310 —
rind unflat, ein nervöses Zucken flog, häufig über die Züge, und die ehemals so blühende Gesichtsfarbe hatte einen fahlen, gelblichen Schimmer. Ihm hatte die Fremde nicht gut getan.
Billatte stand aufgerichtet am Fenster und beobachtete gespannt. Roderichs Blicke wanderten zu Shlvia hinauf, und dort — stand jeht der Graf Boccaleone hinter Sylvia auf bem* Balkon und küßte ihren Arm, an dem das blitzende Geschmeide schimmerte. Billatte sah es, wie über Roderichs Antlitz ein Zucke» flog, er warf den Kopf herum, als wolle er das Bild nicht sehen, und sandte lebhafte Grüße zu den gegenüberliegenden Fenstern und Balkonen hinauf. Er fing lachend die aufs Geratewohl geworfenen Blumenspenden, und schleuderte auch einige zurück — zu Sylvia wandte sein Blick sich nicht mehr.
Tann war auch der Wagen vorüber, cs wurde leerer im Caf4, alles drängte hinaus.
„Tie Barberini kommen, bic Barberini!"
Ein Kanoncnschlag von d r Piazza del Popolo herauf verkündete, daß unten die Pferde losgelassen waren; verschiedentlich angestachelt auf ihrem Wege, durch das Geschrei und Ge- jauchze der Menge immer rasender gemacht, stürmten die Tiere in ihrer engen Bahn zwischen den spalierbildenden Menschenmassen vorwärts bis zur Piazza Benetia, wo sie in Netzen eingefangen wurden. Die Bänder und Blumen an ihren Köpfen flatterten, und das Volk fand ein köstliches Vergnügen daran, die blind und sinnlos dahinrasenden Tiere zu sehen.
„So, gottlob, noch ein kleines Weilchen und die Straßen werden passierbar sein," sagte Paul Hendrichs. „Für deutsche Nerven ist cs ein bißchen viel Lärm, finden Sic das nicht auch?"
Billatte fuhr mit der Hand über die Stirn und besann sich. Jhnr war der Lärm verschlungen von seinen wogenden Gedanken.
„Haben Sie noch etwas vor? Wo pflegen Sie zu speisen? Wenn ich Ihnen mit meiner Terrainkunde irgend dienen kann —" sagte Paul.
Billatte dankte ihm.
; „Wenn Sie es mir erlauben, suche ich Sie später auf," meinte er. „Für heute find es für mich der Eindrücke genug — ich einsam Gewöhnter kann nicht mit einem Sprung in diese rauschenden Fluten hinein."
Sie schieden mit einem Händedruck und entfernten sich nach verschiedenen Richtungen.
Paul speiste in der Bia due Maccelli, wo er au dem Stammtisch der Norweger seinen festen Platz hatte. Die geraden, kräftigen Nordlandssöhne, die hier in Rom eng zusammenhielten, sagten ihm zu. Es waren scharfe Geister darunter und die Unterhaltung stets eine belebte.
Es war eine herrliche, mondklare Nacht geworden; man beschloß, nach dem Essen sich noch einmal ins Gewühl zu stürzen. Auch die ernsten, schwerlebigen Norweger waren bereit, sich heute die Narrenkappe aufzusetzerr, und in großem Trupp ging es nach der Piazza Navona. Hier herrschte das tollste Treiben. Der riesige Platz mit den drei Brunnen war zeltartig Nlit Blumengirlanden überspannt und taghell beleuchtet. Zu den Klängen einer von den verschiedensten Instrumenten hcrvor- gebrachten Musik drehten und wirbelten sich zwischen Kuchen- nnd Würfelbuden die tanzenden Paare im buntesten Faschings- putz. Zierliche Gärtnerinnen und Blumenmädchen, dunkle Zigeunerinnen, Trachten aus dem Albaner- und Sabinergebirgo, Türken, Polen und Eskinws. Hier schwang ein weißgekleideter Koch seinen Löffel und hielt eine flitterbehangene Tscherkcssin im Arm, dort tanzte ein vornehmer Kavalier mit einer kleinen Fischerin. Das jubelte, lachte, schrie durcheinander, wohlbeleibte Mütter mit dem Bambini auf dem Arm mischten sich in das dichteste Gewühl. Man konnte die „ercaturc" nicht zu Hause lassen, und sie waren heute eine lästige Zugabe.
Paul war bald durch das Gedränge von feinen Begleitern getrennt worden, er schlängelte sich unbeachtet durch die Wirbel deS Tanzes. Er selbst wählte sich keine von den lockenden Schönen, er verstand es auch, sich geschickt zu lösen, wenn eine lachende Eolumbina ihn mit sich fortziehen wollte. Er nahm das Leben, wie es sich bot, und studierte in diesen Tagen die Narrheit der Menschen. Er erkannte manchen jungen Nobili unter der Maske, diese Faschingslust unterbrach ihr dolce far nieute recht angenehm.
Unter einem Trupp besonders übermütiger junger Herren erkannte Paul jetzt Roderich Walldorf. Er wußte es ja lange, lute gründlich derselbe hier den Becher schäumender Lust kostete, vlme dre volle Herrschaft des Geistes über den brausenden Strudeln zu wahren. Paul hatte viele so an sich vorüberrasen sehen von seiner Philosopheninsel aus.
Roderich, in scharlachrotem Domino, mit der schwarzeii Halb-
niaske vor dem Gesicht, tanzte mit einer jungen Albanerin. Seine Bewegungen waren wild, als habe ein bacchantischer Taumel ihn erfaßt. An: Felseiirand des großen Brunnens, wo der Flv.ßgott des Ganges seine Wasser spie, lehnte er rastend neben dem Standort Pauls. Dieser hörte seinen raschen, keuchenden Ateni; Roderich lüftete jetzt die Maske und kühlte seine heiße Stirn mit dem Wasser des Brunnens. Da erkannte er Paul und begrüßte ihn mit einem herablassenden Kopfnickeii.
„Ha, Paul, der Fischblütige!" sagte er sarkastisch. „Wer nur an das Fischblut allemal glauben könnte!" Er lachte.
„Jedes Tierchen hat fein Pläsierchen," entgegnete Paul lakonisch.
Roderich ärgerte wieder die stoische Rnhe deS andern, der Mensch sah immer aus, als schwebe er über den Wogen.
Bei Bera traf er ihn jetzt selten genug. Paul hatte sich zurückgezogen, ohne irgend eine Enipsindlichkeit oder Feindschaft zu zeigen gegen den glücklichen Nebenbuhler, der ihn verdrängt halte. Tas war wieder seine Art von Klugheit. Aber Roderich mußte sich, wollte cr ehrlich sein, cingestchen, daß er noch nicht der Glückliche war, der er scheinen mochte. Die letzten Wochen neben Bcra waren wieder eine aufreibende Qual gewesen, cr kam noch immer nicht ans Ziel. Eine Zeit lang; war Vera in sehr weicher Stimmung — sie liebte ihn natürlich, daran zweifelte cr keinen Augenblick, und was etwa geeignet gewesen wäre, ihn an dem Glauben irre zu macheu, wies er weit von sich. Wen sollte sie denn sonst lieben, wenn nicht ihn? Sie hatte ja eine besondere Art, seine leidenschaftlichen Ergüsse anzuhören und dazu zu lächeln.
In diesem Moment tönte es- ihm wieder schadenfroh im Ohr: „Ton Roderigo, Sie sind ein großes Kind!" Und er ließ sich bann von ihr zurückdrängen und stand da wie ein Schul- knabe, der plötzlich seine Lektion vergessen hat. Seine Zähne knirschten aufeinander, wenn er daran dachte und an die Feuerglut, die daun in seinen Adern brannte. Sie war verwöhnt und herrschte überall; wenn sie erst fein Weib war, ward er der Meister.
Sie setzte ja doch ihreir Rni aufs Spiel um seinetwillen.
In der letzten Zeit hatte cr Bera kauni noch allein gesehen, sie war von einem Kreis ihrer Landsleute umgeben, alte Bekannte oder Bekannte ihrer Bekannten. Seit acht Tagen weilten die beiden jüngsten russischen Großfürsten mit ihrem Gefolge in Rom, und Vera verkehrte viel in der russischen Botschaft. Es gab Momente, wo in Roderich eine tödliche Angst heraufstieg. Jahre seines Lebens, die besten, hatte er an dieses Weib verschwendet, Heimat und Elternhaus sich entfremdet nnt ihretwillen —■ er hatte nichts geleistet, nichts erworben, auf das er zurückblicken konnte — vor ihm lag nur ein Weg.
Zuweilen noch tauchte ihm Sylvias Bild herauf, und jene Nacht, da er zuerst sein Vaterhaus verließ. Zwei Lose lagen damals in seiner Hand, und er wog sie beide. Jetzt waren ihm beide entglitten. Sylvia ging zu Grunde, Shlvia, die er zu höchstem Glücke hätte führen können; seine Talente — wo waren sie? Wo übte er sie? Sein einziger Stern in der Oede, die vor ihm lag, war Bera — Bera, die Sphinx. In seinem wirren, vom Wein und Tanz erhitzten Kopf flutete das durcheinander.
„Seit wann übst du Ritterdienste bei Fräiilein Zernial?" fragte er Paul unvermittelt. „Ich sah euch öfter zusammen."
„Seit sie mich interessiert,", entgegnete Paul in seinem kühlen Ton.
„Interessiert?" wiederholte Roderich. „Inwiefern? Bist du ihr Vertrauter? Hilfst du den Priestern bei ihrem Handwerk — du stehst ja wohl über allen Konfessionen — und dem Italiener bei seinem Handel? Ich sah es heut, wie der schwarzäugige Wüstling ihr ein Geschmeide in den Schoß warf."
Paul stand da mit finsterer Stirn und verschränkten Armen' und sah ihm in das wüst erregte Gesicht.
„Ter tolle Gott Bacchus verwirrt dir Gehirn und Zunge," sagte er kaltblütig; „fei nicht zu freigebig mit deinen Stationen! für den Unersättlichen., Für die vielverschlungenen Fäden, welche im Palazzo Rrispvli sich knüpfen, hast du freie Sinne nötig."
„Was soll das heißen?" Roderich fuhr zornentflammt auf, '„Das soll heißen, daß ich dich heut noch eininal warne, wie ich büch schoir früher wiederholt gewarnt habe. Wer Vera Petruschka durchschauen will, muß Herr seiner selbst und — ihrer sein."
„Ha, ha, also endlich bricht doch die verhaltene Eifersucht heraus!" Roderich lachte, daß seine kleine Albanerin, die gerade vorübertanzte, zusammensuhr. „Sei ruhig; weiser Philosoph, ich fühle mich Herr der Lage!"
(Fortsetzung folgt.)


