Ausgabe 
30.11.1907
 
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Blick gewann einen schrecklichen Ausdruck. Wie taumelnd trat er dicht an die junge Frau heran und erhob die Faust wider sie.

Tu und der Bube . . . Was ich am liebsten habe und um tiefsten verabscheute, beides in einem Atemzug zusammen- geuannt. . . und verstrickt in geureiusame Schuld?" schrie er auf.

Die Leidenschaft in ihm war so furchtbar, daß selbst die mutige Hermine sich wie gelähmt fühlte. Doch so rasch sie ge­kommen, so unvermittelt schnell verließ sie ihn auch wieder. Er. wurde unnatürlich ruhig und legte die Rechte auf seines Weibes Scheitel, ohne danach $u fragen, wie sie espengleich Unter seiner Berührung erbebte.

Fräulein, Sie wären besser fortgeblieben, als Unheil ins Haus zu bringen", sagte er grollend.Den Glauben an meine Frau kann mir keiner raube» .... und hießen sie sie Ehe­brecherin, sie brauchte nur zu lächeln und den Kopf dazu zu schütteln... Mud ich verlache die Beweise einer ganzen Welt. Mein Weib kann mich nicht betrügen, sonst wäre sie nicht mein Weib. Es ist nur ein Mensch, der mich zum Glauben daran zwingen könnte, sie hätte schlecht an mir gehandelt und mich um mein Liebstes betrogen und das ist sie selbst, ihr eigener Mund!" Er neigte i» alter Zärtlichkeit sich zu ihr.Du sollst nicht zittern, Marie", sagte er sanftDu hast dazu keinen Grund. Ich bin dein Mann, dein Schützer, der dich lieb hat . . . ich bin nicht dein Richter. Ich weiß ja schon lange, daß dir was das Herz bedrückt und wie oft habe ich dich darum schon fragen wollen. Doch ich habe immer wieder gedacht, ich will mich nicht in dein Vertrauen eindrängen. . . Die Stunde, in der du mich brauchen wirst, wird kommen." Trotz ihres zitternden Widerstrebens faßte er ihre beiden Hände unf> hielt sie fest. Komm, Marie", sagte er ruhig,und wäre es das schlimmste, sage es nur heraus. Es ist nichts so hart, was ich nicht mit dir teilen könnte. Geht's um den Burschen, ja?" sagte er ganz weich, und ins Ohr flüsterte er ihr:Wenn du dich vor deiner Freundin scheust, so will ich sie bitten, daß sie fort geht

Doch wie entsetzt wehrte Marie ab.Nein, laß sie blei­ben!" hauchte sie schwach, und es war, als ob sie sich vor einem Rllemsein mit ihrem Manne fürchtete:

Tann begann sie zu berichten; langsam, klanglos, von häu- sigcu Schauern und Traneuergüssen unterbrochen. Vor Jahren, Tanzstunde besucht und in dem sentimentalen Backfrschalter, das sich für viele so verhängnisvoll erweist, ge- wesen, hatte sie einen jungen Menschen kennen gelernt, nicht viel älter als sie selbst. Als Herr von Eilenburg war er ihr d^^estellt worden, sie _ hatten zusammen getanzt und waren poch am selben Abend in flammende unreife Schülerliebe zuein­ander entbrannt. Tie Eltern hatten es natürlich nicht wissen dürfen, besonders der junge Adlige hatte Arrgst davor gehabt, zunml er seiner Versicherung gemäß der Erbe großer Güter war und m Gefahr stand, enterbt zu werden, kam vor feiner Großf- Mhrigkeitserklärung sein Liebesverhältnis mit einer Bürgerlichen heraus. Darum, wie überhaupt um die Zukunft, hatte Marie sich wemg gekümmert; sie hatte eben geliebt, wie ein liebepusseliges, unreifes Tiugchen lieben muß. Es war die von der Puppe auf HeuHerrlichsten von allen" übertragene Liebe.

Natürlich waren Briefe gewechselt worden postlagernd mit vmheißimgsvolleii Merkworten, welche die Nachfragende zum heim- Nchen Ergötzen der Schalterbeamten nur unter heij^m Erröten hervorzustammeln vermocht hatte. Eigentlich waren an all diesen Brrewn bte Aufschriften das schönste gewesen, denn ihr Inhalt war bereits der Sechzehnjährigen von damals ziemlich abgeschmackt und abgeschrieben erschienen, wenngleich sie dies sich selbst nicht einzustehen gewagt hatte. Dagegen ihre Briefe! Musterauk- sätze einer lyrikbewauderteu höheren Tochter, gedrechselt und gequält und natürlich nur in lauten überschwänglichen Super- latiüen gehalten und ebenso selbstverständlich, datumlos, denn eine höchst prosaische Ort- und Zeitangabe hätte das Nachtigalleu- geschlilchz dieser unirdischen Liebesepisteln nur zu entweihen ver- Uwcht.

Heute weiß ich's, daß diese täppischen Liebesergüsse in mei­nen Briefen eigentlich nicht die richtige Liebe waren. Ter Mann, an den ich sie schrieb, lebte weder in meinem Herzen, roch war er diesem teuer er lebte damals gar nicht, wenig­stens für mich nicht. Ich hatte nur aus allerlei Romanen Unklare Empfindungen aufgeschnappt, und die mußte ich von Mir geben, da handelte ich wie unter einem Zwange. Als darum mein Vater seine Stellung wechselte, wir nach Görlitz Übersiedelten und der papierire Herzeusbund plötzlich in die Brüche ging, da ertrug ich das viel leichter, als ich je geglaubt, ja ich muß gestehen", setzte fie mit flüchtigem Auflächeln, Ha­

uber gar schnell wieder erstarb, hinzu,mir tat das Herz nicht einmal weh, so oft ich es in meinen Briesen auch bei dem Gedanken an eine Trennuügsmöglichkeit hatte brechen lassen. Daun kam das Leben dazwischen", fuhr sie gequält fort.Was ich erleben und erleiden mußte, das weißt du, Richard, in dieser Hinsicht bin ich offen zu dir gewesen. . . Ah! Es ist so un­sagbar schrecklich, irre an denen zu werden, die man lieb hat, zu denen man aufgeschaut hat, wie zu etwas Vollkommenem'" stieß sie unter einem herben Seufzer hervor.

Begreifst du das?" unterbrach sie ihr Mann rauh, indem er ihre Hand packte und schmerzhaft fest drückte.Marie, sieh, ich fasse es nicht! Du stehst in meinem Herzen so heilig, ich kann dir nicht ausdrücken, wie eigentlich. Doch in mir lebt ein Jammer, als müßte ich hinaus in alle Welt ftiiirmen, um nur nicht hören zu müssen . . ."

Von der Seite zupfte ihn Hermine; mit vorwurfsvollem Blicke wies sie auf die eben wie vernichtet Sitzende.Machen Sie's ihr nicht allzu schwer", mahnte sie leise.Sie ist am Ende ihrer Kraft".

Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da trat das von ihr lang Erwartete ein. Mit einem dumpfen! Seufzer schlug das junge Weib ohnmächtig mit dem Kopfe gegen die Ottomane. Dies sehen und mit einem Aufschrei äußerster Bestürzung aus die Bewußtlose zueilen, sie anffangen und ftiifeeu war für den Fuhrherrn das Werk eines Augenblicks. Seine Donnerstimme ries das Mädchen herbei, das er schleunigst zum Arzt schickte. Ausgelöscht war in seinem Innern jedes andere Gefühl; nur die Liebe lebte eben noch* darin. Gleich einem Kinde hob er Marie auf und trug sie nach dem anstoßenden Schlaszinimer, nur sie dort unter Beihilfe der nicht minder bestürzten Hermine zu entkleiden und alles daransnsetzen, sie znm Bewußtsein znrück- äurufen.

Doch erst der bald erscheinende Arzt vermochte bei der von tiefer Ohnmacht überwältigten die Lebensgeister neu zu erwecken.

Tann lag sie schlaff und apathisch, mit geschlossenen Augen, das Gesicht nach der Wand gekehrt, einen herben Leidenszug um die schlaffen Mundwinkel und nur deren unter beit Atem­zügen kaum, merkliche Bewegung verkündete, daß noch Leben in der jungen Frau war.

Eilenburg war den Tränen nahe; er mußte fich gewalt­sam zusamniennehmen, um nicht gleichfalls zusammenznbrechen, so weh und schicksalsbang io ar ihm zu Mute. Als ob er über­lang Riesenlasten gehoben und unter deren Gewicht nahezu zusammengebrochen fei, so durchzuckte es seine Muskeln und machte ihm die Knie erzittern. Er konnte nur mit Anstrengung über fein junges Weib sich beugen; die Stimme versagte ihm, er konnte nicht sprechen.

(Fortsetzung folgt.)

A vent!

Nun hat die alte, müde Erde sich zum Schlafe gerüstet. Ihres Schmuckes beraubt, träumen Matten und Gärten, Hain und Heide, Saaten und Keime vom neuen Lenze. Das alte Kirchenjahr ging still und ernst zur Rüste; die Klänge der Totensonntagsglocken sind verhallt. Nun hebt ein neues Klingen an, cm Klingen, so zauberisch, so wundersam, >vie sonst keines in der Welt und keines im Jahve. Und das Klingen weht nicht nur über das kahle, sahle Land, fonberu in die Höfe, Häuser und Herzen he, hinein, und es macht das Müde frisch, das Alte und Kalte neu und warm. Auch was mit himmelabgewandtem Angepchte durch das Leben irrt, richtet sich auf, ivenn dieses Klengen wieder kommt, und sucht mit der Seele die alte Heimat. Wemr die frühen Abende die dunkeln Häuser umdämmern, bann mmmeln dee Mütter ihre Kinder um den traulicheir Ofen oder, wenn see's können, ans Klavier, eend die alten, herztrauten Lieder werden wieder neu voie der Ros', entspremgen aus einer Wurzel zart, von der stillen, heiligen Nacht, von der fröhlichen, seligen, Gnaden bringenbeit Zeit! Die Kleinen, zählen hoss- nungsfroh und doch harrensbange die schleichenden Tage, und die Großen werden durch den Zauber gebender Liebe wieder jung. Wie ein Aufatmen geht es durch die , keuchende Hast des Tagestreibens, wie ein Heimatsgruß der Ewigkeit durch die Welt. Das ist der liebliche, selige Advent!

Tie Zeit war erfüllt. Die Antike hatte sich ausgelebt. Man ahnte, daß etwas Neues, Großes, Gewaltiges kommen müsse. Von ihren sonnigen, reinen Höhen war die griechische Kunst niedergestiegen in den stickigen Tunst der Werkstattmache. Tie edle, seelenvolle, stolze Schönheit eines Pheidias, eines Praxiteles, eines Lysipp war zur seelenlosen Manier, zum lüsternen Sinnenkitzel, zur Platten Nüchternheit geworden. Und die Weisheit, die Wissenschaft waren denselben Weg niederwärts gegangen. Die großen, himmelan strebenden Gedanken eines Sokrates und Plato waren in starre, tötende Formeln eingezwüngtz