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Heydekrugs allein aber konnten den Brauer nicht genügend' ernähren.
So wuchs denn Hermann, des einfachen, stillen Brauers ältester Sohn, in kargen Verhältnissen auf, bei kargen Spielen. Sein Hauptsptelgefährte war — ein Reiher, den einer der Richter des Heydekrüger Kreisgerichtes gefangen und zu sich ins Haus genommen hatte. Mit diesem bestand der mutige kleine Knabe manchen schweren Strauß, bis er ihn durch einen Steinwurf lähmte, so daß er getötet werden mußte. Das war die erste Wunde, die dem Herzen des Knaben geschlagen wurde.
Während der Vater, ein wenig umgänglicher Sonderling, jeder Geselligkeit abhold war, veranstaltete die Mutter doch gern kleine Kaffeegesellschaften „mit abgeriebenem Napfkuchen" und delikatem Eingemachtem und wußte sich sowohl durch kluge Verständigkeit wie durch ihre milde, freundlich liebevolle Art die Herzen namentlich der jungen Mädchen des Ortes zu gewinnen, lind wenn auch Schmalhans Küchenmeister zu Hause war, so lernte der aufgeweckte Knabe im stillen Heimatörtchen eines kennen, was ihm die Großstadt nie hätte gewähren können und was sie ihm später leider rauben sollte: die Poesie der weltverlorenen Einsamkeit. Das schlichte, nüchterne Haus seiner Eltern, ein zweistöckiger ziegelbedachter Bau (während rings umher die niedrigen Bauernhütten, ans Lehm und Heidekraut errichtet, hohe Strohdächer zeigten), war von weiß- stümmigen Birken umstanden. Wenn diese im Frühling, ihre feinzackigen wunderholden zartgrünen Blättchen an die schlanken Zweige setzten und mitsamt dem Hollunder einen Duft verbreiteten, der dem jungen Volke den Kopf benahm und es zu Sang und Tanz, zu Lust und Liebe trieb, wenn abends die Nachtigallen auf den wunderlich geisterhaften Weidenbäumen hinaus ins Freie riefen mit lieblich lockenden Liedern, wenn der Lenz weit drinnen im Walde, der weiß von Blüten stand, die Silberflöte blies, dann ging dem sinnenden Küaben das Herz auf und erfüllte es mit Sehnsucht nach all dem Schönen und Wunderbaren in der weiten Welt, die doch draußen noch viel herrlicher sein mußte, als dieser stille Waldwinkel in träumerischer Einsamkeit.
Und früh, zu früh erfüllte sich sein heißes Sehnen nach der Fremde. Zuerst freilich besuchte er in Heydekrug die Privatschule zweier älterer Damen, Therese und Julie Hubert. „Tante Therese", wie sie allgemein genannt wurde, war eine recht tüchtige Lehrerin und bildete ihre Schüler gewöhnlich zur Quarta vor. Als aber dann die Privatschule unter die Leitung eines verbummelten, uralten Königsberger Studenten kam, der nie ein Examen bestanden hatte, da sahen sich viele Eltern gezwungen, selbst ihre kleineren Kinder in eine Stadt mit besseren Schulverhältnissen in Pension zu geben. So mußte denn auch Hermann im zartesten Alter von Hause fort, von seinem Vater, der übrigens früh gestorben ist, seinen Brüdern, von denen der eine Metzger, der andere Brauer ivurde und die beide ei» arbeitshartes Lebet: in wenig günstigen Verhältttissen führtett, bis Hermann sie zu unterstützen vermochte (der Erbe der väterlichen Brauerei sah sich gezwungen, diese zu verkaufet! und starb bald darauf), und von seiner Mutter, die sich heute noch als 82 jährige int Ruhnte ihres ange- beteten Hermann, ihres Stolzes, sonnen darf. Zuerst kam er nach den: fernen Elbing aufs Realgymnasium, i. I. 1871 aber brachte die Mutter den „sehr hübschen, aber überspannten und gezierten Bengel", wie er in einem Briefe aus jener Zeit genannt wird, nach dem benachbarten Tilsit in die Obhut einer verwittweten Frau Pfarrer Hahn. Dort besuchte er die Realschule uitd schrieb, wie seine Lehrer sagten, miserable Aufsätze, dort befreundete er sich mit Otto Neumann-Hofer, dem späteren bekannten Berliner Theaterkritiker und uachmal. Theaterdirektor. Dieser, dessen jüngerer Bruder Adolf dem deutschen Reichstage als Mitglied der freisinnigen Vereinigung angehört, staiumte aus dem Tilsit benachbarten Dorfe Lappienen. Er besuchte wie Sudermann die Tilsiter städtische Realschule und schloß sich dem um ein halbes Jahr jüngeren Bierbrauersohne als Klassengenosse aufs engste an. Diese Knabenfreundschaft hat die Jahre überdauert. Beide mußten wegen der äußerst bescheidenen Mittel ihrer Eltern mit dem Einjährigenzeugnis die Schule verlassen und in die Lehre treten. Während Neumann (so hieß er damals noch) Lehrling. in einer Buchhandlung in Tilsit wurde, warb Sudermann in Heydekrug Apothekerlehrling. Beide
aber arbeiteten nach des Tages Qual nachts so fleißig weiter im Sinne der Schule, daß sie mit ihren ehemaligen Kompennälern drei Jahre spater das Abiturium machen konnten. Die Realschule war inzwischen Realgymnasium geworden und so hatten sie denn das Reifezeugnis für die Universität. Gemeinsam zogen sie nach Königsberg, gemeinsam hörten sie historische und philosophische Vorlesungen und gaben, um ihren Unterhalt zu fristen, Privat- unterricht. Sudermann freilich war durch zwei Semester Mitglied der damaligen Landsmannschaft, des jetzigen Korps Littuania, während Neumann Finke blieb. Doch fühlte sich S. im Kreise seiner viel Bier und wenig Weisheit konsu- inierenden, allem Schöngeistigem direkt abholden burschikosen grün-weiß-roten Couleurbrüder nie besonders wohl, uttd mit Neumann zog er als Zwanzigjähriger nach Berlin. Ohne ein Examen gemacht zu haben, kehrte S. irrt Winter 1877/78 nach Heydekrug zurück, während Neumann als Hauslehrer nach Italien ging, von wo er Reisebriefe für das Berliner Tageblatt schrieb, die der Redaktton so wohl gefielen, daß er bald darauf eines ihrer angesehensten Mitglieder als Theaterrezensent wurde. Seinem Einflüsse im Berliner Theaterleben hat Sudermann auch die Annahme seiner ersten Bühnendichtung, der „Ehre", durch die Direktion des Berliner Lessingtheaters, die übrigens Neumann später bekanntlich selber übernahm, zu verdanken. Sie verschaffte ihm den ersten großen schriftstellerischen Erfolg und begründete damit seine glänzende literarische Laufbahn. Heute sind Sudermann und Neumann Ritterguts- und Schloßnachbarn. Sudermann residiert auf Schloß Blankensee int märkischen Kreise Trebbin, Neumann auf Rittergut Schötthagen nahebei.
Mit zärtlichster Liebe umgibt noch heute Sudermann seine greise Mutter. Frau Dorothea, die verehrungswürdige, lebt mit einer Nichte zusammen in Heydekrug und erfreut sich voller Rüstigkeit. Sie hat, wie fast alljährlich, auch den jetzigen Sommer auf dem Schlosse ihres berühmte!! Sohnes zugebracht. War sie dagegen einmal am Reisen verhindert, daun besuchte er sie mit Frau und Töchterchen im stillen ostpreußischen Dorfe, nahm dort mit allem vorlieb und war anspruchslos wie einst als Küabe. In treuer Liebe hängt er an seiner alten Heimat und viel Freude hat er heute wie einst an den littauischen Gebräuchen. Seine Mutter bereitet ihm dann wohl einmal die Ueberraschung, daß ihre Dienstmagd in littauischer Volkstracht ihm aufwartet. Eine b e s o u d e r e L i e b e übrigens hat er für junge Kä tz ch e rt. So soll er, wie mir erzählt ivurde, während des Diktats seiner humorvollen, kernhaft frischen prächtigen Novelle „Jolanthes Hochzeit", die im Hause seiner Mutter entstand und zu seinen besten Schöpfungen zu rechnen ist, in jeder Schlafrocktasche ein solches Tierchen gehabt und'sich mit ihnen vergnügt haben.
In seinem 1900 erschienenen Schauspiel „Johannisfeuer" zitiert der junge Prediger Haffke, eine der gelungensten Figuren dieses sonst ja recht anfechtbaren Stückes, in dem aber Land und Leute aus des Dichters littauischer Heimat fast durchweg mit treffender Lebensechtheit geschildert sind, die ersten Zeilen eines Brautkranzgedichtes. Dieses Poem ist keineswegs ein „Torso". Es stammt aus dein Winter 1877/78. Der cand. Phil. Sudermann war in jenem Winter als flotter Tänzer und ausfallend hübscher und stattlicher, übrigens noch völlig bartloser junger Mann in der „Gesellschaft" Heydekrugs geschätzt. (Denn inzwischen war sein Vater von Matzicken nach Cyntionischken, einem Annexe Szibbens, übergesiedelt.) War doch der freilich oft recht schwermütig dreinblickende kraftvolle Jüngling mit dem üppigen, glänzend schwarzen Lockenhaar und den dunkeln, schwärmerischen Augen, der weit älter aussah als er war, ein vorzüglicher Plauderer, obendrein auch ein eleganter Schlittschuhläufer. Allerdings schien er von furchtbarem Weltschmerz gepackt, mit sich und der ganzen Welt unzufrieden, und man hatte den Eindruck, als gahre und brodele es in ihm. So war denn dieser interessante Aus- nahmemensch bei den jungen .Herren wenig, desto mehr aber bei allen Damen beliebt. Sie schwärmten wohl alle dort für ihn. Er war zweifellos die interessanteste und hübscheste Erscheinung in der jungen Männerwelt des Marktfleckens, obendrein Poet, wie man sich zuraunte. Da kam die Hochzeit der Tochter seines ehemaligen Prinzipals, des Apothekers S. Er erhielt dazu nicht nur eine Einladung, sondern auch die Aufforderung zur Abfassung des Brautkranzgedichtes. Meine


