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worden Klugheit hatte sich in spitzfindige Klügelei, tiefe Weisheit, in oberflächliche Afterwissenschaft, ernstes, Lares, den Grund tzrchendcs Forschen in grübelndes, gespreiztes Spielen gewandelt. Sie selbstbewußte sogenannte Wissenschaft der Alexandriner war doch im besten Falle mir Sammeln und Sichten, nicht Suchen und Sehen. Tas Wissen und Können der Antike konnte nicht weiter, konnte nicht über sich selbst hinaus, — die Zeit war erfüllt. Erfüllt war auch die weit- und heilsgeschichtliche Bestimmung der römischen Staatskunst und der römischen Weltmacht. Wohl hatten eg die stolzen. Herrenmenschen der Siebenhügelstadt verstanden, die Adler ihrer Legionen sieggekrönt schier bis an die Marken des damals bekannten Erdkreises zu tragen und die Völker rings um das Meer, das der Welt Mitte sein sollte, teils in 'ihre Fron zn zwingen, teils fest an sich zu ketten. Aber die protzige Blüte barg den zehrenden Wurm; der Wcltmachtkoloß stand schtvank und schwer auf tönernen Füßen. In der ewigen Roma tobten die blutigsten Bürgerkriege; ein Machthaber wich einem andern Machthungrigen. Nur durch kurze Tage eines Scheinfriedens wurde der Krieg aller gegen alle unterbrochen; das unstete, unselige Volk ward mühsam nur durch Brot und Spiele gesättigt und betäubt. An die Tore des Reiches im Norden klopfte ein neues, junges Volk, dessen ungebändigter, keuscher Kraft das zerfressene, durchseuchte, feile und geile Römer- tum über kurz oder lang unterliegen mutzte. Wohl sonnten sich die jeweils Mäckstigen noch im Glanze der erträumten Weltmacht; aber schon störte das immer unheimlichere Rasseln der Sklavenketten und das immer dumpfere Pochen an die Tore den Traum. Uni) die Seelen der, Menge, die fern von den Höhen der Macht, der Kunst und des Wissens im Dunkeln wandelte, verzehrten sich in dämmernder Sehnsucht nach einem Neuen, 'nach dem „Lichte aus dem Osten". Wie ivar cs doch nebelgrau und wolkendüster geworden um den einst so sonnigen, leuchtenden, lebensfrohen Olymp! Tie Nichtigkbit der Gebilde, und der Geschöpfe menschlicher Phantasie, denen eine kindesgläubige Zeit strahlende Tempel gegründet hatte, war längst erkannt. Man lauschte den geistvollen Spöttern gar zu gern, die den zarten Schleier künstlicher Göttlichkeit von den menschlichen Leibern der Olympbewohner rissen. Tie Seelen aber, die einen Gott suchten, wandten sich von der Sonne des Olymp in das gespenstische, unheimliche, grauenhafte Dunkel assyrischer, ägyptischer und orientalischer Mysterien. Je krasser und unmenschlicher der Aberglaube, je toller und wahnwitziger seine Form war, um so mehr Anhänger fand er. Tie hochgebildeten, weltmacht- stolzen Männer der Antike standen meist im Banne der Hexe von Endor. Und wer sich ihrem Banne entzogen hatte, der lebte das nüchterne Dasein des flachen Tagesmenschen oder errich- rete einen Altar — „dem unbekannten Gotte". Die Antike hatte bewiesen, dass sie keinen Gott finden, keinen Frieden bringen, die Welt nicht weiter treiben konnte; — die Zeit war erfüllt. Durch die hohen Lieder der Seher des auserwählten Volkes fern im Osten klang aber die köstliche Kunde von dem Heilbringer, dem Bannlöser, dem Friedenfürsten ans Davids Stamme, der von Bethlehem her, der verachteten, ärmlichen Stadt, kommen würde, um die Hügel zu ebnen und die Tale zu erhöhen. Und sie alle, die unten in den tiefen Talen des Lebens müde wankten, hörten die Seherkunde mit. heißem Sehnen. Durch die Völker ging ein Ahnen, daß der Tag des Kommens nahe, daß die bange Macht im Schwinden; sei. Tas wirr der erste Advent der Harrenden Völker!
Den« ersten Advente ist die das ersehnte Heil bringende Nacht gefolgt, lieber den Völkern, die im Dunkeln wandelten, ist cs hell geworben. Von Bethlehem her hat der Wunderstern die Welt und die Jahrtausende durchleuchtet. An der Krippe des von den Sehern Gekündeten haben Könige und Weise anüetend und verlangend gekniet; von ihm sind flutende Ströme rettenden Segens durch die Lande, durch die Herzen, durch die Geschlechter gegangen. Ter erfüllten Zeit ist die Zeit der Fülle, der Erfüllung gefolgt. Aber noch harren wir einer anderen Erfüllung, eines änderen, noch größer», eines ewigen Advents. Träume, spielende Phantasien sollen dem ernsten Christen fern und fremd sein. Eines aber ist unsere Hoffnung für und für. Wie nach langem, bangem Harren und Warten der Völker die Nacht kam, die das Licht entzündete, so wird, so hoffen wir, der Morgen kommen, der neidige Nebel scheucht, der Frieden, — vollen, tiefen Frieden bringt. Dann werden die Stimmen des Hasses schweigen ; und alle Völker und Stämme, Stände und Scharen werden sich finden und verbüni)en. Tann werden des Christbaumes leuchtende Lichter niemals verglimmen. Das wird der ewige Advent der Welt sein.
Die Mode im 19. Jahrhundert.*)
Seitdem die große Münchener Ausstellung von 1876 die Blicke des Publikums und der Künstler auf der Väter Werke lenkte, haben wir eine stilistische Hetzjagd erlebt, die uns in 30 Jahren
*) Die Mode. Menschen und Moden im 19. Jahrhundert nach Bildern und Kupfern der Zeit. Nach Auswahl von Dr. Oskar Fische!; mit Text von Max v. Boehn. 1818 bis 1842 Ein schmucker Oktavband, 160 S. mit 166 Abbildungen und 36 farbigen Vollbildern. Gebunden im Stale der Zeit 6 M. München, Berlagsanstalt F. Vruckmanu A.-G.)
durch alle Stile der Vergangenheit trieb. Nun sind wir mitten im Biedermeier angelangt, wir haben einen Augenblick Ruhe und da besinnen wir uns plötzlich, daß ja hier der Faden abriß, der unser Leben und unsere Kultur mit der Vergangenheit verband, daß wir nicht in der Ferne der Zeiten und Völker, nicht im 15. Jahrhundert, nicht in Japan und China nach dem Stil suchen müssen, auf den das Trachten der Zeit gerichtet ist, sondern daß wir da weiter zu bauen haben, wo Vater und Großvater aufhörten. So bemühen wir uns denn nm die stille feine Kultur jener Zeit, in der Großvater jung und Vater noch ein Kind war, und mit Ueberraschung entdecken wir, daß wir ja da zu Haufe sind und sehen nun freudig, wie sich aus dem Boden der Heimat schüchterne Anfänge eines neuen Stils zeigen, der im Alten wurzelt, der aber hoffnungsvoll in die Zukunft weist.
In diese spöttisch „Beidermeier" genannte Zeit führt uns das vorliegende Werk, das uns in dem erstaunlichen Reichtum seiner Bilder einen tiefen Blick in jene nun entschwundene Welt tun läßt. Nicht nur Kleidung und Einrichtung zeigt es uns, nein, wir sehen auch wie man sich gab, wie man sich im Negligü uitb in Gesellschaft benahm, was mau schön sand und was guter Ton lvar.
Die Auswahl der Bilder ist mit einer Sachkenntnis und einem Feingefühl getroffen, die der Fülle des Stoffes nur das Wertvollste und künstlerisch Beste entnahm, und die Reproduktion, in deren Dienst alle Hilfsmittel moderner Technik tätig waren, ist mit einer Sorgfalt ausgeführt worden, daß der Reiz und die Intimität der Originale völlig unangetastet geblieben sind.
Der Verfasser des Textes hat sich nicht mit einer Paraphrase der Abbildungen begnügt, er hat vielmehr, indem er in großen Kapiteln der Politik, die Romantik, die Kunst und die Gesellschaft der Epoche schildert, die Illustration zu unterstützen versucht. Zeigt uns jene die äußere Erscheinung der Menschen, so entrollt er uns ein Bild ihres geistigen Lebens, und wie im Fluge erleben wir alles mit, was Anno dazumal die Köpfe bei Männer, die Herzen der Frauen bewegte.
* Deutsche Schulbuben. Eine in Hessen wohnend!. Leserin erzählt der „T. R." folgendes Erlebnis: Mein kleiner zehnjähriger Freund, der mich öfters besucht, damit ich seine Kinderfreuden und Leiden mit ihm teilen kann, kommt eines Tages mit wichtiger Miene zu mir, seine strahlenden Augen verheißen eine frohe Kunde, und aus dem frischen Bubengesicht guckt das gute Gewissen heraus. Ich bin überzeugt, den^ ersehnten „Einser" im Lateinischen zu sehen oder sonst eine Belobigung. Aber ganz stolz schmiegt sich mein kleiner Freund an mich und sagt treuherzig: „Du, Tante, .jetzt wird unser ganze Klass' auf einmal fleißig, mer sitze da wie die Holzklötzcher un rihre uns nit." Ich will, innerlich etwas erstaunt, eben meine Befriedigung äußern, da sagt der siebe kleine Kerl ganz weich: „Weißte, unfern« Ordinarius sei Frau is so schwer kranc, und da dut er uns leid, mn da wolle mer ihn nit ärgere; wenn einer von de Bube sei Sach nit kann, dann gibt's in der Paus' en Masseabzug, mir verhauen en, so daß er dran denkt. Un unser Befchter, der kann nämlich, wenn er will, der fragt vor der Stund' die Schlechte die Aufgabe ab un lernt mit en die Wörter. Mer kennt cifach unser ganze Klass'nit wieder, aber — das is nur in de Stunde beim Ordinarius bei de annere Lehrer such mer luie immer, des könnte mer sonst nit aushalte." —>zch strich still über seine heißen Backen und dachte: „Gott erhalte dir dein treues, sonniges Kindergemüt."
* Die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Goethe und Werthers Lotte. Zu dem von Karl Kiese erbrachten Nachweise der Blutsverwaudtschasi zwiicyen dem Dichter und Charlotte Busf nimmt jetzt Pros. Kekulö von Strabvnitz Stellung und bemerkt, daß zwischen beiden auch eine Verschwägerung bestanden hat. Charlottes ältere Schwester Karo- line (geb. 9. Juni 1751, gest. 13. Oktober 1815) heiratete nämlich tut Jahre 1776 Johann Jakob Dietz, Reichskammergerlchtz, Advokaten und Pwkuratvr, hessischen Hosrat (geb. 1. April gest. 28. April 1807). Dieser Johann Jakob Dietz war der Sohn des Reichskammergerichts-Advokateit und Prokurators sv- wie Hofrats Tietz (f 1752) und dessen Ehefrau Susarma Lind- Heimer, der leiblichen Schwester ber, Goetheschen mütterlichen Großmutter: Anna Margaretha Lindheimer. Ter Nachweis für tiefe Tatsachen findet auf der „Stammtafel der Famcke Bun- Kestner, Tafel 1", die Dr. Hans F. Helmolt tu beit „Famtlten- geschichtlichen Blättern", herausgiMben von Otto von A-cnel, veröffentlicht hat. Der gleichen Tafel tst zu entnehmen, daß bie Ehefrau des Heinrich Adam Buff (f 1795), also Äoitens Muite^ nicht, wie Kiefer angibt „Pfeiler" hieß, sondern „geister , baß ihre Vornamen „Magdalene Ernestine" lauteten, .daß ste am 23. März 1731 als Tochter bes hessen-barmstabti chen Mawrs Peter Ernst Fehler und der Dorothea Charlotte Klump geboren war uiib am 13. Marz 1770 gestorben ist. Zte Genalogte , bea Geschlechtes Kestner im „Genealogischen Hanbbuch bürgerlicher Familien" belehrt allerdings, daß Magdalene Ernestine Fehler am 13. März 1771, und zwar zu Wetzlar, gestorben tstl Tie Vcbschwäaerung Goethes mit Charlotte ist aber klar erwiesen


