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des siebzigjährigen Künstlers überraschend kühne imd boit aller Tradition abweichende Anffassiuig der EntmatertaltsatMU.
Seinen Abschluß erhält dieser von aller Innigkeit emes deutschen KlinstlergemiW beseelte Zyklus durch die vierte Wand, in deren Mitte sich der niedrige Eingang befindet. In zwei übereinander angeordneten kleineren Mlderzyklen ist hier ent Eizes Kalendarium! verlebendigt: oben die zwölf Monate (darüber ttt Schnitzwerk die zwölf Zeichen des Tierkreises), unten die sieben Wochentage. Während die Monate nach ihrem Naturcharakter allegorisiert sind — z. B. der Februar durch Frau Polle im. Schneegestöber, der November durch ein paar Jünglinge, die ans den Wolken Regenfässer gießen — waren für die Darstellung der Wochentage deren Namen bestimmend: Sonne und Mond für Samt- und Montag, Mars oder Thiu für den Dienstag, Merkur, Donar, Freia, Saturn — alle in Brusthöhe gemalt — für die übrigen. Eine liebenswürdige Idee ist hier volkstümlich im besten Sinne gestaltet, ititb inan darf schon jetzt wünschst, diese Bilder in Form eines „Thoma-Kalenders" dem großen Publikum bald zugänglich gemacht zu sehen.
Diese ganze, so groß wie einfach geichafsene Verwirklichung eines künstlerischen Schöpfungsgedankens trägt durchaus den Charakter einer persönlichen Offenbarung, wirkt wie die Krönung eines langen und reichen Lebenswerkes. Man niag tu ihr so etivas wie .Hans Thomas Neunte Sinfonie erblicken, womit aber beileibe nickt gesagt sein soll, daß der allen Jungeil zum Trotz twch arbeitsfrohe Meister damit schon dem AbsaKlß semes Schaffens nahe sei.
Vermischtes.
* Zum 3 0 0. Geburtstage von Paul Flemming. Am 5. Oktober 1609 wurde in Hartenstein an der Mulde der Pfarrerssohn Paul Flemming geboren, eine der sympathischsten Erscheinungen in der Oede der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts. Thomasschüler, Student der Medizin in Leipzig und Magister waren die Stufen in der Entwicklung des jungen Flemming. In Schlesien lernte er Opitz kennen und schon der 23 jährige wurde kaiserlicher Poeta laureatus. Da floh er vor den Kriegs- läuften nach Holstein, und hier schloß er sich jener merkwürdigen prunkvollen sechsjährigen Gesandtschaft an, die Herzog Friedrich von Holstein-Gottorp über Moskau nach Persien schickte. Auf der Rückkehr verlobte er sich in Reval und wollte sich hier als Arzt niederlassen. Da erkrankte er in Hamburg, starb schon nm 2. Avril 1640 und liegt in der dortige« Katharinenkirche begraben. Sein frisches poetisches Talent führte ihn hinaus über die Regelhastigkeit des Opitz. Treuherzig feierte er Freundschaft und Liebe, und die Not der Zeit gibt seiner Poesie einen an- mutigeu elegischen Einschlag. Durch die Floskeln der Rhetorik des 17. Jahrhunderts bricht überall bei ihm lebensvolle Empfjn- dung, Kraft des Ausdruckes, ja bisweilen ein sprachlicher Wohllaut, der dann hundert Jahre deutschen Versen mangelte.
* Die Tochter Viktor Hugos. Die Franzosen beschäftigen sich mit dem Privatleben ihrer großen Dichter und allem, was damit zusammeuhängt, nur sehr wenig, und so ist eZ auch nur recht wenig, und am wenigsten vielleicht in Frankreich selbst bekannt, daß Viktor Hugos'Tochter Adele noch am Leben ist. Hochbetagt — sie hat 78 Jahre bereits überschritten — wohnt sie in Suresnes in einer kleinen Villa, begraben von Vergessenheit und Schweigen. Sie hat ein tragisches Schicksal hinter sich. Als sie noch mit ihrem berühmten Vater in der Verbannung auf der Insel Persey lebte, verliebte sie sich sterblich in einen jungen englischen Artillerieoffizier. Viktor Hugo gab seine Einwilligung zur Heirat nicht, da er den Offizier iubezug auf Charakter und Geist für sehr unbedeutend hielt; dieser entführte die Geliebte erst nach England, hierauf nach Singa- pore, wo er in Garnison stand. Die schöne junge Frau wurde hier bald sehr unglücklich. Ihr Gatte hatte nichts als seinen Sold, den er zum großen Teil vertrank; er erwies sich bald so Ivie Viktor Hugo ihn beurteilt hatte: als roh, ungebildet und streitsüchtig. Zwei Kinder, die aus der Ehe hervorgingen, starben bald — aus Mangel am Nötigsten, und der Offizier erschoß sich in einem Anfall von Delirium tremens. All dies Schlag auf Schlag hereinbrechende Unglück verwirrte Adeles Sinne; beinahe geistesgestört wurde |ie schließlich einige Wochen nach dem Tode ihres Mannes int Eingeborenenviertel von Singapore gefunden. Die Familie eines englischen Kaufmanns nahm sie auf und benachrichtigte Viktor Hugo, der sie zu sich kommen ließ und in eine. Heilanstalt bei Vincennes verbrachte, ivo sie lange Jahre geblieben ist.
* Einer, der vom Nordpol ui ch t s w i s s e n will, ist der kleine Harry Pear y, der Sohn des großen Peary, des Nordpolentdeckers. Der Enthusiasmus und das Interesse, mit dem die ganze Welt die Entdeckung des Pols
Redaktion: St. Neuen! h. — Rotationsdruck und Vctlaa
und den Streit zwischen Cook und Peary verfolgt, findet bei ihm keinen Widerhall. Mit seinen sechs Jahren ist er über das alles erhaben. Obwohl er die allerueuesten Nachrichten habe,! könnte und einen von viele,t beneideten Platz mitten im Lager der Peary-Freunde hat, ist ihm nichts unangenehmer, als vom Pol zu hören. Seit die Nachricht von des Vaters Siege kam, ist's aus mit den schönen Märchengeschichten, die die Mutter erzählte in aller Ruhe und Behag- lichkeit. Die Journalisten belagern das Haus imb belästigen ihn. Deshalb wurde Harry auch einem Interviewer gegenüber ganz energisch und sagte: „Könnte man denn nicht endlich ,nal von etwas anderem sprechen?"
* Vermögen in Parfüms, lieber die Kostbarkeit und Feinheit der neuesten Parfüms hat ein bekannter Londoner Parfümfabrikaut interessante Mitteilungen gemacht, die zeigen, daß das Herstellen von Düften zu einer schwierigen Kunst geworden ist. Die Damen sind heute in der Wahl des Geruchs, mit dem sie sich umgeben, außerordentlich verwöhnt und subtil. Des Geruchs einer einzigen Blume sind sie überdrüssig geworden, sie wollen seltene Mischungen, zarteste Nuancen. So müssen denn ganz neue Parfüms geschaffen werden, in denen sich eine zarte Skala ätherisch leiser Düfte zu einer seelischen Harmonie znsammeu- fügt. Denn die Kunst des Parfümfabrikäuteu unterscheidet sich nicht viel von der des Malers und des Musikers, mit den reichsten Akkorden fein zusammengestimmter Düfte mutz er auf die ©time wirken; muß eine Atmosphäre des Wohlgeruchs schaffen, die herrliche Phantasien und Entzücken hervorruft wie nur irgend ein Kunstwerk. Große Summen werden schon bei den vorbereitenden Arbeiten im Laboratorium ausgegeben, wenn zahlreiche Versuche unternommen werden und gleichsam der Grundton des Parfüms fest- gestellt wird. Eine halbe Tonne Veilchen gibt nur ein winziges zwei Zoll hohes Fläschchen, in dem die berauschenden Duftivellen seiner Blüten zusammengedrängt, der Geruch zur Essenz kondensiert ist. Solch ein Fläschchen kostet 800 ML. Wer man "experimentiert nicht nur mit Veilchen, sondern auch mit Jasmin, Rosen, Orangeblüten und Cassien, aus denen Essenzen hergestellt werden. Hinzu kommen dann noch Gerüche, die von anderen Pflanzen, von Moschus, Vanille usw. gewonnen werden. Sind solche Essenzen in besonderen Laboratorien hergestellt und ihre verschiedenen Mischungen erprobt und beobachtet, dann bleiben noch die Düfte übrig, die von Tieren gewonnen werden, so der natürliche' Moschus vom Moschusochsen, Ambergris vom Walfisch und das Bibergeil vom Biber. Eine besondere Kunst erfordert auch das Färben des Parfüms, denn bcr Parfümkult wird von den Damen soweit getrieben, daß eine Dame für ein rosafarbenes Kleid nicht nur ein Parfüm vou rosigem Duft, sondern auch mit rosa Farbe verlangt und für eine violette Robe ein violettes Parfüm."
* Tadeln b e r Kinder. Auch Kinder haben ihr Ehrgefühl; haben sie solches nicht, so sind meistens die Eltern selbst schuld. Kommt Besuch, so soll sich das Kind im beste«, Lichte zeigen, wird nun aber in dessen Gegenwart das Kind rechtschaffen ausgescholten, wenn etwas nicht ordnungsgemäß ist, so wandert es sich in seinem kleinen Verstand, daß Dinge gerügt werden, die sonst niemals von bösen Folgen begleitet waren. Ist der Besuch dann fort, so ist das Kind zerknirscht und tückisch zugleich. Dies Tadeln vor Fremden ist ein heikler Punkt; es gibt Ausnahme- sälle, wo es angebracht ist, im allgemeinen aber ist es vont lieber. Unter vier Augen wird die Mutter eine weit bessere Wirkung verspüren, auch wenn es sich um eilte körperliche Züchtigung handelt. Wer das Kind nicht gelehrt hat, wie es sich in der eigene« Familie zu benehmen hat, kann nicht erwarten, daß es sich unter Fremden auszeichnet. Es dann aber tadeln, ist kcines- ivegs angebracht; das Bloßstelle« kleiner Schwächen einer Kinderseele vor Fremden mindert die Liebe des Kindes und raubt Demselben das schöne hingebende Vertrauen, welches zwischen Eltern imd Kindern bestehen soll.
Logogriph.
Mit „B" als Fluß int deutschen Land, Mit „M" als Herrscherin bekannt.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummert
Die Mühe ringt dem harten Felsen ab
Was je um Schmeiß ein Gott der Menschheit gab.
Die Treue spart des Schicksals Preise,
Arbeitend, wissend bildet sich der Weise. L. Schalding.
der Brühl'scheu llniversitats-Buch- und Stcindruckerei, R. Lange, Gießen.


