Ausgabe 
31.5.1907
 
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auf einem Hofe von ähnlicher Größe wie der elterliche Stellung zu nehmen, uin dort unter Leitung einer tüchtigen Hausfrau die nötige hauswirtschaftliche und sachliche Bildung sich anzu- et9H@iue derartige Ausbildung, fürs Leben erzieht, ist das beste, was die Eltern ihrer Tochter mit auf den Lebensweg geben können. Die wirtschaftliche Befähigung und Tüchtigkeit der Tochter wiegt unter Umständen mehr als eine große Mitgift. Das beste und größte Heiratsgut ist die wirtschaftliche Tüchtigkeit der Fran.

und klagt deinem H

»erzen

* Ein Mnndschützer. Durch die gewissenhaften Forsch­ungen bedeutender Hygieniker wurde festgestellt und bewiesen, daß die gefährlichsten Feinde des menschlichen Körpers durch Ein­atmen von Staub, Benuhung von Triukgesaßen, welche von nut ansteckenden Krankheiten behafteten Personen i» Gebrauch ge­wesen, in den menschlichen Organismus gelangen und die ver­derblichsten Folgen hervorrufen können. Ganz besonders liegt die Gefahr einer Ucbertragnng nahe bei Benuhung von Trmk- aesäßen in öffentlichen, deni allgemeinen Verkehr, zugängliche,l Lokalen, wie Wirtschaften, Wartesälen usw. Allerdings sind die verschiedensten Verordnungen erlassen, um die gesundheitsschäd­lichen Einflüsse zu beseitigen. Doch trotz der größten Sorgfalt und Reinlichkeit ist es nicht möglich, die Gefahr einer Ansteckung zu verhüten, da einfaches Schwenken dec Gläser in reinem Wasser nur ungenügend vorhandene Ansteckungskeinie beseitigt. Eine Erfindung des Feinmechanikers Hermann Bauer in Gießen, die den Zweck hat, Krankheitsübertraguiigen bei Trinkgefäßen zu vermeiden, ist geeignet, sich den bereits emgeführten sanitären Schutzvorrichtungen würdig zur Seite zu stellen. Die Erfindung (D. R. M. Nr. 293 924) ist bereits ärztlich empfohlen, fte be­steht aus einem Bügel, genannt Mündschützer, gefertigt von Aluminium, in feinem Ledertäschchen, der bei Gebrauch die Be­rührung des Mundes mit dem Glase verhütet. Die Anschaffungs­kosten sind sehr niedrig. .

* Er steht unter dem Pantoffel. Ueber den Ur­sprung dieser Redensart gibt der schwäbische Angustinermönch Benedictas Anselmus folgendes amüsante Geschichtchen zum Besten: Vor grauen, undenklichen Zeiten lebte ein gewaltiger Ritter, genannt Polyphem mit der eisernen Stirn. Papst und Kaiser hatten nach langer blutiger Fehde Frieden gemacht und zur Feier des Friedens Feste und Turniere angeordnet, zu denen die Blüte der Ritterschaft geladen wurde. Jeder der Turnierenden sollte entweder des Papstes oder des Kaisers Farben tragen. Polyphem aber schwur, er trage nie das Zeichen der Knechtschaft, weder das rote Kreuzband des Papstes, noch die schwarze, goldgeränderte Schleife des Kaisers, er trotze hem Bannfluch und der Reichsacht und fürchte keinen im ganzen Reiche. Da aber kam Frau Beatrix, seine Gemahlin, und bat ihn inständigst, ihretwegen eines' der Zeichen zu tragen; sie brach in Tränenströme ans, als der Ritter sich weigerte, und behauptete, er liebe sie nicht. Der Ritter beteuerte ihr daN Gegenteil und erbot sich, seine Liebe im Kümpfe mit scharfer Waffe gegen zwölf Ritter zu beweisen. Seine schöne Fran aber wollte von nichts wissen: sie schluchzte herzzerbrechend und klagte:Wenn du nur eine Spur von Liebe zu mir in fühltest, so würdest du meiner Bitte nachgeben und eines der Zeichen an deinen Helm heften." Damit ging sie in ihre Kammer, schlug die Tür hinter sich zu und ließ den bestürzten Ritter vor der verschlossenen Tür stehen. In diesem Augenblick'schmetterten die Trompeten zum Turnier. Halb

bewußtlos ergriff der gewaltige Polyphem den kleinen gold- gesticüen Pantoffel den seine zürnende Ehehälfte in der Hast verloren, befestigte ihn an feinem Helm und eilte in die Schranken. Die Herolde riesen ihn an:Stellst du dich unter das Szepter des Kaisers oder unter den Krummstab des Papstes?" Unter den Pantoffel meiner Frau!" war die Antwort. In dem Ritterspiele blieb Polyphem der alleinige Sieger, und als ihm des Kaisers, Schwester den Kampfpreis, eine goldgestickte Schärpe, über die Schulter hing, flüsterte sie ihm zu:Herr Ritter, ihr stellt euch weder unter den Kaiser, noch unter den Papst. Euch vermag kein Mann zu überwinden, aber unter dem Pantoffel, steht ihr doch!" Dieses Wort war bald im ganzen Reiche bekannt, und es zeigte sich, daß der Pantoffel mehr Untertanen habe als Szepter und Ktummstab zusammen.

* Die Gewinuung des Bay-Rums. Uns wird geschrieben: Der Bay-Rum ist im Lause des letzten Jahrzehnts wehr bekannt geworden, namentlich in den Friseurgeschäften. Weniger bekannt ist, woher dieser Stoff stammt, und man weiß im Allgemeinen höchstens, daß er ans Amerika kommt. In der Tat ist er dort schon viel früher zu demselben Zweck be­nutzt worden, dem er jetzt auch bei uns dient, nämlich für erfrischende Waschungen der Kopfhaut, aber auch der Hände und anderer Körperteile, inbem er auch eine besonders be- leoende Wirkung auf die Hanttätigkeit aiisüben soll. Der Haupt- bes.andteil des Bay-Rnm rührt von einem im tropischen Amerika heimischen Baum her, der mit wissenschaftlichem Namen Pimenta

actis heißt und auch anfangs als Bay-Baum' ober Baybeeren- Baum bezeichnet wird. Seine Blätter und Beeren ergeben näm­lich einen eigentümlichen Stoff, dessen Eigenschaften zur Ent­wicklung einer jetzt ganz erheblich gewordenen Industrie Ver­anlassung gegeben haben. Im Journal der englischen Garten­bau-Gesellschaft findet sich eine gründliche Beschreibung des dabei gebrauchten Verfahrens. Die Blätter werden gepflückt und getrocknet, dann in eine mit Wasser gefüllte Retorte gebracht und von dieser aus destilliert. Tas Ergebnis wird ein flüch­tiges ätherisches Oel, das zusammen mit Wasserdampf aufge­fangen und durch Abkühlung verdichtet wird. Dies' ist das sogenannte Bay-Oel, das so stark aromatisch ist, daß es nur in einer ganz geringen Menge verwandt werden braucht, um| eine ganze Flasche Rum in Bay-Rum zu verwandeln. Früher war diese Industrie hauptsächlich auf die westindischen Inseln und namentlich auf Jamaica und St. ThoinaS beschränkt, während jetzt die Blätter in Flaschen oder getrocknetem Zustande größten­teils nach Newyork verschifft werden. Die Produktion hat aber in letzter Zeit mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten können, und deshalb enthält heute nur noch der kleinere Teil der als Bay-Rum verkauften Ware echtes Bay-Oel. Namentlich wird ei» dem echten Bay-Baum venvandtes Gewächs dazu benutzt, nm ans feilten nach Zitronen duftenden Blättern ein für Bay- Oel ausgegebenes Surrogat auf den Markt zu bringen. Die Fälschungen haben nunmehr einen solchen Umfang angenommen, daß ihnen energisch wird entgegeugetreten werden müssen, falls nicht der Bay-Rum in Mißkredit kommen soll.

Das freudige Ereignis. Wie doch die Welt klatschsüchtig ist. Da erzählt man sich bei allen Five o'clocks, daß du dich mit deinem Mann wie Hund und Katze verträgst, und nun sagst du mir, daß 'du einem freudigen Ereignis ent- gegensiehst. Ja, wir lassen uns scheiden.

Litcratnr.

Seeg'eschich ten. Hausbücherei Baud 15 No­vellenbuch Band 4. 179 Seiten. Verlag» der Deutschen Dichier-Gedächtnis-Stiftung' in Hantburg-Großborstel. Zweite Auflage. Preis gebunden 1 Mark. Das Buch beginnt mit einem Abschnitt der eigenen Lebensbeschreibung des Ver­teidigers Kolbergs, unseres alten Joachim Nettel- b e ck, der seinen Schiffbruch im Kattegatt erzählt. Hauffs Gefpensterschiff" führt uns in den Sagenkreis orientalischen Seelebens. Hans HoffmannsUnversicherte Brigg" er­zählt in launiger Weife eine komische Geschichte aus einem nordostdeutschen Hafen. Wilhelm Jensen führt darauf den Leser in einer prachtvollen ErzählungAn der See" in die Kümpfe nm Stralsund im dreißigjährigen Kriege, während wir Wilhelm Poeck in seiner plattdeutschen ErzählungDütsche Blaujacken vör de Takuforts" in die. jüngste Vergangenheit, in die chinesischen Wirren des Jahres 1900, begleiten. Döft Beschluß des Bandes bildet eine Hu­moreske von Johanne sWilda,Kapitän Karpfs Aben­teuer in Haiti", die den Typus des zur Ruhe gesetzten auf­schneiderischen Kapitäns mit köstlichem Humor schildert.

Musik.

Musik für Alle. Im Bordergrimde des Heftes 9tt. 7, das znm Preise von 50 Pfg. im Verlage von Ull­stein ii. Co., Berlin, erschienen ist, steht Brahms Ungarische« Tanz Nr. 19. Er weist alle die Vorzüge des großen Meisters auf, der den Stil der Pnßtalieder wie rein anderer beherrschte und ihn in künstlerische Formen zu gießen verstand.. Daran knüpft sich eine Szene aus der OperAndrö ©genier" des Italieners' Giordano. Das menuettartige etücf gibt einen charak­teristischen Ausschnitt aus der französischen Kiiltnrwelt vor der großen Revolution. Meyer-Helmund ist mit einem Ständchen vertreten, das, wie alle Werke dieses Musikers, sich durch weiche, einprägsame Melodik und aparte Harmonik kennzeichnet. Eine Huldigung an den Frühling stellt das anmutige Lied von Zimmer: Frühliugsmärchen dar. Im Volkston sind die beiden Lieder des Frankfurter Komponisten Fritz Baselt gehalten:Einen wohl hab' ich gern" undUnd Wenn mein schätz ein Teufel wär'". Die klassische Epoche wird durch einen Beethovenschen Allegrosatz aus der achten Symphonie vertreten, Über den der Meister eine wahre Fülle von Frohsinn und Lust ausgeschüttet hat, und durch zwei weniger bekannte, eigenartige Komposi­tionen von Boieldieu.

Logsgriph.

Mit u bereitet es dem faulen Schüler Qual, Mit a kommt es vom Berge her zum Tal, Auflösung in nächster Nummer.

Auftösung des Vexier-Nätsels in voriger Nummerr Wilna; Alwin-Lina, Nil, Ali, Wal,

Redaktion : P. Wittk o. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.