die eigene Verteidigung bedacht zu fein." Er wies mit einer nicht mißzuverstehenden Geberde auf den Maler.
„Was soll das heißen?" flammte dieser sofort entrüstet auf. „Ich muß doch sehr bitten, Herr Rat, daß jener Herr sich in den Schranken des Anstands hält —"
„Pst! nur kalt Blut, mein Bester!" beschwichtigte Hansemann mit sorgenvollem Gesicht. Er winkte wieder Rokohl heran. „Nun, Sie haben jetzt Gelegenheit gehabt, den Herrn in Muße zu betrachten und auch sprechen zu hören. „Was haben Sie nun zu sagen?"
Der Schutzmann wendete sich direkt an Witte. „Sie sind wieder zurückgekehrt, gerade als ich mit dem Kutscher den Schuhmacher in die Droschke gebrächt hatte. Dann haben Sie sich zu ihm gesetzt und haben sich nach der Turmstraße fahren lassen. Wenigstens gaben Sie dein-Kutscher eine solche Adresse an."
Witte maß den Schutzmann mit flammendem' Zornesblick von Kopf bis zu Füßen. „Das ist eine Unwahrheit!" rief er erbittert. „Wie kommen Sie dazu, eine derartige Behauptung aufzustellen! Ich entsinne mich Ihrer jetzt. Sie sind der Schutzmann van neulich nachts. Sie riefen hinter mir her, doch dazubleiben."
„Ganz richtig!" fiel Rokohl wieder ein. „Sie gingen in großer Eile über den Potsdamer Platz, in der Nähe des Wasserhäuschens sprachen Sie mit einem Herrn, der einen ähnlichen Ueberrock trug wie Sie."
„Ich?" Witte tat sehr erstaunt. „Doch ja, ich entsinne mich." räumte er dann ein. „Ein Herr fragte mich nach der Lage des Ringbahnhofes. Ich wies ihn mit wenigen Worten zurecht und ging loeitcr."
„Sie kehrten aber wieder zurück?" beharrte der Rat.
Voll zorniger Ungeduld schlug der Maler die Hände zusammen. „Bei aller schuldigen Hochachtung vor Ihnen, Herr Rat!" rief er erregt. „Doch das geht zu weit! Seit wann glaubt man der Versicherung eines anständigen Menschen nicht mehr! Nun bereue ich fast- meiner Regung nachgegeben und mich hier eingefunden zu habens Das ist wirklich stark!"
„Tun Sie mir den Gefallen uni) finden Sie nichts stark, Herr Witte. Wir befinden uns hier nicht am Plaudertisch, sondern vor der Kriminalpolizei und es handelt sich um die Erforschung eines Kapitalverbrechens. Dahinter müssen alle persönlichen Rücksichten verschwinden", gab Hansemamr ernst zu bedenken. Er wandte sich wieder an den Schutzmann. „Rokohl, mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie unter Ihrem Diensteid aussagen", bedeutete er eindringlich. „Prüfen Sie sich wohl, denn unter Umständen hangt viel von Ihrer Aussage ab . . . gestern waren Sie sehr schwankend. Es wollte Ihnen sogar scheinen, als ob ein Herrn Walden -ähnlich sehender Mensch den Trunkenen zuerst an die Droschke gebracht habe. Nun hörten Sie von Herrn Witte selbst, daß dieser der Begleiter war."
„Tas gebe ich zu", räumte Rokohl ein, den Blick immer noch unschlüssig zwischen beiden Männern pendeln lassend. „Ich weiß auch jetzt noch nicht, was ich sagen soll. Es Ivar freilich dunkel und —"
Walden war aufgesprungen und hatte in großer Eile seinen hellen Ueberrock angezogen. Nun stellte -er sich dicht neben dem Maler auf. „So, jetzt vergleichen Sie gefälligst in aller Muße!" fuhr er erbittert den Schutzmann an. „Wer war's denn jetzt von uns beiden?"
„Ich meine immer Sie, Herr Walden", lautete die zögernde Antwort. „Das heißt —- bis auf die Sprache . . . die stimmt wieder auffallend bei dem Herrn dort."
Von einem neuen Gedanken ersaßt, wendete sich Hansemann nach dem Schreibtisch und klingelte.
„Ist der Gehilfe aus der Asknnisch-en Apotheke schon am- wesend?" fragte er den eintretenden Nuntius und als dieser bejahte, meinte er kurz: „soll eintreten!" Zugleich wendete er sich an die Anwesenden: „Ich ersuche die Herren, sich vollständig ruhig zu verhalten, was ich den Zeugen auch fragen mag!"
Die Tür öffnete sich und ein lang aufgeschossener junger Mensch mit keimendem Bartwuchs dienerte ins Zimmer, hinter einer blitzenden Brille zugleich betreten und verschüchtert hervor- blickend. , „Sie sind der geprüfte Pharmazent Neumann und Gehilfe in der Askanischen Apotheke?" nahm der Rat den Ein- tvetenden sofort in Beschlag.
„Zu dienen. Jch^ habe eine Vorladung bekommen."
„Das weiß ich. Sie haben in den ersten Morgenstunden an einen Ar. Schulz aus Charlottenburg eine Quantität Chloroform verkauft?"
„Das ist ein Irrtum. Der Herr Doktor ist auch draußen.
Ich habe mich bereits mit ihm bekannt gemacht und' zu meinem! Schrecken vernommen, daß ich getäuscht worden bin."
„Möglich. Jedenfalls befindet sich der Herr, dem Sie die Dosis verkauften, und der als Dr. Schulz rezeptierte, hier im Zimmer. Schauen Sie sich die Herren an und sagen Sie mir, welchen von Ihnen Sie wiedererkennen."
Mit blöden Blicken starrte der Verschüchterte bald Walden, bald den jungen Maler an, auch den bärtigen Schutzmann besah er eingehend. „Der war's nicht!" stotterte er endlich, auf Rokohl deutend.
„Das glauben wir Ihnen ohne weiteres", bemerkte der Rat, ohne eine Miene zu verziehen. „Es bleiben also die beiden Herren . . . nun, wie steht's damit?"
Der Gehilfe starrte und starrte. Das Stillschweigen im Zimmer gestaltete sich schon peinlich, als er endlich entgegnete: „Die Herren könnten es alle beide gewesen sein . . . das heißt, möchte doch meinen, jener Herr sei es gewesen", stotterte er, auf Witte deutend, nm sofort hinzuzufügen, als der Bezeichnete eine Eeberde des Unwillens machte: „Das heißt, ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen ... ich war aus dem Schlaf geklingelt worden, es ging auch so in der Eile . . . und bann trug der Herr auch einen Vollbart."
„Ihrem Provisor sollen Sie erzählt haben, der unbekannte Käufer habe auch eine Brille getragen", warf Walden mit gerunzelter Stirn ein.
„Das heißt, es ist möglich ... ich möchte es nicht beschwören, ich kann mich auch geirrt haben. Merzte tragen in der Regel Brillen, da nimmt man so was ohne weiteres an."
„Sie tragen nie Brillen, Herr Witte?" wendete Hansemann sich an den Maler, um dem Pharmazeuten Gelegenheit zu geben, auch dessen Stimme zu hören.
„Was soll die Frage und überhaupt die ganze Gegenüberstellung?" brauste Witte nun ungehalten auf, dunkle Enh- rüstungsröte in den Wangen.
„Die Stimme kommt mir merkwürdig bekannt vor!" rief Neumann eifrig dazwischen. „Ich möchte beinahe sagen, der Künde hat ähnlich gesprochen."
„Der Herr spricht doch mit fremdländischem Anflug und zu Ihrem Provisor sagten Sie, er habe gutes Deutsch gesprochen."
„Das tut der Herr hier doch auch!" verwahrte sich der Gehilfe, der allmählich auftaute und in seinen Behauptungen bestimmter wurde. „Ich war verschlafen und achtete nicht weiter auf die Sprechweise des nächtlichen Kunden. Doch im Ohr hat sie mir immer nachgeklungen. Jetzt möchte ich mit Bestimmtheit behaupten, der Herr da ist's bis auf den Vollbart."
„Nun, der Schnurrbart dieses Baker oder Schuhmacher . . . oder wie sonst der Tote heißen mag, erwies sich auch als falsch!" konnte der Rat einzuschalten sich nicht verkneifen.
(Fortsetzung.)
Aus meiner GymnasiaMljkerzeit (1862—1869):
Zur Entwicklungsgeichlchte des mathematisch-naturwissenschaftlichen
Unterrichts am Landgraf Georg-Gymnasium zu Gietzen.
Von Dk. Alex. Naumann, Universitätsproicssor.
In der Festrede zur Dreihundertjahrfeier des Gießener Gymnasiums gedachte Professor Dr. Messer der Tatsache, daß schon lange Jahre in dem von der hessischen Negierung erlassenen Unterrichtsplan auch Mathematik und Naturwissenschaften anerkennenswerte Berücksichtigung gefunden hatten, aber die Leistungen den Vorschriften nicht entsprachen, weil bei Lehrern und Schülern die Mathematik äußerst geringschätzig behandelt wurde und auch die Mathematiklehrer vorerst nicht die geeigneten waren, daß dann an der Universität als Mathematiker ausgebildete. Lehrer den Unterricht den Bestimmungen gemäß allmählich gehoben hätten.
Ich kann hierzu als frühester der noch lebenden früheren Lehrer am hiesigen Gymnasium aus eigener Erfahrung und durch aktenmäßige Belege eine eingehendere Bestätigung liefern, die als fachmännischer Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Unterrichts gelten mag.
Mein Vorgänger Dr. Dölp war der erste Lehrer der Mathematik am hiesigen Gymnasium, der als Mathematiker ausgebildet uud geprüft wordeu war. Er war ein hervorragender Lehrer und vollendete sein mathematisches Wissen' und Können noch dadurch, daß er nach Hierherberufung des berühmten Mathematikers Clebsch an dessen Bor-


