1807
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Zum neuen Jajjr.
Ich steh' am Fensterkreuz und horche still.
Vom Ratdaus tönen dumpfe Glockenschläge Und schweben durch die Lüste schwer und träge, Als ob das alte Jahr nicht weichen will.
Ich weis?, das ist zum Träumen keine Stunde, Und doch, ein altes Sinnen iatzt mich an, Und wieder überfällt mich dieser Bann, Und tote Tage machen ihre Runde . . .
V ei) höre Stimmen, seltsam und verivorren, Verblübter Flieder duftet wieder stark — Ich nabin ihn einst von eines Mädchens Sarg Und lieh ihn zwischen Blatt und Buch verdorren, , ,
Da fahr' ich auf. Holla l das ist em Jubel t Die Knaben schreien nebenan im Chor, Der Kleinste tut am laut'sten sich hervor Und möchte gerne in den Stiahentrubel. Jetzt singen sie den Neujahrsfestchoral — Wie fromm erklingen ihre Kinderstmimenl Wär ist, als wollt mit ihrem Sang verschwimmen Das alte Jahr mit seiner Lust lind Qual,
Heda, herein zu mir, ihr junge Brut!
Her mit dem Glas! Das neue Jahr soll leben Und allen Menschen Glück und Freude geben Und tief im Herzen ew'gen Jugendmut!
Und rote Rosen im gelockten Haar Und Frieden dann und sanfte Seligkeiten! Wählt euch von diesen Gaben nur beizeiten — Es naht das Glück: Hier ut das neue Jahr.
Ludwig JacobowSki.
Die ylveker-Ktocke.
Neujahrs-Novelle von O. E l st e r.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
„Das bedeutet ein Unglück," flüsterten die Mädchen.
„Nctil, ein Glück!" sagte der alte Ackervogt, der schon dreißig Jahre bei der Herrschaft diente und die Sage von der Glocke kannte. „Wißt Ihr es nicht," fuhr er fort, „daß in dem tiefen Keller des Turmes eine große Spinne sitzt? Na, die Spinne hängt sich nun an das Seil der Glocke und kriecht daran auf und nieder, bis die Glocke in Schwingung versetzt ist — und die Spinne ist doch ein glückbringendes Geschöpf, das wißt Ihr alle" ...
Und die Glocke ertönte noch immer in tiefen Akkorden!
Inzwischen war der Graf vor der Tür angelangt, welche von dem Hauptkorridor in den Turm führte.
Die Tür war verschlossen, aber der Schlüssel steckte in dem alten, wunderlich gesonnten Schloß.
„Wer ist heute im Turm gewesen?" fragte der Graf.
„Ich, Herr Graf," entgegnete Müller. „Ich habe die Uhr richtig gestellt ..."
„Hast du den Schlüssel stecken lassen?"
„Das kann wohl sein, Herr Graf... ich hatte so viel zu tim . .
„Nun gut — so wollen tvir sehen, iver in dem Turme steckt! Bringt Lichter her!"
Einige Diener hoben die Armleuchter mit den Kerzen hoch empor. Der Graf schloß die Tür zum Turm auf, das alte Schloß kreischte und ächzend drehte sich die schwere Eisen-' tür in den Angeln.
Ein kalter Luftstrom, der aus dem dunklen Turme kam löschte die Lichter aus.
„Laternen her!" rief der Graf.
„Ich sehe die weiße Gestalt!" rief Komteßchen Loire, der fünfzehnjährige Backfisch und alle jungen Dämchen schrien laut auf vor Schreck, aber rührten sich doch nicht von der Stelle, sondern reckten in scheuer Neugier die Hälschen, um das Gespenst zu sehen.
Wahrhaftig, da huschte etwas Weißes die Treppe hinunter, die zum Glockenstuhl hinaufführte, und flog aus den Grafen zu und schlang die Arme um seinen Nacken und schluchzte und lachte:
„Papa . . . lieber Papa . . ."
„Heinrika — du hier?" fragte der Gras.
„Heinrika?! — 's ist Heinrika!" rief der Chor lachend zurück. „Sie war's! — Aber die Glocke schweigt jetzt. .
Und wirklich nur noch einige ersterbende Töne erklangen da oben im Glockenstuhl — dann ein Summen und Tönen .... eilt leises Nach hallen und die eherne Zunge der Glock? schwieg . . .
„Wie kommst du hierher, Heinrika?"
Aber statt der Antwort schmiegte sich das junge Mädchen fester in die Arme ihres Papas und verbarg das Gesichtchen an seinem Herzen.
„Da kommt noch ein Gespenst die Treppe herunter!" ries lachend ein junger Herr.
Goldene Schnüre und Knöpfe blitzten in dem Schein der herbeigeholten Laternen auf und allgemeines lachendes „Ah!" ertönte, als der Rittmeister von Walden in den Lichtkreis trat und sich verbeugte.
„Rittmeister von Melde»?! Wie kommen Sie hierher? — Waren Sie es, der die Glocks läutete?"
„Ja, Herr Graf — ich erlaubte mir —" entgegnete der junge Offizier lächelnd.
„Aber erklären Sie. . . und Heinrika war auch da?''
„Allerdings, Herr Graf. . . verzeihen Sie — aber wir hatten uns etwas zu sagen, !vas niemand zu hören brauchte.^
„Und da wählten Sie diesen Turm?'


