Ausgabe 
1.5.1909
 
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Anndortjen konnte sich's nicht versagen, ein bißchen fuhr' sie fort,ich kann solche stolzen Leute nicht leiden, die sich Gott weiß was dünken und nachher keinen mehr angucken, wenn sie reich werden. Ich bm gar urcht stolz, und ich kann es mir doch ebensogut leisten als die andern. Mein neues Kleid hat drei Mark das Meter ge­kostet und ist in Husum bei Fräulein Hensen gemacht. Mein Pelzwerk ist echt Iltis, und die Uhr ist vom Uhrmacher Reimers, der kann bezeugen, daß ste rein Gold ist. Aber darum bin ich doch nicht stolz. Ich kann stolze Leute nicht mtS^Unb ich kann keine Leute ausstehen, die so braschen," (prahlen) entgegnete Schane. .

Nachdem die alten Freundinnen sich tn dieser versteckten Weise ihre Meinungen gesagt hatten, schieden sie scheinbar in bestem Einvernehmen. Zum Kartenlegen war Schane aber zu Tines Leidwesen an dem Tage nicht gekommen. Sie wiederholte ihren Besuch auch nicht, trotzdem Anndortjen sie öfters durch die Stutensrau einladen ließ.

Laß die Altsche wegbleiben," sagte sie endlich.Wir brauchen ihr Wahrsagen nicht mehr, wir haben es ja gut." Tine freilich dachte anders. Sie hätte sich gar zu gern mal wieder aus den bunten Bildern ihr Schicksal heraus­lesen lassen. Schanes Worte:Den du kriegst, den behältst du nicht," ließen ihr keine Ruhe.

Warum sollte sie Jan nicht behalten?

Was für furchtbare Dinge würden noch geschehen?

Sie konnte sich nicht ruhig ihres Lebens freuen, ste mußte zu oft an die Zukunft denken, die in unergründliches, tiefes Dunkel gehüllt schien. . , . * .. _

Jan ahnte nichts von dem Seelenzustande fernes Werbes. Wohl fiel ihm manchmal ihr sonderbares Wesen aus, aber er war nicht klug genug, um es zu ergründen.

(Fortsetzung folgt.)

Walpurgisnacht.

Volkstümliches zum 1. Mai.

Von O. Schell-Elberfeld.

Es trägt der Besen, trägt der Stock, Die Gabel trägt, es trägt der Bock;

Wer heute sich nicht heben kann, Ist ewig ein verlorner Mann."

Mit diesen Worten aus Goethes Faust ist die Walpurgisnacht Nach dem Glauben des Volkes in aller Kürze gekennzeichnet. Mannigfach sind die Gebräuche, die sich mit dem 1 Mar ver­knüpfen, dem Tag der Waldburg oder Walpurgts, der Gehilfin von Windfried-Bonisazius, die erst in Heidenhein bet Eichstätt in Bayern, dann ini Eichstätt selbst beigesetzt wurde. Greifen nur zunächst einige von diesen alten Bräuchen aus den verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes heraus.

Schon Prätorius bemerkt:Bor allen anderen haben sie zum öfteren anderswo besondere Zweige, so matt bei uns Wolburgs may nennet, von einem Baum oder Staude, der sonsten viel rothe Beerlein träubleinweise traget, und desseit Blätter klein sino, sonsten sorbus torminalis, Eberesche, Vogelber." Prätorius deutet damit einen abergläubischen Gebrauch, der vordenr (vielleicht ver­einzelt auch noch) in Westfalen am 1. Mai, am Walpurgistag mit dem Walpurgismai geübt wurde und den man kurzweg das Kalvcrguoken nennt. Durch diesen soll, unter dem Hersagen eines gewissen Reims (fast in Zauberform), dem Vieh! Frucht­barkeit übermittelt werden. Der 'berühmte Erlaß des großen Kurfürsten voii Brandenburg (1669) 'bezieht sich mit folgen beul Worten auf diesen Gebrauch:Auf Maitag das Vieh gequicket lind die Quickruten an die Türen und Hecke des Hofes ausgestecket."

Im B r a n n s chw e i g i s ch e n trieb man früher am 1. Mar die Kühe auf die Weide und zwar geschah das dürcy Mädchen, die eine mit Bändern geschmückte Peitsche trugen. Auf der Weide vder dem Anger nahm der Dorshirte das Vieh in Empfang. Das letzte Mädchen wurde arg verspottet.- Die Mädchen tanzten dann nut deut Hirten umher, warfen ihn übermütig zu Boden tutb jedes suchte von den in den Boden gesteckten Peitschen die längste zu erhalten, da ihr Flachs dann auch ani längsten wurde:

In Ermland bindet.der Gemeindehirte am 1, Mai den Milchkühen Kletteir zwischen die Hörner, damit ihnen nicht die Milch'in die Hörner schießt. Im fränkischen Jura ist der Austrieb des Viehs am 1. Mai ein Tag der allgemeineit Volks- sreude, der mit einem Biergelage auf dem Anger begangen wird, früher aber am Abend int Wirtshaus mit Tanz, Essen und Trinken (Kuhschwanz") gefeiert wurde. Einen Tanz (Hurt- tanz") kennt man am 1. Mai auch in der Oberpfalz- und in Niederbayern.Die Hirten der einzelnen thüringischen Ge­genden pflegten einige Zeit nach dem Austrieb, am Sonntag vor Pfingsteit, an bestimmten Stätten, z. B. an derTanzbuche" oberhalb Friedrichrodas, zusammenzukommen; während die Herden

in einiger Entfernung weideten, bereiteten die Frauen das Essen; mit Beratungen über gemeinsame Angelegenheiten, Essen und Trinken, Musizieren und Tanzen vergingen die Stunden," so erzählen Kück-Sohurey in ihren Festen und Spielen des deutschen Landvolkes. In einigen Gegenden Böhmens hat sich, ein ähn­licher Gebrauch erhalten wie der oben von Westfalen mitgeteilte; der Hirte segnet die Tiere und besprengt sie aus einem Weihwasser- Töpfchen, das er nach dem Gebrauch aufs Geratewohl unter die Tiere wirft. Die Besitzerin des getroffenen Stückes Vieh gibt ihm eine besondere Belohnung. Im Sieger lande werden die Kühe mit Glocken bedacht, wie in den Alpen. Tie Hörner werden den Tiereit vor beut Austrieb abgestumpft, um gegenseitige Ver­letzungen zu verhüten. Eilt Geschenk in Form von Eiern erhält der Hirte für diese Bemühung. Ferner legt der Hirte beim ersten Austrieb gerne seinen Sonntagsstaat an.

Den Uebergang von den bisher angedeuteten' Hirtengebräuchen am Walpurgistag zu den Hexenfahrten in der Walpurgisnacht vermittelt eine von Kuhn mitgeteilte Sage. In derselben wird etni Maitagshorn erwähnt, dessen sich die Hexen in der Walpurgts- nacht bedienen. Aber der Knecht eines benachbarten Gutsbesitzers entwandte den Hexen das Horn und lieferte es seinem Herrn aus. Die Hexen gaben sich nun alle erdenkliche Mühe, wieder in' den Besitz des Hornes zu gelangen. Am nächsten Tage ließ sich ein vor­nehmer Herr bei dem Gutsbesitzer melden und versprach ihnt, eine Besitzungen mit einer sieben Fuß hohen Mauer zu umgeben, wenn er das Horn zurückgeben werde, andernfalls würde sein Ge­höft dreimal nacheinander abbrenneN, gerade dann, wenn er sich am reichsten dünke. Der Besitzer gab das Horn nicht zurück und das angekündigte Unheil trat ein; doch ließ der König die Ge­bäude wieder aufführen. Das Horn schickte man durch das ganze Land, um zu erfahren, woher es stamme, doch alle Mühe war vergeblich.

Tie naheliegende Frage, weshalb der Volksglaube die wüsten Orgien der Hexen in die Nacht vor; den 1. Mai, in die Walpurgis­nacht verlegte, ist zunächst mit dem Hinweis zu beantworten, daß dann noch mancher Berggipfel mit Schnee bedeckt ist, bm die Hexen weglanzen müssen. Berggipfel sind durchweg bte Tanz­plätze der Hexen in der Walpurgisnacht. Wir sagen mit gutem VorbedachtTanzplätze", denn nicht nur der Blocksberg im Harz ist hier anzusühreu, sondern viele andere Hexen- ober Blocksberge in ganz Deutschland, wie schon I. Grimm nachgewiesen hat. Das weitschichtige Kapitel vom Hexenglauben, Hexentanz nsw. kann hier nur so weit es notwenig ist, gestreift werden.Daß stch bte Hexen mit dem Teufel verbiuben und vermischen", schretbt K. Simrock,unb zu Walpurgis diejenige unter ihnen, au welcher der Teufel vorzügliches Gefallen hat, zur Hexenkönigin erwählt wird, hängt wohl mit dem Hochzeitsfeste Wnotans unb Frouvas zusammen, bas um biefe Zeit, ber wonnigsten des Jahres, be­gangen wird. An die bei dieser Hochzeit geschlungenen Festtanze knüpft wohl auch der Volksglaube an, wonach die Hexen in der Walpurgisnacht den Schnee vom Blocksberge wegtanzen sollen." Krauß aber hat -in seiner: Neu-Ansgäbe von Dulaure (Des Divinites gmwratrices) den Urfprung des Hexensabbaths weit tiefer erfaßt und sieht in ihm die letzte Form eines geradezu international zu nennenden Kults int westlichen Europa, bei dem man die Possen der großen und kleinen römischen Orgien in allen Einzel­heiten nachahmte. Der Hexensabbat scheint der altdeutschen, Mytho­logie nicht angehört zu haben. Uralte Kultreste haben sich, wenig­stens in Deutschland, an weitverbreitete Hirtengebräuche ange­knüpft, die in ihrer Ausfahrt (Austrieb des BiehS), durch bte Jahreszeit (Frühjahr) fest bestimmt waren. Ein bnttes Element, das wir deutlich in dem Treiben ber Walpurgisnacht erkennen, ist ber mittelalterliche Teufelsglaube.

Es bleiben noch bie Vorsichtsmaßregeln gegen bte Hexen und* ihr Treiben in der Walpurgisnacht zu erwähnm. Wer in der Walpurgisnacht den Tanz der Hexen belauschen will, muß sich unter eine Egge stellen, deren Ziitken nach oben ge­richtet sind (Westfalen). Allgemein herrschend ist der Gebrauch, in der Walpurgisnacht die Türen, vor allen Dingen die Stall­türen, mit drei Kreuzen zu versehen, damit die Hexen einem nichts anhaben und dem Vieh nicht das Gedeihen nehmen können (Mark Brandenburg). In der Neumark b^eichnen die Kinder ihre Schuhspitzen mit drei Kreuzen; wer das unterläßt, bekommt ein Kreuz auf den Rücken gemalt. In der Zauche nagelt man Zweige von Kreuzdorn auf die Krippen, Futtertröge und Schwellen der Biehställe. In anderen Teilen ber Provinz Brandenburg säet man in der Walpurgisnacht Gurken und Kürbisse, in dem Glauben, dieselben gingen so schnell auf, wie die Hexen den Blocksberg hinaufreitrn. Am WalMrgisabend pflegt man in Mittelfchlesiest hin und wieder Raumstücke und Besen kreuzweise vor die Stall- tiiren zu legen, um die Hexen abzuhalten.

Bon besonderem Interesse ist eine Nachricht aus dem Riefen­gebirge, der zufolge dort die hl. Walpurgis von wilden Geistern versolgt wird: Einem Bauern begegnete sie einst int Walde mit feurigen Schuhen, langen, wallenden Haaren, eine goldene Krone auf dem Haupte und in bett Händen einen dreieckigen Spiegel Und eine Spindel, verfolgt von einem Trupp Reiter auf weißen' Rossen. Ten Grundton dieser Sage bilden die wesentlichsten Züge der Sage vom wilden Jäger; Walpurgis lieh wohl nur den Namen, während wir erst in zweiter Linie den Hexenritt der Walpurgisnacht zn erkennen vermögen. Ms letzte Konsequenz