Ausgabe 
10.11.1909
 
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Wer so sehr man ihn nun auch liebte und- Pries, man hatte seines Wesens noch kaum einen Hauch verspürt, verstand noch, nicht die Eigenart seines Charakters und seiner Kunst. Tas neachten lick betriebsame Spekulanten zu Nutze und schmutzten deut geduldigen, empfang lr chen Pub l i tu in einen falschen Schiller auf. Ter wichtigste Fabrikant dieser gefälschten Schiller-Traditionen war ein gewisser DenÄkr, der m zwei viel verbreiteten MachwerkenmachÄgeM dazu verfertigten Briefen, Versen und Erinnerungen den Dichter als mnen , gefühlsseligen, weichlich schwärmerischen, iveltunkundigLN ^ungling erscheinen ließ. Und dankit eine auf langehin nicht mehr auszurottende Anschauung von dem unpraktischen Träumer Schiller " me Gemüter pflanzte. Tie Lieblingsdramen der Zeit »raren ,,^-vn Carlos" undDell", deren Weltbürgerliche Ideen, FreiheitK- begeislerung und hohes Pathos entzückten. Die Jugenddramen galten als Ausschweifungen eines unbeherrschte!» Talentes;Die viunafrau von Orleans" war zu mystisch-phantastisch, dieBraut von Mesfma" näherte sich dem, Schicksalsdrama; demWallenstein" stand man ganz verständnislos gegenüber. Von der Bühne herab wirkte der Enthusiasmus des Dichters auf die freiheilsdurstigen Gemüter, die das Joch Napoleons abschütteln wollten. Dadurch wurde denn Schiller ein mächtiger Faktor in der nationalen Er­hebung der Freiheitskrieg«. Seine Dichtungen trugen die frei- willsgen Jäger int Tornister und int jugendlichen Eifer überboten, sie sich in der Bereitwilligkeit, ihre Finger und sogar beide Lände zu opfern, wenn sie ihm damit das Leben wiedergewinnen könnten.

Während so eine unklare, aber herzliche Schwärmerei in den Seelen der Vaterlandskämpfer lohte, sprachen die Führer der romantischen Literaturbewegung Schiller kühl das eigentliche Künst­lertum ab; ihnen war seine Art des Schaffens zu bewußt, zu zu klar, zu wenig erlebt. Sie erhoben bereits alle die Vorwürfe gegen ihn, die später immer wieder vorgebracht wurden, tadelten das Reflektierende seiner Dichtung, das Hinarbeiten auf dramatische Effekte, vermißten jenes üppige Weben und Schweifen der Phan­tasie, die schrankenlose Herrschaft des Gefühls, die sie vor allem in der Poesie suchten. Mit der Romantik ging ihre politische Schwester, die Reaktion, Hand in Hand: ihr war Schiller als der Poet der Freiheit höchst verdächtig, die Räuber galten als eine gefährliche Lektüre; in einer Kadettenanstalt tvnrde das Lesen desWallenstein" verboten, weil er den blasphemischen Vers enthielt:Tas Wort ist frei" und einem wegen demai- gvgischer Umtriebe verhafteten Burschenschafter wurde die Tat­sache als belastend angerechnet, daß er in ein Stammbuch das Tell-Zitat geschrieben hatte:Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern . . ." Die Zensur suchte ans Schiller alles ,,Revo­lutionäre" auszümerzen. Rach langjährigen Kämpfen durfte der Teil" 1827 in Wien gegeben werden; aber dieRäuber" zogen erst 1850 in die Burg ein. Sie wiesen denn in den zwanziger Jahren auch, die Ziffern der Bühnenaufführungen Schillerscher Werke einen starken Rückgang auf. Shakespeare trat neben ihm immer mehr in den Vordergrund, und während in den früheren Romantikerkreisen die Goethe-Verehrung eine Geringschätzung seines großen Genossen hervorgerufen, trat nun als sein wichtigster Rivale der große Brite auf, dem von T i e ck bis Otto Ludwig die kritischen Geister die Palme des dramatischen Dichters reichten. Auch in der christlich-deutschen Burschenschaft regte sich allmählich rin zunehmender Widerspruch gegen den weltbürgerlich-antikisie- reuden Dichter. Obwohl Schiller im Volke eine große Popularität hatte, sein Bild auf TadaksWpfen erschien und sogar ein Hand­werks bursche, wie der elsässische Dichter Daniel Hirz, seine Ge­dichte im Ränzel auf die Wanderschaft nähnk, toter doch in dieser dumpfen, trüben Restaurationszeit des Dichters Geltung auf ihren tiefsten Stand gesunken.

Freilich fehlte es nicht an Verboten einer nahenden besseren Zeit. Wolfgang M ei nzel, der grimme Goethe-Hasser, wurde ein desto beredterer und begeisterterer Prophet von Schillers Größe; er schuf das Jahrzehnte hindurch verehrte Idealbild des Dichters für den Bürgerstand; an die Stelle des sentimentalen Idealisten! trat nun das kräftiger gestaltete Monument des edlen, jungfräu­lich reinen, wunderbar starken, echten Deutschen. Wer etwa au diesem aus das hohe Postament der geistigen Führerschaft gestellten, heldenhaftenlichten Engel" zu zweifeln wagte, wurde zu den Unreinen und Boshaften" gezählt. Deshalb hatten die wunder­vollsten Veröffentlichungen von Schillers Nächsten, die nun ans Licht traten, Körners Ausgabe und seineNachrichten von Schillers Leben", Wilhelm von HumboldtsBorermnenmg" zu seinem! Brief­wechsel mit Schiller, Karoline von Wolzogens Lebensbild, Ecker­ntanns Gespräche, die Goethes schönste Worte enthielten, keine große Wirkung. Wohl aber trug zu der wieder anhebenden Ver­ehrung Schillers die hohe Achtung bei, die ihmder Kaiser im Reiche der Geister" Hegel schenkte. Er stellte ihn neben Shake­speare als den größten Dramatiker der Weltliteratur hin und sah in ihin einen bedeutenden Träger des Weltgeistes.

Aber dieser hohen objektiven Auffassung zum Trotz ward nun der Dichter in der Zeit zwischen den Revolutionen (183048) immermehr zu politischen und tendenziösen Zwecken mißbraucht, in die Strömungen der Parteien hineingezogen und von dem liberalen Bürgertum als Hort und Verteidiger all feiner Ideale in Anspruch genommen. Schon 1825 toter aus dem Stuttgarter Liederkranz" einVerein für das Denkmal Schillers" hervorge- gaugeu; Schillerseste wurden nun in den dreißiger Jahren überall

mit prächtigen Reden und Gelagen abgehalten; sie gipfelten 1839 H. Al EEMung des Schiller-Monumentes von Thorwaldsen, du als em wahres VoMfesq gefeiert wurde. Die nationalen Klänge, die man aus stmen Dichtungen heraushörte, schwollen lauter und lau. r an; oer Dichter, der die Freiheit der Kunst von jedem Zweck gepredigt hatte, wurde zum Tendenzpoeten gemacht, von den freilMMchen Kreisen schwärmerisch gefeiert, von den Ver- tretern der Moral und der Religion angegriffen. Und beim jungen DeutichlandWug diese politische Verherrlichung des Dichters m eine politische Verachtung um. Börne kritisierte diesen Aristv- rrateii, dem et Nochmut und Bildungsdünkel vorivarf, in Grund und Boden Seme Vorstellung von Staatsgewalt und Regierung jand er Midlich und naiv, seine ideologische Schwärmerei wollte er verantwortlich machen für das unpraktische Denker- und Träu- mertum des deutschen Volkes:Krank deutsch." erschien Schiller den Enngdeutschen, als Symbol des tatlosen, in sich vertieften, JKtaja, als dernationale Dichter" einer untüchtigen zerrissenen Kation. Wine geistreich paradoxen, poetisch unfruchtbaren Kritiker konnten nur so völlig in die Irre gehen mit ihrem Urteil über, den «chppier desTell", weil sie ebensowenig Fühlung mit dem Volk, wie Kenntnis von der wissenschaftlichen Schiller-Forschung hatten. Mit oer gewaltigen Biographie Hoffmeisters einsetzend, begann damals die Wissenschaft, eine Gesamtdarstellung seines Lebeuswerkes vvrzubereiten und die einseitigen Urteile zu ent- irasten, indenr sie die Folgerichtigkeit und Kontinuität seiner Ent- wtalung auswies und die Summe seines Schaffens zog. Immerhin erkannten ihn die führenden Geister noch keineswegs völlig an; Hebbel hielt seine Kunst für ein nicht natürlich entstandenes, sondern gewollt erzwungenes Gebild voll einzelner Schönheit, aber ohne Rvkivendigkeit; Gerviuus setzt« ihn gegen Shakü- speare zurück und Otto Ludwig bot allen seinen ästhetischen -Scharfsinn auf, mit seine Kunst als eine Verirrung und Ver­wirrung der ötitformen zu erweisen. Andern wieder, wie Hettner und .vMlian Schmidt, dünkte dieweltabgewandte" Sphäre des historischen Dramas zu eng; das Leben der Gegenwart, das Volk bei seiner Arbeit sollte ausgesucht werden. Doch das Volk ließ sich nicht beirren; es sah in Schiller den Bannerträger seiner Ideale und verlangte während der Revolution von 1848 stürmisch oenTon Carlos", und denTell", die beiden alten LieblingA- ftücke der Freiheitsschwärmer. Wo man seiner Gestalt begegnete, ward sie bejubelt, selbst in den schlechten Biographien, selbst in einem so fragwürdigen Theaterstück wie LaubesKarlsschüler".

Als die Ruhe nach dem Sturm eintrat, dauerte doch die Schillerbegeistcrung fort. Alle verschwiegenen Sehnsüchte der Zelt würden in.seine Dichtungen hineingetragen. Die Mirservativen, die Onhddoxen nahmen ihn für sich in Anspruch; er würde in den Schulen mehr gelesen; kurz, feine Dichtung schien das ver­einende Band, das die widerstrebenden Kräfte zusammenschloß. Und wirklich wurde Schillers 100. Geburtstag, dieses begeistertste Nationalfest, das wohl je ein Volk begangen hat, zur großen geistigen Einigungsfeier, zum Vorklang der politischen Ginigung. Zum heiligen unverlierbaren Besitztum des Volkes würde sein Sänger, derProphet des Ideals und des Vaterlandes". Als Herzog der Seinen, als' Führer in aller Not und. Fährnis erschien nunFriedri'ch der Große von Schwaben", wie ihn ein Volksbüchlein Auerbachs taufte. So idealisiert und verklärt stellte ihn auch Pall es ke in seiner vielgelesenen Biographie dar, als den lotbeerbekränzten, verzückten Poeten, von klassischen Mantel­falten umflossen, den Blick in die Wolken gerichtet, als Heros und Träumer, wie Begas auf dem Berliner Denkmal. Auch das gepriesene Jahr 1859 verehrte m ch ein Ideal, hatte den wirklichen Menschen und Künstler Schiller noch nicht entdeckt.

Tas geschah erst in eifriger gelehrter Arbeit in den folgenden Jahrzehnten. Haym ordnete zuerst seine Dichtung in ihre Zeit ein; der Historiker, der Philosoph, der Aesthetiker ward gewürdigt. F. A. Länge entdeckte die hinreißende Schönheit der Lehrgedichte!, dieser glühenden Bekenntnisse von Erlebnissen des Gedankens, und baute seine eigene Philbsophie auf ihnen auf. Schillers Ge­schäftsbriefe ließ in ihm denRealisten", seinen praktischen LebeNs- ftnn erkennen, so daß ihm Hermann Grimm sogarschwäbische Bauernschlauheit" nachsagte. Doch Schopenhauers Pessimismus und der Materialismus, die die Zeit zu beherrschen begannen!, lenkten die Allgemeinheit von Schiller ab. Richard Wagners Anschau- ungeii Ende der 60. Jahre kennzeichneten diese Stimmung, die bald immer stärker wurde u. in den Jahren 18841894, eine Abwendung von Schiller, wie sie seit der Romantik nicht geherrscht, herbeiführte. Wieder warf man Schiller vor, daß feine Dichtungen nicht erlebt, daß sie nicht nach der Wirklichkeit geschaffen seien. Und schon! stürmte ein junges Dichtergeschlecht mit neuen Forderungen gegen dieIdealisierung" > gegen dieschöne Sprache" au. Seine Wut richtete sich mehr gegen die Schiller Epigonen, die Jambendichter der MünckMer Schule, aber der Meister würde mitvernichtet". Tas Gröblichste leistete ein gewisser Manerhvs in derGesell­schaft", der Wallenstein-Verseöde Quasselei" und die Maria Stuart einePfuscharbeit" nannte. Die BesonNeren unter den Jungen, die Harts, Br ahm, Schlenthtt, ließen den jungen Schiller gelten, dessen Realismus ihnen imponierte. Aber aus dem Kampf des Tages ging Schiller, der bereits ein Jahrhundert durch die Macht seiner Individualität überwunden hatte, als Sieger hervor. An seinem 100. Todestage brachte ganz! Deutschland und die halbe Welt dein Kämpfer für das Ideal her durch die Macht seines