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Festlichkeiten geeigneten Räumlichkeit beraubt, und obschon 1840 ein neues Gebäude an Stelle des alten getreten war, fehlte bis 1857 eine größere Aula. Dieses Fahr brachte auch die Erfüllung eines längst gehegten Wunsches, die Restauration und Aufhängung der 105 Prosessoren- bilder, die seit 1838 dem Auge des Beschauers entzogen waren, da sie in wenig geeigneten Lokalitäten aufbewahrt wurden. Die neue Aula gierten nun wieder 29 Bilder der Professoren der Theologie von I. Winkelmann an (f 1626) bis auf Joh. Stephan Müller (t 1768), 27 Bilder der Professoren der Jurisprudenz von G. Antonii an (t 1618) bis auf Christ. Balser (f 1750), 18 Bilder der Professoren der Medizin von Gregor H o r st an (f 1636) bis auf Ehr. Ludw. Nebel (f 1782), 31 Bilder der Professoren der Philosophie von Konr. Bachmann an (f 1646) bis auf Phil. Nie. Wo l f (f 1762).
Einen bedeutenden Aufschwung sollte unserer Hochschule die Berufung des 21jährigen Chemikers Justus Lie- b i g bringen, der 1824 die Leitung des chemischen Instituts auf der Seltershöhe übernahm. Während drei Jahrzehnte widmete sich Liebig unablässig dem Dienste unserer Universität. Die Augen der gesamten wissenschaftlichen Welt waren nach Gießen gerichtet, das damals an der Spitze der deutschen Hochschulen stand. Mit Liebig begann nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den übrigen Fächern ein reges Leben. Neben ihm wirkten treffliche Männer; es seien nur erwähnt die Theologen Credner (f 1857) und Knobel (t 1863), Professor Hillebrand mit seinen anregenden Vorlesungen über deutsche Nationalliteratur. Der Forstmann H e y e r hf 1856) war ein würdiger Nachfolger seines berühmten Vorgängers Hundeshagen. Heyer versammelte um sich junge Forstleute aus ganz Deutschland und der Schweiz. So konnte sich auch die Zahl der Studierenden 1847 ans 570 heben, und damals die höchste Frequenzziffer seit dem Bestehen der Hochschule erreichen.
In die Zeit von 1845/46 fällt die Erbauung der Anatomie am Bahnhof, die im Mittelbau Vorlesungs-, Sezier- und Arbeitssäle erhielt und in den beiden Flügeln später die Sammlungen des zoologischen Instituts aufnahm. In der alten Anatomie an der Reitbahn wurde die Veterinär an ft alt uutergebracht, die später würdigere Räume an der Frankfurterstraße erhielt.
Die 60 er Jahre bieten wenig Erfreuliches in der Geschichte unserer Hochschule. Die Lage der Universität hatte sich seit 1869 durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände recht ungünstig gestaltet. Seit 1866 war die Zahl der Studierenden fortwährend gesunken, zuletzt auf den Stand von 1836/37, auf 290. In seiner Rede zum Geburtstage des Großherzogs Ludwig III. am 9. Juni 1869 mußte der derzeitige Rektor Dillmann klagen: „Meine Herren,^ verhehlen wir uns die Mißlichkeit der Lage nicht." Zugleich spricht er jedoch die Hoffnung aus, die alma mater werde auch über die jetzigen Mißstände hinwegkommen und das Mißgeschick, mit dem sie jetzt zu kämpfen habe, siegreich überwinden.
An der Einigung der deutschen Stämme und Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches durch die schweren Kämpfe der Jahre 1870 und 1871 nahm auch die akademische Jugend unserer Hochschule teil. 74 Söhne sah sie in den heiligen Kampf hinausziehen, aus dem leider drei ihre frühere Bildungsstätte nicht Wiedersehen sollten. Das Andenken der für das Vaterland gebliebenen Studenten ehrt ein Denkmal im botanischen Garten, das die Devise trägt: „Literis et armis ad ntrumque parati“, den alten Spruch, den auch die Studenten int Jahre 1621 aus ihrer Fahne sührten.
Am 1. Juli 1878 schied aus schaffensfreudigem Leben der Professor der Germanistik Dr. Karl Weigand, bis zuletzt tätig an dem großen Werke, das die Gebrüder Grimm begründet hatten.
Am 24. April 1880 erfolgten die Einweihung und lleber- gabe des während der Jahre 1878/79 geschaffenen Neubaues in der Ludwig st raße an die Universität, der für die Pflege der Wissenschaft ein würdigeres Heim bot als die unzureichenden Räume am Brand. Das alte Gebäude, das seit 1840 der Hochschule zu Unterrichtszwecken gedient hatte, wurde der Universitätsbibliothek überwiesen. 1888 wurde das in der Ludwigstraße neu errichtete chemische Laboratorium seiner Bestimmung übergeben.
Die Zahl der Studierenden betrug im Wintersemester 1882/83: 447, im Sommer 1883 : 464, bewegte sich bis 1890 durchschnittlich zwischen 500 und 550, sank im Wintersemester 1886/87 aus 484 herab und erreichte im Sommersemester 1889 einen Bestand von 654, die höchste Ziffer seit dem Bestehen der Universität.
Von 1890 bis 1900 wurden die Neubauten für fünf Institute ausgeführt, 1890 für die Frauenklinik und die Klinik für innere Medizin, 1895 für die psychiatrische Klinik, 1897 für das hygienisch e Institut und 1900 für das physikalische und physikalisch-chemische Institut. Mit der Einweihung der klinischen Anstalten auf der Seltershöhe im Fahre 1890 vollzog sich auch unter Anwesenheit des Großherzogs Ludwig IV. die Enthüllung des Liebigdenkmals in der Ostanlage.
Am 29. Oktober 1890 wurde ErbgroßherzogErnst Ludwig an der hiesigen Hochschule als sind. iur. et cam. immatrikuliert und weilte hier bis zum 15. März 1891, um seinen Studien vbzuliegen. Am 5. Mai 1894 wurde der hundertjährige Geburtstag des Begründers der romanischen Philologie Friedrich Diez durch einen akademischen Festakt begangen, bei welcher Gelegenheit Gießen, die Vaterstadt des Gelehrten, einen Preis stiftete, der alle drei Jahre als „Diezpreis" vergeben wird. Bereits 1883 wurde am Geburtshause von Friedrich Diez, Neuen Bäue 9, eine Gedenktafel errichtet. Am 10. Januar 1897 beging die theologische Fakultät den hundertjährigen Geburtstag von Karl Aug. Credner durch einen Festakt. Credner's Schüler stifteten eine Marmortafel, die an seinem ehemaligen Wohnhause, Frankfurterstraße, angebracht wurde. Verwandte von Credner begründeten eine „Crednerstiftung"; die Stadtverordneten beschlossen, einer Straße im Südende der Stadt den Namen „Crednerstraße" beizulegeu.
Von 1890 bis 1897 nimmt die Zahl der Studierenden langsam zu; sie betrug 1891: 563, 1892: 575, 1894/95: 531, 1896: 632, 1897: 664, 1897/98: 677. Bon da ist ein stetes Wachsen des Besuches der Hochschule sestzirstellen, so daß bereits am 16. Mai 1902 die 1000. Immatrikulation vorgenommen werden konnte, welche Ziffer sich noch in demselben Semester auf 1016 erhöhen konnte. Im letzten Wintersemester 1906/07 wurde die hiesige Universität von 1097 Studenten besucht.
Am 12. November 1904 fand in Anwesenheit unseres Landesherrn an der hiesigen Universität die Vorfeier zum 400jährigen Geburtstage Philipps des Großmütigen statt, und damit verbunden die Einweihung der neuen Universitätsbibliothek.
Gegenwärtig besitzt unsere Hochschule außer den klinischen Instituten und den theologischen, juristischen, philologischen und staatswissenschaftlichen Seminarien 21 wissenschaftliche Institute für die Förderung in den einzelnen Fachwissenschaften. Die Neubauten für die Au gen- und Ohrenheilkunde sowie für die Tierheilkunde, ein wertvoller Zuwachs zu unseren mustergültig eingerichteten klinischen Anstalten, werden am Tage der Jubelfeier eingeweiht werden.
Seit dem Tage ihrer Gründung hat unsere Hochschule sich stets der Huld ihrer Landesfürsten zu erfreuen gehabt. Dank des Wohlwollens der Regierung und des Entgegenkommens der Landstände durch Bereitstellen der erforderlichen Mittel, die früher nur zu kärglich bewilligt wurden, ist heute unsere Hochschule auf eine Höhe gebracht, die sie berechtigt, einen ebenbürtigen Platz neben anderen bedeutenden deutschen Universitäten einzunehmen.
So darf denn unsere Ludoviciana an ihrem 300 jährigem Geburtstage vertrauensvoll in die Zukunft schauen; sie wird auch in fernen Zeiten bleiben, was sie trotz der Stürme der Jahrhunderte stets gewesen ist, eine gedeihliche Pflanzstätte der freien Wissenschaft und Kunst zum Wohle unseres Hessenlandes. —e—.
** Morgen beginnt die Tageszeitung der „Lndo- v i c i a n a" zu erscheinen, die in den nächsten Tagen dem Gießener Anzeiger als besondere Festgabe beigegeben wird. Sie enthält die Liste der Ehrengäste und in den folgenden Nummern insbesondere einen autentischen Bericht über die Festlichkeiten der Treihundertjahrfeier der Ludoviriana.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.


