Bürgermeister Dallmer auf der Höhe der Chaussee. Ter graue weite Mäntel flatterte um ihn. Ein Wind hatte sich aufgemacht, die schweren Wolkenballen am Himmel auseinander gerissen und ein paar Fetzen Blau vorgedrängt. Zum erstenmal feit Wochen. Eine trügerische Sonne huschte mit bleichen Strahlen über den Boden; das Erdreich war wie Schwamm, das Schiefergeröll am Abhang glänzte tiefschwarz. Ernst und düster schaute der Mosenkopf drein; noch keine Spur von Grün an der Berglehne, grau und nackt die Kuppe.
Dallmer stand still; weit hinten lag Manderscheid. Der Weg führte setzt seitab der Chaussee, einen Jid) schlängelnden, schlüpfrigen Pfad hinab ins Tal. Sonst war das ein schöner Anblick, hier oben zu stehen und das Auge dem windenden Lauf der kleinen Kyll folgen zu lassen, wie sie zwischen Hügeln und Wiesenlnud durchschläpft und, je näher Meerfeld, sich immer mehr einklemmt. Jetzt wogten Nebel nuten; der friedliche Bach war geschwollen, trüb' und reißend schleppte er ganze Erbstücke mit sich fort, kleine Bäume und Neste. Sein Murmeln war Brausen geworden.
Hui, Pfiff der Wind und riß dem Abwärtssteigenden den Hut vom Kopf! Er haschte danach und hörte nicht den Ruf: „Onlel, Onkel Konrad!" Ein Ausdruck tiefster Bekümmernis war auf seinem Gesicht; so sieht ein Vater aus, dem seine Kinder krank liegen. Mühsam stampfte er weiter, es war ein schweres Gehen; wie Klumpen hingen sich Erdklöße an die Sohlen. Der Bach hatte den Weg überflutet; hier mußte man springen, dort ausweichen, von Stein zu Stein steigen.
(Fortsetzung folgt.)
schiller und die deutsche Nachwelt.
Von Tr. Paul Lands u.
Tie Gestalt eines großen Mannes lebt nicht nur in den Werken fort, die er hinterläßt, sondern sie wirkt auch weiter in leiten Kräften und Eindrücken, die sie in Kultur und Geschichte auslöst. Tie Sonne einer überragenden welthistorischen Erscheinung spiegelt sich, außer in ihrem eigenen Werk, auch noch tu unzähligen gebrochenen Reflexen wieder, die bald heller, bald trüber ein Teil des Wesens auffangen und vereinigt eine neue Großtat der schöpferischen Persönlichkeit darstellen. So bedeutet das Nachleben eines Dichters wie Schillers ein neues Walten und Wirken, die wichtigste Entfaltung seines Genius. Als er jäh aus seiner Bahn gerissen wurde, mitten aus gewaltigen Entwürfen und Plänen, da ahnte man dunkel den Verlust; aber nur bei ganz wenigen, nur bei denen, die ihm am nächsten standen, war ein' volles Verständnis für die Einheit und Bedeutung fernes Gesamtwertes vorhanden. Mit seinem Tode begann erst die eigentliche Geschickte des Lebendigwerdens seiner Werke. Durch mehr als ein Jahrhundert hin hat sich das deutsche Volk in zähem Ringen und Kämpfen, in Widerstreben und Mißverstehen, in begeisterter Verehrung und rastloser Forschung, die Reife für seinen Lieblingsdichter erworben, so daß heute jeder das stolze Wort aussprechen darf, das zunächst nur Goethe gewagt: „Denn er war unser!" Sv eng ist Schillers Wesen und Schaffen mit den großen historischen Momenten unseres nationalen Lebens, mit der Entwicklung und Ausgestaltung des Deutschtums ver- knüpft, das; er ebenso wenig wie aus der Literatur, je aus der Geschichte Deutschlands ausgelöscht werden könnte. Das höchste, was ein Poet sein kann, geistiger Führer, Erzieher, steter Anreger und Förderer hoher und edler Gedanken, das ist er uns gewesen. Wenn wir daher bei der Frier seines 150. Geburtstages -uns als seine dankbaren Schuldner, als Verehrer des Unverr- gänglichm und ewig Großartigen in feinem Werk fühlen, geziemt es sich, die leuchtenden Spuren seines Einflusses in der Vergangenheit zu versolgen, die Arbeit der früheren Generationen! zu betrachten, die in Liebe und Haß, in lautem Festjubel und stiller Versenkung das Vermächtnis Schillers bewahrt und für ihre Zeit wirksam gemacht haben. Reiches Material zur Beantwortung dieses wichtigen Problems bringt ein unlängst erschienenes Werk von Albert Ludwig „Schiller und die deutsche Nachwelt" bei, das gleichsam die Bilanz des ganzen Jahrhunderts in feiner Stellung zu Schiller zieht.
Bei Lebzeiten des Dichters hatte die Kritik sich ihm gegenüber mehr wohlwollend, als zustimmend, mehr tadelnd, als bewundernd verhalten. Unter der Jugend besaß er ein großes und begeistertes Publikum; so gehörte ihm denn die nächste Zukunft. Sein jähes Ende, in dem majestätischen Aufstieg des „Demetrius' doppelt ergreifend, gewann ihm alle Herzen und die Totenfeiern zeigten, daß- kein Dichter seinem Volke näher stand als Schiller.


