Ausgabe 
30.12.1907
 
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Dem Grasen wurde die Sache klar. Er lachte gemütlich- Als er noch Oberst des Husarenregiments gewesen, in dem auch Herr von Melden stand, war dieser sein Adjutant gewesen. Er schätzte ihn und lud ihn deshalb öfter aufs Schloß.

Ja, Herr Graf," entgegnete Melden,die Tür stand gerade offen da traten wir hinein. Als aber eine nase­weise Kamiiterjuiigfer ihr Näschen hereinsteckte, nm uns zu belauschen, schlug ich die Tür zu. Unglücklicherweise kann man die Tür von innen nicht öffnen wir waren ge­fangen, Herr Graf, mein Klopfen nützte nichts man hörte mich nicht die ganze Nacht konnten wir doch nicht in dem Turm bleiben da kam mir der Gedanke, die Glocke zu ziehen, nm so die Befreier herbeizurnfen. Und Sie sehen, Herr Graf, es hat geholfen!"

Ja, Sie Schwerenöter," rief lachend der Graf.Das ganze Schloß haben Sie zusammengeläutet! Aber wissen Sie, was es bedeutet, wenn diese Glocke in der lebten Stunde des Jahres läutet?"

Nein, Herr Graf." . . .

Daß sich ein Brautpaar im Hause befindet. . . aber ich sehe noch keines." . . .

Dem Mangel kann abgeholfen werden, Herr Graf," entgegnete der Rittmeister munter.Ihr Fräulein Tochter hat mir eben gestanden, daß sie mich liebt und so bitte ich um die Hand der Komtesse Heinrikä..."

Mädchen, ist das wahr?" fragte der Graf, die Hand auf den blonden Scheitel seines Töchterchens legend.

Heinrikä nickte.

Nun, so kommt zur Großmama," rief der Graf,daß sie eure Liebe segne, an bereit Verlobungstag die Sylvester­glocke zum letzten Male erklang."

Unter Lachen und Jubeln führte mau das Brautpaar in den Saal zurück. Die Großmama streckte ihm lächelnd die Hände entgegen,, unb als bas Paar vor ber Greisin auf bie Sitte sank unb sich deren welke, zitternden Hände segnend auf die Häupter der Glücklichen legten, da erklang die Syl- vesterglocke von neuem ber alte Müller war zum Glocken­stuhl emporgestiegeu und ließ die Sylvesterglocke ertönen, daß ihr Klang weit hinausdrattg in die Neujahrsnacht.

Neujahrsg danken.

Bon Pros. Carl Ludwig Schleich.

Nachdruck verboten.

Ter Mensch ist eilt geborener Kataster-Beamter, eine Art Registrator der Natur, ein durchaus bureaukratisches Schöpfungs- Produkt.

Muß er nicht alle Dinge dieser Welt, womöglich die außer­halb dieser einbegriffen, mit aller Sorgfalt sammeln, sichten, rubrizieren, klassifizieren und in die Riesenbehälter und Schub­fächer der Wissenschaften, Akademien und Museen ordnungsgemäß einreihen, so daß jedes Ding dieser Welt und Ueberwelt gleichsam seine Personalakten besitzt, je nach dem Wechsel der Brillen der damit amtlich betrauten Kontrolleure umgearbeitet, vervollständigt und laufend geführt werden? Himmelhoch reichen diese Aktenregale tmscrer Ministerien für geistige und körperliche Angelegenheiten Der Natur. Unb kommt dann einmal ein Bohemien der Wissen­schaft wie etwa Fritz Mauthncr, der Scharfrichter der Sprache, der uns beweisen möchte, daß alle diese Sorgfalt über­flüssig sei, weil alle Dinge durch die Fehlerhaftigkeit unserer Ausdrucksmittel falsch etikettiert sind, so sagt ihm sicher ein Ministerialdirektor der Ideen:Schadet nichts! Eine falsche Ordnung der Dinge ist besser bis gar keine!" Geordnet, gesam- nitlt, eingeaktet aber muß unter allen Umständen werden. Wie eigentümlich: ohne den Menschen trüge nichts auf der Welt einen Namen, gäbe es keine Weltreiche, Erdteile, Tierreiche, keine Räume, keine Zeiten ! Mit dem Menschen erst ist also scheinbar Ordnung in die Sache der chaotischen Gleichgültigkeiten hineinge- kommen. Me ein eigenmächtiger Postbeamter ist jeder von uns stillschweigend der Ansicht, daß die Weit für ihn, nicht er für die Welt Vorhemden ist. Diese postalische Weltanschauung nennt man Anthropomorphismus, auf Deutsch: Der Mensch ist das Maß aller Dinge! Ja, er ist auch das Chronometer aller Dinge! Wäre etwa jemals ein Wesen außer ihm darauf verfallen, an der immer gleichmäßig rotierenden Scheibe der Ewigkeit kleine und kleinste Periödchen zu verzeichnen, die auch hier erst Ordnung in den sonst unsinnigen, zeitlosen Ewigkeitstaumel gebracht haben? Ob die Sache für unsere Erde ganz stimmt mit den rhythmischen Walzern der sich schwingenden oder auf dem Platze tanzenden Sterne, das ist Sache der großen Uhrmacher ä la

Archimedcs, Cäsar, Gregor, Kopernikus und der verschiedenen späteren Direktoren der Sternwarten und soll uns hier nicht kümmern. Wir wollen hier nur konstatieren, daß die Natur eine solche Fülle verschiedenster Umlaufzeiten von Sternen um Sounenpunkte kennt, daß es eigentlich unbegreifbar ist, warum man aus der Erde von dem einmal vollendeten Lauf unseres tränenbesäeten Planeten nun unsere auch nicht fleckenfreie Sonne so viel Aufhebens macht! Für unsere in der Astronomie gerade nicht spezialistisch ausgebildeten höheren Töchter sei nämlich be­merkt, daß das uns fo hoch erfreuende Neujahr ungefähr einem Erdumlauf um ihre Majestät die Sonne entspricht. Wir,die Wissenden dagegen", werden etwas verlegen in der Anerkennung, daß unser bürgerliches Neujahr seinen Ursprung einer seyr kom­plizierten Berechnung aus Sonn- und Mondphasen, Erddrehung und -kreisung, Tag- und Nachtgleichung usw. verdankt. So­weit meine Erinnerung reicht, ist ein bißchen Vergewaltigung der Tatsachen dabei, wie schließlich bei allenabsolut" wichtigen Angelegenheiten, die dem Prokrustes-Bett des Tatsächlichen an­gepaßt werden sollen. Wenn ich nicht irre, ist es ein Gregor oder gar Julius Cäsar selbst gewesen, der einige Stunden und Minuten und Sekunden gewalttätig kassierte, damit die Mit- und Nachwelt ja zur rechten Zeit Neujahr feiern könnte. Wenn am Silvesterabend Punkt 12 Uhr diesem oder jenem Zylinder- Hut der Garaus gemacht wird, dann schert sich die Erde den Teufel darum, ob sie gerade im Moment unseres Gläserklingens genau auf denselben Meck zurückgekehrt ist, von dem sie voriges Mal ausgegaugen ist. Sie hält sich nicht gebunden an den Knick des Punkt 12 Uhr nachts aufgebeulten Zylinders. Und übrigens, von welchem Ausgangspunkt der Erde rechnen wiv überhaupt den Umlauf? Genug, die Sache ist auch für Stu­denten und Kandidaten der Unsterblichkeit nicht so ganz aufgeklärt. Man soll nur einmal zu Neujahr darauf Hinweisen, wie mensch­lich, allzumenschlich eigentlich unser ganzer Zeitbegriff ist und zu welchen Philistern uns eigentlich die Wissenschaft erzieht, wenn sie uns zwingt, das ganze, große, herrliche Universum mit seinem Ozean wallender Sternwogeu anfzufassen als ein schnurren­des Uhrwerk, einzig aufgezogen, damit wir immer wissen, wie­viel die Uhr sei und wann wir zu Neujahr uns zu beglück­wünschen haben.

Ter ganze Zeitbegriff ist uns also, glaube ich, ein bißchen aufsuggeriert, oder wenigstens haben wir uns alle geeinigt, die Vorschläge der alten Kirchenväter sunter Zuziehung sachverstän­diger, aber doch nicht ganz auf der Höhe unserer Bildung stehen­der Astronomen) in Bausch und Bogen anzunehmen. Unsere ganze Zeiteiuteilmtg ist eben, wie im Grunde alles Wissenschaftliche, nur eine Möglichkeit, die nicht immer die Wahrscheinlichkeit für sich zn haben braucht, um von der breitesten Allgemeinheit angenommen zu werden. Wird die Menschheit alt genug, um einmal alle Möglichkeiten durchprobiert zu haben, so wird sie ebenso lange Zeit gebrauchen, um festzustellen, was das Wahr­scheinlichste ist. Dann käme aber die Dauer unserer Mutter Erde schon in Konflikt mit der Ewigkeit so alt kann sie nicht werden. Sonderbar ist, daß nie jemand darauf verfallen ist, unfern Zeitbegriff festzulegen und aufzubauen auf eine Uhr, die jeder buchstäblich in seiner Brusttasche bei sich trägt, auch wenn er splitternackt ist auf den Schlag unseres schönen warmen Menschenherzens, statt die Unheimlichkeiten von Mil- lionenmeilen-Umlausszeiten zur Einheit unserer verhältnis­mäßig kleinen zeitlichen Bedürfnisse heranzuziehen. Wenn wir den Raum nach Füßen, Schuhen, Fingerlängen messen, so könnte durchaus ebenso authropomvrph, das heißt menschen-größenwahn- sinnig der Schlag des Herzens zur Sekunden-Einheit benutzt wer­den, was noch den Vorzug hätte, eigentlich mit unserer Stunden- intb Sonnenaufgangsrechnuna völlig überein zn stimmen. Der Normalmensch hat 60 Pulsschrage in der Minute. Also ist ein Herzschlag gleich einer Sekunde, eine Stunde gleich 60 mal 60, ein Tag gleich 60 mal 60 mal 24 Herzschlägen und so fort, was für das Jahr die Kleinigkeit von etwa 31 Millionen Herzschlägen bedeutet

In der Sylvestern achr

wenn das neue Jahr schön wartend an der Zeitenschwelle steht* wie viel schicksalsschwere Fragen werden da in Herz und Sinnen der Menschen wach. Tie Zukunft! Wer sie enträtseln, ihr den dicht verhüllenden Schleier vom Antlitz reißen könnte, und sei's auch nur für die Spanne eines Augenblicks! Umsonst, der Zukunft Dunkel enthüllt keine Hand. Unb all die schicksalsschweren Fragen holen sich, ins Gewand des Scherzes vermummt, ihre Ant­wort nur aus dem Reiche des Aberglaubens. Silvesternacht! Da guckt das verliebte Mägdlein klopfenden Herzens in einsamer Kammer beim flackernden Licht in den Spiegel und hofft des Liebsten Geist zu beschwören, sucht sein Antlitz neben dem ihren