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Won Gießen nach Marokko?)
Mus b ent Reisetagebuch« eines GießenerA Nachdruck verboten.
Marseille, 6. Febr. 1907. Nach 22stündiger Fahrt bin ich heute morgen kurz vor 6 Uhr im1 hiesigen Zentralbahnhof eingetroffen. Mein Hotelier empfängt mich etwas ungnädig; ich hatte ihm meine Ankunft schon mit dem um 4i/2 Uhr vorm. ankommenden Zug angekündigt, erfuhr jedoch in Lyon, daß ich in diesem Falle dort umsteigen müsse, was ich aber nicht wollte, um nicht in einen der bedeutend weniger bequemen französischen Wagen zu geraten. Meine drei Reisegefährten, von denen der eine, ein Fabrikant aus Schlesien, nach Mentone fährt, der zweite, ein Mannheimer, nach Barcelona will und der dritte, ein Uhrenfabrikant aus Chaux-de-Fonds, gleich mir bis Marseille reiste, zogen ebenfalls vor, unseren schönen deutschen Durchgangs-Wagen auch weiterhin zu benutzeu und den damit verbundenen kleinen Zeitverlust (einige wenige Stationen zwischen Lyon und Marseille) mit in den Kauf zu nehmen.
Endlich heißt's: Marseille!
Ein riesiger Verkehr herrscht hier; vor den schönen, reich ausgestatteten Läden, den die Straße einsäumenden Hotels und Cafes treiben sich Unmassen von Menschen herum, zum großen Teil Tagdiebe, entweder mit den Händen in den Taschen oder an irgend einer Ecke stehend und Zeitung lesend, dann auch Soldaten und Matrosen. Turkos sind gleichfalls stark vertreten. Die Trottoirs sind fast in allen Straßen teilweise bis zur Hälfte ihrer Breite^ mit Buden angesüllt, in denen von Frauen alle möglichen Sachen mit einer Aufdringlichkeit und einer Mundfertigkeit angepriesen werden, die jedem Jahrmarkts- Ausrufer zur Ehre gereichen würde. Ich besuchte die Kirche Notre-Dame de la Garde, eine vor etwa 50 Jahren erbaute Wallfahrtskirche, deren 45 Meter hoher Glocken- türm von einem 9 Meter hohen Standbild der Mutter Gottes gekrönt wird. Die sich von dem Fuß der Kirche auf die Stadt, das blaue Meer (mit den vorgelagerten Inseln) und die im Hintergründe liegenden Kalkgebirge bietende Fernsicht ist großartig schön.
An Bord der „Prinzessin", 7. Februar 1907. Ich erfuhr, daß mein Dampfer, R. P. D. „Prinzessin" der Deutschen Ost-Asrika-Linie, nicht erst Donnerstag nachmittag, wie erst behauptet wurde, sondern schon in aller Frühe dieses Tages abgehen werde. Ich mußte daher schon Mittwoch abend an Bord gehen. Kurz nach 7 Uhr setzte sich unser Dampfer unter den Klängen einer munteren Weise, die unsere Schiffskapelle anstimmte, langsam in Bewegung; doch noch länger wie eine Stunde dauerte es, bis wir die verschiedenen Docks passiert hatten und an wohl mehr als 50 Schiffen fuhren wir vorbei, bis das offene Meer vor uns lag. Gegen 10 Uhr war nur noch Himmel und Wassek sichtbar.
Nach dem Frühstück zogen sich die meisten Passagiere in ihre Kabine zurück, während ich im Speisesaal blieb. Bald erschienen zwei deutsche Damen, in tiefer Trauer. Die jüngere setzte sich an's Klavier und spielte „Zwei dunkle .Augen" (was aus sie selbst übrigens zutraf), „Werlor'nes Glück" u. a. m. Noch andere Passagiere fanden sich dazu und eine junge Frau aus Transvaal, die seither stets von Johannesburg und Durban geschwärmt hatte, zeigte nun ihre Kenntnisse in der deutschen Sprache und begleitete die Musizierende mit ihrer gar nicht übel klingen-; beit Altstimme. Bald aber machten sich bei uns allen die Wirkungen der See bemerkbar. . .
8. Februar 1907. Ich fühle mi chheute bedeutend Wohler. Auch meiner schönen Nachbarin, Frl. D., geht es besser. Als ich sie nach dem Diner dazu animieren will, wieder einen Klaviervortrag zum Besten zu geben, sagt sie zwar zu, knüpft daran jedoch die Bedingung, daß ich dann auch auf meiner Violine etwas spielen müsse. Ich chatte nämlich am Vormittag mein Instrument geprüft, ob ihm nicht etwa unterwegs ein Unheil zugestoßen sei, was glücklicherweise nicht der Fall war. Natürlich hatte ich die .Violine wieder eingepackt. Man ruht nicht eher, bis ich verspreche, etwas
*) Da Marokko zurzeit wieder einmal in Atter Munde ist, dürste diese Skizze eines Gießeners jetzt besonderes Interesse erwecken , zumal dieses bevormundete Land den europäischen Mächten noch manches Kopszerbrechen machen wirden.
D. Red.
zu ftngen. Hterbek begleitete mich Frl. D. auf dem Klavier und es war schon beinahe neun Uhr abends, als wir uns trennten...
Tanger, 10. Februar 1907. Der gestrige Vormittag an Bord der „Prinzessin" verlief abwechselungsreicher wie sonst, da gegen 10 Uhr Gibraltar und etwa eine gute' Stunde später auch A l g e c i r a s vor unseren Blicken auf- tanchte. Etwas später war dann auch die afrikanische Küste sichtbar, doch wurde es nahezu y23 Uhr, bis wir endlich vor Tanger ankerten. Außer unserer „Prinzessin" lagen noch mehrere größere Dampfer vor'm Hafen und es dauerte eine Zeitlang, bis auch wir endlich einige Boote bekamen, die unsere Passagiere aws Land brachten; soviel ich weiß, war ich der einzige, der an Land blieb, während die übrigen Passagiere nur vorübergehend an Land den etwa! zweistündigen Aufenthalt verbringen wollten. Mit Frl. T. und Mme. S., der schon genannten jungen Buren-Frau, bestieg ich ein Boot, ließ mein Gepäck hineinschaffen und nach etwa 10 Minuten waren wir glücklich am Ufer. Am! Ende der Schiffbrücke hatten wir das „Zollamt" zu passieren. Zwei riesige Marokkaner hielten uns an und . ließen mich die Koffer öffnen, in denen, da die ganze Revision intL des Oeffnens meines Gepäcks, kaurst 3 Minuten in Anspruch nahm, kein zollpflichtiger Gegenstand vorgefunden wurde, obwohl sich davon doch manches, speziell Zigarren, darin befand. Wenn alle Zollrevisionen auf marokkanischem Boden so gehandhabt werden, wie es hier geschah, dann dürften die Zolleinkünfte keine besonders reichlichen sein. Es war übrigens kein sehr großer Andrang von zu revidierenden Gütern, so daß diesem Umstande die Flüchtigkeit nicht zugeschrieben werden kann. — In Begleitung eines deutschen Herrn B. mietete ich mir hier
ein Zimmer und besuchte dann mit ihm das
Restaurant „Deutsche Bierhalle", ein hier seit etwa zehn Monaten bestehendes Etablissement (Besitzer: Kallis), das sich eines sehr guten Zuspruchs von Europäern, und der besseren Kreise der Mohammedaner erfreut. Für die Zeit meines hiesigen Aufenthalts werde ich in diesem Lokal auch speisen und schon das gestrige Diner, das ich um etwa 7i/2 Uhr einnahm, hat mir bewiesen, daß ich in dieser Beziehung scheint's, sehr gut aufgehoben bin. Als ich gegen 9i/2 Uhr mein einige Häuser weiter liegendes Quartier aufsuchte, gab mir mein Wirt zur Führung, — hauptsächlich aber wohl zum Schutz — einen Soldaten mit auf den Weg. Auf den Straßen, besonders dem Soco chico, herrschte trotz der späten Stunde noch reges Leben und großer Lärm und Gedränge. Man wird es begreiflich finden, daß ich, obwohl mein „Schutzengel" neben mir herging, nrich dennoch nicht enthalten konnte, meinen bis dahin ruhig in seinem Etui steckenden Revolver zu entsichern und ihn, fertig zum Schuß, in die rechte Tasche meines Paletots zu plazieren. Glücklicherweise brauchte ich mich seiner nicht zu bedienen, und wohlbehalten erreichte ich mein Quartier, dem mein Begleiter erst den Rücken kehrte, als er, vor der Tür meines Zimmers stehend, dieses verschließen hörte.
10. Februar 1907. Heute vormittag gegen 11 Uhr unternahm ich einen kleinen Gang durch die Stadt. Tanger sfeiert schon heute seinen Karneval; er ist aber nicht besonders verlockend, denn es ist ziemlich regnerisches Wetter und die paar Masken, die sich ans dem Soco chico und dem Soco grande umhertreiben, sind das Anschauen nicht wert. Zudem werfen sie mit allem Möglichen um sich, u. a. mit den auch bei uns in Deutschland bekannten sogenannten „Fröschen", und daß die Europäer die Zielscheibe für solche „Aufmerksamkeiten" sind, ist selbstverständlich. Mich hat der Rummel nicht lange gefesselt. Ich besuchte einen Deutschen, Herrn M. Dieser hält die Unruhen, die zurzeit zwischen hier und Fez herrschen sollen, für nicht sehr bedeutend und glaubt auch nicht, daß es aus diesem Grunde nötig sei, die mir bevorstehende Reise via Larache (bis dahin per Dampfer und von da aus erst per Karawane) auszuführen, welche Route mir von Fez aus als die sicherere empfohlen wurde. Später schlenderte ich durch einige vorn! Karneval weniger in Mitleidenschaft gezogene Straßen, auf deren „Trottoirs" Marokkaner und auch eine große Anzahl Neger herumlagen, zum Teil schlafend, zum Teil auch bettelnd, und zwar letzteres, scheinbs, in verschiedenen Sprachen, denn ich hörte z. B. einen von solchen Menschen, in dessen Nähe ich (besonderes Interesse an den Auslagen eitles Ladens heuchelnd) horchend stehen blieb, in seiner


