Ausgabe 
1.5.1909
 
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Samstag den Mai

WW

Lied fahrender Schüler.

Nun kam nach langer Winterhast Der Frühling endlich wieder, Mit neuer Lust und neuer Kraft, Mit Maienduft und Flieder.

Jetzt laßt die strenge Arbeit ruhn, Die Stiefel neu besohlen!

Der Teufel mag die Bücher nun Und die Magister holen!

Hell sprüht und blüht der junge Mair Feinslieb, wir müssen wandern!

Zu Tausch und Tanz und Tändelei Verschreib dir einen andern.

Mit sorgenledigem Gemüt Gehts jetzt in Welt und Weiten, Wo Sonnenglast und Lust und Lied Uns maienfroh begleiten.

Frischauf, der Maibaum schwankt im Wind, Was wollt ihr länger zaudern!

Viel schöner ists, bei schönem Kind Ein Stündchen zu verplaudern, Als hier in dumpfer Stubenluft Allmählich zu vertrauern, Und nur umweht von Tintenduft In Weisheit zu verbauern.

Noch sind wir jung, noch lacht der Mai Uns allen aus den Augen, Da will der Weisheit Tyrannei Dem Leben wenig taugen.

Uns küinmert weder Geld noch Gut, Nur junger Lenz und Leben, Die uns zu keckem Wagemut, Zu Lust und Lieb gegeben.

Die Wälder sind voll Kling und Klang,

Die Wolken selber tanzen, Die Mädel schauen sreudcbang Aus allen Heckenschranzen.

Nun frisch die Mütze von der Wand, Verfehmt sei alles Streben, Den Wanderstecken in die Hand Und keck hinaus ins Leben! x Karl Neurath.

Spätinghof.

Roman von K. v. d. E i d e r.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

10.

Mehrere Jahre waren verflossen, seitdem Aundortjen Klasen in Spätinghof eingezogen war. In Holzpantoffeln und Umschlagetnch war sie über die Schwelle getreten. Ms Bild einer armen, verkiiinmerten Witfrau, aber eine kurze Zeit genügte, um dies Bild zu verwandeln. Wer die Frau jetzt Sonntags morgens in die Kirche gehen sah, im schwarzen Umhang, mit Kapotthut, Jltiskragen und großer Muffe, der hätte die arme Frau aus her Ramstedter Deichkate nicht wiedererkannt.

Auch im übrigen hatte sie sich vorteilhaft verändert!. Ihre Gestalt war behäbig, ihre Wangen waren voll und rosig geworden. Man sah ihr die guten Tage an; sie repräsentierte den Wohlstand auf Spätinghof.

In dieser Beziehung hatte ihr Jan vieles zu danken. Sie ivar die Seele des Hofes. Sehr rasch hatte sie sich in die Rolle der Herrin gefunden, die sie gewiß oft in Ge­danken geübt hatte.

Spätinghof erhielt bald ein freundlicheres Aussehen. Weiße Gardinen, Töpfe mit blühenden Blumen zierten d.ie Stubenfenster. Die Wände wurden mit hellen Tapeten tapeziert, die Dielen geseift und geölt. Auf den Tisch, den zu Mamsells Zeiten ein braunes Wachstuch bedeckte, legte Anndortjen eine bunte wollene Decke und breitete eine schneeweiße Serviette darüber. Sofa und Kommode putzte sie mit gehäkelten Deckchen aus. So wurde Anndortjen der gute freundliche Geist des finsteren alten Hauses.

Aber sie rastete nicht. Sie sorgte dafür, daß nach der Hochzeit Knecht und Dienstdeern gemietet' wurden. Auf ihren Rat 'wurde die Zahl der Kühe verdoppelt, llner- müdlich war sie tätig beim Melken, Suttern und Käse- machen. Jetzt fühlte sie sich in ihrem Elenrente.

Sie ließ' es sich auch nicht nehmen, am Markttage mit Jan nach Husum zu fahren, um Butter und Käse zu ver­kaufen. Dies war sogar ihr Hauptvergnügen. Wenn sie nach stundenlangem Stehen auf dem Wochenmarkt sich bei Krischan Kopmann an heißem Kaffee und Groben erquickte und sich mit den anderen Bauersfrauen über Kälber und Butterpreise und auch wohl mal über das Detter unter­hielt das war Anndortjens schönste Stunde.

Tine überließ der Mutter gern das Regiment im Hause. Sie war in ihrer schmiegsamen, scheuen Art .mehr zum Dienen geschaffen.

Die junge Fran hatte noch nichts von ihrer Schönheit eingebüßt: im Gegenteil, ihre Züge hatten sich verfeinert, ihre Augen blickten noch seelenvoller als früher. Aber fröhlicher war sie nicht geworben.