Ausgabe 
30.8.1907
 
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einförmigen Litanei anch das Wortpauvrc" ansstoßen. Großenteils bedienen sich diese Leute, und auch solche, die lausch einend besseren Ständen angehören, als Ueberkleid eines Sackes, dessen einen Zipfel sie sich über den Kopf ziehen, während sie den anderen entweder abschneiden oder sonst die eine Läugsnaht auftrennen, um ihr Gesicht frei Ast bekommen; den übrigen Teil raffen sie dann, damit er nicht lose um sie herumhängt, mit der Hand zusamlnSM Gestern, als ich Gelegenheit hatte, zu bewundern, wie etwa 6-8 Leute in einer Reihe in der eben geschildertenUum form" auf LernTrottoir" einer Straße lagen, alle den Rücken nach der Seite hin, von der ich gerade kam, hätte ich beinahe glauben können, es lägen da einige gefüllte Säcke, f)ätten mich nicht die daraus hervorschauenden söhwarzbraunen Beine, die nur mit Sandalen versehen, also unbestrnmpft waren, belehrt, daß Menschen darunter steckten.

(Fortsetzung folgt.)

* Wer hat das ^deutsche lenkbare Luftschiff gebaut? Die Auffahrt des deutschen Militär-Lustschiffes hat bekanntlich allgemein überrascht. Man ahnte von der Existenz eines derartigen Apparates gar nichts, lieber seinen Werdegang war nichts verlautbart worden. Und doch ist es keineswegs so geheimnisvoll entstanden, wie man wohl annimmt. In ziemlicher Oeffentlichkeit hat man an ihm in unmittelbarer Nähe von Berlin gebaut. In den neuen großen Werkstätten der Siemens- Schuckert-Werke in Nonnendamm ist es entstanden, dort sind die Versuche gemacht, und Ingenieure der genannten Gesellschaft, die Herren Basenach und Eberhardt, sind auch in hervorragender Weise an der Konstruktion beteiligt. Wir können natürlich auf Einzelheiten hier nicht näher eingehen, aber ein interessantes Detail darf verraten werden, daß der dem' Antrieb dienende Benzinmowr ursprünglich in einer französischen Fabrik bestellt war, dann aber, weil unzuverlässig, durch einen deutschen aus Gaggenau ersetzt wurde.

* Liebesroman einer Komtesse- In der ung. Ge­meinde Revfalu hat sich vor kurzem- ein Fall ereignet, der dem Liebesroman des Zigeuners! Riga Jancsis und der Prinzessin Chimäy in nichts nachstM. Eine Komtesse, der Sproß eines der ältesten ungarischen Adelsgeschlechter, hat sich in einen Bauernburschen verliebt und ist mit ihm aus dem Eltern­hause durchgebrannt. Das Kastell zu Revfalu wird seit einer Reihe von Jahren vom Grafen Julius Pongracz und seiner stmgsten Tochter, einem setzt 17 jährigen reizenden Mädchen, bewohnt- (Die ältere Tochter ist eine talentvolle Schrifh- stellerin- D. Red.) Bor kurzem kam der Sohu eines in der Nachbarschaft wohnenden Bauers in das Küflcll, wo er gerade vor den Fenstern der-Komtesse zu tun hatte- Tas Mädchen fand an dem schmucken, kräftigen Bauernburschen Gefallen, und trotz der strengen Aufsicht ihrer englischen Erzieherin gelang es der Kvmtesse, mit dem jungen Mann zusammenzutreffen. Eines Tages war dann das Schloßfräulein mit ihrem Liebhaber ver­schwunden- Einige-Wochen später erschienen jedoch die Liebenden wieder in Revsalu und quartierten sich im Hause des Bauern ein- Der Graf unternahm bereits mehrere Versuche, um seine Tochter zur Rückkehr zu bewegen, die Komtesse fühlt sich jedoch im Hause ihres Geliebten überglücklich und will vom Elternhause nichts im t wissen- Tie Familie beabsichtigt jetzt, die Komtesse gewaltsam von ihrem Geliebten zu entfernen und hofft, daß die junge Dame auf einer Reise im Auslände oder durch einen längeren Aufenthalt in einem Sanatorium ihren Geliebten veraessen werde- t

x Papietverbrauch der Zeitungen- Die 80000 Tageszeitungen der Welt, die in Millionen von 9hmrmern gedruckt werden, verbrauchen nach den Berechnungen eines fran­zösischen Statistikers alltäglich etiva 1000 Tonnen Holzteig, und da außerdem im Durchschnitt 200 Bücher täglich erscheinen, so beträgt der Jahresverbrauch für Druckpapier etwa 375000 Tonnen Papierbrei- Dabei ist aber das Schreibpapier, das Packpapier Usw. nicht berechnet- Um nun diese ungeheuere Menge Holzteig zu produzieren, müssen ganze Wälder niedergeschlagen werden- In jedem Jahre verschwinden so 1250 Millionen Kubikmeter Holz, die der geistigen Nahrung des Menschen dienen- Amerika hat dabei einen noch stärkeren Bedarf als Europa; cs braucht für sich 'allein 900 Millionen Kubikmeter Holz, wahrend Europa nur die übrig bleibenden 350^-Millionen verwendet- So verschwinden unter der unerbittlichen Axt ganze Wälder, unt sich in Papier zu verwandeln- !

* O, diese Fremdwörter! DieZeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins" schreibt: Es gibt keinen Platz unter der Sonne, der nicht von dem. Wirbel allgemeiner Umwandlungen ersaßt würde. Selbst die Stadt-- taglöhner in Pfullingen spüren das und empfinden das

Bedürfnis, ihre äußere Lage den veränderten Zeitverhält-, nissen anzupassen. Sie stecken daher die Köpfe zusammen und der Gescheiteste von ihnen entwirft das Schriftstück an den hohen Stadtrat, in dem dieser an eine solche Behörde muß man sich! gebildet ausdrücken mit wohl-, gesetzten Worten um angemessene Reduzierung der Löhne gebeten wird. Und der Stadtrat von Pfullingen Ack ein Einsehen mit den guten Leuten und sagt ihnen:Reduzierung eurer Löhne verlangt ihr, Regu­lierung meint ihr, und weil ihr das so hübsch ausgedrückt habt und auch sonst brave Leute seid, so wollen wir euch eine Ausbesserung gern gewähren."

* Das Rhinozeros im Flieg en Papier. Ans Newhork schreibt man uns: Den Besuchern des Zoologischen Gartens in Newhork bot sich dieser Tage ein eigenartiger Anblick. ^Sie sahen das neu angekommene große Rhino-- zerosMogul" mit einer Lage Fliegenpapier bäeckt, was dem Tiere ein sehr sonderbares Aussehen verlieh. Da es den Wärtern bekannt war, daß sich Tiere dieser Gattung nur sehr schwer klimatisieren, wagten sie es nicht,Mogul" die nötigen Bäder zu geben, um die kostbare Eriverbung vor Erkältungen zu schützen. Da das Tier aber furchtbar von Fliegen geplagt wurde, ergriffen sie den Ausweg, ihm eine Lage Fliegenpapier aufzulegen. Das half, und Mogul" scheint über seinen neuen Schutzpanzer sehr er­freut zu sein.

Eine Broschüre, die gewiß viel Aussehen und viel- leieht noch mehr böses Blut machen wird und die sichModerne Sklaven" betitelt, schildert inSechs Kapiteln Schauspieler- elend von einem Clown" (Oesterheld u. Co., Berlin) die Miseren des Schauspielerstandes. Sie greift insbesondere den Ver­trag Paragraph für Paragraph an, um in jedem Worte seine Un­gerechtigkeit zu zeigen und darzutnn, in welcher Leibeigenschaft der moderne Schauspieler eigentlich noch lebt, und daß er nichts anderes sei, als der versklavte Ruit, welcher der Willkür des Direktor? un­barmherzig ansgelieiert sei. Intendanten und Direktoren werden mit ernsten Waffen angegriffen; die Wirkung der Deutschen Bühnen- genossenschast und das Bampyrtum der Theaterngenten wird bloß- gelegt; die Folgen der künstlerischen und wirtschaftlichen Konkurrenz der Bühnenkünstler iverden hervorgehoben und gegeißelt; die Kritik wird verdannnt, überflüssig und schädlich genannt; der Regisseur, welcher dem Darsteller gegenüber stets ein Autokrat sei, wird stark angegriffen; der Beiiall und Hervorruf wird verurteilt und ab­geschafft,kurz, in dieser Broschüre gibt es wohl kaum eine Institution oder Angelegenheit des Theaters, die nicht angegriffeit, verurteilt und verworfen würde. Man möchte jedem Menschen, den Talent und Neigung zur Bühne getrieben haben, Kondolenzbesuche machen, wenn man die Broschüre gelesen hat. Unsere Bergarbeiter und Kanalreiniger haben es ja gewiß nicht schön, ober' der deutsche Schauspieler ist noch um einige Grade jchlinnner brau. Das Leben wird ihm nach allen Regeln der Kunst verekelt. Seine täg­liche künstlerische Arbeit ist der Nachwelt gänzlich verloren und die Gegenwart brutalisiert ihn und beschneidet ihm die selbstverständ­lichsten Menschenrechte. Ein angefügtes KapitelAbhülfe" gibt einige Anhaltspunkte, wie der Verfasser sich die Befreiung des Schauspielers aus dem Sklavenjoch denkt. Der anonyme Autor, welcher selbst vom Fach ist, glaubt, daß die Misere sich abwenden ließe, wenn erstens der Staat besondere schützende Gesetze erlassen würde, so wie es zum Schutze der Dienstboten und Tagelöhner Gesetze und Gewerbegerichte gibt, und wenn zweitens eine gründ­liche Organisation sämtlicher Schauspieler so eine Art Künstler- gerichtskäminer ins Leben rufen würde, die sich aller Angelegen­heiten des Schauspielervöikchens amtähme. Schlimme Erfahrungen und Bitterkeit haben diese heftige Broschüre diktiert, aber man kann nicht leugnen, daß sie auch manches enthält, was wirklich eine scharfe Kritik verdient und daß sie an Krebsschäden greift, deren Heilung für den ganzen Schauspielerstand ein Glück bedeuten tvürde.

Stamrulmchverse imd Sprüche. Man nennt das Leben einen Traum, Dieweil's vergeht wie eitel Schaum; Doch Keiner glaub', daß er gelebt, Ter nur geträumt und nicht gestrebt.

L a n g.

Trotz aller unserer Wanderungen ist das Glück stets nur in einem engen Kreise und mitten unter Gegenständen zu finden, welche in unserem uninittelbaren Bereiche liegen. Bulwer.

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Die Erinnerung reinen Glückes bleibt so schön wie Gegenwart.

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Metzens