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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Sie mußte lachen wider Willen. „Beklagt hast du dich nicht so sehr, Onkel, aber verstimmt bist du oft!"
t „Ja, das ist's, man kann's nicht lassen!" Der Bürgermeister ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und stützte den Kopf in die Hand. „Es bost einen doch, wenn man es so von Herzen gut mit ihnen meint und sie denken noch, man will ihnen was Böses. Das unglückselige Maar, es hat was zwischen mich und meine Eifeler gebracht! Ich hab 'manch schlaflose Nacht drum. Kennst du die Geschichte, Kind?"
Sie nickte. „Heinrich Hommes hat sie mir erzählt; dec sagt: Liebesleute verstehen einander ja auch mal nicht!"
„Liebesleute! Was — Liebesleute hat er gesagt? Ha ha! Ach ja, meine Eifeler und ich verstehn einander jetzt immer nicht; ich weiß nicht, liegt es an mir, liegt es an ihnen? Zum Donnerwetter, sie müssen doch wissen, daß ich's gut mit ihnen meine! Wenn sie mir nicht parieren, die Schafsköpfe, und Dummheiten machen, was kann ich dafür? Gestern in der Gemeindesitzung hab' ich es aber energisch erklärt, ich Eiimmre mich um die Sache nicht mehr. Jetzt schreien die Meerfelder Hunger! Wie oft hab' ich gesagt: fangt Hausindustrie an, flechtet Körbe, bindet Besen, schnitzt Holzsachen! Ae was, sie denken nicht dran! Und alle Winter dieselbe Litanei, diesmal toller denn je. Und die Manderscheider halten auch nicht zu mir!" Er seufzte und sah düster vor sich nieder. „Sie reden darüber, daß' ich die 'Besä im Haus hab'; als ob ich alter Mann an der nicht ein reines Wohlgefallen haben könnte. Und dann das Scheußlichste ist" — er stockte und rückte heftig mit seinem Stuhl — „sie — sie sagen, ich hätte bei der Sache mit dem Meerfelder Maar meinen Profit gehabt. Bon dem bewilligten Geld hätte ich — Herrgott, ist das eine Gemeinheit, es ist um rasend drüber zu werden!"
Er fuhr sich durch die Haare, die Stimme zitterte ihm; er sprang auf und rannte in der Stube hin und her. „Sie sind toll — meine Eifeler!"
„Onkel!" Nelda stand auf und trat zu dem Erregten; zum erstenmal seit langer Zeit war auf ihrem Gesicht nicht der zerstreute, geistesabwesende Ausdruck. Sie hatte ein feines Ohr bekommen für den Schmerz, der auch unausgesprochen klingt. „Onkel Konrad, hast du ihnen alles erklärt? Sie sind so dumm. Du mußt es ihnen klar auseinandersetzen, was das für ein Unfinn ist. Sie müssen dir dann glauben. Sag's ihnen doch!"
„Nein. Wo denkst du hin? Ich werde mich doch nicht verteidigen?! Wenn sie mich nicht Leiser kennen! Man könnte bitter werden; manchmal denk' ich, ich bin's schon. Nur das nicht, nur das nicht, dann wird man auch unge
recht! Ach!" Er ließ fick wieder auf den Stuhl fallen, die geballten Fäuste auf den Knien. „Hab' ich nicht unk sie geworben, wie ein Bräutigam um seine Braut — fünfundzwanzig lange Jahre in guter und böser Zeit? Nun tun sie mir das an!" Der Kopf sank ihm auf die Brust.
Nelda sah, daß er Thränen in den Augen hatte. Sie hatte ihn nie so gesehen. „Onkel," sagte sie leise.
Er gab keine Antwort.
„Onkel!" Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Meine Eifeler!"
Sie blieben lange stumm. Im Ofen knisterte das Feuer, die Holzscheite knackten; ein Regen von Funken sprühte durch die angelehnte Ofentür mitten hinein in die Stube. Sie glimmten auf dem Boden; Nelda trat sie aus, schwarze! eingefresfene Punkte blieben in der weißgeschenerten Diele zurück. Sie sah darauf nieder — ach ja, solch eingefresfene Punkte gibt's auch in jedem Herzen!
„Onkel!" Sie kauerte rasch vor dem Sitzenden nieder und sah ihm von unten herauf mit großen Augen fragend in's Gesicht. „Glaubst du, daß es etwas gibt, was einem die wunden Stellen im Herzen so zuheilt, als wären sie nie gewesen? Tut das die Religion? Ich möchte das wissen! "
Er schüttelte langsam verneinend den Kopf. „Hör' mal zu, Nelda! Ich bin früher, als du noch gar nicht geboren warft, Offizier gewesen, dazu ein sehr flotter —1 du weißt es ja — der Water spricht nicht gern davon, habe zu tolle Fahrten gemacht. Das Ende vom Lied war, ich mußte den Abschied nehmen; sie dachten, ich wäre gut katholisch, drum kriegte ich die Bürgermeisterstelle Heer, Ich habe auch jetzt noch meine Religion, 0 ja, nur etwas anders, als die Kirche sie serviert! Wenn du die Wahrheit wissen willst, so sag' ich dir: ich bin kein Katholik, ich bin kein Protestant — ich bin ein Mensch, der Gott sucht. Was einem die Wunden im Herzen zuheilt, ist nicht die Religion, schlechtweg aufgefaßt, denn damit ist nur die Kirche gemeint Munden heilen kann nur die Natur. Und die Natur ist Gott.
's ist ja bei dir eine andere Sache, du bist jung! Wenn man jung ist, klammert man sich an das, was die Sinne umnebelt. Aber wart', wenn das Blut kühler wird, laßt das Rumoren von den Sinnen nach; das Herz ist dabei nicht weniger warm, es schlägt nur anders!"
„O, ich möchte nicht alt werden — und allein sein!" Nelda fröstelte, als striche ihr eine eiskalte Hand über den Rücken; sie hatte tiefdunkle Ränder um die Augen, ihre Lider waren schwer.
„Onkel, wie deine Frau starb," fragte sie plötzlich unvermittelt, „warst du da sehr traurig?"
Er nickte etwas verwundert.
„Ich meine nicht nur traurig, nein, unglücklich, verzweifelt ! Warst du verzweifelt, Onkel Konrad?"
„Nein, das war ich- nicht." Ein trüber Schatten glitt


