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im Glase. Da wirft sie den Pantoffel über bte Schulter. Das ist ein Mittel, das auch erproben kann, wer wessen well, ob er wohnen bleiben oder ausziehen soll, ob er ferne Stelle behalten, eilte Reise tun oder in den Stand der heiligen Ehe treten wird, ob der Schulbub versetzt werden oder setzen bleiben wird Es kommt nur auf die Fragestellung an und auf die Stellung des niederfallenden Pantoffels, ob er mit dem .Hacken oder der Spitze zur Tür weist. Oder man gießt Blei, ivahrsagt aus dem Kaffeesatz, trägt Kuchen auf, ,deren einer oie Ber-- lobung kündende Bohne umschließt; lagt auf wassergefulltem Becken aus Nußschalen geschnittene Lichter,chistchen segeln und zueinander treiben; läßt mit verbundenen Augen Lo,e ziehen und befragt die Karten nach Herzkönigs oder der Herzdame Sinn Doch man kann all diesen Silvesterscherz auch ebenso gut lassen, denn nur wunderlicher Zufall war's, ginge eine dieser also erlangten Prophezeiungen in Erfüllung. Breun aber die Glocken zu klingen beginnen, die Uhr zum zwölften Schlage ausholt und die Lichter zum letzten mal am Ehrlstbaum verlöschen, daun weicht aller nächtliche Silvesterspuk, den zagendes Zukunftsbangeu heraüfbeschwor, vor dem siegreich jubelnden Hoffen, das dem neuen Jahr entgegenfliegt.
Und morgen kommt das Heer der Gratulanten. Wenn cs möglich wäre, mit Wünschen zugleich auch die Erfüllung zu verbürgen, so dürfte morgen jedermann ein Jahr beginnen, dem das Unheil nahezu fern bleiben würde. . Verwandte, Bekannte und Freunde versichern uns,, wie sehr ihnen unser Wohl am Herzen liegt, und unter den anderen Gratulanten, die Gefälligkeiten von uns in Anspruch nehmen und sich namentlich an unseren Geldbeutel wenden, sehen wir auch solche, von deren Existenz wir bisher kaum etwas wußten, die jedoch behaupten, daß sie sich nm uns in irgendeiner Art verdient gemacht haben. Oester als sonst in einer ganzen Woche ertönt bei vielen Leuten am Neujahrstage die Türklingel und in Briefen, Ansichts- und Visitenkarten regnen die Neujahrsgrüße ins Haus. Schier endlos ist die Flut von guten Wünschen, die sich über uns ergießt, und dabei bringt jede neue Post weitere Sendungen und, gewissenhafte Leute legen sich ein förmliches Glücksregister an. So stattlich auch das Heer der Gratulanten ist, die Zahl der Segenswünsche, die wirklich ernst gemeint sind, pflegt nicht allzugroß zu sein, und doch wiegt jeder dieser Wünsche Dutzende der bei dem Jahreswechsel üblichen wohlfeilen Redensarten auf.
Allenthalben aber wird man den üblen Ausruf hören: „P rost Neujahr!" Sollten wir nicht endlich einmal allesamt gegen diesen merkwürdigen Nenjahrswunsch, der sich überall eingebürgert hat, Front machen? Weit seltener hört man die wenigstens etwas feiner klingende, aber noch undeutschcre Form „Prosit Neujahr!", in der das lateinische prosit (es nütze, sei dienlich) voll erhalten ist. Nun werden wir unseren Studenten wohl nicht so leicht ihr Prost und Prosit austreiben können, wiewohl schon manche das nicht gerade sehr anmutige „Zum Wohle!", andere das gefälligere „Wohl bekomm's!" zu sagen wagen und die österreichischen sich des freilich etwas sportmäßig klingenden alten dentschen Trinkrufs „Heil!" bedienen; aber sollten wir uns nicht befleißigen, uns statt jenes derben Zurufs am Neujahrstage eines würdigeren, dem Ernste des Jahreswechsels angemesseneren zu bedienen? Wie wenige wissen überhaupt, was sie mit „Prost Neujahr!" sagen? Die meisten antworten auf die Frage: „Was heißt denn eigentlich Prost?" nur: „Nun, eben Prost." Beim Schluffe der Mahlzeit („Prosit die Mahlzeit!") ist es schon verdrängt, denn „Prostemahlzeit" ist ins niedrig Scherzhafte oder gar Spöttische hinabgesunken. Allerdings ist ja auch die „Gesegnete Mahlzeit" in der in letzter Zeit mit Recht vielfach bekämpften Kürzung „Mahlzeit!" schon unter das Fußvolk geraten; aber mit welchem Gruß ginge das nicht so? Bei dem lächerlichen „Atjö" denkt sich keiner mehr etwas, und selbst die doch dem Dentschen viel mehr sagenden „Guten Tag, Guten Abend, Gute Nacht" sind leider ganz verblaßt zu ,,'ntag, 'nabend, 'nacht". Aber wer herzlich sein will, der spricht auch diese schönen Grüße deutlich aus, sagt vielleicht auch gelegentlich „Auf Wiedersehen" oder „Lebewohl"; und so sollte auch jeder Deutsche, der dem anderen von Herzen ein gutes, glückliches, gesegnetes neues Jahr wünschen will, es mit diesen Worten abtun und nicht mit dem kahlen, nüchternen „Prost". Wenn' mancher Süddeutsche zäh an seinem „Gut's neu's Jahr!" festhält, trotz alem Einstürmen des Prost, so sollte auch jeder andere Deutsche ihm nacheifern. Geloben wir uns doch einmal die zum neuen Jahre, aufzuräumen mit bisher immer noch vergebens bekämpften Atjö, mit dem ebenso nichtssagenden Mahlzeit und mit — Prost Neujahr! Bieten wir uns in deutschen Treuen beim Gehen wie beim Kommen einen „Guten Tag", nach dem Essen — aber auch nur dann — eine „Gesegnete Mahlzeit", und beim Anfänge eines neuen Jahres: Viel Glück zum neuen Jahr! oder: Ein gutes neues Jahr! oder wie es uns sonst gerade ums Herz ist. Auch hier könnte jeder etwas von dem zeigen, wovon doch jetzt so viel die Rede ist: Persönlichkeit!
Tie „Gießener Familienblätter" können nicht nur dm meisten Gießenern, sondern auch Tausenden von Männern und Fraum aus anderen Orten Oberhessens schon seit Jahrzehnten von Jahr zu Jahr ihre Neujahrswünsche darbringen. Auch jetzt wünschen
sie — und diese Wünsche kommen aus aufrichtigem Herzen —# daß sich das neue Jahr für ihre Leserinnen und Leser recht glücklich gestalten, ihnen allen viel Freude bescheren und sie vor Kummer und Leid verschonen möge. Und sie rufen ihnen allen zu:
Glückauf z u m neuen Jahre 1908!
Silvcst r-K träoke
Nachdruck verboten.
— Einen bekömmlichen, billigen Glühwein bereitet man auf folgende Weise: Ans ein Liter 'Apfelwein nimmt man ein kleines Stückchen Simmet, zwei bis drei Nelken und Zucker nach Belieben, dann eine viertel Flasche Heidelbeer- oder sonstigen leichten Trauben-Rotweiu (z. B. Linzer), läßt das Ganze gut aufkochen und serviert es heiß. Uebrigens kann man auch einen etwas kräftigeren Glühwein Herstellen, wenn man Apfelwein und Heidelbeerwein zu gleichen Teilen nimmt und mit den bekannten Zusätzen, wozu wir noch den Simmet empfehlen, versieht. Ein Punsch aus Apfelwein wird in derselben Weise hergestellt, nur gibt man kurz vor dem Servieren ein Weinglas voll guten Arrak oder Kvguak hinzu.
— Guter S i l v e ste r pnn s ch. Vs Liter bester Arrak wird in einer Terrine mit 200—250 Gramm Zucker aufgelöst. Unter» des kocht man 1 Liter Notwein und 2 Liter Wasser, jedes besonders, in sauberen Töpfen, gießt beides kochend zusammen, läßt es iwch einmal anstvallen, — nach Belieben mit der Schale einer Zitrone, — gießt die Masse über den Arrak und Zucker und rührt alles gut durcheinander. Man nennt dieses Rezept auch 1. 2. 3. Nr. 1, den Arrak, kann man meist dtwas sparsamer nehmen, mit dem Zucker richtet man sich ganz nach Geschmack.
— Bischof. In vier kleine bittere Pommeranzen werden tiefe Einschnitte gemacht, die Früchte auf Kohlenglut geröstet, dann in einen Topf 2 Flaschen guter Rotwein, einige Stücke Zimmt, eine geröstete Brotkruste dazugegeben, und 6—8 Stunden in heiße Asche oder sonst heiß gestellt. Dann wird der Wein durch ein Tuch in die Bowle gegossen, mit Zucker etwas versüßt, die Pommeranzen etwas ansgedrückt und warm serviert.
— Selleriebowle (A me r i ka ui sehe). 3 bis 4 schöne Knollen werden abgeschält, in seine Scheiben geschnitten, dick mit Zucker bestreut, mit 1/2 Flasche Kognak oder Arrak begossen nd bleiben 10—12 Stunden fest zugedeckt stehen. Darauf wir er Saft abgegossen, vier Flaschen Wein zugegossen, nebst einer F^ ,..,e Selterswasser oder besser Champagner. Die Bowle auf Eis ge-
— Silvester-Ananas-Bowle. Zu 2 Flaschen Moselwein zu 80 Pfg. nimmt man 160 Gramm Zucker oder 2 kleine Weingläser Zuckersirup. Tie Ananas wird fein geschält, , die Schale 01 Minuten in Wein ausgesogen, die Frucht in Scheiben aeschnitten und zu Wein und Zucker getan. Eine halbe Flasche Champagner dazu verbessert die Bowle sehr. Wo keine frische Frucht vorhanden, verwendet mau zu 2 Flaschen Weißwein mit 160 Gramm Zucker 20 bis 25 Gramm des Naumannschcn Ananas- extrakis. Es kostet diese Quantität ungefähr 4 Mk.
Mnlerhullun ien am Äilv.6 aüeiid,
Nachdruck verboten.
Es heißt: Je heiterer die Stimmung in den letzten Stunden des alten Jahves ist, nm, so mehr Freude und Glück wird uns das Nene bringen. Biel Heiterkeit und fröhliches Lachen erregen bekanntlich „Orakelsp-eie".
Um zu erfahren, was uns int neuen Jahre bestimmt tst, nimmt man kleine Tal er, stellt sie auf einen Tisch in einer Reihe und legt auf jeden Tel.er je einen der folgenden Gegenstände. — Einen Zweig der Myrte oder kleine Tanueuzweige — etwas Wasser — einen Schlüssel — ein Geldstück — eine Zwiebel — einen Briefbogen — einen Ring — eine Nummer — ein nach- gemachtes Mäuschen — Amor mit einem Pfeil usw.
Einem Gast werden nun die Augen verbunden; ist dtes geschehen, so verstellt jenmrtb aus der Gesellschaft die Teller und die Person mit den verbundenen Augen wird an bett Tisch geführt -tun in einen Teller hineinzugreifen. Hat der Spieler nun die Myrte gefaßt, so bedeutet dies bei Ledigen baldige Hochzeit, bei verheirateten Leuten, zur Hochzeit geladen werden. Wasser bedeutet Taufe — Schlüssel, ein eigenes Haus oder Heim Zwiebel, Tränen — Briefbogen, lang ersehnter Brief — Rmg, Verlobung oder treue Freundschaft — Nummer ent Gewinn — Mäuschen, matt wird besto hleit — Amor, eine Braut oder Bräutigam int neuen Jahre bekomm eit usw. An diesem Spiel nehmen Tamett und Herren teil. . , ,
Eine weissagende Unterhaltung tst ferner folgende: Jeder Gast erhält ein Tellerchen mit etivas Salz; WeieS wtrd durch ein paar Tropfen Wasser angefeuchtet und bet dieser Gelegenheit muß sich der Betreffende einen Wunsch denken. Nun zählt man bis hundert; ist bis dahin das Salz aufgelöst, so gehr der Wunsch in Erfüllung. . ■ ,
Vergnügen bereiten auch Lose, aus welche scherzhafte Prophezeiungen, Berschen usw. geschrieben werden, yiatimid) muß die Gastgeberin diese vorher angefertigt haben oder Jemand aus der Gesellschaft bringt diesen! Scherz zur Nnterhaltuna mit.


