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lesungen und Uebungen nicht nur teilnahm', sondern sie auch mit regem Eiser ausarbeitete. Infolgedessen wurde er 1864 als Professor an das Polytechnikum in Darmstadt, die jetzige Technische Hochschule, berufen.
Als er mir den mathematischen Unterricht überlieferte, schilderte er die verrotteten Zustände, die er hier vorgefunden habe, und erklärte, daß er zunächst sich darauf habe beschränken müssen, den Schülern einen ordentlichen Unterricht zu bieten, es aber in den höheren Klassen ihrem .Ermessen überlassen habe, ob sie demselben folgen wollten oder nicht. Einen Zwang auf die sich ablehnend verhaltenden Schüler auszuüben, habe er als alleiniger Vertreter der Mathematik und Naturwissenschaften bei dem Mangel einer jeden Unterstützung durch Direktorium und 'Kollegen nicht unternehmen mögen. Insofern sei sein Nachlaß nicht ganz in Ordnung. Er sehe aber voraus und hoffe sogar, daß ich nun weiter gehen werde. Nebenbei bemerkt, gab er mir dazu den freundschaftlichen Rat, bei den häufigen Gelegenheiten zuni Aergernis, die ein Lehrer habe, es stets so einzurichten, daß der Andere sich ärgere.
Wie richtig mein Vorgänger Tr. Dölp meine nächste Zukunft vorausgesehen hatte, erhellt aus folgenden Aktenstücken: „Gießen, 19. Mär? 1866.
Betreff: Tie Leistungen in der Mathenlatik am Gymnasium zu Gießen.
An Großherzogliche Oberstudiendirektion zu Darmstadt. Gehorsamste Vorstellung
des Großherzoglichen Gymnasiallehrers Tr. Naumann.
Tie Tatsache, daß die Wirksamkeit des Lehrers der Mathematik an hiesigem Gynmasium so sehr beschränkt ist, gebietet mir, hoher Oberstudiendirektion die einschlagenden Verhältnisse gehorsamst darzulegen.
Ostern 1865 erhob ich Einsprache gegen die Versetzung einiger von auswärts eingetretener Schüler der Obersekunda, welche bei großer Unwissenheit in mathematischen Dingen sich ganz un- strebsam gezeigt hatten. Nichtsdestoweniger wurden dieselben nach Unterprima befördert. Tie schlimmen Folgen haben sich unterdes gezeigt, ließet die Hälfte der Schüler der seitherigen Unterprima mußte für das verflossene Halbjahr in der Mathematik das Prädikat „ungenügend" erhalten. Als ich nun in der neuerlichen Vcrsetzungskonferenz der Meinung war, von diesen Schülern seien wenigstens diejenigen nicht nach Oberprima zu befördern, welchen es bei gänzlich ungenügenden Kenntnissen auch durchaus an Strebsamkeit gemangelt habe — worunter sich wieder dieselben befanden, gegen deren Versetzung ich mich ein Jahr früher vergebens gewehrt hatte — so faßten die in Prima unterrichtenden Lehrer den Mehrheitsbeschluß, daß Schüler, welche — ungenügende Leistungen vorausgesetzt — in der Mathematik gar keinen guten Willen gezeigt hätten, deshalb allein nicht sitzen bleiben sollten.
Durch diesen Beschluß ist es, trotzdem die Mathematik ein obligatorischer Lehrgegenstand sein soll, den Schülern tatsächlich in den Willen gestellt, ob sie dem mathematischen Unterricht folgen wollen oder nicht, obligatorisch ist nur noch ihre Gegenwart in den Lehrstunden und damit ist das gedeihliche Fortschreiten der strebsamen Schüler durch die störende Anwesenheit unfleißiger und u.nwissender Mitschüler gehemmt. — Auch liegt besagter Beschluß, und die sich daran knüpfenden Folgen, jedenfalls nicht im Sinne der Maturitütsordnung, aus deren § 26 mir hervorzugehen scheint, daß gerade Mathematik von allen Schülern ohne Rücksicht auf künftiges Berufsstudium in gleicher Weise verlangt werden soll; zugleich erhellt daraus, daß die wunderliche Ansicht, welche die betreffenden Lehrer zum Teil bei ihrem Beschluß leitete, als erfordere die Mathematik ganz besondere Geistesgaben, bei den höheren Behörden schon 1832 zum mindesten antiquiert war.
In Bezug auf Vorstehendes bitte ich hohe Oberstudiendirektion um geeignete Abhilfe und muß zugleich, so lange mir durch besagten Beschluß die Mittel entzogen sind, gebotenen Falls Schüler zur Aneignung, mathematischer Kenntnisse zu nötigen, jede Schuld von mir weisen, wenn ich künftighin einem verhältnismäßig großen Teil der Abiturienten in der Mathematik und wohl auch in der Physik, die ja nach § 30 der Maturitätsordnung auf mathematischem Grunde ruhen soll, das Prädikat „ungenügend" zu erteilen hätte. Tr. Naumann."
„Gießen, 19. März 1866.
Betreff: Beförderung einer Vorstellung an Großherzogliche Oberstudiendirektion.
An Großherzogliche Direktion des Gymnasiums zu Gießen. Gehorsamste Bitte
des Großherzoglichen Gymnasiallehrers Tr. Naumann.
, Unterzeichneter richtet an Großherzogliche Direktion des Gymnasiums die gehorsamste Bitte, beiliegende, die Leistungen in
der Mathematik an hiesigem Gymnasium betreffende Vorstellung Großherzoglicher Oberstndrendirektion vorznlegen.
Tr. Naumann, Gymnasiallehrer." „D a r m st a d t, 24. Mai 1866.
Betreff: Tie Leistungen in der Mathematik am Gymnasium zn Gießen.
Tie Großherzogliche Oberstudiendirektion
an Großherzogliche Tirektion des Gymnasiums zu Gießen.
In Bezug auf den vom Gymnasiallehrer Tr. Naumann angeregten Gegenstand und Ihren darüber erstatteten Bericht vom 7. ds. empfehlen wir Ihnen, in Betracht der für alle Berufsstudien hohen Wichtigkeit mathematischer Schulbildung, bei der Aufnahme von Schülern in die oberen Klassen auf die mathematische Vorbildung der Äufzunehmenden geeignete Rücksicht zu nehmen' und bei deren etwa in diesem Fach unzureichenden Kenntnissen die Ergänzung derselben im laufenden Jahr zur Bedingung des Fortrückens zu machen, bei Versetzungen der Schüler aber von Öbersekunda nach Unterprima unnachsichtlich solche Schüler zurück- znhalten, deren Kenntnisse in der Mathematik in Folge von Unfleiß unb Mangel an Strebsamkeit und gutem Willen unzureichend erscheinen sollten.
Von dieser unserer Verfügung wollen Sie auch der Lehrerkonferenz Mitteilung machen.
F. d. A.
A ch e n b a ch."
Durch diese Verfügung der Oberstudiendirektion, deren technisches Mitglied der um das hessische Schulwesen Hochverdiente Oberstudienrat Professor Dr. Karl Wagner war, wurde mit einem Schlage die vorher traurige Stellung des damals einzigen Mathematikers am hiesigen Gymnasium umgewandelt. Allein ihr Vorhandensein, von dem auch die Schüler und weitere Kreise Kenntnis erhielten, genügte, um dem Mathematiklehrer eine ungehemmte Wirksamkeit und auch für ihn erfreuliche Lehrerfolge zu sicheru. Die Landpfarrer, welche damals in ziemlich umfassendem Maße Schüler vorzubereiten pflegten bis zum Eintritt in die mittleren und höheren Ghmnasialklassen, suchten nun die Beihilfe der seminaristisch gebildeten Volksschullehrer, die vortrefflich zu unterrichten wußten. Ich habe niemals nötig gehabt, von den erhaltenen besonderen Machtbefugnissen Gebrauch zu machen und konnte fortan mit dem Eifer und den Leistungen der Schüler zufrieden sein.
Es zeigte sich hier eine heilsame Wirkung einiger entschiedener Worte von maßgebender Stelle, die wie eine Bombe hineinfuhren in die für den Mathematiker aus die Dauer unerträgliche, widersinnige und mißbräuchliche Handhabung einer einseitigen Mehrheitsmacht. Ausschließlich „über Hellas und Rom" die Jugend führen zu wollen, war also schon vor vier Jahrzehnten wenigstens in Hessen nicht mehr angängig, dank einem erleuchteten Regierungsmitglied, das als Philologe und früherer Gymnasiallehrer am allerwenigsten in den Verdacht kommen konnte, den Wert klassischer Bildung zu unterschätzen oder dem „Zeitgeist" über Gebühr Opfer zu bringen.
Im Oktober 1869 erhielt ich die nachgesuchte Entlassung, nachdem ich im Sommer zum außerordentlichen Professor an der Landesuniversität ernannt worden war, au der ich bereits Ende 1858 die schriftliche Prüfung pro venia docendi für Chemie abgelegt, und — nach mehrsemestriger Assistententätigkeit in Darmstadt und Tübingen, nach mathematischen Studien in Gießen und abgelegter Lehramtsprüfung — mich April 1864 als Privatdozent für Chemie habilitiert hatte.
Selbstverständlich war es mein lebhafter Wunsch, daß nunmehr am Gymnasium keiu Rückschlag erfolgen möge, sondern im Gegenteil eine weitere Hebung des mathematischen Unterrichts. Dafür schien es aber erforderlich, daß nicht auf einen älteren Lehrer zurückgegriffen, sondern ein bereits aus der damals hier an der Universität blühenden Clebsch'schen Schule hervorgegangener gewählt werde.
Deshalb legte ich dem damaligen Oberstudienrat Professor Dr. Wagner, meinem früheren Lehrer am' Darmstädter Gymnasium, persönlich die Sachlage dar unter Hinweis auf eiltest früheren Schüler des hiesigen Gymnasiums, Emil Rausch, der unterdes an der Universität


