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Onkel hatte recht, sie sah wieder anders aus, das sagte ihr der Spiegel. Sie konnte auch lachen; ja, sie hatte schon gelächelt, als Heinrich Hommes zum Weihnachtsabend eine grüne, duftende Tanne aus dein Waid brachte, und Vefa mit kindischem Eifer bunte Papierketten schnitt, sang und schwatzte. Ja, die konnte lachen! Nelda empfand es fast mit Neid, lieber diese glatte Stirn schien nie ein Kümmer geglitten, nicht einmal ein trüber Gedanke; der 6raun» bezopfte Kopf war lachend unter jeder Wolke durchgeschlüpft. Wie machte bie'S nur?! Arm — eine Magd — die konnte nicht zwanzig Jahre gelebt haben ohne jede Bitternis!
„Vefa, bist bu nie betrübt?" hatte Nelda eines Abends gefragt, als sie am Küchentisch lehnte, und die andre am giCrb mit den Töpfen rasselte. „Bist du nie betrübt?"
„Ne — haha — nie!"
„Aber du warst schon betrübt?"
„O Jeß!" Das Mädchen zuckte die runden Schultern Und lachte, daß man den letzten blitzenden Zahn sah. „Dat sollt' mer fehlen! Emal, als mein erster Schatz untreu war, sein ech bald e so bitntm gewest; aber eweil nimmeh! Ha ha, warum sollen ech betrübt sein? Wie et is so is et; wann't Winter is, kann de Sonn net immer scheinen, aber se kömmt ja Widder ün denn un denn" — sie tat einen Atemzug, daß sich die volle Brust spannte, und schlug sich darauf '— „hier drinn sitzt ebbes, bat macht mich e so froh! Fräulein" — sie wandte Nelda das vom Hero-- feuer angeglühte Gesicht zu — „ech han alleweil en Schatz. Ha ha ha ha ha! Is et net dän, dann is et bau; mer muß nehmen, wat sich biet! Mannsleut giebt et ja genug. U>t wofor sein bann bie Mädercher ba?!"
„Aber, IVefa!"
„Jesses, wat dann, Fräulein? Sünd' is et net. Uit wenn et Sünd' wär, schön is et doch! Ei, un bann gehn ech in be Kirch un beichten, un ben Herr Kaplan gibt mer Gebekcher auf, ben Rosenkranz un die Litanei oder so ebbes, die beten ech, un dann is et all gut. Un dann bin ech froh un gesund wie bie Forellcher umieii im Bach, un wat be Leut sagen" — sie spreizte bie Finger an bie Nase und wirbelte sich auf bem Absatz herum — „itufen Herr Bürgemeister sagt, babran muß mer sich net kehren. Un selig werben ech boch!"
War sie nicht schon selig? Die blühenbe Gestalt in bem einfachen Rock predigte Nelda eine Moral, bie mit ber angelernten nicht in Einklang stanb. Unb dazu bie starke Natur ringsum, bas Fernsein von der Welt, die Stimme im eignen "Herzen, bie nach Erlösung schrie! Wie in Angst konnte Nelda mit beiden Händen um sich schlagen — „nur nicht, nur nicht!"
Es lvar etwas in ihr aufgewacht, was bis dahin geschlafen hatte: selbst die Küsse des Geliebten hatten das noch nicht geweckt. Unter denen war sie geblieben toie der unbetretene Schnee; vielleicht weil ihnen jenes Unbeschreibliche fehlte, was den Kuß zur intimsten Berührung, was den Mann zum Gatten macht, wenn er es auch noch nicht ist. Zum erstenmal hatte dies seltsame Gefühl bei ihr angeklopft, als sie an jenem Abend zu Römer eilte; als sie ben Raum betrat, ben er bewohnte; als sie üt zitternder Erregung bie Arme um ihn schlang, aufgelöst ift Bangen, Freude, Schmerz. Aber es hatte nur angeklopft. Stolz und Verzweiflung hatten das Gefühl erstickt, es war fortgeschwemmt worden von ihren Tränen.
Manchen Abend lag Nelda wachend in ihrem Bett, draußen heulten bie Eifelwinde um's Haus und rüttelten mn Fenster; bie Einsame zog schaudernd die Decke fester um ihre Glieder. Sie fürchtete sich; wovor? Nicht vor dem Sturm, der die Dachziegel klappernd herunkerwars und die Straße entlang fauchte. Ihr wallte das Blut in ben Abern, ihr Herz hatte ein wildes Klopfen. Sie drückte bie Augen zu unb dachte an seine Küsse — nein, nicht an seine Küsse — nein, nicht an bie seinen, an Küsse überhaupt! Sie hob bie Arme unb streckte sich int Dunkel verlangend aus. Nicht nach ihm — nach einem überhaupt! Ihr Herz klopfte wilder, das Blut wallte stürmischer, eine brennende Röte stieg in ihr Gesicht; mit halbgeöffneten Lippen lag sie, Tränen bet Sehnsucht tropften aus ihren Augen.
So schlief sie ein. Unb am Morgen nach wirren Träumen kam bie Scham, eine andre Scham, als bie sie empfnuben hatte nach ihrer Verschmähung burch ben Geliebten; damals war's noch! eine stolze Scham, jetzt eine
tief erniedrigende. In banger Scheu faltete Nelda. die Hände und betete, betete mit heißer Inbrunst auf ber Flucht vor sich selber.
Es war im Dallmerschen Haus nicht Mode, von Religion zu sprechen. Fran Zünglein hatte ganz recht, bei gemischten Ehen zerrt immer ein Teil den andren herum, oder beide sind lau; hier war das letztere der Fall. Er, der Regierungsrat, war weder Katholik noch Protestant, er hatte sich eine eigne Religion zurecht gezimmert. Unb bie gute Rätin ging unter in ben vielen kleinen Sorgen bes "Tages, die hatte nicht Zeit, himmlische Betrachtungen anzustellen, die rief den lieben Gott nur an, weil's doch mal Sitte war. Nelda lernte erst mit ber Liebe beten. Da schmeichelte sie um Gott herum wie ein Kind um ben Vater, sie wollte ihm was abbettefn; im höchsten Glücksgefühl hatte sie bie Haube gefaltet: „Gott, du bist so gut!" — nun, in tiefster Bedrängnis umherirrend, rang sie die Hände: „Gott, wo bist du?"
Sie suchte, aber nicht in ber nüchtern verständigen Formel des Protestantismus. Um bie Kirche mit ber We.h- rauchslust unb ber mystischen Dämmerung schwirrten ihre Gedanken wie Falter um die Lampe im Dunkeln. „Da beten ech meine Gebetcher, den Rosenkranz un bie Litanei, bann is et all gut. Un selig werden ech boch," sagte biei Vefa.
(Fortsetzung folgt.)
Allerhand Wetten.
Plauderei von M, Ko stak.
Wenn man vom Wetten spricht, denkt man in der Regel zuerst an die Söhne des stutzen Albions, deren traditioneller Spleen sich auch auf diesem Gebiet gern äußert. Wo ein sportliches Spiel irgendwelcher Art staltfiildet, wo zwei Schachspieler um die Palme des Sieges ringen, ja, wo zwei Straßenjungen sich prügeln, da knüpfen auch die Engländer, sofern welche zugegen sind, eine Wette hieran. Doch ist es nicht diese Art des Wettens, von welcher ich reden will, sondern vielmehr jene andere, die das Vollbringen irgend einer seltsamen oder tollkühnen Haiwiung zum Gegenstände hat. Wieviele Engländer, freilich auch Amerikaner, haben nicht schon ihren Versuch, durch den Niagarafall zu schwimmen, mit bem Leben gebüßt! Ich selbst war einmal vor einer Reihe von Jahren zugegen, als ein Untertan König Eduards sich vermaß, augesichts des heranbrausenden Eiseubahnzuges eine bestimmte Anzahl von Malen auf seinem Bicycle über die Schienen zu radeln. Er ging eine hohe Wette bezüglich des Gelingens seines wahnsinnigen Unternehmens ein und — gewann sie. Viele seiner Landsleute waren anwesend, aber Niemand legte ihm ein Hinderius in den Weg, im Gegenteil fanden sie die Idee köstlich und benutzten sie ihrerseits zu Wetten. Mit der Aufzählung ähnlicher Kraftstücke könnte man Bände füllen.
Eine Weite, die zwar nicht gefährlich, aber humoristisch und originell war, bestand darin, daß ein Engländer sich verpflichtete, während einer vierwöchentlick>en Tournee durch deutsche Bäder kein einziges Mal ein Haus durch die Tür zu betreten. Er stieg überall durch das Fenster ein und führte, um dies bewerkstelligen zu können, eine Leiter mit sich. Man möge sich das Er'staunen der Hotelgäste vorstellen, die, wie sie z. B. in einem im ober« Stock gelegenen Speisesaal an der Table d'hote saßen, plötzlich einen Tischgast durch das Fenster erscheinen sahen. Ueberall erwiesen sich die Wirte bem Beginnen des betreffenden Englis hinan feindlich, sie wiesen ihn aus, machten bei der Polizei Anzeige gegen ihn, aber umsonst — seiner Energie gelang es dennoch, den Sieg zu erkämpfen. Wiederholt soll er auch zu nächtlicher Stunde von seinen Freunden in einem Korbe von außen in die oberen Etagen hinanfgezvgen wurden fein. Ein anderer, ber gewettet hatte, in acht Wochen die Schweiz zu durchreisen, ohne ein Wort zu sprechen oder zu schreiben, gewann bie Wette jedoch nicht. Er bediente sich, um in. Gasthäusern, Billetschalteru usw. seine Wünsche auszw drücken, lediglich der Zeichensprache, doch wurde er bereits am zweiten Tage polizeilicherseits in ein Irrenhaus gebracht, uni dort hinsichtlich seines Geisteszustandes beobachtet zu werden. Nun hätten freilich seine.Bekannten, die ihn begleiteten, um zu konstatieren, daß er sein gegebenes Won hielt, ihn durch. Enthüllung des wahren Sachverhalts leicht befreien können, aber nach dem zwischen diesen und ihm geschlossenen Pakt war dies ungültig. Niemand durfte ihm durch eine Erklärung solcher Art sein Vorhaben erleichtern. Ein Pendant zu dieser Wette bildet auch! jene, bei der jemand sich anheischig gemacht hatte, eine weite Tour ohne einen Pfennig Geld in der Tasche zurückzulegen; diese ist wohl öfters, unter leichteren unb schwereren Umständen, mit und ohne Erfolg zum Anstrag gebracht worden.
Es gibt überhaupt eine ganze Anzahl von Wetten, die — und zwar in beit verschiedensten Ländern und Gegenden — schon so und so oft gemacht worden sind und immer wieder von neuem gemacht werden. Zn ihnen gehört die traurige, bei ber ein Mensch sich verpflichtet, zur Mitternachtsstunde mutterseelenallein


