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Erlauben Sie, ich iu'etß, was ich sage. Erstlich ist der Ausgang nach dem Park geschlossen; er wird an den großen Einpfangs- lagen geöffnet, aber nicht an den intimen Montagabenden. Zweitens verlangt Monseigneur, daß ich an Gescllschaflsabcndcn direkt auf der Türschwelle stehe. Noch heute hat er mir diesen Befehl wieder einschärfen lassen, und Sie können sich denken, daß ich sticht ungehorsam bin.
Wenn das so ist, versetzte Lecoq ein wenig beruhigt, so werden wir unseren Mann vielleicht finden. Benachrichtigen Sie die Bedienten, aber ohne die Glocke zu ziehen. Je weniger Lärm wir machen, desto mehr Aussicht auf Erfolg haben wir.
In einem Augenblick waren die fünfzig Bedienten aus den Vorzimmern, den Stallungen und der Küche des Hotels Sair- meuse auf den Beinen. Große Wagen- und Stallatersten wurden herb eigebracht, und mit einem Zanbcrschlage war der ganze Park erleuchtet.
'Wenn Mai sich hier versteckt hat, dachte Lecog, ganz glücklich über eine solche Anzahl von Hilfskräften, so kann er unmöglich entkommen.
Aber vergebens wurde der ganze Park abgesucht, in jedes Gebüsch hineingeleuchtet, sogar jeder Baum erstiegen.
Der Mörder wird auf demselben Weg, wie er hereingekommen ist, sich wieder aus dem Staube gemacht haben ! wiederholte hartnäckig intimer wieder der Schweizer, der sich mit einer gewaltigen Steinfchloßpistole bewaffnet hatte. Um ihn zu überzeugen, mußte Lecog sich mit deut alten Absinth, der mit den beiden Schutzleuten auf der Straßenseite anfpaßte, in Verbindung setzen. Der Schutzmann, der den Komplizen auf die Wache gebracht hatte, war Nämlich wieder zu ihnen gestoßen. Alle drei verschworen sich hoch und teuer, es wäre keine Fliege über die Mauer gekommen.
Die Nachforschungen im Park sollten auf Leeogs Befehl Don Neuem ausgenommen werden, als plötzlich ein Herr mit würdevollem glatt rasiertem Gesicht in den Lichtkreis trat.
Herr Otto! flüsterte der Schweizer Leooq ins Ohr; Monseigneurs erster Kautmerdiener!
Diese tvichtige Persönlichkeit kam im Auftrag des Herrn Hersogs — er sagte nicht „Monseigneur" — um sich nach der Bedeutung des Lärms zu erkundigen. Aks matt ihm Auskunft gegeben hatte, geruhte Herr Otto, deu jungen Beamten zu der Entdeckung des Verbrechers zu beglückwünschen; ja, er legte ihm sogar dringend ans Herz, das Palais vout Dach bis zunt Keller zu durchsuchen. Nur dadurch würde die Frau Herzogin sich beruhigen lassen.
Er entfernte sich, und die Nachforschungen begannen mit einem Eifer, der durch ein gewisses Versprechen des Herrn Kellermeisters neu entflammt war.
Aber alles >vav vergebens. Mai blieb unauffindbar. Es wäre ■ kindisch gewesen, noch länger den Garten zu durchsuchen. Lecog rief also seine Leute zusammen und sagte ihnen mit vev- zweifelter Stimme:
Genug! Es steht fest, daß der Mörder nicht mehr im Garten ist.
Hatte er sich also in irgend einen Winkel des großen Gebäudes verkrochen? Das war die allgemeine. Ansicht der Dienerschaft, besonders des Schweizers.
Ich bin nicht von meiner Türschwelle gewichen, schwor er; unmöglich hätte jemand herauSkommen können, ohne daß ich ihn gesehen hätte.
Durchsuchen rvir also das Haus! sagte Lecog. Vorher aber will ich meinem Kollegen in der Rue de Barennes sagen, daß er hereinkommen soll. Es hat keinen Zweck mehr, daß er vor der Gartenmauer Wache steht.
Sobald der alte Absinth gekommen war, wurden alle Ausgänge des Erdgeschosses geschlossen, und Lecog mit seinen Leuten! begann das ganze Haus zu durchsuchen. Mit einem geradezil wütenden Eifer ging er den anderen voran und trieb sie immer von neuem an. Wie eine Feder hob er die schwersten Möbel hoch und schob Sessel und Sofas von der Stelle; er sah in Waiid- und andere Schränke hinein und betastete Wandteppiche, Gardinen und Türvorhänge. Kein Winkel, vom Keller bis zum Dachr- boden, wurde vergessen. Schließlich kroch Lecog sogar ans einer Luke" heraus und untersuchte alle Dächer.
Endlich, nach zwei Stunden übermenschlicher Arbeit, stand Lecog luieber auf dem Flur des ersten Stockwerkes. Nur fünf «der sechs Bediente waren noch bei ihm; alle andern Hattert sich nach und nach gedrückt; das Abenteuer, das ihnen. anfangs Vergnügen gemacht, war ihnen schließlich langweilig geworden.
So, jetzt haben die Herren alles gesehen, erklärte ein alter Lakai.
Alles? unterbrach ihn der Schweizer, Gewiß- nicht. W
sind noch Monseigners Gemächer und die der Frau Herzogin' zu durchsuchen.
Ach, wozu denn? murmelte Lecog.
Aber der Schweizer hatte schon leise au eine der auf den Flur hinausgehenden Türen gepocht. Sein Eifer war womöglich noch größer als der der Kriminalbeamten. Sic hatten den Mörder hineingehen, er hatte iTm nicht herausgehen sehen — also war er im Gebäude, und darum sollte und mußte er durchaus gefunden werden.
Die Tür wurde ein wenig geöffnet, und man sah das würdevolle glattrasierte Gesicht Ottos, des ersten Kammerdieners.
Mag zum Teufel wollen Sie denn? fragte er ärgerlich.
In Monseigneurs Wohnung eintreten, antwortete dec Tür- fchweizcr, und uns versichern, daß der Verbrecher sich nicht der hinein geflüchtet hat.
Sie sind wohl verrückt! erklärte der Herr Kammerdiener. Wann und wie sollte er denn heveingekommen sein? Uebrigenss darf ich nicht dulden, daß m!an den Herrn Herzog stört. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und nimmt jetzt eben vor dem! Schlafengehen noch ein Bad.
Der Schweizer schien über den Rüssel sehr empfindlich zu sein, und Lecog brachte einige Entschuldigungen vor, als eine Stimme von drinnen rief:
Lassen Sie doch, Otto! Lassen Sie die braven Leute ihre Schuldigkeit hin!
Aha, hören Sie? flüsterte der Schweizer triumphierend.
Sehr schön. Der Herr Herzog crlaubt's. Dann ist es nmS anderes. Kommen Sie, ich werde Ihnen leuchten.
Lecog trat ein, doch durchschritt er nur der Form wegen die verschiedenen Wohnzimmer, die Bibliothek, ein wundervolles Arbeits-, ein entzückendes Rauchzimmer. Als er durch das Schlafzimmer ging, statte er dlie Ehre, durch die halboffene Tür einer kleinen, wcißmarmornen Badestube einen flüchtigen Blick auf den Herrn Herzog von Sairmeuse zu tun.
Nun? rief dev Herzog fröhlich. Ist der Böseivicht immer noch unsichtbar?
Immer noch, Monseigneur! antwortete der junge Beamte ehrfurchtsvoll.
Der Kammerdiener teilte nicht die gute Laune seines Herrn.
Ich denke, meine Herren Beamten, sagte er, Sie können sich die Mühe ersparen, auch noch die Gemächer der Frau Herzogin zu durchsuchen. Ihre Frauen und ich haben das schon besorgt, und zwar hat i wir sogar In die Schubladen hiueingeguckt . . .
(Fortietzung folgt.)
Die Hemiramis des Gstens.
Das „Reich der Mitte" steht vor einer großen Umwäl- S; der Kunde von dem Tode des Kaisers folgt eine
,richt von weitaus größerer Tragweite für das Geschick des chinesischen Reiches: Tau-Hsi, die allgewaltige Kaiserin- Regentin, die mit drei Jahrzehnten die Geschicke des Landes unumschränkt lenkte, liegt schwer erkrankt darnieder, und es mehren sich die Stimmen, die auf das Sterben der heute vieruudsrebzigjährigeu Fran Hinweisen. Ein romantisches Dunkel breitet sich noch heute über die Herkunft und die Jugend der Regentin, aber wie weit die verschiedenen Versionen auch auseinandergehen, in einem stimmen sie überein, von Kindheit an erregte das Mädchen nicht nur durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihre Energie, ihre Klugheit und ihren Wissensdrang Aufsehen. Sie entstammt dem Maudschu Stamme; aber nicht aus dem Purpur ward sie geboren, ihre Eltern waren verarmt und nach dem Süden ausgewandert und der Lebensgang der heutigen Regentin führt in seinen Anfängen zurück in Tage bitterster Erniedrigung und dunkelster Rot. Sie selbst, noch ein Kind, soll den Vater überredet haben, sie als Sklavin KU verkaufen, um die Not der Familie zu lindern. Der Hunger ist ein unwiderstehlicher Ratgeber, nach langem Kampfe rangen sich die Eltern den bitteren Entschluß ab, und Tfu-Hfi kam als junge Sklavin in das Haus eines reichen Mannes, der als ein chinesischer General, von anderen als ein im Süden lebender reicher Tartare geschildert wird. Eine andere Version läßt freilich Tsu-Hsi als die Tochter eines hohen Würdenträgers in Peking geboren werden; sicher aber ist, daß schon das achtjährige kleine Mädchen seine Lehrer durch seinen Wissensdrang überraschte und daß sie als Kind bereits lesen und schreiben lernte, in einer Zeit, wo dies in China ein Privileg der Gelehrten' war. Wie dem auch sei, der Wendepunkt in ihrem Schicksal tritt ein an dem Tage, da in den Straßen der Städte Prokla-


