Ausgabe 
30.9.1907
 
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sich in eine gewöhnliche; statt des Striches unter der Ruürik besondere Kennzeichen" in den amtlichen Formularen geschah der Eintrag: flammend rote Narbe, von einem Hiebe herrührend; fünfeinhalb Zentimeter breit, von der Augenbraue der linken Gesichtshälfte von einem Winkel von 48 Grad sich aufwärts nacb dem Kopfwirbel erstreckend.

Die Arbeit ging dem Detektiv rasch von statten, obwohl er sich schwerflüssiger roter Tinte zu bedienen hatte. Er schöpfte seine Eintragungen aus dem eigenen Notizbuch und die darin ent­haltenen Aufzeichnungen schienen ihm ungemein geläufig. Kaum eine halbe Stunde später hatte er drei Blankofornmlare aus- gefülit und die durchs hohe Fenster strahlende Sonne, in welche er die nassen Schriftzüge gelegt, hatte diese getrocknet. Run rist er von den Bildkarten die amtlichen Formulare ab; erst zerrist er diese und dann, nach kurzer Ueberleguug, zerstörte er auch die Bildnisse selbst. Er warf die Schnitzel in den Ofen, zündete sie an und blieb dabei stehen, bis sie verbrannt waren. Daun steckte er die selbstgefertigten Maßstreisen zu sich und verliest hastig sein Zimmer.

Draußen empfing ihn der Nuntius mit der Meldung, durch den Fernsprecher habe ein Kommerzienrat Selkenbach'den Herrn Rat schon wiederholt zu sprechen verlangt.

Der Herr must sich gedulden," entgegnete Walden flüchtig, der offenbar Eile hatte, rasch sortzukommeu.Sollte der Herr wieder anrnfen, so sagen Sie ihm, der Herr Rat sei dringend austerhalb beschäftigt und würde kaum vor dem späten Nach­mittag aufs Bureau kommen."

Damit verliest er die Abteiluugsräume und gleich darauf auch den roten Polizeipalast.

Diesmal vertraute er sich der Stadtbahn an, um diese auf Station Bellevue wieder zu verlassen. Er wendete seine Schritte zu einer nahebei befindlichen Strastenslucht und trat gleich da­rauf iu eins der hochragenden Mietshäuser. Im Gartenhaus er­klomm er die Treppen bis zum obersten Flur, nm schließlich vor einer Korridortür anzuhalten; unter der daneben befind­lichen Klingel war eine Visitenkarte mit der AufschriftGustav Schuhmacher, Schauspieler," befestigt.

Wohl eilte Minute stand Walden unschlüssig und lauschte dem durch die Tür dringenden Kinderlärm; seine Mienen hatten sich wieder verfinstert. Doch als er mit widerstrebender Hand endlich den Glockengriff in Bewegung setzte, drückten seine Züge wieder den gewohnten Gleichmut aus.

Schon ivurde die Tür geöffnet; in ihrem Rahmen tauchte eine nette, etwa dreißigjährige Frau im schlichten, peinlich sauber gehaltenen Hausgewand auf. Beim Erblicken des Detektivs ging ein freundliches Lächeln durch ihr hübsches, sorgenvergraiuteS Antlitz.Wie lieb von Ihnen, sich wieder einmal sehen zu lassen, Herr Walden," sagte sie, ihm die Hand reichend.

Hurrnh, Onkel August kommt!" rief ein kleiner Bursche, der sich hinter der Schurze seiner Mutter verkrochen hatte, nun aber eilig nuftauchte und durch fein durchdringendes Geschrei die ältere, vielleicht neunjährige Schwester veranlastte, gleichfalls hur­tig aus der Küche herbeizukommen.

Onkel August!" rief auch die Kleine und hängte sich zutrau­lich au den Arm des langsam Eintretendeit.

Gustav ist leider nicht zu Hause", meinte die junge Frau, ihren Gast in die bei aller Dürftigleit schmuck und sauber ein­gerichtete Borderstube führend.Ich erwarte ihn die ganze Nacht vergeblich . . . nichts da, Ihr bleibt draußen, wehrte sie den Kindern, die mit chller Gewalt in die Stube wollten.

Wir wollen beim Onkel August bleiben!" heulte der kleine Junge bereits, indem er an dessen Arm sich klammerte.

Ein ander Mal, Willi", wich Walden aus, dem die fröh­liche- Annäherung der Kinder ersichtlich Unbehagen verursachte. Jetzt must ich mit Mama sprechen". Er griff rasch in die Tasche und gab den Kindern einige Nickel.Da lauft und holt Euch Bonbons . . . aber gleich wieder da sein, habt Ihr gehört? Mntter wird Euch brauchen!"

Die letzten Worte hörten die Kinder schon nicht, mehr; sie sanften nebeneinander die Stiegen hinunter und ihre Stimmen verklangen bald unten im Treppeuhaufe.

(Fortsetzung folgt.)

Ans Kermarm Sudermanns Keimst.

Zu seinem 5 0. Geburtstage.

(30. September.)

Droben, in der obersten rechten Ecke des Deutschen Reiches, wo die Flüsse Memel und Pregel zur Ostsee eilen, liegt ein kleiner Erdenfleck, genannt Preußisch-Littauen. Jene für so manchen Reichsdeutschen kaum glaubliche Gegend,

die man sich so weltenfern und so von aller Kültttr unbeleckt denkt wie andererseits so öde, wüst und leer, ist kulturell eines der unerschütterlichsten deutschen Bollwerke gegen das andräugende Slaventum und landschaftlich nichts weniger als reizlos. Hoch ragen seine prächtigen stolzen Nadelwälder, von überwältigender Größe ist die Poesie der weit ausge- dehuteu Heiden, erschütternder fast als die Poesie des bayeri­schen Hochgebirges, imposant der Memelstrom mit seinen lieblich begrünten hügelreicheu Ufern und dem lebhaften Tristengewimmel auf seinen Wellen. Denn tief aus dem Innern Rußlands kommen die armen, in dürftige Lumpen gehüllten, oft kaum mit etwas auderm als einem Sack­leinenhemde oder einem rohen Schafpelze bekleideten Holz- slößer auf der Memel daher, um in den großen Holzhandlungen Memels oder Tilsits oder Königs­bergs die einzigen Schätze ihrer wälderreicheu Heimat ab­zusetzen. Ueppig wallt auf den fruchtreichen Aeckeru im Sommer das Getreide, auf den Wiesen weiden kraftstrotzende Rinder und in umzäunten Eiehegen springen mutwillig feurige junge Rosse umher. Längst haben Sie Errungen­schaften der modernen Landwirtschaft auch dort int fernsten Nordosten des Reiches ihren Segen verbreitet und bäuer­lichen Wohlstand geschaffen. Das eigentliche Volk der Littauer, das einst wohl stark und mächtig war, treibt dem Untergange entgegen. Ihr vor grauen Jahren weit aus­gedehntes Reich, das seine Hauptstärke in großen Distrikten des heutigen Rußland hatte, wird heute von Deutschen, Küren, Posen und zum kleinsten Teile von Littauern be­wohnt. Besonders in den letzten Jahrzehnten hat, soweit das Land zu Preußen gehört, die Germanisiernng dieses Volkes gewaltige Fortschritte gemacht und nimmt von Jahr zu Jahr zu, so daß von seiner alten Sitte und Sprache schon heute nicht mehr viel vorhanden ist. Ernst Wichert, ein Sohn jenes Landstriches, hat in den besten seinerLittaui- schen Novellen" ergreifend den selbstverschuldeten Unter­gang jenes unglücklichen Volkes geschildert, das sich durch, Trägheit, Einsichtslosigkeit und Schnapsliebe wie durch un­vernünftige Prozeßwut zu Grunde richtet. Andererseits be­müht es sich sichtlich, in dem Deutschtum aufzugeheu, indem es sein nationales Musikinstrument, die Kanklys, mit der Ziehharmonika, seine Bastschuhe, die Paresken, mit den Stiefeln vertauscht, seiner das Grellbunte liebenden bau­schigen Fraueutracht sich entäußert, seine seltsam klingen­den Namen mit den Endungen -atis und -eitis re. (Kislatich Scheduikatis, Donaleitis, Kackschies, Bruaszis, Broszeitis, Kutureitis, Kalndrigkeitis) kürzt, seine schönen Lieder (Dai- noS) in Vergessenheit geraten läßt und deutschen Sang und deutsche Sitte bevorzugt.

Der Nationallittauer zeichnet sich vor anderen Völkern! durch eine, freilich von Aberglänbigkeit stark verwirrte tiefe Reliaiösität und den Ernst seines Charakters aus. Am reinsten wohl hat er sich noch in dem schmalen deutschen Streifen nördl. der Memel, der im Frühjahr 1807 allein das Königreich Preußen bildete, erhalten. Unweit des Dörf­chens Werden, das mit zwei nahe benachbarten größeren Dörfern den Marktflecken und Kreisort .Heydekrug bildet (in Werden ist die Kirche und wohnt der Superintendent, in Szibben sind Amtsgericht und Bahnhof, int eigentlichen Heydekrug residiert der Landrat, wohnt der Kreisarzt, ist die Apotheke), liegt, tief im Walde versteckt, ein einsamer Weiler, aus wenigen Häusern nur bestehend, namens Mat- zicken. Auf der schönen Matzicker Waldwiese pflegen die Heydckrüger ihre Schützen- uno sonstigen Sommerfeste zu begehen. So machte denn der Wirt dort dabei ganz gute Ge­schäfte. Ein unternehmungslustiger junger Bierbrauer, aus einer armen niederlsndischeu Mennonitensamille stam­mend, den das Geschick nebst manchem anderen Landsmanns nach Ostpreußen geschleudert hatte,*) suchte sich das Matzicker, flotte Sommergeschäft zu nutze zu machen nnd er­richtete dort mit seinen geringen Mitteln eine Bierbrauerei. Doch obwohl er mit seinem Bier die ganze Gegend ver­sorgte, gelangte er auf keinen grünen Zweig, zumal seine Familie von Jahr zu Jahr wuchs. Die Littauer int weiten' Umkreise blieben dem Schnapse tren und wollten von dem Bier des Herrn Sudermann nichts wissen. Die Bürger.

*) So wurde z. V. ein Niederländer van Setten nach dem Städtchen Ragntt an der Memel vor etiva einem halben Jahr­hundert aus seiner Heimat beritten, um Tabakplantagen anzulegen. Derartige Versuche blieben aber erfolglos und so führte er denn die niederländische Käsefabrikation dort ein, die denTilsiter Käse recht bekannt machte.