Ausgabe 
30.11.1907
 
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1807

MW?

III

Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Boeder- (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Willst du dich nicht mir mtti-cr trauen?" fragte die Freundin mütterlich.Ich will mich nicht in dein Geheimnis drängen und guäle ich dich eben, so geschieht's nur um dich . . . weil ich so gern dich schützen möchte. . . sieh, schon die nächste Stunde vielleicht gehört nicht mehr dir, ist deinem Willen nicht mehr untertan." Und als die halb Ohnmächtige immer noch schweigend verharrte und nur unmerklich mit dem Köpfe zu schütteln ver­suchte, während ihr die Zähne aufeinander schlugen, da sagte sic ihr dringlicher ins Ohr:Ich weist, dast ein schlechter Mann Gewalt über meine Marie bekommen hat. Ich weist nicht wa­rum und will cs auch nicht erfahren, willst oder kannst du es mir nicht sagen, Liebling? Doch ich weist, dast seine Prahlredcn, in denen er sich rühmt, die junge Frau seines Vaters um den Finger wickeln und sic zu Heimlichkeiten zwingen zu können, die gegen ihre Frauenehre gehen, nicht mein Ge­heimnis allein sind. Mein Vater weiß darum, die Kriminal- beHörde . . . das alles kam an den Tag bei einer Untersuchung, von der du ja auch schon erfahren hast. . .

Hilf Gott!" Mit einem schrillen Entsetzensschrei löste sich die junge Fran aus den Armen der Freundin. Wie irre starrte sie diese au, um gleich darauf wieder schutzsuchend deren Nacken zu umklammern.Hermine", stöhnte sie dumpf.Nette mich .... mein Himmel, sage mir Rat, damit mein Mann nichts erfährt. Ich stürbe vor Scham... ich könnte ihm nie in die Augen schauen . . . und er könnte mir auch nicht vergeben, er müßte mich verachten wegen des ihm gespielten Betruges . . . und doch schwöre ich dir, ich bin unschuldig. . . und ich habe meinen Mann lieb, so unsagbar lieb . . aber er kann nicht mehr an mich glauben, sobald er erfährt, was mich peinigt und mir jede Lebensfreude raubt." Sie weinte aufgeregt am Herzen der Freundin.Wie oft, wenn er so gut und zärtlich zu mir war, habe ich mich schon zu seinen Füßen stürzen und ihm alles ge­stehen wollen, um der Qual ein Ende zu machen. Doch er must mich verachten, er kann und wird cs mir nie verzeihen, dast ich zur Verbrecherin an ihm geworden bin. . . gezwungen worden bin!" schluchzte sie wild auf.Und der Gedanke, daß er mich verachten wird, er ist es, der mich krank macht, mir jede Lebensfreude raubt und mich schon so oft den Gedanken an Selbstmord hat fassen lassen... Ah! Wäre ich nur nicht so feige, hinge ich nicht so am Leben, das mir so süß erscheint, seit ich sein Weib bin. . ."

Erschüttert starrte Hermine sie an.Allgütiger, steht es so . . . kann er dir nicht verzeihen? . . . Gib mir Antwort!" heischte sie, durch ihv Mitleid fortgerissen.Liegt eine Schuld auf dir, die kein Mann von Ehre seinem Weibe verzeihen kann und darf?"

Tie Unglückliche nickte zuerst jammernd; dann aber, sich auf den Inhalt der Frage besinnend, schrie sie wieder auf und

flammende Röte bedeckte ihre Wangen.Wo denkst du hin!" stammelte sie in wildem Entsetzen.

Ich! Ich bin keine Time, Hermine", entrüstete sich Marie, . . . ich wäre eher gestorben, als so . . . so etwas an ihm zu tun und doch, es ist zu schrecklich, er kann mir es nicht glauben, daß ich schuldlos bin. . . und seine Verachtung treibt mich in den Tod!"

Um des Himmels willen, was geht hier vor?" fragte in diesem Augenblicke die tiefe Stimme des Fuhrherrn. Unbemerkt von den beiden Freundinnen war er schon vor einer Weile ins Zimmer getreten und hatte die letzten verzweifelten Selbstankla­gen seiner Frau mitangehört.

Wie er aber auf Marie zutrat, da schrak diese mit einem Entsetzensschrei vor ihm zurück. Völlig entgeistert wendete sie den Fuß zur Flucht; doch der trug sie nicht und hätte der eilends Hinzuspringende sie nicht mit starken Armen aufgefaugen, so wäre sie zu Boden niedergeschlagen.

Marie!" Eine Welt von Wehe lag in dem einen Ausruf des Mannes.Steht es so um dich? Was kann ich dir nie verzeihen? Warum soll ich dich verachten müssen? .... Dich, Marie, die mir lieber als das eigene Leben ist?"

Er bekam keine Antwort. Mit einem letzten ermatteten Versuch suchte die junge Frau umsonst sich seinen Armen zu entwinden, während sie zugleich aus unnatürlich großen, schreck- verstörten Augen die Freundin hilfesuchend anstarrte.

Sanft faßte sie Hermine bei der andern Hand.Marie, die beiden Menschen, die dich auf der weiten Welt am liebsten haben, sind um dich," sagte sie herzlich.Ich kenne dein Ge­heimnis nicht. Doch ich kenne dich und ich weist, dast du keiner schlechten Handlung fähig bist. Tu magst unbedacht, unter frem­dem Zwange auch unrecht gehandelt haben, doch nimmer hast du dich selbst verloren. Darum sprich!" Sie wendete sich erläuternd an den sie verstört anschauenden Hünen.Sie werden meine Sprache eigentümlich finden, Herr Eilenburg. Hal­ten Sie mich nicht für anmaßend oder zudringlich darum. Ich bin gekommen, um Marie vor größerer Pein zu bewahren."

Aber was geht nur vor!" rief der Fuhrherr rauh, indem er seine Frau zu einem Sessel geleitete, sie dort aus feinen! Armen liest und neben ihr stehen blieb.Sage, Marie", wen­dete er sich direkt an diese,!vas geht vor. . . was mußt du mir verbergen?"

Herr Eilenburg, cs handelt sich um einen Menschen, der aus irgend einer verborgenen Ursache Macht über meine Freundin gewonnen hat", sagte Hermine, entschlossen, nm jeden Preis nun die ganze Wahrheit ans Tageslicht gelangen zu lassen.

Und wer ist der Elende, der sich an mein Weib beran- gewagt hat?"

Ich glaube, es ist Ihr eigener Sohn", versetzte das MädcheN unbeirrt.

Die Wirkung ihrer Worte übertraf ihre schlimmsten Be­fürchtungen noch bei weitem. Eilenburg stand zwar wie erstarrt, die Fäuste geballt, unablässig den pendelnden Blick zwischen den Freundinnen. Dann schien es, als wollte die in ihm geschäftige Wut ihn betören und zu etwas Gewaltsamen fortreißen. Sein