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reo Superintendent Bielefeld die Festpredigt hielt. An die kirchliche Feier reihten sich verschiedene akademische Festakte und Promotionen, bei denen Reden in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer, äthiopischer und arabischer Sprache gehalten wurden. Während des Festmahles wurden auf den Wällen 80 Kanonenschüsse gelöst.
An Gehalt bezog ein damaliger Professor neben Naturalien durchschnittlich 325 fl. Sein Einkommen erhöhte sich nicht unwesentlich durch Gewährung des Mittag- und Abendtisches an Studenten; hatte doch mancher Prfeossor 10—20 Kostgänger, darunter gut zahlende, oft adliche Pensionäre. Bei den billigen damaligen Lebensverhältnissen galt das Einkommen eines Professors in der Stadt als glänzend; beliebte doch der Volksmund zu sagen: „Der kann leben wie ein Professo r."
Die Hoffnungen, die man bei der ersten Jahrhundertfeier an eine weitere gedeihliche Entwicklung der Hochschule knüpfte, erfüllten sich in den ersten Dezennien des 18. Jahrhunderts aufs beste. Die Frequenz stieg; 1713 wurden 172 Studenten neu immatrikuliert, so daß die Gesamtzahl der damaligen Studierenden gegen 500 betrug. An bedeutenden Professoren hatte die Universität damals aufzuweisen die Theologen May, „den älteren", und R a m b a ch, die Juristen Hert, Groll mann, Möllenbeck und Weber, die Mediziner Valentini und Verdrieß, den berühmten Botaniker Dillenius, — bekannt durch einen Katalog der um Gießen wild wachsenden Pflanzen —, der 1720 einen Ruf nach Oxford erhielt. Als erster Professor der Chemie an einer deutschen Hochschule wurde 1723 Joh. Th. Hensing angestellt. Namentlich machte das medizinische Studium Fortschritte. 1723 wurde ein „anatomisches Theater" errichtet, die erste derartige Anstalt in Deutschland. Das Jnstitutsgebäude stand neben der Reitschule hinter dem heutigen „Turmhaus" am Brand.
Die Ablösung der im hessen-kasselschen Gebiete gelegenen Vogteien, die 1650 der Universität Gießen bei ihrer Rückverlegung zugefallen waren, erfolgte 1766 nach einem 21 jährigen Streit. Gießen erhielt 80 000 fl. Abfindung von Marburg und kaufte für einen Teil dieser Summe den Zehnten zu Quecköorn für 11400 fl., den Wald bei Beuern für 3500 fl., die Obermühle bei Steinberg für 1600 fl. und ein Gut zu Holzheim für 4900 fl.
1772 wurde ein theologisches Seminar unter der Leitung des Professors Schulz eingerichtet, das jedoch nur ein Jahr bestand. 1776 wurde eine fünfte oder öko- nomischeFakultät errichtet, hauptsächlich für Kameral- wissenschasten, die 1781 nach Weggang ihres verdienstvollen Leiters Schlettwein wieder einging. Neben den oben erwähnten Professoren gehörten um diese Zeit der Hochschule als akademische Lehrer an: die Theologen Schulz, der viel gerühmte und ebensoviel getadelte rationalistische Kanzelredner Bahrd, die Mathematiker Liebknecht und Böhm, der Historiker Ayrmann. 1771 wurde Hopfner nach Gießen berufen als Professor der Institutionen, der Pandekten und des Naturrechts. Er war als akademischer Lehrer sehr beliebt, und namentlich wurde an ihm die „Gabe der Deutlichkeit und Verständlichkeit im Vortrag" gerühmt. Goethe betont, daß er ihn „beim Austausch von Kenntnissen, Meinungen und Ueberzeugungen lieb gewonnen habe." Er sprach den Wunsch aus, bei ihm noch öfter zu verweilen, „um sich an ihm zu unterrichten". In dem Hause Sonnenstraße 15, Neuen Bäue, wo ihn Goethe 1772 von Wetzlar aus besuchte, ist bekanntlich eine Gedenktafel angebracht.
Während des Revolutionskrieges war Gießen im Besitze fremder Kriegsvölker. Am 11. und 16. September 1796 hatte die Stadt die Drangsale einer schweren Beschießung zu erdulden. Die Beschwernisse des Krieges mußten auch auf die Verhältnisse an der Hochschule drückend und lähmend wirken. Die Universitätsinstitute und öffentlichen Gebäude wurden zu Lazaretten, Magazinen und Bureaus eingerichtet. Viele Studenten verließen die Stadt; die Zahl der Studierenden sank auf 172 herab.
' Als General Bernadotte, der spätere König von Schweden, das Oberkommando in Gießen erhielt, durfte sich die Universität seines besonderen Schutzes erfreuen. Er bedachte die Bibliothek mit wertvollen Geschenken, sodaß die Universität ihm wegen seiner humanen Gesinnung den philosopZischen Ehrendoktor ver
lieh. Noch bluteten die Wunden, die der leidige Krieg der Stadt geschlagen, jahrelang fort. Unter diesen Umständen kann es uns nicht wundern, daß Rektor und Kanzler es ablehnten, für die zweite Jahrhundertfeier der Universität Vorbereitungen zu treffen. Die Zeiten waren wahrlich nicht zum Feiern angetan.
Erst die Regierungszeit des Großherzogs Ludwig I. sollte der Universität wieder bessere Zeiten bringen. Schon 1790, bald nach seinem Regierungsantritt, noch als Landgraf, hatte er der Hochschule Beweise seines landesväterlichen Wohlwollens gegeben, indem er 10000 ft. zur Errichtung einer Hebammenschule und Entbindungsanstalt stiftete. Der Plan kam freilich erst 1811 zur Ausführung. Durch Schleifung der Festungswälle war ein geeigneter Platz für das neue Jnstitutsgebäude gewonnen, das 1813 seiner Vollendung entgegenging. Aber kaum war es eröffnet, als es während der napoleonischen Kriege als Lazarett für russische und preußische Soldaten eingerichtet werden mußte. Unter Leitung des verdienstvollen Professors v. R i t g e n genoß das Institut bald einen bedeutenden Ruf. Es befand sich vor der alten Kaserne und diente später als physiologisches Institut.
Ein wertvolles Vermächtnis erhielt die Universität durch die hochherzige Stiftung des Freiherrn v. Senckenberg, der seine ganze Bibliothek nebst seltenen Handschriften, ein Haus am Brand und ein Kapital von 10 000 fl. der Universität vermachte. Durch Schleifung der alten Festungswerke von 1805—1810 und Anlegung der „Schoor" war Boden gewonnen zur Erweiterung des botanischen Gartens. Außerdem stiftete der Landesfürst ein Stück des früheren Amtsgartens zur Anlegung eines forst botanischen Gartens, der unter Leitung des Professors Walther stand. Ein Denkmal im botanischen Garten, von Freunden des Verstorbenen errichtet, ehrt die Verdienste Walthers. Mit Unterstützung des Staates durch einen jährlichen Zuschuß von 300 fl. gründete Professor Balser eine „ambu- l a t o r i s ch e" K l i n i k, die allen hilfsbedürftigen Kranken, auch Augenleidenden dienen sollte.' Diese Stiftung besteht heute noch als Augenklinik, zurzeit von dem Oberarzt a. D. Dr. W i n t h e r geleitet.
Nachdem 1824 im Schiffenberger Wald ein neuer Forst garten angelegt worden war, erhielt der botanische Garten eine Erweiterung. 1825 wurde ein zweites Gewächshaus hergerichtet, ein Alpinum angelegt und ein Teich für Wasserpflanzen ausgegraben. 1824 wurde die Forstlehra n st alt mit der Universität verbunden und unter die Leitung des Professors Hundeshagen gestellt. Die Universität zählte damals 27 ordentliche, 2 außerordentliche Professoren und 6 Privatdozenten, 418 Studenten, darunter 99 Theologen, 227 Juristen, 52 Mediziner und Chirurgen und 40 Angehörige der philosophischen Fakultät. 1812 wurde das philologische Seminar mit einem Direktor und zwei Dzonten gegründet, die unentgeltlichen Unterricht erteilten. Für das Erheben der Kottegiengelder wurde eine -eigene Quästur errichtet.
1821 zogen die Studenten wegen Streitigkeiten mit dem Militär nach demGleibergundnachGla- denbach. Nachdem 1822 das Gießener Regiment nach Worms verlegt worden war, wurde die neue 1819 erbaute Kaserne auf der Seltershöhe, in der heutigen Lie- bigstraße, der Universität überwiesen. 1827 nahm das ehemalige Kasernengebäude auf die Bibliothek, das Mineralienkabinett, das naturhistorische Museum, die chirurgische Jnstrumentensammlung; eine Abteilung des Gebäudes wurde zum akademischen Hospital bestimmt. In einem Nebengebäude wurde ein neues chemisches Laboratorium eingerichtet. Von 1830 an bestand neben der evangelisch- theologischen Fakultät eine katholische, die 1847 die höchste Frequenzzisfer von 80 Studierenden zeigt, aber 1851 wieder einging. Als Professor der Baukunst wirkte von 1838 bis 1874, zu welcher Zeit mit der Gründung des Polytechnikums in Darmstadt der hiesige Lehrstuhl ausgehoben wurde, Hugo von Ritgen, in weiteren Kreisen bekannt durch seine Verdienste für die stilgerechte Wiederherstellung der Wartburg, welcher Aufgabe er 40 Jahre seines Lebens widmete. Auch für die Erhaltung unserer nachbarlichen Burgen Gleiberg und Staufenberg sowie für die Ruine Münzenberg in der Wetterau war er in hohem Maße tätig.
Durch die im Jahre 1838 erfolgte Abtragung des alten Kolleggebäudes wurde die Hochschule einer für größere


