1908
Mittwoch den 25. November
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Herr Lecoq.
KÄminal-Roman von E. Gabsriau.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
38. Kapitel.
Der rätselhafte Mai hatte seine nicht vbrauchu sehende Absicht mit einer solchen Geschwindigkeit ausgeführt, das; Lecoq keine Zeit hatte, dazwischcnzntrcten, ja, das, er nicht einmal daran dachte. Aber wie ein harter Stoß durchzuckte ihn plötzlich eine Ahnung, daß ihn in diesem Augenblick ein großes Unglück betroffen habe. Zehn Sekunden lang blieb er wie versteinert stehen; dann aber kam blitzschnell das Bewußtsein über ihn, wie der Fehler wieder gut zu machen sei. Mit sicherem Auge maß er die Entfernung bis zu Mais Komplizen, sprang hervor und war in drei Sätzen bei ihm.
Der Mann mit dem Filzhut wollte schreien — eine Eisenfaust erstickte jeden Laut in seiner Kehle. Er nullte sich wehren, aber ein Stoß mit dem Knie in die Seite streckte ihn wie ein Kind zu Boden und ehe er noch Zeit gehabt hatte, sich zu besinnen, war er gebunden, geknebelt, und halb erstickt in die Rue de la Chaise getragen. Kein Wort, kein Fluch hatte dabei Mai auf der anderen Seite der Mauer von dem Borgefallenen Kenntnis geben können.
Das ist 'ne Geschichte I murmelte der alte Absinth, der so verblüfft war, daß er gar nicht daran dachte, seinen! jungen Kollegen hilfreiche Hand zu leisten. Das ist 'ne Geschichte. Wer hätte auch gedacht. . .
O, genug! unterbrach ihn Lecoq mit rauher Stimme, genug! Schwatzen können wir morgen. Jetzt muß ich mich entfernen. Sie, Papa, bleiben vor diesem Garten auf Posten. Wenn Mai wieder- erscheint, so packen Sie ihn und lassen Sie ihn nicht wieder tos. Bei-Ihrem Leben, lassen Sie ihn nicht entwischen!
Ich verstche. Aber was machen wir mit dem da?
Vorläufig kann er bleiben, wo er liegt. Ich habe ihn sorgfältig gefesselt; cs ist also nichts zu befürchten. Wenn eine Schutz- mannspatrouille vorbei kommt, liefern Sie ihn an diese ab.
In diesem Augenblick ließen sich von der Rue de Grenelle her schwere taktmäßige Schritte vernehmen.
Da sind die Schutzleute! rief der alte Absinth.
Ah, das wage ich kaum zu hoffen. Da hätte ich ja ein ganz besonderes Glück.
Lecoq hatte .es . . . zwei Schutzleute eilten herbei; in kurzen Worten setzte Lecoq ihnen das Notwendigste auseinalrdcr. Es wurde abgemacht, daß der eine den Mann mit dem Filzhut nach der Polizeiwache bringen, der andere aber mit dem alten Absinth zusammen auf Mais Zurückkommen ivarten solle.
Und nun, sagte Lecoq, laufe ich in die Rue de Grenelle und schlage Lärm. Zu welchem Hause gehört der Garten?
Was? antivortete der eine Schutzmann ganz überrascht. Sie kennen den Park des Herzogs von Sairmeuse nicht, des zehnfachen Millionärs, des früheren Freundes von. . .
Ich weiß, ich weiß, rief Lecoq.
Ja, fuhr der andere fort, der Spitzbube, dec hier über die Mauer gegangen ist, hat entschieden keine schleckte Rase. Es ist heute Empfangsabend — wie übrigens jeden Montag — und das ganze Haus war voller Gäste.
Und sie sind noch, nicht mal alle fort, fügte der andere Schutzmann hinzu. Als tvir eben bei dem Hause vorüberkamen, hieltet noch fünf oder sechs Wagen vor der Tür.
Lecoq machte sich, so schnell er laufen konnte, auf den Weg. Er begriff, daß Mai sich nicht in der Absicht, einen Dielstahl zu begehen, über die Mauer geschwungen hatte, sondern in der Hoffnung, die Verfolger von feiner Spur los zu werden. Wie sehr war nicht zu befürchten, daß er in dem Wirrwarr des Gc- sellschaftsabcnds die Rue de Grenelle erreichte! Damit wäre natürlich seine Flucht geglückt gewesen.
Die ungeheure Fassade des in fürstlicher Pracht erbauten Hotels Sairmeuse war noch hell erleuchtet; doch der Wagen der letzten Gl st: hatte soeben den Hof verlassen, und Lakaien kamen mit Leitern heraus, um die Außenlaternen auszulöschen. Der Schweizer, ein prachtvoll gewachsener Riese, in dessen Gesicht ein unendlicher Stolz auf seinen goldgestickten Rock ausgeprägt lag, wollte gerade die beiden schiveven Flügel der Haupttür schließen. Lecoq trat auf den imposanten Mann zu und fragte:
Dies ist doch das Hotel Sairmeuse?
Der Schweizer hielt in 'seiner Beschäftigung inne und maß von oben bis unten den ftechen Bummler, der ihn anzureden wagte. Dann sagte er grob:
Ich rate dir, Freundchen, geh deines Weges! Ich liebe die Spaßvögel nicht und habe einen guten Vorrat von Besenstielen zur Hand,
Lecoq hatte sein Bummlerkostüm ganz vergessen.
Ach so! rief er. Aber ich bin nicht, wonach ich aussehe. Ich bin ein Beamter der Kriminalpolizei, heiße Lecoq, hier ist meine Marke, wenn Sie meinem Wort nicht glauben nullen. Ich wollte Ihnen sagen, daß ein Verbrecher bei Jhneil über dil Parkmauer geklettert ist!
Ein Verbrecher!!
Der junge Beamte dachte, ein bißchen Uebcrtreibung kömüs nicht schaden und antivortete:
Ja, und einer der allergefährlichsten: ein Mörder, au dessen Händen schon das Blut von drei Menschen klebt. Wir haben gerade eben seinen Komplizen fcstgenommen, der ihm über dir Mauer geholfen hatte.
Die Rubinen auf der Nase des Schweizers erbleichten sichtlich und er stotterte:
Da muß ich gleich die Bedientenschaft zusammenrufen!
Zugleich streckte er die Hand nach dem Klingelzuge aus, aber Lecoq hielt ihn zurück:
Noch erst ein Wort! Hat der Verbrecher nicht etwa einfach durch das Haus hindurchgchen und durch diese Tür unbemerkt entwischen können? In diesem Fall tväre er natürlich schon weit!
Unmöglich!
Aber . . .


