Ausgabe 
31.8.1907
 
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Tie Strafe toürbe gelind werden, es war ja nicht geschehen, es war nur sein böses Wollen, das er im letzten Augenblick noch bereut hatte- Vielleicht gar würde er freigesprochen! Und dann kam er zurück Dann ging das Leben weiter- Nur, daß er dann kein Ange mehr aufschlagen konnte vor ehrlichen Menschen, daß seine Fran und sein Kind mitleiden mußten unter seiner Schande-

Nein, nein, nein!"

,Er hatte es ganz laut gesagt- Mer dann sah er sich er­schrocken um- Hatte auch niemand es gehört? Niemand durfte ja wissen, was ihn zerriß- Er mußte klug sein, schlau, vorsichtig. So, daß kein Verdacht entstand, kein Schatten der Wirklichkeit seiner Frau und seines Kindes Zukunft verdunkelte. Und des­halb ruckte er sich zusammen mit letzter, verzweifelter Anstrengung. Fort, nur fort- Drinnen wurde es jetzt laut. Seine Frau sprach. Mit leiser, müder Stimme- Das wurde alles anders werden. Wenn erst der erste Schrecken überstanden war, dann würde das Gefühl der Freiheit kommen, es würde ihr sein wie bem Ge­fangenen, von dem die Kette abfüllt- Und schnell, ach wie schnell würde aller Schreck, alles Leid vergessen sein, sie würde wieder lustig werden wie früher, und den leeren Platz neben ihr würde der andere auSfüllen, der, bent er gebührte von früher her-

Nein, er konnte nicht hineingehen- Er würde sie erschrecken, sie und das Kind- Er war doch auch nur ein Mensch, ein Mensch Von Fleisch und Blut noch wenn auch kein Platz mehr für ihn war unter denen, die sich des Lebens erfreuten- Er hatte diesen Platz verwirkt durch eigene Schuld, und er war ein Ueberflüssigcr beworben, der gehen mußte, gehen so schnell als möglich-

Er ging- Ging mit schnellem Schritt die Straße hin­unter zum Rhein- Tie geschlossenen Buden standen mit ihren triefenden, grauen, windgefchütteltcn Planen wie zitternde Bettler- Er warf einen flüchtigen Blick hinüber- Da hatte er gestanden, stundenlang, in den Lichterglanz und das lärmende Gewühl gestarrt wie ein Ausgestoßener, da war sein Plan geboren und gleich riesengroß gewachsen von da war er zur Ausführung ge­gangen-

Jetzt ging er wieder den gleichen Weg- Wie er fror und doch wie in sengender Glut fast verbrannte, wie sein Kbps brauste- r~. .Mer es dauerte ja nicht lange mehr, nur noch einige Minuten-

Der Rhein war aufgewühlt vom Wind-

Graue Wolken zogen schwer und niedrig vom Niederwald her, titte Regenbö kam heran- Die Wellen hatten kleine, weiße Schauor- krvnen, die angeketteten Kähne schaukelten sich unruhig- Oben Über denk Rheingau hing es wie ein schwerer, grauer Vorhang- Einen Augenblick lang brach ein Abendsonnenstrahl durch, ein bleicher, graugelber Schimmer flog über das Wasser- Trotz des Wetters stand eine Gruppe von Schiffern in Oelzeug und Sturm Hut am User. Er trat bedächtig zu ihnen. Alle Unruhe war doch ihm abgefallen. Jetzt nur klug sein, klug und ruhig.

>,Hoscht du noch ä, Fahrt, Worringer? fragte einer Von ihnen-

M, ich Hawwe nor ä bißche wolle in die Luft gehe! Ich hawwe ä Koppweh, net zum! Aushalte. Grad, als wann ich >a gliehend Eise drin hätt- Und do is mer aach ingefalle, ich wollt ämvl nach mei'm Rache gucke- Mer kriegt's mit der -Aengscht, wann so was basiert is- Ich dhu en enunner, un uwrgen frieh, do seh ich'n gründlich nach-".

Die Schiffer nickten- Ja, man kriegte es wirklich mit der Angst, , Und es war schon besser, wenn man seinen Nachen Ordentlich nachsah. Die Polizei würde ohnehin kommen und ihre Nase in alles stecken-

Steuermann Worringer ging langsam- das Ufer hinauf. Die anderen trotteten nach, um zuzusehen, mit der Neugier der Bo- schäftigungslosen, denen jede Gelegenheit lieb ist- Sie debattierten lebhaft, was deut verunglückten Kahn passiert fei--

Am Kranen standen sie still und sahen, die Hände in den Taschen, zu, wie Steuermann Worringer im Kühn hantierte. Er wollte ihn weiter unten ans Land bringen, sagte er- Er stieß VoM Ufer ab, trieb mit der Stange das schwere Fahrzeug abwärts. Die Wellen schaukelten es ungestüm. Mit träger Auf- merksamkeit schlenderten 'die Schiffer eint Lande abwärts, auf die Landebrücke der Dampfer- Schnell trieb das Boot vorbei, von fester Hand gelenkt- Dann nahm Steuermann Worringer die Ruder- Taktmäßig setzte er ein da entglitt das eine seiner Hand. Er haschte danach er beugte sich über weit rechts- Und ba, da mußte ihn wohl der Schwindel erfaßt haben- Er warf ote Arme hoch, der Kahn neigte sich tief nach der Seite ein scywerer, klatschender Fall- ein Aufschrei VoM Ufer her Mitit nodj ein Köchen und Wirbeln irr dem aufgeregten Strom-, das Auftauchen einer dunklen Masse eine Sekunde lang dann Nichts mehr-

8- -

Der Sturni hatte 'nachgelassen. Am Ufer in einen dickest Mantel gewickelt, blaß wie ein Toter, saß Georg Hessemer- Ach, wenn er dabei gelvesen wäre, als es geschah! Er hätte ihncheraus- geholt, er hatte schon Hilfe gewußt- Aber die dabei gewesen waren, stritten heftig:Nein! nein! Es hatte ihn was gepackt/ ein Schwindel oder vielleicht ein Schlag. Wie ein Stein fiel er inS Wasser, wie schon bewußtlos, wehrlos, hilflos- Das Ruder hält' er gepackt, wenn er bei Sinnen gewesen wär'- Tas fiel ihm sicher auch nur, weil ihn was ankam- Er Hatte es auch selbst gesagt, daß er Kopfweh hätte und Schwindel- Man hätte ihn nicht sollen aufs Wasser lassen- Aber wer denkt auch art so was- Tie arme Frau, der arme Bub! Und so muß der.Worringer zugrunde gehen, so elend, der auf dem Wasser zu Haus war, den es nichts anhaben konnte, der noch vor drei Tagen gezeigt hatte, war für eine Riesenkraft in ihnc war-"

Ein alter,, weißhaariger Schiffer, ganz krummgezogen von Gicht und Rheumatismus, schüttelte nachdenklich den Kopf:Mei Badder, Hot immer gesagt», drei dürft mer net au'nt Rhein ziehe! Wann mer dem Rhein drei ewegnähm, do dhät e äm selwer hole un dhät äm aach behalde, un nter kääm net Widder enuff- Un Worringer, bäh behüld e aach, ihr werd's sehe!"

Mer er behielt ihn nicht- Am Abend fanden sie ihn. Sie hatten gerade Greta Worringer sortgebracht, die tränenlos, blaß und verstört gekommen war und den Bemühungen der Leute zugeschaut hatte-

Eine Ankerkette wurde hoch gewunden an eilt ent der Schiffe/ die da auf dein Strom lagen- Sie fand Widerstand. Und als man dann eilig herbeiruderte und suchte, da hing der Körper an der Kette-

Sie brachten ihn heim in sein Haus- Georg Hessemer ging neben der Bahre, so wie vor drei Tagen der andere neben der seinen gegangen war- Er war ganz verstört. Immer sah er den Mann vor sich, wie er ihn zuletzt gesehen, hörte seine letzten Worte:Du hoscht's verspräche, denk dran, du hoscht's verspräche!"

Und so weit es seine aufgeregten Sinne zuließen, grübelte er unablässig:Er Hot sich was angcdohu! Awwer warum- warum nor?"

Aber als Man den Toten in seinem Haus niederlegte, da wurde er irre- T« war ja alles vorbereitet fük den nächsten Morgen, alles zurechtgestellt und gelegt-. Und als die Totcnfrau ihre Tätigkeit begann, da brauchte sie nur das zugelegte Reisig zu entzünden und das eingefüllte Wasser iM Kessel zu erwärmen. Nachdenklich stand sie -einen Augenblick vor der Flamme:Des Hot ä net gedenkt, wie ä des angelegt hot,d es nwr's dozu brauche mißte-"

Sie wendete sich zu dem Toten um und sah ihn an- Sitz hatte sein Gesicht getrocknet und das triefende Haar-

Guck nor", sagte sie zu Georg Hessemer, der neben ihr stand guck, was c so zufridde aussieht. Ball, als wann e lache dhät! Un is doch aus'M Lcwe crausgerisse und hot fei Haus net bestellt und die junge Frau un des kleene ahme Bubche hiewe gelosse."

Georg Hessemer beugte sich nieder zu dem Toten-

Ich denk dran", sagte er ernsthaft,ich denk dran, Worringer-"

Tie Totcnfrau wunderte sich nicht weiter- Sie hatttz sich das Wundern abgewöhnt in ihren Gewerbe--

H?on Kießerr nach Marokko»

.Aus dem Reisetagebuche eines (Stegenerst Nachdruck verboten, (Fortsetzung.)

Tanger, 14. Februar 1907. Am Montag dieser Woche fing es sehr heftig an zu regnen und auch an« folgenden Tag regnete es nicht minder, so daß die An-s nähme nahe liegt, daß die Regenperiode jetzt ihren Anfang! nimmt.. Man hat sie hier lange erwartet, da sie meist schon im Lauf des Januar eintritt. Erwartet sage ich/ weil sie von Einfluß auf den Ausfall der Ernte ist, von deren Gestaltung wieder die meisten übrigen Geschäfte ab- hängen. Ter Karneval dauerte die beiden folgenden Tage auch noch an und am Dienstag wurde dasFrösche-j Werfen" geradezu zu einer Plage. Ein riesiges Gaudium! war es für das Publikum, als einer der zur Explosion! gebrachtenFrösche" einem mit derartigen Sachen Han-» belnden in den Korb flog, dessen ganzer Inhalt sich entzündete und mit großer Detonation gleichfalls explo-^ dierte. Am Abend war ich zum Diner geladen und hatte Gelegenheit, mit Postdirektor M. eingehend zu konferieren. Er erlaubte mir, mich bei der hiesigen deutschen Postanstalt/