Ausgabe 
6.11.1909
 
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Seins Erlebnisse und Eindrücke schrieb er getreulich seinem Mid- schüler und Freund Karl Georg Eurtius, und in einem solchen Bericht ist auch von Schiller die Rede, den er gerade gehört hatte. Eine besondere Aufmerksamkeit verdieirt dieser Brief dadurch, daß er bisher unbekannt geblieben und nicht zur Veröffentlichung ge­langt ist. Hier heißt es:Eben komme ich aus einem Collegium von Schiller. Ich will Dir Deine Vorstellung nicht rauben, die Du Dir ton dem Manne machst. Doch ist weit besser, Ihn zu. lesen, als zu hören. Ein feiner, wohlgebildeter Mann. Was .er liest, ist vortrefflich: doch wie er liest ein unausstehlicher Dialekt, eine -oft überaus falsche Deklamation, eine unangenehme Ausrede. Lies seine Thalia. Ein vortreffliches Journal. Ich lese es jetzt. Er wird wohl nicht lange bleiben. Zu seinen Vor­lesungen haben sich nur 29 unterschrieben, und neulich hat man ihm sogar die Lichtschcere entwandt." Aus dieser etlvas burschi­kosen und respektwidrigen Kritik geht hervor, daß der Sohn der norddeutschen Tiefebene keinen gewaltigen Eindruck von dec Vor­lesung des Süddeutschen Schiller empfangen hat. Außerdem scheinen die übermütigen Musensöhne selbst vor diesem Großen bald ihre heilig« Scheu überwunden zu haben, wenn sie ihm den Schabernack spielten und ihm die Lichtscheere Wegnahmen. So mußta sich Schiller wohl manchen Studentenstreich gefallen lassen. Er war ja auch Professor.

* Künstler und Kritiker. Das unblutig verlaufene Piswlenduell zwischen dem bekannten Pariser Dramatiker Henri Bernstein und einem Theaterkritiker, der das jüngste Werk des Tkeatcrdichlers scharf angegriffen hatte, rückt die vielumstrittene Frage von dem Verhältnis des Künstlers zu feinem Kritiker wieder in den Vordergrund des Interesses, eine Frage, die gerade in den' letzten Tagen auch bei uns mannigfache Erörterungen hervor- gernsen hat. In diesem Zusammenhänge wird eine amüsante Reminiszenz aus vergangenen Zeiten interessieren, die der Gil BlaS erzählt. Zur Zeit des ersten französischen Kaiserreiches Hatto Geoffrvy, der geistvolle Kritiker des Journal des Täbats «inen hartnäckigen Feldzug gegen Talma eröffnet. Ter be­rühmt« Tragöde, der Liebling Napoleons, wurde der nicht immer ganz gerechten Angriffe schließlich müde und als er eines Tages den Kritiker wieder im Theater sitzen sah, eilte er erregt in die Loge und wollte Gvoffrvy aus der Loge ins Foyer zerren. Aber der Kritiker bewahrt« seine gewohnte kühle, nonchalante Sicher­heit.Sind Sie Polizeiagent?" fragte er gelassen den zornigen Mimen,dann werde ich Ihnen Folge leisten. Wenn Sie kein Polizeiagent sind, müssen Sie mir gestatten, an meinem Platze zu bleiben."Sie sind hier bei mir!" antwortet Talma wütend. Pardon, ich bin hier im Hause Mvlidrr-s und nicht bei Ihnen." Ich werde Sie mit Stockschlägen heransjagen lassen."Stock- schläg« sind abgebrauchte Tricks des alten Repertoires," meinte Geosfvoy mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit,man pflegt sie heute kaum noch anzuwenden." Die Gelassenheit des Kritikers übt« auf Talma eine beruhigende Wirkung, er beherrschte sich und meinte schließlich:Aber sagen Sie mir wenigstens, wawr gedenken Sie endlich aufzuhören, mein Talent zu verunglimpfen?" Wenn Sie auf meine Ratschläge hören und Ihre Rollen nicht selbst niederbrüllen, wie Sie das gewöhnlich tun. Ich kritisiere Sie nur mit dem Zweck, Sie zu bessern." Später erzählte Geoffwh in einem seiner Aufsätze im Journal des' Tsbats von dieser eigen­artigen Szene und er fügte hinzu, daß Talma ihm' zum Schluß die Hand gedrückt habe,ein wenig kräftiger als einem Freunde".

* Vom Souffleur erzählte der kützlich verstorbene greise Theaterfachmaun Ferdinand von Strantz in seinen Ernsten und heiteren Theater-Erzählungen", die der 88 jährige noch in diesem Jahre veröffentlichte, einige belustigende Anekdoten. Tevrient wollte seine unendlich oft gegebenen Rollen ohne Souffleur spielen. Diesem Wunsche des Künstlers konnte jedoch nicht immer entsprochen werden, da die anderen Mitglieder den Anschlag brauchten. Als Devricut in einer Probe derBraut von Messina" dem Souffleur wiederholt bedeutete, ihm seine Reden nicht .anzuschlagen, indem er die Worte:Schiller! Schiller!" hinzusetzte, womit er gewissermaßen andeuten wollte, daß man Schiller auswendig können müsse, ereignete es sich, daß er in einer Szene, den Anschlag doch brauchte und dem Souffleur zurief: Run, nun!" Anstatt zu soufflieren, guckte der Souffleur aus seinem Kasten freundlich lächelnd zu dem Künstler empor und sagte nur:Schiller! Schiller!" Döring brauchte den Souf­fleur für seine Rollen sehr gründlich. Ueberall, wo er gastierte, war sein erster Weg in der Probe zum Souffleurkasten: dort sagte er:Mein Lieber, ich brauche Sie gar nicht, nur das erste Wort scharf, den Mittelsatz deutlich und das Verbum ja, das Verbum!" In Magde­burg mußte der alte Amberg mit einem' Kollegen laut Vor­schrift an einem Tisch, sehr entfernt vom Souffleur, sitzen. Da beide ihn nicht deutlich hören konnten, auch keiner zu sprechen anfing, sagte endlich Amberg:Weißt du, hier zieht's."Du hast recht, hier zieht's," sagte der andere, und beide rückten nun den Tisch zum Souffleur. In Hamburg genoß der alte Glv y mit Recht hohes_ künstlerisches Ansehen. Nicht nur als Sänger; auch als Schauspieler. Sein Kammerdiener inKabale und Liebe" war eine erschütternde, mächtige Leistung. Als Bartolo imBar­bier von Sevilla" klebte -er sich immer ein und dieselbe Nase

von Wachs ans, dick er aus Geiz nie erneuert hat. Er wird wvhk zweihundertmal den Bartolo mit der Wachsnase gesungen haben. In der Jungfrau von Orleans" spielte Glotz den alten Thibant, Johannas Vater, der bekanntlich zu sagen hat:Was für ein Geist ergreift di« Dirne." Gloh sagte:Was für ein Geist" machte dann eine Pause. Der Souffleur ruft ihm erregt zu:Ergreift die Dirne." Glvy winkte darauf den Rittern mit der Hand und sagte: Ergreift die Dirne!"

* Ein Abenteuer mit einer Klapperschlange. Ein grausiges, nervenspannendes Abenteuer, das Arthur Ricard, ein junger Farmer in Süddakota vor einiger Zeit glücklich über­lebt hat, schildert P. R. Thompson int Wide World Magazine. Ricard hatte eine neue kleine Farm übernommen, er schlief einst­weilen in einer provisorischen Hütte, die halb Stall hald Höhle, an der Wand eines Hügels errichtet war. Er war am Morgen er­wacht, blieb jedoch noch einige Augenblicke liegen; während er noch mit. halbgeschlosseneu Augen dalag, hörte er plötzlich irgend einen Gegenstand mit einem .Klatsch neben sich aufs Bett fallen. Er öffnete die Augen, um den Anlaß dieses Geräusches zu fei)cu; was er sah, beschreibt er selbst:Dort, wenige Zentimeter von nieinem Gesicht entfernt, lag etwas, was ich zunächst für einen Gartenschlauch hielt. Aber ehe ich meine Sinne, völlig beisammen hatte, horte ich ein dürres trockenes Klappern und Rasseln, ein dunkles schmales Etwas hob sich empor, jetzt sah ich es, ein gräßlicher, boshaft schauender Kopf, der mir grade zugewandt war: ich verstand nun, eine große Klapperschlange war hier zum Biß bereit. Die Schlange war in höchster Erregung: der Fall vom Dache hatte sie irritiert, nun wandte sie den Kopf mit den grünlich flimmernden Augen nach allen Seiten, um zu sehen, ob irgend etwas Feindliches sich regte. Wie es mir möglich war, weiß ich heute noch nicht, aber es gelang mir, mit äußerster Willens­anstrengung, ganz ruhig liegen zu bleiben. Ich wußte, daß die geringste Bewegung meinen Tod bedeutet hätte. Es war August, die Zeit, da der Biß t>& Klapperschlange am gefährlichsten i)"l.; Meine Augen waren geöffnet, ich wagte nicht, sie zu scWcßcn. Ta dicht vor mir war der Kopf des Reptils. Aber nunHvurde es ruhiger und der Kopf sank herab. Ich hatte das Gefühl, daß Stunden verstrichen wären, aber später überzeugte ich mich, daß es sich nur um Sekunden gehandelt haben konnte. Die Schlange hatte sich beruhigt, das Klappern hörte auf; sie be­gann eine Art Rekogiwszierungsreisc. Der Hals streckte sich, der Schwanz wurde dünner, die Länge wuchs und dann sah ich es; direkt auf mein Gesicht kam sie zu. Ein eisiger Schauer rieselte mir über den Nacken. Ich fühlte den kalten Giftkopf glatt an meinem Halse, dann über meine Wange daherkommen, mein« Lippen, mein Kinn wurden abgetastet; dann kam der Kopf auf mein Auge zu. Ich konnte nicht mehr widerstehen, ich mußte das Auge schließen. Im selben Augenblick lag das Reptil wieder aufgerichtet und sprungbereit, das zornige Rasseln ertönte. Dann, als alles ruhig blieb, näherte es sich wieder meinem Gesicht und die Prüfung begann von neuem. Mehrere Minuten lang be­tastete und umkreiste so die gräßliche Kreatur meinen Kopf, dann kroch sie über das Leinentnch in der Richtung meiner Knie." Sie legte sich dort schlafen, aber Rettung war damit nicht gefunden, denn bei der geringsten Fingerbewegung schreckte die Schlange auf und nahm Kampfstellung ein. Mit der Zeit aber schwand ihr Mißtrauen und sie begnügte sich, nur lauschend den Kopf zu heben. Langsam, ganz langsam gelang es' Ricard, «ine 'nebat dem Bett stehende leere Hummerdose zu fassen. Mit einer raschen Bewegung schlug er zu: doch die Klapperschlage war schon kampf­bereit und antwortete mit einem Biß, der zum Glück in dem scharfen Blechrand endete. Eine Sekunde später hatte Ricard das Bettuch zusammengeknäult und mitsamt der Schlange hiuaus- geworfen.Ich lehnte am Türpfosten, keuchend, lachend, schreiend und zitternd. Dann verlor ich das Bewußtsein. Einen Moment lang lag ich in Fieberphantasien, ehe ich wieder zu mir kam. Die Schlange aber hatte ich damals getötet."

* Ein kl einer Schlauberger.Run, Karlchen, hast du heute nacht süß geträumt?"Ja, Dante, von den Bonbons, die du mir unlängst versprochen, aber noch nicht gegeben hast!"

* Wider leg t. Mutter:Schämst du dich nicht . . . mit so einem neunzehnjährigen Bürschchen willst du eine Liebschaft anfangen?" Tochter:Bürschchen? . . . Wv er schon ping Matze kriegt!"

ErgäuzmtgsrLiler.

Sh.ch.es..ig. o..r l..de.:

. a. . e. z b. d.. s .. n . rv. i. es . e. z;

G... i. t e F.. u. s. d. p.. l. F.. u . e,

G ...i.t. r ..h. e.z .s t .a.b.r S..m.>zl Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Den lieben Gott laß ich nur walten: Ter Bächlein, Lerchen, Wald und steld Und Erd' und Himmel lvill erhalten, Hat auch mein Sach' auss best' bestellt.

Eichendorfs.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gießern