1907
Ar. 129
Samstag den 31. Augu
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Steuermann Worringer.
Novelle von Luise Schulte-Brück. (Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
7.
Als Steuermann Worringer seine Haustür öffnete, fiel raschelnd ein Papier zu Boden- — Er nahm es hastig auf. Es war eine amtliche Aufforderung für den nächsten Morgen, seine Aussagen über den Unfall bei der Polizei zu machen- — Tas Unglück war mit einem amtlich zur Ueberfahrt zugelassenen Kahn geschehen — cs mußte also ein Protokoll ausgenommen werden- Worringer kannte das- Er war schon oft vernommen worden in Schifssangelegenheiten- Ten „Schiffischen" war das nichts Neues- Er las aufmerksam zwei- dreimal das Schreiben durch. Tann glättete er es sorgsältig und steckte es langsam ein- Mit ruhigen Bewegungen ging er ab und zu, nahm aus einem Schrank Brot und Wurst, aß und trank ein Glas Wein- Tann warf er sich aufs Bett uud schlief sofort ein- ®r schlief fest, tief und ruhig atmend stundenlang. Als er aufwachte, war cs schon dämmerig. Ter Himmel war grau und trübe, ein starker Wind hatte sich aufgemacht, und schwere Regentropfen schlugen ans Fenster- Er nickte zufrieden mit dem Kopf, rechtes Wetter.
Tann begann er aufzuränmen- Mit Bedacht glättete er das Kopfkissen, schlug die Decke zurück- In der Küche legte er Reisig und Holz in den Herd und die Zündholzschachtel daneben- Seine Kleider sür die Morgenfahrt hing er an ihren Platz und stellte die schweren Stiesel hin- Ten Wasserkessel stillte er frisch und hing ihn an- Ein paar Tropfen waren verspritzt, er wischte sie sorgsältig auf-
Tann besann er sich auf etwas- Er fuhr sich über die Stirn. Ah, das hätte er beinahe vergessen. Schweren Schritts ging er die Bodentreppe hinauf. In der Kämmer, wo Greta die letzte Nacht verbracht hatte, sah es wild aus- Das Bett ungemacht durcheinandergeworfen, Kleidungsstücke zerstreut. Am Boden lag die weiße Bluse in Fetzen- Kindersachen, eine. Trommel, wohl von der Kirchweih her-
Der Mann sah rundum- Er preßte die Lippen fest, fest aufeinander- Tann gab er sich einen Ruck- Er machte auch hier Orduung, ganz bedächtig- Er ordnete das Bett, er hing die Kleider auf- Tann kehrte er den Fußboden sorgsältig- Tie Trommel hielt er lange in der Hand- Dann ging er wieder hinunter. In ©tiifce, Kämmer und Küche sah er nach, fegte, räumte auf- Als alles blink und blank war, schaute er sich zufrieden um- Sv wars recht!
Es war dämmerig geworden- Ter Wind brauste stärker, der Regen schlug heftiger an die Scheiben- Er zog seinen Oel- rock an und stülpte den Südwester auf, den er tief ins Gesicht zog- Tann ging er ruhig aus der Stube. — Nein, er kam noch einmal zurück- Noch einen Schluck Wein, um die trockenen Lippen aufzufeuchten. Und dann tat er noch einen langen Blick im Zimmer umher-
Tie Haustür ging mit Krachen auf- Es klopfte an die Stu
bentür. Steuermann Worringer fuhr heftig zusammen. Tann rief er eilt barsches „Herein"!
Es war die Nachbarin, die Base Hessemcrs-
Sie kaum aus dem Hospital- Sie ergoß einen ganzen Wortschwall über den Mann-
„Eso ä Mann! Eso ä herzhafter Mann-l Eso ä Ehrenmann! Davon wird mer noch itotoer zwanzig Johr verzehle in Bingen, wie dä Worringer sei Fraa tut sei Kind un dä Georg inausgehvlt Hot aus'm Rhein! — Jo, die Worringers! Des is immer ä Familli gewesc, ä richdige Binger Famifli! Tie hawwe kü Undähdche gedohn, all ihr Lewe lang! Die hawwe sich estimmiert un die Fpmilli Ehr, un hawwe was ufs sich gehaldc allezeit! Tie ald Worringern, des war noch än vunt alde Schrot un Kv'rn! Un die Hot ihrn Bub noch so gezoge, wie es alleweil net meh Mode is! — Un deut klää Bub, dem soll mer’S alle Dag verzähle, was fei Badder fier ä Ehrenmann is, un was ä fier ä Heldcdaht gedohn Hot! Dä kann sich noch in sein'm Badder seiner Ehr spiegele!"
Steuermann Worringer war kreidebleich geworden- Die schwatzende Frau merkte es auch- — Sic unterbrach sich in ihrem Wortschwall. -
„Jesses, Worringer, wie seht Ihr aus! — Wie a kewennige Leich! — Ihr seid krank! — Do nemmt äj orntliche Schluck Wein!"
Er trank ganz gehorsam-
„Ihr habt recht", sagte er- „Mir is cs gor net gut- Die Usfreguug kommt hinnenoh! In mei’m Kopp, do geht's als rund, immer rund- — Ich wollt grad emol ä bißche an de Rhein gehe un dann ä Schoppe trinke-"
„Jo, jo, des dhut! — Tv werd's Eich besser! — Aeä orntliche Biund voll frische Luft! — Denk Greta hot's aach ä Stümper gcwwe, & gehörigen! — Es däht als kreische un la- mendiere un sich ferchte, weil's däht männe, cs wär noch im Wasser- Un da Georg, dä is aach noch recht marod! — Awwer ä is uffgestanne un kimmt dcrnacher hääm-"
Endlich war sic ■ hinaus- Endlich konnte der Mann die Tür schließen und gehen- Er machte einen Umweg am Häuschen seiner Schwiegermutter vorbei- Bor dem niedrigen Fenster stand er eine Weile still- Er hörte das Kind plappern. Es riß ihn, hinzugehen, er kämpfte einen harten Kämpf mit sich Wenn er das Kind sah, noch einmal im Arm hielt, dann würde ihm das, was er tun wollte, tun mußte, wieder so viel schwerer werden- — Und dpch! Für den Buben tat er's ja auch! Wü hatte doch die alte Schwatzliese eben gesagt: „Dem klää Bub soll mer's alle Tag verzehle, was sei Badder fier ä Ehrenmann is-"
Er fühlte, wie seine Kehle brannte, wie ausgetrocknet- Wie Feuer war sein Inneres, wie verbrannt U,x all der Pein der letzten Tage, von all dem Lug und Trug, dem Verheimlichen und Vertuschen- — Und morgen, da hatte er ans dem Polizeiamt weiter lügen sollen, weiter heucheln- Sein Kind sollte in der Lüge auswachsen, seine Frau die Kette schleppen um* seiner Lüge willen- — Und immer die Pein des Gissens, die Angst vor Verrat, vor Schande und Strafe- — Freilich, er konnte ja sühnen. Er konnte hingehen vor Richter und Polizei seine Tat bekennen-


