515 -<
so ost es mir paßt, einzufinden, da ich nach meiner Ankunft in Fez die Geschäfte der dortigen deutschen Post übernehmen werde und ich mich so mit meiner zukünftigen Tätigkeit vertraut machen kann. Ich habe hier nämlich „freie Zeit", da ich hier von meinem Bruder, der in Fez wohnt, abgeholt werden soll. Ich weiß aber nicht einmal, ob er überhaupt schon abgereist ist. Die Mrawanen-Reise Fez—Tanger soll bei der derzeit ungünstigen Witterung zirka zehn Tage in Anspruch nehmen.
Wir schützen uns hier im glücklichen Besitze von vier verschiedenen Postämtern: einem deutschen, englischen, französischen und spanischen. Wie sich denken läßt, ist die Konkurrenz zwischen diesen verschiedenen Postanftalten ziemlich scharf, und jede fast bietet in der einen oder anderen Hinsicht ihrer Kündschaft besondere Borteile. So rechnet z. B. die hiesige spanische Post für einen einfachen Brief von hier nach Spanien 10 Centimos, nimmt hingegen im Jnlandverkehr in Spanien selbst für einen gewöhnlichen Brief ihrer Kündschaft 15 Centimos ab, woraus folgt, daß z. B. ein Brief von hier nach Madrid um y3 billiger ist wie ein solcher von Barcelona nach Madrid. Es ist aber für uns Deutsche sehr erfreulich, "daß wir dennoch den stärksten Postverkehr in Marokko besitzen und vor allem, infolge unserer billigen Uebernahmesätze den Bost-i anweisungsverkehr fast ganz m Händen haben. Besonders rn Fez blüht letzterer ganz außerordentlich und auch sonst beherrscht an diesem Platze die deutsche Post den weitaus größten Teil aller, Korrespondenz, so daß dort sogar noch eine Subagentur (in Fez-Mellah) errichtet werden mußte. Es verkehren u. a. nach Fez z. B. jetzt täglich Rakasse (die Boten, die den Weg Tanger—Fez — etwa 270 Kilometer — bei normaler Witterung in etwa vier Tagen zu Fuß zurücklegen) der deutschen Post. Die englische Konkurrenz macht verzweifelte Anstrengungen, mitzukommen und hat gleichfalls seit neuester Zeit einen täglichen Botendienst nach Fez und anderen Orten, wohin auch wir täglich unsere Rakasse entsenden, eingerichtet. Ueberhaupt ist eine voll- ständrge Reorganisierung der englischer: Post in Marokko geplant, und hier soll z. B. ein eigenes englisches Post-» gebäude errichtet werden. Es wird großer Arrstrengungen unsererseits bedürfen, um unsere in dieser Beziehung dominierende Stellung auch für die Dauer zu behaupten! Ich möchte noch bemerken, daß deutsche Postanstalten zurzeit in folgenden Plätzen Marokkos bestehen: Alkassar, Casa-j blanca, Fez, Laroche, Marrakesch, Mazagan, Mekines, Mo- gador, Rabat, Safsi, Tanger und Tetuan.
Nach dieser kleinen Abschweifung muß ich noch einen . Moment bei einem anderen Gegenstand verweilen. Er bildet heute hier das Stadtgespräch. Ben Man für, ein naher Berwandter des vielgenannten Raisuli und ehemals, als letzterer noch in Rang und Würden war, einer von seinen Hauptleuten (Kalifä), ist heute früh in der Nähe der spanischen Gesandtschaft von einem Riff- kabylen erschossen worden. Der Täter, welcher von Ben Mansur früher beleidigt und finanziell schwer geschädigt worden sein soll, hat sich, wie man hört, gleich nach vollbrachter Tat im hiesigen Gefängnis, der Kasbah, freiwillig gestellt; jedenfalls glaubt er, da er sich an Ben Mansur nur rächen wollte, Grund zu der Annahme zu haben, straffrei wegzukommen oder wenigstens nur mild bestraft zu werden.
Tanger, 16. Februar 1907. An der Playa, dem Strand, herrscht zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags stets ein reges Leben. Mehrere der Hauptverkehrsstraßen münden in die Playa und alle Augenblicke schreit hier ein Eseltreiber, dort ein Lastträger: balak, balak: Ächtung, Achtung. Man kann sich zwar hier schon eher durchwinden, als auf den beiden Socos und deren Verbindungsstraßen, wo das Gedränge und der Wirrwarr geradezu unbeschreiblich ist, doch ist es immer noch ziemlich schwierig, ohne alle Augenblicke einmal irgendwo widerzustoßen, sich einen Weg zu bahnen. Sind doch die Straßen kaum vier Meter breit. Daß hier Fuhrwerke verkehren, ist natürlich ausgeschlossen; ich sah einmal etwas außerhalb der Stadt eine „Droschke", und mein Begleiter klärte mich darüber auf, daß es die einzige sei, die Tanger auf- zuweisen habe! — Hat man endlich den Lärm und die Unruhe der anstoßenden Straßen etwas hinter sich, so genießt man mit Wonne den herrlichen Blick auf die Bah von Tanger mit den dahinter liegenden und gegenüber äm Horizont auftauchenden Bergen. Im äußersten Norü-
westen, den Blick gerade an dem herrlichen Kap Malabota vorber gerechtet, sind auch Gibraltars stolze Felsen noch sichtbar. Mit Entzücken atmet man die erfrischende See- m dem Hafen liegenden marokkanischen Dampfer,,^,urn, der sozusagen Marokkos Seemacht reprä- hatte rch schon lange einen Besuch zugedacht, da rch fernen Kapltan, Karow (übrigens ein Deutscher!), kennen sehen war ja nicht; das Schiff hatte kürzlich titt Mittelmeer Havarre und war daher in ziemlich demoliertem Zustande. In diesem wird es wohl auch noch erne Zeitlang bleiben, denn, wie der Kapitän sagte, hat man für die Instandhaltung bezw. Renovierung schon seit vier Jahren nicht einen Pfennig bewilligt!
Tanger, 20. Februar 1907. Wir haben am Sonntag entert Ritt gemacht. Gegen 3 Uhr nachmittags brachen wer auf. Außer zwei Beamten der Post, einem Herrn der,deutschen Gesandtschaft und mir selbst nahmen"noch zwei andere Deutsche daran teil. Unser zweistündiger Ritt führte uns in Tangers Umgebung, teils durch sandiges, teils durch bergiges oder auch atigebautes Land. Wir kreuzten die beiden Wege nach Fez und Tetuan, ritten selbst aber nicht auf Wegen und Straßen, bis. man hier ja kaum kennt. Die Sonne schien ziemlich heiß (17° C. hatte ich mittags gegen 1 Uhr sestgestellt, im Februar!). Das Roß hatte ich mir für 4 Peseten (span. Währ. = 3 Mk.) für den Nachmittag gemietet und es zeigte eine mir recht unliebsame Eigenschaft: großen Ehrgeiz; jedesmal, wenn die Pferde der anderen Herren zum Galopp! ansetzten, ließ es sich nicht halten uttd ruhte nicht eher, bis es eines der ersten war.
Was von dem Fremden hier wohl zuerst sehr unangenehm empfunden wird, ist der in den Straßen allgemein herrschende Lärm, der einem geradezu auf die Nerven fällt. Man könnte im erften Augenblick glauben, daß ole marokkanischen Unruhen sich hier so sehr bemerkbar machen, daß man sich in eine Revolution hineinversetzt wahnen könnte. Schon beim Landen fiel mir die Unruhe auf, die am Landungssteg herrschte. Meist ist der Konkurrenzneid die Hauptursache des vielen Spektakels. Jeder sucht dem Konkurrenten vorzukommen und offeriert mit bewundernswürdiger Gesprächigkeit, was er feilbietet. Durchweg bedienen sich wie Leute dabei des Spanischen, welche Sprache hier außer der arabischen, der Landessprache, fast von allen Eingeborenen gesprochen wird. Auch französisch sprechen hier viele Mohammedaner, kaum dagegen jemand englisch oder deutsch.
Tas schöneGeschlecht ist hier, wie ja in allen mohammedanischen Ländern, nur selten sichtbar. Stur ältere Frauen sieht man bisweilen, meist mit über den Kopf gestülpter, bis ins Gesicht hineinragender Kapuze. Marokkanische „Backfische" habe ich bisher noch nicht gesehen, so sehr ich mich auch danach umsah, um ihre Schönheit, die mir Ansichtskarten schon oftmals zeigten, auch in natura bewundern zu können. Schöne Jüdinnen sind dagegen nichts Seltenes; nur sind sie durchweg auffallend stark gepudert zur Milderung des braunen Teints, der man sich in der Sonnenglut nicht erwehren kann. Daß der Puder aber erheblich mehr verunstaltet als die Sonnenstrahlen, sehen die Schönen nicht ein.
Aus Fez erhielt ich heute die Nachricht, daß ich das Ende der Regenzeit hier abwarten müsse; die Wege seien so grundlos, daß ich unmöglich jetzt reisen könne. Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, daß darüber noch vier bis sechs Wochen vergehen können.
(Fortsetzung folgt.)
Der Sinn der Kleidung.
„Die Kleidtrng", so behaupten Kulturhistoriker, „verdankt ihren Ursprung nicht dem Wärmebediirsnis, auch nicht dem Schicklichkeitsgefühl, sondern dem Triebe, sich zu schmücke n." Sie werden soweit recht haben, als es nicht angängig ist, die Sitte der Bekleidung ohne weiteres aus dem Schamgefühl herzuleiten. Wir kennen die Tatsachen, die den: widersprechen: die weite Ausdehnung der Völker, die überhaupt keine Verhüllung kennen, deren Gebiet selbstverständlich in früheren Zeiten noch viel bedeutender war, und die Wahrnehmung, daß die ersten bescheidenen Anfänge der Kleidung tatfächlich nichts verhüllen. Aber auch wenn die primitive Kleidung schließlich


