Ausgabe 
10.11.1909
 
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Willens alle Menschlichkeit bezwungen, seine Hnldigwttg dar und heutö feiern wir voll Ehrfurcht vor dem leidenden Titanen und voll Bewunderung für den triumphierenden Mnstler die 150. Wiederkehr des Tages, an dem sein Genius der Welt geschenkt ward.

Marbach.

Biele Brenschen und Tinge empfangen ihren Wert von den großen Persönlichkeiten, mit denen sie ein freundliches Geschick in eng« Bsrbmdung gebracht hat, und ebenso pflegt auf die Orte, wo ein Genius gehaust hat, von dessen Glan; ein Teilchen zmrückzu- strahlen. Sa zehrt auch das württembergische Marbach von Schillers Ruhm. Ohne ihn würde dis kleine, Inmitten der freundlichen Neckarlandschaft über dem steilen Felsengelände des Flusses hübsch gelegene Oberamtsstadt mit ihren 2400 Einwohnern, die sich durch keine sonderlichen Merkwürdigkeiten auszeichnet, heute noch ebenso im Verborgenen blühen wi« vor 150 Jahren. Doch hat fie eine nicht so ganz nub-edeutende Vergangenheit gehabt. Sie bildete schon eine römisch« Niederlassung und einen Kreuzpunkt alter Heerstraßen. Urkundlich erscheint sie zum erstenmal iin Jahre 972 als Markbach, durch welchen Namen sie sich als Grenzscheide Mischen Schwaben- und Frankenland zu erkennen gibt. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts in die Hände der württembergischen Grafen ge­fallen, diente sie diesen als nicht unwichtiger Stützpunkt ihrer anfstrebenden Macht. Reste von Mauern, Zwingern und Gräben, dis Türme und das alte Fürsteuschlvß legeri davon Zeugnis ab. Im 15. Jahrhundert erhielt sie in der dreischiffigen illexauder- kirche, deren kühn aufsteigender Turm jetzt die 1860 von den Deutschen in Adoskau gestiftete Schillerglocke Eonoo-rdia trägt, «in beachtenswertes Denkmal spätgotischer Baukunst. Aber dann ging es abwärts mit Marbachs. Feuersbrünste und andere Unglücks­fälle fügten dem Städtchen großen Schaden zu, das 1693 von den Franzosen so gut wie völlig eingeäschert ward. Es erhob sich wieder ans der Asche, blieb aber verarmt, und die engen krummen Gassen der Altstadt, die dichtgedrängten Baureihen der ärmlichen Häuser erzählen noch heute von alter Rot und Dürftigkeit.

Unter den eingesessenen Geschlechtern Marbachs genoß die Bäckersfamilie Kodweis Ansehen. Ter Bäckermeister und Löwen­wirt Georg Friedrich Kvdweis, Sohn und Enkel von Bürgep- meisterrt, brachte es gar zum herzoglichen Holzmesser. Sein 17» jähriges Töchterlein Dorothea feierte am 22. Juli 1749 Hoch- zeit mit dem ehemaligen bayerischen Regimentsfeldscher Johann Kaspar Schiller, der sich kurz vorher im Städtchen als Wund­arzt niedergelassen hatte. Aber der rasche Vermögensversall des Schwiegervaters Kodweis veranlaßte den jungen Ehemann, schon im Jahrs 1753 wieder Kriegsdienste, und zwar diesmal herzog­lich württembergische, zu nehmen. Dovothea Schiller blieb in der Vaterstadt zurück. Im Jahre 1758 bezog sie mit ihrer Erst­geborenen Christophine die untere Stube des dem Säckler Schöll- wpf gehörigen Häuschens in der Niklastorstraße. Hier schenkte sie, dieweil der Gatte im Feld stand, ihrem ersten und einzigen Söhnchen Friedrich das Leben.

Nur etwa die drei ersten Jugendjahre hat der junge Schiller in Marbach verlebt. Aber später ist er vom nahen Ludwigsburg aus noch oftmals zum Besuch der Großeltern in die Geburts- stadt hinübergewandert. Seit seinem Eintritt in Herzog Karl Eugens Militärakademie dürfte er sie nicht wieder betreten haben. In freundlichem Gedenken hat er sie zeitlebens behalten. An der Elblandschaft in Dresden ist ihm eineschwesterliche Aehn- Uchkeit" mit seinen Heimatfluren aufgefallen. Marbach aber hat Unmittelbar nach dem Heimgange seines großen Sohnes damit begonnen, sich zu einer der Hauptstätten der Schillerverehrung zu entwickeln. Es setzte seinen Ehrgeiz darein, in seinen Mauern ein Standbild des gefeierten Dichters zu errichten, welcher Wunsch infolge allerhand widriger Umstände freilich erst spät erfüllt wurde. Zunächst gelang es dem 1835 gegründeten Marbacher Schiller- Verein, das Geburtshaus des Dichters, dessen Identität schon 1812 durch ein amtliches Protokoll unzweifelhaft festgestellt worden war, um einen Kaufschilling von 4000 Gulden zu erwerben. Nach einer alten Zeichnung in seiner ursprünglichen Gestalt wieder­hergestellt, wurde es an Schillers 100. Geburtstag« in An­wesenheit der Schillerschen Familie festlich eingeweiht. Durch Stiftung von Handschriften, Bildern und Reliquien wuchs es sich allmählich zu einem kleinen Museum aus, und mehr und mehr Wurde das nunmehr in einstündiger Eisendahnfahrt von der Landeshauptstadt bequem zu erreichende Marbach ein Wallfahrts­ort für andächtige Gemüter. Am 9. Mai 1876 konnte endlich auf der aussichtsreichenSchillerhöhe" das Denkmal enthüllt werden, zu dessen Guß Kaiser Wilhelm I. von den Franzosen! erbeutete Kanonen geschenkt hatte. Es ist ein trefflich gelungenes Werk des jungen Meisters Ernst Rau, der schon vor der Weihe­feier das Zeitliche gesegiret hatteein Bild jenes Ewigjugend- Achen, wie er soeben mit den ersten Zeugungen seiner bezwingenden Schöpferkraft die Welt überrascht hat und jm Begriff steht, zu Noch höheren Taten des Genius aufzusteigen", um Worte aus o«r Festrede be# Poeten Joh. Georg Fischer zu gebrauchen.

Dein pietätvollen Eifer der wackeren Marbacher winkte n-rch ein reicherer Lohn. Jm Jahre 1895 bildete sich ihr kleiner Lokal­verein zu einem allgemeinen Schwäbischen Schillerverein um, der.

unter dem Protektorat des für di« Sache begeisterten Landesl- tzerrn stehend und sich über ganz Deutschland verbreitend, bald über beträchtliche Mittel gebot und eine Menge handschriftl'.cher und sonstiger Schätze an sich zog. Um diese sicher zu bergen, 6fr durfte es einen eigenen Gebäudes, zu dessen Sitz nach kurzem Schwanken Schillers Geburtsort auserkoren ward. 1903 konnte das auf der Schillerhöhe im Spätrokokostil des Herzog Karl Eugenschen Zeitalters erbaute Schillermnseunr eingeweiht werden, das zugleich als Museum und Archiv für die Nachlasse der übrigen schwäbischen Dichter dient. Marbach ist durch diese Sehens­würdigkeit ersten Ranges zu der meistbesuchten Gedenkstätte be# Schwabenlandes geworden, und kaum anderswo werden alle, die den Spuren des volkstümlichste deutschen Dichters nachgehen!, seine Nähe so unmittelbar fühlen wie in dem traulichen Neckart­städtchen, wo er zuerst das Licht der Sonne begrüßt hat.

VeL'm! Achtes.

* Das Alter der Gustel von Blasewitz. Es ist Bühnenüberlieferung, die. Marketenderin, die Schiller int fünften Auftritt vonWallensteins Lager" als Gustel von Blasewitz einführt, als ältere komische Chargenrolle aufzufassen. Man kann sich dabei auf den Vorgang der Goethe-Schillerschen Theatev-- direktivn in Weimar berufen. Tenn bei der Erstaufführung des Vorspiels am 12. Oktober 1798 war dis Gustel der Vertreterin der bürgerlichen Mutter, Madame Beck, anvertraut worden. Diese hatte in Weimar am 29. Aprit 1794 als Oberförsterin in Jff- landsJägern" debütiert und wurde auf Michaelis 1823 in den sstuhestand versetzt. Es mag nun sein, daß Frau Beck, ob­gleich sie nicht mehr zu den jüngsten gehörte, sich für die Roll« besonders gut eignete, und man rühmte ihr wirklich nach, daß sie die flinke Marketenderin sehr gut gespielt habet es mag auch sein, daß die Besetzung ein Notbehelf war, weil gerade keine passende jüngere Kraft für die Gustel verfügbar wär. Jedeiv- falls ist cs aber erlaubt, von dem Dramaturgen Schiller an den Dichter Schiller zu apollieren. Wie alt haben wir uns etwa aus Grund der Dichtung feilte Gustel von Blasewitz vor zu stellen? Bewegt genug ist ja das Leben, das sie hinter sich hat. Sie war dabei, als Wallenstein den Mausfelder stach Ungarn ver-- fcflgte, war bei der Belagerung Stralfuiids, dann in Oberitalien, in dett Niederlanden. Das zuerst genannte Ereignis fällt in das Jahr 1627, und da solche Soldatenweiber ihre Laufbahn zeitig beginnen, kann sie 1634, in welchem JahrWallensteins Lager" spielt, iwch sehr wohl in den Zwanzigern gewesen fein. Demi widerspricht der Umstand, daß sie bereits eilten etwa acht­jährigen Jungen hat, der zur Schule geht, keineswegs. Auch dis Nichteaus dem Reich", die fie bei sich hat (nach der Aw- nahme der Erklärer übrigens nur eine vorgebliche), schadet nichts, da ja Gustels Schwester, deren Kind die Dirne sein soll, älter gewesen sein kann als Gustel selbst. Vermutet mau übrigens, daß Gustel auch die Mutter dieses Mädchens ist, so braucht sie darum trotzdem die Dreißiger noch nicht allzu lange überschritten, zu haben. Das Urbild der Gustel ist bekanntlich Johanne Justine Seg-edin, das Töchterchen dec Besitzerin des fogenanntenSchenk­guts" in Blasewitz, wohin Schiller von Dresden aus nicht selten' kam. Das heitere Mädchen lebte doch wohl in jugendlicher Ge­stalt in des Dichters Erinnerung fort, und dies ist eilt weiteren Grund, warum wir uns die Gustel von Blasewttz inWallenp steins Lager" nicht als zu alt denken dürfen. Demgemäß wird die Rolle auf der Bühne am besten einer Soubrette xugeteilh, die keck zu charakterisieren weiß und Humor genug besitzt, in ihrer Erscheinung zum Ausdruck z-u bringen, welche Üebensstürme be­reits über das junge Weib hiugebraust sind. Niemals aber darf sie das Gebahren einer komischen Alten halten.

Zitaten-Kätsel.

Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:

1. Weh dem Lande, wo man nicht mehr singet,

2, Was wolltest du mit dem Dolche, sprich,

3. Nicht der ist aui der Welt verwaist, Dessen Vater und Mutter gestorben, ....

4. Sein ganz' Verbrechen ist, mein Freund zu sein.

5. Röslein, Röslein, Röslein rot, .

Röslein auf der Heiden.

6. Die Wahrheit ist vorhanden iitr den Weisen.

7. Es ist nicht zu mit rechten Dingen.

8, Wer reitet so spät durch 9iacbt und Wind?

9. Alle Schuld rächt sich auf Erdem

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummerr

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Arm Freya F r e y t a g Ratte San

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Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.