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Zur 300jährra.cn Jubelfeier der Luudes- Wnivsrsität Gißen.
(1607—1907).
Die Universitätsstadt Gießen hat ihr bestes Festkleid angelegt. Fahnen und Wimpeln in hessischen Landesfärben, abwechselnd mit dem reichen farbigen Flor der zahlreichen Fahnenabzeicheu unserer Musensöhne wehen im Winde. Blumengewinde und Ehrenpforten verschönen das Bild der Feststadt. Gäste aus nah und fern, bemoste Häupter und junge Burschen im Festkleide und in Couleur, haben sich zahlreich eingefunden, um an der Jubelfeier ihrer Alma mater teilzunehmen.
Auf dreihundert Jahre, reich an Ereignissen mannigfacher Art, auf dreihundert Jahre tut Dienste der Wissenschaft darf unsere hohe Landesschule heute zurückschauen, auf eine reich gesegnete Zeit erster Arbeit, wohl wert eines Rückblickes auf ihre Geschichte.
Anlaß zur Gründung der Universität Gießen gaben die religiösen Wirren in unserer Nachbarstadt Marburg. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel hatte in seinen Landen die reformierte Lehre eingeführt und war eifrig bemüht, auch die rein lutherische Universität Marburg zu reformieren. Auf den Widerstand, dem Moritz bei Einführung der „Verbesserungspunkte" bei den Professoren der Theologie begegnete, antwortete er mit Dienstentlassung. 55 Professoren und Geistliche verlöret! 1605 ihr Amt und fanden zum Teil gastliche Ausnahme bei dem Landgrafen Ludwig V., „dem Getreuen" von Hessen-Darmstadt, der versprach, „ihnen gebührenden Unterhalt zu verschaffen".
Beschäftigte den Landgrafen von Darmstadt schon früher der Gedanke, für seinen Landesteil eine eigene Hochschule zu besitzen, so konnte er jetzt beim Vorhandensein tüchtiger Lehrkräfte seinen Plan zur Ausführung bringen. Das Gutachten der ehemaligen Marburger Professoren Leuchter, Winkelmann und Mentzer entschied für Gießen, nachdein auch D a r m st a d t und Alsfeld als Ort für die neue Landesschule in Frage gekommen waren. Nachdem auf dein Landtage zn Gießen im September 1605 die Landstände einen „halben Schreckeuberger" (etwa 50 Pf.) von jeden 100 Steuergulden für die nächsten vier Jahre bewilligt, wurde die Errichtung eines „Gymnasium illustre" mit zwei Fakultäten und eines „Pae- dagogium trillingue" (Lat., Griech., Hebr.) be- chlossen. Am 10. Oktober 1605 wurde die neue Hochschule eierlich eröffnet. Der Unterricht wurde auf dem Rathause gehalten. Das Rathausglöckchen, das bis in die neueste Zeit „kleppte", war auch für die lernende Jugend damaliger Zeit das Zeichen für den beginnenden Schulanfang. Der erste Rektor war Joh. Winkel mann, einer von den Marburger Vertriebenen, dessen Grabdenkmal in Lebensgröße in der alten Friedhofskapelle aufgestellt ist. Bald nach der Eröffnung der hohen Schule zählte das Gymnasium 200 Scholaren, das Pädagogium 70 Schüler.
An die Errichtung des „Gymnasium illustre" schloß sich der Ausbau zur Landesuniverfität. Landgraf Ludwig V. bemühte sich persönlich beim Kaiser Rudolf II. in Prag das kaiserliche Privilegium zu erlangen, durch das die neue Hochschule zu Gießen gleiche Rechte und Freiheiten wie die anderen Universitäten erhielt. Die Ausfertigung des Pergamentbriefes mit dem Majestätssiegel kostete allein 3000 Goldgulden Känzleisporteln. Die feierliche Eröff- n u n g der hohen L a n d e s s ch u l e fand am 7. Oktober 1607 in Anwesenheit des Landgrafen, des akademischen Lehrkörpers und des Stadtmagistrats von Gießen auf dem Rathause statt. Der Landgraf stiftete zwei silberne, mit goldenen Verzierungen geschmückte Szepter, die heute noch beim Jahresfeste der Universität von dem Pedellen vorgetragen werden. Die Einkünfte aus dem Universitätsgrundbesitz nach der Quote für Hessen-Darmstadt und die Stipendienbeiträge der Gemeinden, die seither an Marburg geleistet wurden, wurden diesem entzogen und der neuen Hochschule zu Gießen zugewendet. Landgraf Ludivig stiftete weiter 40 000 sl. Kapitalien und 9000 „spanische Taler", die Stadt Gießen 150 fl. aus der Einnahme des Weinzapfes. Durch diese reichlichen Dotationen war die Frage der Unterhaltung für die neue Universität gelöst. Der Landgraf schenkte 1609 ein Stück des Burggartens zur Anlegung eines botanischen Gartens, über den der Kandidat Ludwig Jungerinann aus Leipzig mit einem Ge- 'halt von 50 Talern zum Aufseher bestellt wurde.
Ant 25. August 1607, während der Landgraf noch in Prag weilte, fand die feierliche Grundsteinlegung des Universitätsgebäudes statt, das anstelle der altenBibliothek amBrand stand. Der Bau bestand aus drei Stockwerken und einem Giebel, umfaßte geräumige Horsäle, und war lange Zeit der Stolz der alten Gießetter. Im Wintersentester 1608/09 konnte schon ein Teil der Räume zu öffentlichen Akten und Versammlungen benutzt werden. Während des Baues wurden die Vorlesungen, da das Rathaus zu wenig Raum bot, im landgräflichen Schlosse abgehalten. Der Unterricht des Pädagogiums wurde anfangs auf dem Rathause erteilt bis 1616, zu welcher Zeit das „Pio", das ehemalige Anto- nitergebüude, Ecke der Sonneitstraße-Neucn Baue, bezog. 1844 wurde dann die Gymnasialanstalt in das Gebäude am Brand (jetzige Proviuzialdirektion) verlegt, um 1878 dann in ihr neues Heim in der Süd-Anlage überzusiedeln.
Am 12. Oktober 1607 gab der Landgraf der neuen Universität einen Befreiungsbrief, der folgende Punkte enthielt:
Alle, sowohl Proiessoren als Studenten unb andere der Universität Angehörige, haben allein den Rector llir die Obrigkeit zu erkennen, weldjer' einen jeden, nach Verwirkung zu strasen, Macht hat, worin demselben voit keinem Beamten Einspruch geschehen soll, allein peinliche Fälle ausgenommen.*)
*) 1823 verzichtet die Universität aus die ihr zustehende Gerichtsbarkeit unter Beibehaltung der Disziplinargegenstände.


