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Als Beitrag zur Unterhaltung mid Heiterkeit der Gaste bienen auch kleine scherzhaft Geschenke, Ivelche in originellen Atrappen verborgen oder auch nur gut tu Papier verpackt sind. Biel Spaß macht es, wenn jedes Paßet mit einer bestimmtett Adresse versehen ist; öffnet nun der Betreffende sein Pakt, so findet er auf 'der zweiten Umhüllung den Namen eines anderen Gastes ttnd muß das Paketcheir weiter geben. Auf diese Weise müssen die Empfänger die Pakete so lange wechseln, bis endlich zum Schluß das Geschenk an die richtige Adresse gelangt. Mait wickelt die Geschenke nicht alle gleich ein, sondern einige mehr oder weniger, damit schott ioähreird des Spieles hin und wieder ein Gast fein Geschenk erhält, wodurch die Neugier tind der Eifer der anderen Gäste ang-eregt wird.
Ter Verräter im Himmel,
91 u 3 eine in uberhessi scheu Dörfchen. (Original-Artikel der „Gieß. Farn -Bl.").
Um die Petroleuntlampe, die von der niederen Decke des Baitenrwirtshauses herabhängt, sitzt am langen Tisch die soim- tagabcndliche Tafelrunde. Während an dem einen Tischende von drei Teilnehmern der Gesellschaft Skat gedroschen wird, hält das tiitberc Ende eine ebenso eifrige Gesellschaft Solospieler besetzt. Der Skat wird mit Bier, das Solospiel mit Frucht- braiiutwein begossen. Die Mitte des Tisches nehmen mehrere Bauern ein, die vont Vieh, von der letztjährigcn Ernte und anderem mehr angeregt sich unterhalten, daneben aber aueh durch bewundernde oder höhnende Zurufe die Spieler zu stören suchen. Diese selbst bleiben die Antwort nicht schuldig. „Aach1) «äit uit verninftig Woart2) leßt sich ninn redde, wu bat tniseroatvlech Koartekrimer4) sein."
„Woas willst bau5) daitn Berninftiges schwätze, Konrad, bau host dein LeabdoagG) nvach naut Gescheides gesaat/) aach wann kan Koartespäiler do fein."
So uub oft noch viel liebenswürdiger versüßt man sich gegenseitig den Abend, bis gegen 11 Uhr, da nun doch bald Feierabend gemacht werden muß, die Karten dem Wirt zurück- gegeben, uttb Gewinn und Verlust im Spiel ausgeglichen iverden. Und nun beginnt das allsonntägliche Aitfzieheit des einen oder des anderen Teilnehmers der Tischrundc. Der Angezapste muß wohl oder übel stillhalten, nur nimmt er sich vor, seine Bedränger am nächsten Sonntagabend umso derber mtzupacken.
Heute abend dauert das Rebespiel nur kurze Zeit. Die zwei ältesten Kampfhähne, der 82 jährige Hansjörg und der 86 jährige Mechil (Michel), der. Wirt des Hauses," fechten Hettle alle!!-.
Mechil, dessen Augst vor dem Tode dorfbekauut ist, Ivill von Sterben und Begrabenwerden durchaus nicht gesprochen haben. Er gerät immer ins „Gärrit" (ins Weinen), wenn die Rede darauf gebracht >vird.
Hansjörg, der mehr Mut besitzt, und sich gern an der Augst seines Kameraden weidet, zapft ihn deshalb au.
„Mechil, dast de dr dann neulich oarg ivihH gedou, wäi de die Keallerdrebbe °) enoabfäilst l0) de hast de bub hun fonn dv- devon?"
„Schwätz boach uäit so domm, itaoch") kan Boschdei?') hott mersch") gedohn, eich sein keallerhoart."H)
„No, lvahßt de, Mechil, ou dr Reih beast15) de etz boach, bau beast dr Aeltst ein ganze Doarf, lang Zeit host bau naut mihn."
„Aach, haal bau boach bei Maul, eich httn noach lang Zeit, wanns off meich onkimmt, mir prässierts näit."
„Ei ja no, Mechil, so säd mr als, oawer berat "■) misse mr doch sein zan jeber Stomt ean unfein Aaler ;,7) mr kann jeden Doag oabgeraufe warn."
„Ach, Hansjörg, etz sei rauhig,s) do devon, beafbe16i ntih Mr devon schwätze, beafbe äier20) kann's uns Herrgoatt ge- iwat21) wärn, deaß e ahm -,?) vergeasse hott. Ao wer mant r uäit auch, deaß uns Herrgoatt emol aan vergeasse kennt, eich glaawe's.20) Cs sein boach alleweil esoväile Mensche off dr Welt, deaß he se goar uäit all kenn kann. Maansl bau uäit nach, Hansjörg?"
„Deich vergeßt he näit, Mechil, wann he weich uäit nach Vergeßt."
„Ei no, wäi so daitn nach gleich zwin24) vergeasse ean so eme klaane Doarf, Haitsjörg; ivanit he meich nurz vrgeßt, doas raß80) mir groab genunk."
„Deich vrgeßt uns Herrgoatt näit, Mechil, wann he meich näit aach vrgeßt, saan eich dr noacki emol; dann wann eich irschi enofs"7) muß, daun tierror2d) eich deich."
Darob großes Lamento „Mechils", der in der Erregung ganz vergessen hat, daß diese Erörteruitg nur des Sonntagsver-
L) Auch. 2) Wort. s) miserablen. 4) Kartenkrämer. 5) du. ’) Lebtag. ’) gesagt. 8) weh. 9) Kellertreppe. l0j hinabfielst. ) noch. Borste. 1) mir es. “) fcUcrhart. IS) bist. I6) bereit.
’’) Alter. ls) ruhig. 19) desto. i0) eher. **) geivahr. Ci) einem. “) r aubte es; *) zwei. ist. -') erst. ”) hinauf Pu den Htnrmelj. ,8) verrate.
I gniigeits ioeg«t geschehen ivat'. Enter lautem Lachen aber t> abschiedete sich dte Tischgesellschaft von beut alten Gastwirt, de noch lange die Hellen Tränen über die gefurchtett Wangen rollen, tvv.il ihn der langjährige Freund nach dem Tode verraten will.
VevmiWe«i
* Kinder — sagt ein altes Sprichtvort — sind der Kitt der Liebe; aber das Sprichwort ist nicht immer ein Wahrwort. Tas sollte auch der Graf Heinrich v. M. erfahren. Er hatte eine sehr reiche Engländerin, die Marquise v. B., geheiratet. Ter Ehe entsprossen ein Knabe und ein Mädchen. Erz i e hu ngs fragen boten den Anlaß zu ernstem Zerwürfnis zwischen den Eltern; derMitep war für eine strenge Erziehung, die Mutter für Sanftmut itnb Milde. Am 29. Juni dieses Jahres führte eine Handlung deK SohiteS zu einem heftigen Zank, und als der Graf am nächsten Morgen erwachte, erfuhr er, daß seine Frau heimlich ihre Sachen gepackt und in der Nacht das Haus verlassen habe. Alle Nachforschungen blieben erfolglos, mtb als der Graf einige Tage später auf dem Polizeibureau erschien, um die Flucht zu melden, packten ihn zivei haitdfeste Poltzistett und warfeit ihn in einen Magen, der ihn nach demJrrenHause Billa Turing (bei Turin) brachte. „Wenn ich in der verhängnisvollen Nacht", so erzählt der Aermste jetzt in der Turiner „Stampa", „nicht wirklich den Verstand verlor, so hatte ich es nur dem Umstand zu verdanken, daß mein Geist so klar und so gesund mar, daß er den furchtbarsten Aufregungen und Erschütteningen Widerstand leisten konnte". Einen Tag nach seiner Einlieferung iuurbe der Graf von bem Anstaltsarzt besucht, und dieser erklärte ihn sofort für vollständig gesund. Wie war bis Ueberrumpelung möglich gewesen? Tie Gräfin hatte im Bause einer befreundeten adligen Familie ein Asyl gefunden, und diese Familie gab auf Wunsch der Gräfin skrupellos die Erklärung ab, daß dec Graf verrückt sei und für seine Familie eine Gefahr bilde; ein Arzt tat das übrige, indem er, ohne den Grafen je gesehen zu haben. <• Erklärung als den Tatsachen entsprechend bezeichnete. Altes war so bescheinigt» daß die anders lautende Diagnose be§ Oberarztes von Billa Turimr zur Freilassung beS Grafen nicht ans- reichte; es bedurfte dazu erst einer Beschwerde seiner Verwandten und einer von der Staatsantvaltschaft angeordneten Untersuchung durch einen anderen Arzt. Der vermeinte Irre wurde erst entlassen, als auch die neue Untersuchung seine vollständige geistige und körperliche Gesundheit bestätigte. Nun begann der eheliche Zwist des gräflichen Paares die Gerichte zu beschäftigen; der Graf strengte einen Prozeß auf Trennung der Ehe an und gewann ihn. Tom Manne, der kurz vorher noch als eine ernste Gefahr für seine Familie bezeichnet worden >var, vertraute man mit Zustimmung der Mutter die Erziehung der Kinder' an. In solcher Weise hat das häusliche Drama seinen Abschluß gefunden: die Familie, die auf Liebe gegründet war und ihren Ursprung auf Liebe zurückfähren konnte, ist wegen einer M e i n u >r g s v e r s ch i e. d e n h e i t über d i e P f l i ch t e « die Liebe gegen die Kinder auseinandergestoben und in Trüummc .gegangen.
Goldene Worte,
Wollt ihr, Elter», Gatte» und Lehr e v, eindrmge» mit euren 9iii le» und Lehren i» Kinder >mb Gatten, so senkt sie milde, a (l in ä () 11 ch und r uhig tu die sremde Seele. Bleiben iiicbt die Blumen deut Tau, der leise sinkt, geöffnet und lasten sich fülle», verschließen sich aber schon früh vor Platzregen, »och ehe er tobt?
Jean Paul.
DaS barte Wort schmerzt immer, fei'? auch ganz peri
Sophokles»
Schick' nicht in? Leden spähend deine Blicke, Da? Glück enuarteub mit her Sehnsucht Peilt, — Bau' dir zunr Glück mit cig'ner Hand die Brücke, Beglücke du, so wirst d» glücklich fein. Blüthgem
T r o st.
Hoch aus schwindlige» Stegeir
Geh' ich mit mutigem Schrill;
Kommt das Glück mir entgegen,
Daitkk's ihm ein freundlicher Blick,
Aber vertveigert's zu komme», Tu' ich, als mär' es mir nah; Ist auch die Stütze genommen, Bin ich dockt selber noch da!
Grillparzer.
CLarade.
Halb bitt ich flammend mtb glültend, halb starr ich iit bitterster Rä((e| Suche tu Böhmen mich auf, wo mich die Elbe bespült, Auflösung in ttächster Nummer.
Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck mtb Berlaa der Brühl'fchen llniverstlatS-Bucü- und Steindruckerei, 9L Lang«, Gießern


