Ausgabe 
6.11.1909
 
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auf den Kirchhof zu gehen. Ich nenne sie traurig, da sie regel­mäßig einen unglücklichen Ausgang nimmt. Tausende, ja, ich möchte fach sagen, der dritte Teil der Menschheit hält sich für überzeugt, ein solches Beginnen ohne Schwierigkeit ausiührcu zu können- aber keiner, der sich dessen rühmt, kann es, ja, die Er­fahrung lehrt sogar, daß Leute, die ihr Heimweg durch lange . Zeiten hindurch über einen Friedhof geführt hat, ihn nicht, ohne da,; ihnen etwas passiert, durchschreiten können, sobald sie es auf Grund einer Renommage tun wollen. Ihre Phantasie wird dann so erregt, daß sie ein weißes Kreuz für ein Gespenst halten oder sonstwie das Opfer einer Täuschung werden, Unendlich viele haben ihren Vorwitz schon mit dem Verlust ihrer Vernunft, ja, Mit dem Leben bezahlt. Ebenso fallen auch jene Wetten, die un­sinniges Trinken zum Inhalt haben, fast immer unglücklich ans. Sie waren in meiner Kindheit unter deni ostprenßifchen Landvolk sehr beliebt, und mein Vater, der an der Ostmark unseres Vater­landes Arzt war, erlebte in seiner Praxis ziemlich alljährlich einen <;all der Art. Manche der Trinker starben, manche blieben auch leben, aber kränkelten seither. Da ich gerade bei den Wetten bin, bei deren Folgen meist ein Arzt zugezogen werden muß, will ich noch eilte unglaubliche, aber buchstäblich wahre Geschichte erzählen. Ein Büchsenschmied, ein etwas wüster, aber geradezu genial veranlagter Mensch, hatte mit seinen Zechkumpanen ge­wettet, daß es ihm nichts schaden würde, wenn mau ihnt die Beine mit Spiritus übergösse und anzündete. Die guten Freunde taten nach seinem Begehr, und der Mann wurde für zeitlebens ein Krüppel. Um ihm das Leben zu retten, mußten beide Beine amputiert werden.

Eine ebenso tolle, tote gefährliche Wette ist seinerzeit der bedauernswerte König Ludwig von Bayern, der später mitsamt dem Psychiater Gudden einen tragischen Tod im Starnberger See fand, eingegangen. Er wettete und mit ihm noch sechs vor­nehme junge Bayern daß er neun Tage und neun Nächte leben könnte, ohne zu schlafen. Die Sieben versuchten sich auf jede Weise wach zu erhalten sie tranken Unmassen von starkem Kaffee, badeten kalt, verbrachten die Nächte auf dem Pferd usw. aber alle wurden von Gott Morpheus übermannt, alle mit Aus­nahme des dazumal noch sehr jungen Königs. Einer der jungen . Edelleute soll von der furchtbaren Nervenabspannung ein .lebens­längliches Siechtum davongetragen haben, von einem zweiten er­zählt man, daß er an bett Folgen der unsinnigen Wette gestorben, sei.

Ebenso wie der Sterbliche nicht lange den Schlaf zu entbehren vermag, so kann er auch der leiblichen Nahrung nur für kurze Zeit entraten. Dennoch sind die Wetten, auf Grund deren jemand tage- und wochenlang zu fasten verspricht, gar nicht selten. Das . Hauptkontingent zu diesen seltsamen Wettenden stellen bekannt­lich die Italiener. Die Hungerkünstler werden fast ausnahmslos unter Welschlands blauem Himmel geboren. Oft haben sie ihre Wetten gewonnen, aber meist wie es sich hinterher herausstellte durch Schwindel.

Viel häufiger sind unter den Wettenden indessen die Biel­esser, als die Hungerkünstler. Ta kannte ich einen Studenten', der gewettet hatte, dreißig Paar Wiener Würstchen zu essen, ohne etwas dazwischen zu trinken, und der seine Wette nicht nur gewann, sondern unmittelbar darauf noch drei Portionen Königs­berger Fleck, ein Pfund rohen Schinken und zehn Stück Mohn­kuchen! verspeiste. Ein anderer verzehrte sechs Pfund Schweinei- braten> ein dritter für fünf Mark Küchen, den seine Freunde jedoch für ihn ausivählten. Natürlich fiel ihre Wahl nicht auf kostspieliges Gebäck, sondern auf die billigsten Hefeküchen. Ein halbwüchsiger Zunge verspeiste sechs Liter rohe Zwetschen und gewann damit von seinen Kameraden eine schöne Briefnmrkensammlüng. In anderen Fällen freilich sind den Eßkünstlern ihre ungeheuerlichen Leistungen auch recht schlecht bekommen.

Immerhin wissen diese Leute doch ivenigstdns annähernd-, was sie sich zumuten dürfen. Was aber soll Mau dazu sagen, wenn jemand sich vermißt, etwas zu sich zu nehmen, dessen Be­schaffenheit und Wirkung er absolut nicht kennt? So wollte sich z. B. ein mecklenburgischer Ackerbürger nicht davon überzeugen, lassen, daß man Fleischextrakt nicht ungestraft in beliebiger Menge verzehren könnte. Er wettete darauf, daß er ein halbes Kilo davon verspeisen würde, und ließ seinen Worten die Tat solgen, aber fünfzehn Minuten später war er eine Leiche. Noch toller trieb es ein superkluger Oekonom, der an das- Vorhandensein und die Gefährlichkeit der Trichinen nicht glaubte und eine große Quantität von Fleisch, in dem dieselben nachgewiesen waren, buchstäblich verschlang eben auch auf Grund einer Wette. Natürlich erkrankte er an Trichinose und starb.

Alle diese Wetten basieren, streng genommen, aus einer Renom­mage der Betreffenden, einer anderen Kategorie von Wetten liegt eine gewisse Menschenverachtung zugrunde.Es gibt nichts, das zu wahnsinnig ist, um Gläubige zu finden," pflegte ein Franzose zu sagen, der sich durch eine Reklame caNz sonderbarer und lächer­licher Art ein Vermögen, erworben hatte. Er erließ in den Zeitungen ein Inserat, in dem er Käufer für einen von ihm erfundenen! Wärmstein suchte, welcher, ohne daß man ihn zu erhitzen brauchte, Und dessen Größe wenige Quadratzentimeter betrug, angeblich große Räumlichkeiten erwärmte; man hatte nichts weiter zu tun, als dies Juwel in ein Zimmer zu lagen, um es völlig, zu durchheizen, Md nie, auch in Jahrtausenden nicht, sollte es seine wärmende

Kraft verlieret!. Dabei betrug sein Preis' wenige Centimes. Im Sommer sollte man den Wunderstein tief in die Erde vergraben, um nicht im Hanse eine infernalische Hitze zu entfalten. Ter Erfinder dieser albernen Mär ivettete, daß ttotz des offenbaren! Wödstnns der Sache ungezählte Menschenmengen darauf hinein­fallen würden, und siehe da, der Erfolg gab ihm recht, denn! viele Tausende von Bestellungen des Steins liefen bei ihm ein.

Zum Schluß will ich noch eine Mette erwähnen, bereit Aus­fall Nicht sonderlich schmeichelhaft für bas weibliche Geschlecht ist. Ein mährischer Herr gab einem Heiratsvermittler dm Auf­trag, eine Frau für einen Mann zu suchen, der taubstumm, blind und nahezu schwachsinnig fein und weder Beine noch Arme be­sitzen! sollte.Ich setze 50 Flascheti Champagner darauf ein, daß der illusorische Krüppel eine Gattin findet," sagte der Mähre. Es sanden sich Freunde, welche die Wette hielten zu ihrem Leibwesen, denn das selbstverständlich tiicht existierende Menschen- wrack fand unter der zarten Hälfte der Sterblichen nicht nur eine Liebhaberin, sondern deren sieben, welche sich erboten, ihm durch treue Fürsorge Augen, Ohren, Mund, Arme usw. zu er­setzen. Ter Mähre gewann somit seine 50 Flaschen Sekt.

Da§ Täschchens

Voll R v d a R o d a.

Ich saß einmal mit Claire im Cafo Barnils zu Nizza.

Am andern Tisch ein paar Herren.

Warum die Trottel Französisch spreche», wenn sies nicht können?"

Claire wußte Bescheid.Es sind Fremde," sagte sie, jeber ist aus einem andern Land. Irgendwie müssen sie sich verständigen, da neben sie eben Französisch."

In ber Ecke hatte eine Dame gesessen. Zahlte und ging und vergaß, ihr Täschchen milzunehmen.

Zuerst bemerkte es der Engländer, kümmerte sich nicht barttrn und schwieg.

Der Franzose sprang wie ein Hase auf.Quelle bonheur," ries er,ick werde macken mit-ihr Begauntssnft." Und eilte der Dame nach.

A so a Schuß!" sagte der Oesterreicher.Rennt der Person nach uu laßt<3 Taschel erseht recht liegen! Geben mirs halt in Kellner wird sichs scho holen."

Nee," entschied der Preuße,ick tchage et zur Polizei tut valauge bett jesetzlichen Fmdalohn."

Ter Russe blickt das Täschchen scheu und- begehrlich an.

Ter Rumäne log, bie Dame wäre seine Schwester. Man sollte ihnt bas Täschchen nur ruhig anverttauen, er wolle es ihr wieber- gebeu.

No wann f seine Schwester is?" sagte ber Oesterreicher. Alsdann, meine Herren, is doch ganz einfach: natürlich, mir geben eahms."

Man suchte das Täschchen es war nicht da.

Ich hatte es ganz deutlich gesehen und kann's beschwören: der Grieche hatte das Täschchen gestohlen.

Man durchsuchte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Er ließ es, bleich und feig, geschehen. Nichts.

Und behaglich schlenderte unterdessen der Japaner zur Tür hinaus und pfiff sich eins.

* Schiller im Kolleg. Tie alte deutsche Nniversität'K- stadt Jena ist eine kläffische Stätte der Erinnerung an Schiller. Verlebte er doch von den 45 Jahren, die ihm geschenkt waren, 10 volle Jahre in der ehrwürdigen lUtusenstadt. Am 26. Mai 1789 hielt dort ber junge Universitätsprofessor seine erste Vorlesung, und er selbst war über diese Antrittsrede offenbar sehr befriedigt, denn zwei Tage später schrieb er an Körner:Vorgestern, als den 26., habe tch endlich das Abenteuer auf dem Katheder rühm!- lich und tapfer bestaubst und gleich gestern wiederholt . . . Unter lautem Pochen, welches hier für Beifall gilt, bestieg' ich ihn und sah mich von einem Amphitheater von Menschen umgeben." Und zum Schluß des Berichtes heißt es:Meine Vorlesung machte Eindruck, den ganzen' Wend hörte man in der Stadt davon reden, und mir wider fuhr einei Aufmerksamkeit von den Studenten, die bei einem neuen Professor das erste Beispiel war. Ich bekam eine Nachttmisik und Vivat würde dreimal gerufen." Fast demon­strativ begrüßten also die akademischen Hörer denneuen Pro­fessor". Aber unter den treuesten Anhängern Schillers' gab es einige, die ihn trotz aller Bewunderung lieber lasen, als hörten. Große Dichter sind nicht immer große Redner. Auch Schiller war kein geborener BvrtragsMeister: schon seine Mundartliche Anst- sprache war ihm im Wege, und das machte sich ans dem' Katheder besonders bemerkbar. Ram-mtlich der Norddeutsche konnte sich an diesen Dialekt des schwäbischen Dichtergelehrten nicht gewöhnen. Aus jener Zeit ist uns ein bisher nnbekanutes Zeugnis erhalten, das ein drastisches Licht ans Schillers Vorlesungen wirft. In beit Jahren 1790 bis 1792 studierte in Jena ein gewisser Karl RechliN aus Lübeck, der sich später als Schriftsteller einen Namen mochte.

*) Aus einem demnächst bei Schuster & Loesfler, Berlin, er­scheinenden BuchSchwefel über Gomorrha" von Roda Roda.