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Maria Hendrina von Goch.
Novell« voll Luise Sch»lze-Brück.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Hendrina hau Eichert ging wie in einem Wchen Traum. Ihr, die nie ans Goch herausgekommen, !var alles Ivie ein Wunder. Mit halbem Ohr hörte sie auf das unablässige heitere Geschwätz der anderen. Neben ihr ging der junge Mann, den sie am Tage vorher scholl gesehen. Er sah ihr mit dreister Bewunderung ins Gesicht, ganz nahe. Seine schwarzen Augen glühten wie Kohlen, sein blasses schmales Gesicht mit dein kecken Schnurrbärtchen war seltsam beleuchtet in dem Dämmerlicht, in dein Schein., der vom Eise znrückstrahlte.
Derselbe Schimmer ging auch über das Weist rind Rot ihrer Wangen und liest ihre sonst so stillen Augen höher aufglänzen. Sie batte a-iim Schlitz gegen die Kälte ein hellblaues Tuch um* geschlagen,, daö ihr die Hildegard noch schnell heilte mittag ausgesucht hatte. „Mau steht dir am scheetlst," hatte sie gesagt, „mit dem Duch um die Hvor uir bei Gesicht, do bischte wie & Bild. Der Ameriganer iS ichnilst ganz in dich verschlösse."
„Wer?"
„No, der Ameriganer! Der Tschortschie! Weestte, der hibsche, schwarze Bub, der heut' ulorge mit mir do euuff komme is! Des iS Eener! Der hot ü feurig .Herz' Do nimm dich vor in acht! Wann der dich verwischt, do kannschte's lerne, !vie es is, wann lner ä ff ui-, kriegt!"
Sie kicherte leise in sich hinein. Hendrina sah sie imgewist alt.
„No jo! Guck nor nit wie 6 nnschullig Kind! Uit a schccner Barsch iS das! Mei Geschmack iS er jo nett! Awwer ick» weest ii halb Dutzend Mädcrcher, die bis üwwer die Hoor- spitze in en. verliebt sin. Aw-ver ä is ä Ausgespitzter! Keilte kann cn festhalbe, ä wutscht en immer Widder weg. Un ä guhde Bardhie is er! In Rüdessenl wohnt er mit seiner Mudder ganz allein in ere feine Billa. Geld Hot er wie Heu und schmeistt nor so damit erunt. Schlaurpanjer drinke se als emal die ganze Nacht! Ae Wilder is das — ä Beeser."
Nun ging der Wilde, Böse ganz zahm nebelt ihr und er- Zählte ihr, wie sehr er sic bewundert habe tags vorher. Aber das alles schwirrte eigentlich halb ungehört an ihrem Ohr vorüber. Zu viel wars, was auf sie einstürmte. Die fremde Gegend, die fremden Menschen, die so lustig waren, ihre rasche laute Sprache, ihr lebhaftes Gebühren, — dast cs so etwas überhaupt gab. — Wsiuu sie in Goch wäre, dann säste sie jetzt am Fenster mit der Häkelarbeit, und die Base ain anderen Fenster mit deut alten Goffine, aus dem sie das Gebet für den Silvcstertag vorlas. Und nachher, wenn sie ihr Abendbrot gegessen hatten, dann gingen sic dicht vermummt in die Silvcsterpredigt, durch die engen stillen Straßen des stillen Städtleius, wo das Leben seinen gelassenen Gang ging, einen Tag wie alle Tage.
Hendrina atmete tief auf und schaut sich nur. Ihnen eni- gcgen auf dem schmalen Pfade kam ein Trupp übermütiger junger ptesellem Sie sangen nu Rheinlied, mit den Hals hatte'
au einer Schlw-, eine Weinflasche gehängt, in der Hand trugen sch Lamprvns, die kn bee- beginnende» Dämmerung schon lustig bunt aufleuchdeten. Der Borderste hielt seinen Lampion dicht vor Hcui- driuas Gesicht rind blieb einen Augenblick verdutzt stehen: „Eine Nheinnixe," ries er bewundernd. „Prosit, holde Loreley."
„Uttb cm Kobolds" lachte ein anderer, Hildegard mit Hutschwenken begrüstcud. „Bwstt, Prosit!"
Sie waren schon vorüber, als Hendrinas Begleiter sich zornig umtvendete. Hildegard lachte laut. „Des sin die neue Techni', die sin erscht gestern komme, die hawwe gleich gut angefauge. Die komme do owwe her, do is nur de Wei «et gewöhnt, do hawwe se sich in Rüdessem gleich eine angeduselt! Gucke S« net so best drein, Herr Tschortschie, mer must annerc Leit nach' als emol & Spa st losse!"
Sie war einen Moment zurückgebliebe», jetzt sprang sie Beert van Endert nach, der weiter gegangen war, und schäkerte weiter mit ihm. Beert war neben dem kleinen Geschöpf doppelt grast und stattliche Gr ging schweigsam neben ihr her, in seinen Sonntagskleidern sah er stattlich und gut ans. Der Amerikaner !var viel kleiner und schMächtiger, wie ein Kind erschien er neben' dem Beert. Aaumb dast er so grast !var wie Hendrina selber. Wenn er mit ihr sprach und sich zu ihr neigte, dann waren seine, Augen so nahe, bei ihr, und sie sah seinen merkwürdig roten Mund. Da waren noch ein paar fremde Gesichter, Mädchen und jungg Leute, alle lachend, rot von der Kälte, lustig, sich Scherzworte Wrufend i.md Anspielungen, die Hendrina gar nicht verstand.
In Hendrina van Endert war eine sonderbare Unruhe. Rio« umls war sie mit jmrgen Leuleu zusammen gewesen, nie hatte sie rasch bette«, viele Eindrücke in sich aufnchmcn müssen. AlleK um sie und fn ihr war still gewesen, leise, wohl geordnet. Nun kam sie sich hilflos vor, wie ein Kind, das vom Gäugelbande K'K- gelassen, unsicher umherhappti
So. fast sic auch ganz («eiwmmeu beim berühmten Drosselwirt in der gemütlicher^ Weinstulie. Der Rüdesheimer Wein funkelte golden in einem riescngwsten RömerglaS vor ihr, der Weg und die Kälte hatten ihr Durst gemacht, wie Feuer floß der erst« Schluck des schweren Weines durch ihre Kehlc. Ah, das schmeckte gut, das tat wohl. Um sie herum waren sie alle lustig. IW dem gvosteu Zimmer teere« alle Tische besetzt. Leichtlebiges, rheinisches Volk, das schon Wsamineugeströmt war, um über das Rhemeis gtt gehen. Hell klangen die Gläser zusammen, lauter schwirrten bk- Stimmen durcheinander, bläulicher Zigarrenrauch füllte die Luft, dast die Lampen einen Hellen Dunstkreis hatten.
Dann fingen junge Leute an einem der Tische zu fingen an!> und alles fiel ein: „Strömt herbei, ihr Bölkerscharen", und als alle Strophen gesungen waren, sprang der junge Amerikaner! neben Hmdrina auf seinen Stuhl und schwang seiner Röuwr mch sthrmste mit einer bestrickenden Baritonstimme an:
„Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald, D« nmchs«! unstre Reben,
Grüß mein Lieb »m grünen Rhein, Grüß -mir meiner gvldnen Wein, Wr in DeutschlMtd, ja ntnr in Deutschland, D.a tvils ich ervig leben" —: .—~


