Ausgabe 
31.5.1907
 
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Aem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Ihr Blick war nach der andern Seite gerichtet, jetzt beugte sie sich über die Brüstung des Balkons, ein prachtvoller Rosen­straus; flog ihr entgegen erwarb von einem Herrn geworfen, dessen wappengeschmückte Equipage durch die Stockung zum Halden veranlaßt wurde. Vier elegant gekleidete Herren saßen in der­selben, sie grüßten alle lebhaft und vertraulich die beiden Danren an der Brüstung des Balkons.

Frau Zernial Villatte erkannte jetzt auch diese in ihrem wunderlichen Aufzuge erwiderte die Grüße mit enthusiastischen Gesten. Sie löste auS der Mitte des duftenden Straußes mit behenden Fingern ein blitzendes Etwas, das sie triumphierend empor hob und dann mit schneller Bewegung um Sylvias Arm legte.

Sylvia saß mit Purpurglut übergossen, verwirrt, ohne recht zu verstehen, was vorging. Villatte gewahrte es, wie sie ab­wehrend die Hand hob, aber es half ihr nichts. Sämtliche Köpfe der hinter und neben ihr Stehenden und Sitzenden lauter dunkeläugige.Römerinnen senkten sich über das Ge­schmeide, das unter den Rosen verborgen gewesen war; die zungensertigen Bewunderungsansrufe schallten beinahe über die Straße, man sah es an den Geberden, welch einen Effekt das Geschenk des Kavaliers da unten hervorbrachte.

Und dieser ein gelbliches Gesicht mit den Furchen ver­heerender Leidenschaften darin warf mit einem Lächeln, das Vitlattes Blut erstarren inachte, Kußhände hinauf, und seine glühenden Augen ruhten verzehrend auf Sylvias erbleichten Zügen. Sie lehnte mit einem Ausdruck, der weder Dankbar­keit noch Freude verriet, viel eher Verwirrung und Scham, aus ihrem Sitz; die Mutter redete zu ihr, sie neigte sich vor und grüßte jetzt hinab mit dankender Handbewegung, sie sah scheu aus, wie ein int Netz gefangener Vogel. Um sie her brausten die schrillen Stimmen der Italienerinnen, welche ihr die wertvolle Huldigung neideten.

Villatte war sehr blaß geworden, und Paul verfolgte, still beobachtend, den Vorgang; er begriff die Gefühle seines Gegen­über.

Kennen Sie deit Herrn?" fragte Villatte leise, als der Wageit mit den Italienern jetzt am (Safe vorüber fuhr.

Es ist der Graf Boccaleone mit feinen Freunden," ent­gegnete Paul.

Wissen Sie Näheres über ihn. und in welchen Beziehungen er zu jener jener jungen Dame steht?"

Mair sagt, daß er Fräulein Zernial zu heiraten gedenkt, und daß die beiden Damen sich entschließen werden, zum Ka­tholizismus überzutreten. Frau Zernial ist jedenfalls schon eifrige Konvertitin und begünstigt den gräflichen Freier; tote Fräulein Sylvia darüber denkt das wage ich nicht zu ent­scheiden."

Villatte schwieg eine Weile.

Sie wissen, daß ich mit Fräulein Zernial verlobt war?" sagte er bann.

Paul nickte bejahend.

Und darum tut es mir leib, daß Sie gerade diesen Anblick zunächst haben mußten," bemerkte er.

Villatte sah noch zu dem Balkon hinüber mit einem ernsten, ruhigen, sehr traurigen Ausdruck.

Wie dauert sie mich," sagte er;dieser Italiener hatte kein gutes Gesicht."

Nein und ich fürchte, er ist auch kein guter Mensch. Seine Vergangenheit soll manche dunkle Seiten bergen, und auch über seine Vermögensverhältnisse lauten die Urteile ver- schieden. Frau Zernial hält ihn jedenfalls für einen sehr be­güterten Mann."

Villatte sah grübelnd vor sich hin.

Schrecklich!" murmelte er.Und ist da nichts zu machen, feilte Warnung, keine Rettung möglich?" meinte er nach einer Pause.

Paul HeudrichS zuckte die Achseln. Ein scharfer Blick aus seinen klugen Augen siel auf den tote gedankenabweseud in das Treiben draußen hinausstarrenden Professor. Eine große Milde und Herzeusgüte lag in dem Gesicht, aber kein Kampf eines leidenschaftlich bewegten Herzens.

Haltlosigkeit und Schwäche sind eigentlich die schlimmsten Mitgaben der Mutter Natur," sagte Villatte, wie zu sich selbst. Arme Sylvia! Sie war einst eine andere, zu allem Guten lenksam"

Wohl Ihnen, daß Sie so weil überwanden, um philosophiere» zu können," meinte Paul,ich fürchtete schon"

Villatte machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und lächelte schwermütig.

Tie Zeit ist eine große Trösterin und Wandlerin," sagte er.Ha, da ist Roderich Walldorf," unterbrach er sich selbst, ei, der ist auch sehr verändert!"

Sahen Sie ihn noch nicht?" fragte Paul.

Nein ich traf ihn nicht zu Hause, als ich in feine» Wohnung meine Karte abgab, und auch er hat mich verfehlt. Ist das die Russin?"

Ja, das ist Vera Petruschka. Ah, der Herr Oberst S'ara-i wajeff ist heut mit ihnen!"

In dem Wagen, der jetzt langsam vorubersuhr, faßen zwei Tanten im Fond. Vera, dunkel gekleidet, bleich, vornehm und schön; ihr Wagen war mit Kränzen und Blumen bedeckt. Auf dem glitzernden Perlbesatz ihres Mantels hafteten die farbigen, in der Luft wirbelnden Flocken, es gab thm ein sternbesätes Aussehen; sie grüßte verbindlich und anmutig ltach allen Seilen, von beiten ihr Blumen nnb Zurufe bet Be­wunderung zuteil wurden, und beugte sich häufig zu dem russischen Oberst, der sich lebhaft mit ihr unterhielt.

Sine schöne Person," sagte Villatte unwillkürlich,mast kann" Roderich Walldorfs Geschmack begreifen."

Er fand, daß Roderich Walldorf auffallend mager geworden fei, seine Schläfen sahen eiugefuukcn aus, die Augen unruhig