Ausgabe 
1.5.1909
 
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ähnlich dachten auch die Leute un Dorfe.

Der Vater hat das Kind nach sich gezogen, hieß es.

Tine verfiel mehr und mehr ins Grübeln. Dies war ein Erbteil ihres Vaters, der auch den Fehler besessen hatte, mehr zu denken und zu grübeln, als ihm gut war. Tines Schul- und Weltbildung war aber eine viel zu mangelhafte, als daß ihr das Denken Klarheit gebracht hätte, im Gegenteil, es verwirrte sie, machte sie schwer­mütig und unsicher. , . .

In mancher Stunde, wenn Spätinghof in tiefem Frieden lag, floh der Schlaf von ihr, und wenn sie dann morgens aufstand, zeugten dunkle Ränder unter ihren Augen von stillen inneren Qualen.

Noch einen anderen Fehler ihres Vaters besaß sie: sie las gern und viel. Leider bestand das ihr gebotene Lesematerial meist aus minderwertigen Schauerromanen, die ihrer aufgeregten Phantasie nur noch mehr Nahrung gaben. Wenn sie etwas besonders Fesselndes gelesen hatte, stellte sie Vergleiche an mit sich und Jan und den Personen

geschlossen hatte.

Ein Herzschlag," hatte Doktor Michelsen gesagt.Die Milch ist schuld; sie ist zu gut." . _

Ein Herzschlag? War nicht Jak auch an einem Herz­schlag gestorben? Sollte ein Kind an Milch, an reiner, guter Milch sterben können?

Solche Gedanken bewegten das Herz, des jungen Weibes, ähnlich dachten auch die Leute im Dorfe.

Warum ging er seiner Frau aus dem Wege? Sie war doch seine Frau!

lieber solche Fragen zerbrach sich Tine beit Kops.

Im Anfang ihrer Ehe hatte sie um Jans Liebe ge­worben, Wochen-, monatelang. Sie hatte geworben mit jedem Blick, jedem Wort, jeder Handreichung, so wie ein treuer Hund, wie ein Sklave um die Gunst seines Herrn wirbt. , ,

Jan hatte die kleinen Zeichen nicht bemerkt und nicht beachtet. Er hatte getan, was er für seine Pflicht hielt: er hatte dem eigenen Glücke entsagt, um ein unglückliches Weib zu retten. Seitdem ging er still und in sich gekehrt seiner Beschäftigung nach.

Erst später dämmerte ihm das Gefühl, daß auch Tine der Liebe bedürfe. Er begann sich nach ihr umzusehen, aber da hatte sich die scheue Seele des jungen Weibes schon wieder in sich selbst zurückgezogen.

Nach dem Tode des Kindes gab sich Jan wirklich Muhe, mit Tine freundlich und sanft zu verkehren; sie empfand es wohl, aber es war nicht das, was sie ersehnte: es war keine Liebe. ,,

Weshalb ist er so freundlich gegen mich?" dachte sie. Jak hat mich geschlagen und gescholten; aber er liebte mich. Mir wurde heiß und kalt in seinen An is tuciE Sliebc !/z

Tine fing an, Jan zu beobachten. Aus jedem Zufalls­wort, aus jeder Miene glaubte sie etwas zu lesen. Sie bewahrte aber alles, was sie dachte und fühlte, in ihrer Brust; die schwatzhafte Mutter durfte davon nichts ahnen.

Frau Anndortjen ahnte auch tatsächlich nichts von m Seelenzustande ihrer Tochter. Sie schalt diese wohl ost wegen ihres sonderbaren Wesens. Hinterher jedoch ent­schuldigte sie die Tochter:Sie hat zuviel durchgemacht. Sie hat böse Tage gesehen; das ist ihr aus den Kopf ge­schlagen "

Im übrigen suchte die kluge Frau das Leben auf Spä- I tinghof nach ihren Wünschen und Neigungen umzugestalten.

Freilich, mit der Geselligkeit haperte es; in der Marsch waren die Leute exklusiver als auf der Geest. Die Bauers­frauen hatten sich von vornherein von Tine zurückgezogen. Sie war ein ehemaliges Dienstmädchen, dazu von der Geest; das genügte» um den näheren Verkehr mit ihr anszn- schließen.

Von den Nachbarn kam wohl hin und wieder mal einer rum Schnacken; die Männer nahmen es in Sachen des Standesunterschiedes nicht so genau. Klaas Nissen von Bäkhof kam saft alle Tage auf Spätinghof; seine Tochter Liete aber rümpfte die Nase, wenn sie an der Trift vorbei- Stlt9qiitoei(en lud Anndortjen die Kantorsche, die Bäckersche | und die Krüger sehe zu einer Tasse Kaffee und Backwerc ein; | Anndortjen war nicht wählerisch. Wenn mal einer aus dem Dorfe kam, ein Handwerker mit einer Rechnung oder ein Nachbar, der um einen gute» Rat verlegen war ober j sich etwas leihen wollte, dann wurde ein Glas Grog ge- | macht, die Karten kamen auf den Tisch, und eine Partie Sechsundsechzig verkürzte die Zeit.

Mit ihrer Milchkundschaft stand sich Anndortjen vor­züglich. Das Geschäft blühte unter ihren Händen. Dio I Weiber kamen auch am liebsten zu ihr. Wenn He,sterische anhub:Ach, Frau Klasen, was Sie for 'ne seine Muff haben! Ich sage zu Nasche, die ist noch größer als der Frau Lehnsmann ihre" dann war sie sicher, Aiindortjen I gab noch einen tüchtigen Guß über das Maß hinaus. Lehm- becksche beeilte sich dann, hinzuzufügen:Solche seine Sachen als Frau Nachbarn hat so leicht keiner in Witzwort.

Und Anndortjen lächelte gerührt und. ließ das übe« den Topf gehaltene Maß ordentlich überlaufen.

I Nach Tines Verheiratung war auch Schaue Sönksen eiw» ! mal auf Spätinghof gewesen.

Anndortjen freute sich aufrichtig über den Besuch der j alten Freundin. Sie nötigte Schane in die Wohnstube, I kochte einen seinen Extrakafsee und stellte einen gehausten I Teller Kuchen auf den Tisch. Nach dem Kaffee zeigte sie «Schaue Keller und Küche. Sie führte die Alte m den | Stall; sie öffnete Schränke und Schubfächer. Ja, Jte schäm | nicht übel Lust zu haben, die alte Frau die Bodentreppe | hinaufzuschleppen. Dabei versicherte sie einmal über oas. I andere, sie sei gar nicht stolz geworden.

IIst auch nicht vonnöten," meinte Schaue trocken.

Als wenige Monate nach der Hochzeit ein schwarz- i haariges Knäblem zur Welt kam, da schien es, ob chr ei» neues Leben aufginge. Eine inut erliche Geschäftigkeit kam über sie. Mit größter Sorgfalt pflegtefie ba^ Jhnb | und als sie nach kurzer Zeit nicht mehr imstande war, es in nähren, machte sie ihm selbst das Fläschchen zurecht. Sie besorgte selbst alle kleinen Handreichungen, die dazu gehörten: sie spülte die Flaschen, bürstete die Gummi- sauqer, kochte die Milch, mischte und wärmte sie und hielt die Flasche so lange in der Hand, bis das Kind fie leer» getrunken hatte. Tag und Nacht sorgte sie sich um da^> kleine Wesen.

Gert, so wurde der Knabe genannt, gedieh unter der sorgsamen Pflege. Schon begann er zu lachen, zu stram­peln und niedlich zu werden, so daß selbst ^an anfinsg, sich für das Kind zu interessieren; da trat etwas Unvor­hergesehenes ein und vernichtete das junge Leben.

Die Kühe waren von jeher das Schicksal auf Spätinghof gewesen; nm die Kühe drehte sich alles, von ihnen hing der Wohlstand, Leben und Sterben ab*.

Wie alljährlich im Mai wurden die Kühe hinaus auf die Fenne getrieben. Das frische, duftende Spätmggras mundete ihnen vortrefflich, nachdem sie int Winter nur Heu und Schrot gefressen hatten. Die Milch, die jetzt in die Küche kam, war cremegelb und besaß das Aroma des Maiengrases. Sie war fett und köstlich, aber sie wurde dem Säugling zum Verderben.

Das Kind trank fein Fläschchen wie immer vor dem Ein­schlafen leer. Es schlief auch ruhig ein und schrie wahrend der Nacht nicht ein einziges Mal. Als die Mutter es aber am nächsten Morgen aufnehmen wollte, da lag e» bleich und starr in feiner Wiege; es war tot. Durch die ver­änderte fette Milch waren Krämpfe hervorgeruftn wor­den; ein Herzschlag hatte dem jungen Leben ein Ende ge­macht, als noch die Mutter in ihr«- Bette nebenan in tiefem Schlummer lag.

Entsetzlich schwer ward es Tine, , 4 in den Plötzlichen Tod ihres Lieblings zu finden. Sie konnte es nicht fassen, daß das Kind, das sie noch am Tage vorher mit ^aks dunklen Angen angeblickt gatte, nun die Augen für immer

des Romans.

Immer anfs neue verfiel sie ins Grübeln. "Warum nur Jan immer fo gleichmäßig ruhig und freundlich blieb, fragte sie sich. Er trauerte nicht um den Tod des Kmdes; er nahm das Ereignis hin als etwas, das kommen mußte. Er hatte das Kind nie geliebt. Er liebte auch feine Frau nicht. , ,

Warum hatte er fie denn geheiratet? Weshalb hatte er nicht Franke Steffens geheiratet, das frische, blonde Mädchen, nach der er sich Sonntags in der Kirche die Augen ausguckte?

War er es dem Bruder schuldig gewesen, die verlassene Brant zu heiraten?

Fürchtete er, daß sie ihn anklagen würde?