Montag den 6. Dezember
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1909 — Nr. H9I
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig, (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Doktor Müller hat den Hausschlüssel, aber Fräulein ^oerg nicht,' ivte kommt sie ins Baus? Ich ängstige mich!" Nelda ging unruhig ab und zu. Elf llhr. Bald stand sie- am Treppengeländer und leuchtete hinab bei jedem Schritt, der auf den unteren Absätzen erscholl; bald lag sie vorn in Schmolkes Stube im Fenster und spähte hinab auf die einsamer werdende Straße.
„Sitz endlich still, Nelda, bit machst einen ganz nervös; sie imrd schon kommen!" . '
,.±1 »Rein, nein, es ist ihr was passiert! Herr Sch mölke, bitte, lassen Sie uns auf die Straße gehen, vielleicht —। horch!" Es rappelte einer am Korridorschloß, Doktor Miller war's mit dem Drücker. Er zuckte lächelnd die Achseln, als ihm Nelda bleich und unruhig entgegeutrat. „Wo ist Fräulein Berg?"
Sie gingen mit einander herunter und sahen sich um nach allen Seiten; sie fingen nur Marie ab. die, allein und ziemlich verstimmt, schon fünf Minuten vor Zwölf nach Haufe kam. „Es is nischt mit den Mannsleuten," brummte sie übellaunig im Aufwärtssteigen. „Am besten, inan legt sich in die Klappe!"
„Fräulein Dallmer, ich möchte Ihnen -'wirklich ein Brausepulver verordnen," sagte Doktor Müller. „Sie sind so aufgeregt. Fangen Sie auch mit Nerven an? Wie kann man ich so ängstigen?! Fräulein Berg ivird in Schöneberg über Nacht bleiben, ich >— wirklich, ich begreife Ihre Angst nicht!" Wie vorhin zuckte er die Achseln und lächelte, abär sein Gesicht war totenbleich.
Sie kam nicht. Alle gingen zur Ruh, nur Nelda saß allein im Berliner Zimmer, ein Tuch fröstelnd nm die Schultern gezogen. Nun gab sie die Hoffnung aus. Mit einem scheuen Blick auf den Regulator — es war fast zwei Uhr — nahm sie die Lampe vom Tisch und schritt den langen Gang hinunter zur Schlafstube. Ihre Schritte in den weichen Hausschuhen waren unhörbar, an der Wand glitt ihr langer Schatten mit; sie guckte scheu zur Seite — ging jemand nebenher? Jetzt kanr sie an Fräulein Bergs Stubentür vorüber; ihr war, als bliese ihr plötzlich ein kalter Hauch ins Genick, ein Grauen überlief sie. Zögernd legte sie die Hand auf die Klinke und trat ein.
Da war das kleine Zimmer, das Bett, der Stuhl daneben, der Kleiderschrank; alles ordentlich, die Bettdecke grade gezogen. Nelda leuchtete umher — wo war Fräulein Berg? Nun, hier doch nicht! Ihr Blick fiel auf den kleinen Spiegel, das eigene, erschrockene Gesicht mit den großen Augen sah sie an, daneben erblickte sie einen Zettel, zwischen Glas .und Rahmen geklemmt. Es ivar ein abgerissener
Papierfetzen mit kleinen, zierlichen Schriftzügen; hastig riß ihn Nelda herunter.
„Liebes Fräulein Dallmer, adieu! Ich danke Ihnen für alle Freundlichkeit, ich wünschte, es ginge Ihnen sehr gut. Sie haben Mut — ich nicht. Seien Sie so gut, schicken Sie meine Kleider an meine Mutter: „Frau verwitw. Kreissekretär Berg, Wreschcn, Provinz Posen." In der Tasche von meinem schwarzen Sonntagskleid steckt ein Portemonnaie mit 30 Ml., das ist die Pension für den nächsten halben Monat, damit Ihre Mutter keinen Schäden hat; auch das Porto für die Kleider steckt dabei. Werzeihen Sie, wenn ich Ihnen Ungelegenheiten mache, rch —■" Nelda las mit flimmernden Augen — „ich kann nicht mehr. Bern Berg."
„ Mit einem dumpfen Schrei sank Nelda auf den nächsten Stuhl, dann sprang sie empor und stürzte auf den Gang und riß die Tür zum Schlafzimmer auf.
Eben war die Mutter erwacht. „Was, ivas ist los? Fehlt Schmolle was? Hast du geschricen, hast du die Lampe hingeworfen?"
„Mama, Fräulein Berg —F-räulein Berg!"
„Was ist denn? Mein Gott, die Wirtschaft!" Frau Rätin war schlaftrunken und ärgerlich. „Ist sie da?"
„Sie — sie kommt nie mehr wieder!" Zitternd lehnte sich Nelda an die Wand, die Zähne schlugen ihr aufeinander.
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FrühlingSfluten haben das Wasser des Kanals ge- schwellt/am Schiffbäuerdamm steht es hoch, schwarz und glatt, und der Laternenschein wirft am Abend tanzende Kringel darüber.
Da hatten sie sie herausgezogen; das blaue, zerknitterte Frühlingskleid grau und getrübt von schlammigen Flecken; der modische Hut nicht mehr auf denr Kopf, nur das schwärze Haar in wüsten Strähnen um das traurig entstellte Gesicht. Wo war der Hut? Er schwamm, Gott weiß ivo, in die Spree hinein; mit dem nickenden Mohnblumenbündel spielen die Wellen, und die Fische mit den dummen, stummen Mäulern zupfen daran. Fräulein Berg hatte ihn sehr in Ehren gehalten und das mattblaue Frühlingskleid auch; sie hatte immer den Rock hoch gehoben, damit ja kein Schmutzrand ihn umsäume. Nun lag sie darin auf der Straße, am Rand des Kanals, umdrängt von Menschen, begafft, bestaunt, betupft. Knaben prügeln sich und erklettern den Laternen Pfahl, nur um einen Blick auf sie zu erhaschen; Weiber zetern, Männer machen ihre Glossen; Polizisten packen sie beim Kopf nnd bei den Füßen und schleifen sie ab, Das blaue Frühlingskleid schleppt naß und schwer durch den Schmutz.
Das warIdas Ende. — —. _
Nelda lag fiebernd in ihrem Bett. Sie wär krank, -zum erstenmal seit langen Jahren. Nachts schrie sie, von entsetzlichen Traumen gepeinigt, gellend auf; Frau Rätin fuhr immer Zusammen bis ins innerste Herz. „Gott, Gott," klagte sie, „das hat man nun noch von der Berg, dem


