My
Samstag den 6. November
Ei
fi
Ulf
ioT
I
Li
WWMW
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Sie ging dem Dorf zu, dann fiel ihr Plötzlich ein: wie kam er auf die Oberburg? Kein Schnee war geschippt; ein schmaler geländerloser Pfad über nackte Felszacken führte nur dorthin, selbst in besserer Jahreszeit schwindelerregend beim Blick in den Abgrund zu beiden Seiten. Welche Tollkühnheit! Unwillkür ich bl eb sie stehen und sah sich um — da, weit drüben stam,pfte schon seine dunkle Gestalt durch den Weißen Schnee. Nun kam die schlimmste Stelle, die kannte sie Wohl, die wurde in der Kinderzeit mit seligem Grausen passiert! Da war schon einer abgestürzt und hatte unten in der Schlucht mit zerschmetterten Miedern gelegen. Sie öffnete die Lippen: „Halt, Vorsicht!" Es war noch nicht gerufen, da drehte er sich um, als habe er ihren Blick gefühlt.
Er riß die Mütze vom Kopf, schwang sich mit einem kühnen Satz auf den äußersten Borsprung der Felszacke und winkte. „Halloh — ho — ho, Fräulein Nelda!"
Die Berge hallten wieder; wie Posaunenstoß drang die kräftige Stimme hinunter in die Schlucht, Schnee löste sich und polterte abwärts. Der kecke Mensch sprang mit gleichen Füßen in die Höhe und stieß einen zweiten Ruf aus. Ein Jauchzen waus.
„Mle Knochen im Leib schlag' ich dem kaput" — Nelda glaubte Wohl, daß er dazu fähig wäre. Sie lächelte wehmütig — merkwürdig, daß sie schon an etwas anderes denken konnte! Seit sie hier, war es nicht mehr nur das eigene Geschick, das sie ganz und gar in Anspruch nahm. Die furchtbare letzte Zeit trat etwas zurück, Wohl dachte sie daran in jedem einzigen Augenblick, aber eine Entfernung war dazwischen. Die armen Eltern! Die Tochter war entflohen, und die beiden saßen nun so allein, die hatten gar nichts, was sie ablenkte.
Neldas Augen füllten sich mit Tränen, des Vaters Gesicht stand greifbar deutlich vor ihr, bleiche und verfallen am Abschiedsmorgen; gesprochen hatte er nicht viel, sie, auch nicht geküßt, aber mit einem tiefen Blick in ihre Augen gesehen. Den Blick würde sie nie vergessen; er war vorwurfsvoll und entschuldigend zugleich. Und bei Xylanders, wie würde es da sein? Nelda preßte die Augen zu. Oh, keine Zeit, kein Ort, kein Mensch konnte das schwere Gefühl fortnehmen, das auf ihr lastete! Sie griff mit den Händen um sich wie ein Stürzender, der einen Halt sucht. Wo war eine Hilfe? ! Keine — keine — nirgend! — ---- Wie oft sie hier in dem Manderscheid läuteten!
Es war Mittag, die Kinder kamen aus der Schule, mit offenem Mund starrten sie dem fremden Fräulein nach, Sie grüßten nicht, sie waren zu blöde; nur ein Größerer
sagte recht laut, stolz auf seinen Mut: „Gelobt sei Jeses Christes!"
Und Nelda antwortete mechanisch: „Irr Ewigkeit Amen!"
II.
Im Innen raum der Kirche geheimnisvolles mystisches Halbdunkel; es leiht dem Nüchternsten Poesie. Durch die bunten Fenster fällt kein Tageslicht mehr, nur ein mattes Schimmern. Es duftet nach Weihrauch urrd legt sich schwer auf Sinne und Gedanken. Fm Beichtstuhl ein monotones unverständliches Murmeln. Dort vor dem Seitenaltav kniet noch einer, bewegt die Lippen und kreuzt sich wieder und wieder. Die Himmelskönigin scheint niederzulächeln; die iveißen Lilienstengel in altmodisch porzellanenen Basen knistern leise im Zugwind, der feilt und dringlich durch die Fensterritze fährt. Die Flannne der geweihten Kerze flackert höher, die papiernen Blätter der weißen Blumen sind wie lebend. Aus geschwärzten Rahmen schauen alte Heiligenbilder. Nun neigt der Betende die Stirn bis auf die Fliesen; jetzt erhebt er sich, ein stumpfer Alter, wie mit aus Holz geschnitztem Gesicht. Er schlorrt hinaus und taucht die Finger in's Weihwasserbecken; er nimmt den Segen mit.
„So ruhig, so befriedigt nach erhörtem Gebet", dachte! Nelda . Sie saß in der hintersten Kirchenbank, ganz allein. Warum war sie herein gekommen? Sie beantwortete sich das selbst nicht. In ihr war eine treibende Unruhe, eine mächtige Sehnsucht. Die Veränderung des Ortes machte teilten Eindruck mehr auf sie; alles alte war wiederge- kommen und quälte sie. Sie hatte ein unbezwingliches Verlangen, sich anzulehnen, die Hände um etwas zu legen, zu sprechen: „Hier bin ich, birg mich, gieb mir Ruh!"
Sie preßte die Finger in ihrem Keinen Muff wie zum Gebet ineinander; nun legte sie die Stirn auf die harte Holzlehne vor sich. O dieses wehe Gefühl im Herzen, wann ging das weg? „Nie, nie," klang es ihr in den Ohren. So klang es alle Tage, was sie auch tat, wo sie auch war; es wurde zur Pein, kaum erträglich. Sie raunte sich todmüde in Schnee und Eis, etwas in ihr jagte sie — „wenn ich müde bin, werde ich Ruhe finden!" Sitz kletterte die steilsten Wege hinauf und rutschte sie wieder herab. In Schweiß gebadet, trotz der bittren Kälte, kam sie nach Haus; ihre Wangen waren rot, ihre Lippen glühten, thre Augen bekamen wieder Glanz, aber keinen Glanz, der wohl tut. Sie hatten ein unstetes llmherslackern tote bei einem, der den richtigen Weg nicht findet.
Bürgermeister Dalmer war stolz auf die Resultate seiner Behandlung. „Sie wird frisch," schrieb er nach Koblenz, „braucht euch nicht zu sorgen, bekommt Backen wie ein Posaunenengel; Schlaf, Appetit vorzüglich. Ist Kern in dem Mädchen, beißt sich durch. Könnt' ich dem vermaledeiten Kerl nur mal begegnen! Möcht ihm gern meine Meinung auf gut Eiflerisch sagen."
Zehn Wochen war Nelda jetzt in Manderscheid. Der


