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Aie Kießener öffcnitrche Leseljalk'.
Tie öffentliche Lesehalle besteht seit 1898. Ihre zum Ausleihen außer Hause bestimmte Bibliothek enthält ungefähr 5400 Bände; im Lesezimmer werden über 150 Zeitschriften und Zeitungen regelmäßig ausgelegt, man findet dort an tausend Bro- schüren über Fragen aus vielen Gebieten des öffentlichen und persönlichen Lebens, auch Nachschlagebücher und Verkehrsliteratur. Das Lesezimmer ist täglich geöffnet von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends; für die Ausgabe und Zurücknahme der Bibliotheks- bücher sind folgende Abendstunden angesetzt:
Montag 7—9, Mittwoch 7—9, Freitag 7—9%' und Samstag 6—9 Uhr.
Im Jahre 1906 wurden 26 424 Bände ausgeliehen; im Durchschnitt kam also jeder Band fast fünfmal in die Hände eines Lesers; man darf aber diese Zahl ruhig erhöhen, denn viele Bücher werden vorgelesen oder tvandern in der Familie, in . der Werkstatt von Hand z» Hand. Tas Verlangen nach Romanen, Novellen, Jugendschriftcn und nach Zeitschriftenbänden ist sich in den letzten Jahren ungefähr gleich geblieben: im Jahre 1906 .waren aus diefen Abteilungen 16350 Bände im Umlauf. Bemerkenswert gestiegen sind die Entleihungen aus den Gebieten der Geschichte, Biographie, Kulturgeschichte (1304 im Jahre 1906 gegen 1110 im Jahre 1905) und der Länder- und Völkerkunde (697 gegen 500). Das erklärt sich daraus, daß zu Anfang des Jahres eine große Anzahl geographischer und historischer Werke angeschafst wurde. Die Benutzung naturwissenschaftlicher und technologischer Bücher ist: mit 1433 Bänden im Jahre 1906 um etwa 500 Bände gegen das Jahr 1905 zurückgeblieben — hier waren die Mittel knapp, wir konnten diese Abteilung, bei der auf die Vorlage der neuesten Werre und Auflagen viel anchmmt, nicht auf der Höhe haltern
Im Allgemeinen ist zu sagen: die Bibliothek würde vor . allem in den belehrenden Fächern noch viel mehr benutzt werden und noch viel fruchtbarer wirken, wenn die regelmäßige Zufuhr neuer Bücher verstärkt würde. Eirre solche Anstalt sollte das ihr innewohnende Wachstum entwickeln: Nachfrage und Angebot sollten einander steigern ohne äußere Hemrnung. Unsere Lesehalle ist bis jetzt äußerlich gehemnrt rvvrden durch Mangel n it R a n m und durch Mangel an Mrtteln. Der Raumnot wird abgeholfen werden. Das Gebäude der Gewerbeschule ont Asterweg wird uns die Stadt hoffentlich zur Verfügung stellen, sobald die Gewerbeschule ihren Neubau bezogen hat. Dort können wir unsere Bibliothek bequem aufstellen und brauchen nicht mehr um Platz für den Zuwachs besorgt zu sein. Es ist zu erwarten, daß durch die reichere Auswahl der Bücher und den Eifer der angestellten und freiwilligen Bibliothekarinnen der Nachteil der Lage ausgeglichen werde.
Die eigentliche Lesehalle verbleibt im östlichen Torhäuschen am Selterstor. Wir können dann die Broschüren übersichtlicher hinbreiten und den Zeitungspark vergrößern und wir gewinnen — gewiß zur Freude des trenbesorgten Stifters — für die Ausstellung der Kunstblätter in Wechselrahmen die doppelte Wand- fläche. Vor allem aber wird ausgiebigere Sitzgelegenheit geschaffen — wer im letzten Jahr im Lesezimmer oft einkehrte, hat gewiß gar manchmal der Besucher mehr als der Stühle gesehen.
Die öffentliche Lesehalle, vor einem Jahrzehnt die zaghafte Vorstellung weniger Männer, ist aus dem geistigen Stadtbilde Gießens nicht mehr wegzudenken. Wir dürfen nicht rasten und nicht rückwärts blicken. Wir waren Spender und wir sind Schuldner geworden. So soll es sein bei allen Einrichtungen, die dem gemeinen Nutzen dienen. Sie müssen so selbstverständlich werden, als hätte man nie vordem ohne sie bestehen können. Reichtum verpflichtet. Wer die Veränderungen der Fassade des Selterswegs während des letzten Jahrzehnts beobachtet hat, wer der Entwickelung unserer Villenviertel aufmerffam gefolgt ist, der mag an der erhöhten Lebenshaltung, an der Zunahme materieller Kultur sich freuen ; aber die ideelle Kultur muß Schritt halten; sonst veräußerlichen wir, und das Leben lohnt uürsöweniger der Mühe, je prunkvoller seine Schauseite ist.
Tie Lesehalle soll den der Schulpflicht entwachsenen Bewoh- Nern Gießens und der Vororte literarische Nahrung zuführen; alle nicht gelehrten Anliegen der Erkenntnis sollen hiernach Mög- ltchreit befriedigt werden; die Uebergänge vom Leben zur Wissen- schaft, von der Praxis znr Theorie gilt es wegsam zu machen; über die stoffliche Hinnahme erzählter Geschichten hinaus soll der naive Leser zur bewußten Aufnahme epischer Prosa gelangen. Ein entlegenes Ziel, doch keine Utopie für den, der über sein Menschenalter hinaus zu denken vermag. Wir wollen der Gemeinschaft freimütig dienen nicht durch aufdringliche Lehre, sondern durch Darbietung guter Lektüre „zum Selbstunterricht". Das Vertrauen auf die langsam vorschreitende <selbfterziehung des Volkes ist der Rechtsgrnnd unserer Anstalt. Daraus ergibt sich unsere Stellung abseits des Tageskampfes'politischer Parteien.
Wir zweifeln nicht, daß die Mittel künftig reichlicher fließen werden, daß 'die Zahl unserer Mitglieder und Förderer wieder zunnnmt. Nur so läßt sich die glückliche genossenschaftliche Eigenart der Lesehalle bewahren als eines von den Behörden zwar
unterstützten,*) von einem Verein aber in aller Freiheit geführten Unternehmens.
Gießen begeht in wenigen Wochen die dritte Jahrhundertfeier seiner Universität; wir gedenken dabei der ausharrenden Geduld bedrängter Vorfahren in der Sorge um ein geistiges Gut. Mögen wir nicht vergessen, wieviel noch zu tun ist, nm die größere universitas einer in Bildung geeinigten Nation zu gründen,
*) Tie Stadt Gießen stellte das Lokal, Heizung und Beleucht tung uni) leistete einen Zuschuß von 400 Mk., der Kreis spendet« 200 Mk., 600 Mk. erhielten wir aus beit lieber?chüssen der Bezirkssparkasse, 100 Mk. von der Gewerbebank.
Zur hauswirtschaftlichen AusSildung der Baurrn- töchter.
Das Wohl und Wehe des Bauernstandes und sein wirtschaftliches Vorwärtskommen hängt in weit größerem Maße als in anderen wirtschaftlichen Betrieben ab von der Tüchtigkeit des Wirtes. Sind doch auch zurzeit selbst unter gleichen wirtschaftlichen Verhältnissen die landwirtschaftlichen Betriebserfolge ganz verschiedenartig. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer beruflichen, sachlichen Bildung der Söhne bricht sich unter diesen Umständen denn auch mit der Zeit immer mehr und mehr Bahn. Jeder tüchtige Landwirt ist darauf bedacht, seinem Sohne die für den späteren bäuerlichen Berus notwendigen Fachkenntnisse durch den Besuch von landwirtschaftlichen Schulen angedeihen zu lassen. Fast jeder Kreis besitzt heute landwirtschaftliche Winterschulen, die zur Ausbildung der Bauernsöhne dienen.
Ebenso nahe läge nun auch, so sollte man an nehmen müssen/ der Gedanke, auf die weitere Ausbildung der Bauerntöchter bedacht zu sein, damit auch sie ihrent Manne später als gute Wirtschafterin und sorgende Hausfrau eine Stütze sein könnten. Ist doch gerade die Befähigung und die wirtschaftliche Tüchtigkeit der Bauersfrau von mindestens gleich großer Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg als die Tüchtigkeit des Mannes. Kaum in irgendeinent Hauswesen kann der Einfluß der Frau solche einschneidende Folgen haben, als gerade int bäuerlichen Betriebe. Das besonders für den landwirtschaftlichen Betrieb gemünzte Sprichwort: „Die Frau kann mit der Schürze mehr vom Hofe tragen, als der Mann mit vier Pferden darauf fahren kann," ist allbekannt.
Die Aufgabe der Frau in der Landwirtfchaft ist vielseitiger und schwerer als die mancher Hausfrau in der Stadt. Di« Arbeiten im Haushalte, im Garten, auf dem Felde und im Stalle vollziehen sich unter Mitwirkung der Hausfrau. Dabei muß sie nicht allein die Arbeiten selbst verstehen und aus- führen können, sondern sie muß auch dafür Sorge tragen, daß diese gut ansgesührt werden. Erst recht ist die Aufgabe der Bauersfrau dann schwer und ernst, wenn sie in Abwesenheit des Mannes, sei es im Krankheits- oder einem sonstigen Falle, den Betrieb leiten muß. Die Pflichten einer Mutter, einer Hausfrau und eines Wirtschafters hat sie gleichzeitig zu übernehmen. Solche Fälle sind gar nicht so selten, und die Erfahrung zeigt, daß auch von Frauen geleitete Betriebe ebensogut vorwärts kommen können, wie solche von Männern dirigierte.
Diese Tüchtigkeit wird nun auch nicht als erstes Geburtstagsgeschenk dem Kinde in die Wiege gelegt, sondern sie muß aner- zogen, geübt werden. In der größten Anzahl von bäuerlichen Wirtschäften sind erfreulicherweise die Eltern ihren Töchtern ein gutes Beispiel wirtschaftlicher Tätigkeit, aber das elterliche Haus allein genügt nicht mehr den heutigen Verhältnissen. Auch der Tochter muß die Möglichkeit gegeben werden, sich draußen in der Welt nmzusehen, um neue Erfahrungen und neue Kenntnisse zu sammeln, die für den späteren Beruf unbedingt erforderlich sind. Leider wird, was nun die zweckmäßige Nnterbringung an- belangt, von den Eltern auf dem Lande noch viel gefehlt. Deut Zuge der Zeit folgend glanbeit sie ihrer Tochter dadurch am meisten zu nützen, ivenn sie diese in ein städtisches Pensionat, vielleicht sogar in ein anßerdeutsches, schicken. Mitunter treibt auch der Eigendünkel der Eltern zu einem solchen Vorgehen an, die aus ihrer Tochter nach städtischen Mustern eine vornehme Danie machen wollen, aber znm Schaden für das spätere Leben der Tochter! Was würde man von einem Bauernsohn sagen, der die Bank eines Gymnasiums oder einer Realschule für längere Zeit gedrückt hat und dann nachher dem väterlichen Betriebe vorstehen wollte, ohne über die nötigen Fachkenntnisse zu verfugen. Aehn- lich verhält es sich mit einer Bauerntochter, der eine falsche Erziehung in einem nicht passenden Pensionats zuteil wird, lind doch handeln heute noch viele Eltern vom Lande so.
In erster Linie kommen für die wirtschaftliche Ausbildung in Frage diejenigen Schulen, die fast ausschließlich für die Töchter des Banrnstandes geschaffen sind. Es sind die ländlichen Haus- haltnngsschulen, und deren gibt es heute schon eine recht stattliche Zahl. Neben einer Befestigung und Erweiterung der elementaren Kenntnisse unter Berücksichtigung des späteren ländlichen Lebens- bernfes führt eine solche Schule ein in die praktischen Arbeiten des Lebens. Wo die Ausbildung der Töchter in besonderen Haus- haltungsschnlen infolge der damit vcrbundeneit Kosten erschwert ist, empfiehlt es sich sür die Tochter, znr weiteren .Ausbildung


